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Der gute Schiedsrichter

 

 

Autor: Tom Washington | Übersetzung: Konstantin Simonow | 6. März 2005 | Quelle: Referee Magazin

 

 

Höre nie auf zu lernen

 

Mentoring: Ein ständiger Zustand des Lernens

Während unseres gesamten Lebens sollten wir uns in einem lernenden Zustand befinden. Wir nehmen jeden Tag mit seinen Erfahrungen und fügen ihn unserem Buch des Wissens hinzu. Aus einem Buch werden mehrere Bände und die Bände ergeben schließlich eine Bibiliothek. Unser Ziel sollte es sein, eine umfassende Bibliothek von Zeugnissen anzulegen, eine Bibliothek, auf die wir zurückgreifen können, die uns hilft, Herausforderungen zu meistern, wenn diese entstehen. Das Schiedsrichterdasein ist wie jeder andere Teil unseres Lebens. Man muss sich immer wieder neu definieren, um auf einer Höhe mit den Entwicklungen zu sein, die das Leben und das Spiel mit sich bringen. Bilde eine Wissensbibliothek und erneuere Dein Wissen ständig!

Sobald wir eine Bibliothek gebaut habe, sollten wir ihre Tore für jedermann öffnen und auf diese Weise unser Wissen mit anderen teilen. Geh hinaus und besuche andere Bibliotheken. In der selben Art und Weise wie Kinder zu Erwachsenen werden, werden Schüler zu Lehrern und Imitatoren zu Führungspersönlichkeiten. Reich ist der Mann oder die Frau, die Ihren Reichtum teilt. Arm ist derjenige, der seinen Reichtum verbirgt.

Mentoring bedeutet: "reach one and teach one", aber auch "reach me and teach me". Das wertvollste Gut, das wir geben können, sind wir selbst. Wir sollten freizügig und uneingeschränkt geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Zeit, die wir alle so sehr schätzen, ist unbezahlbar. Sich die Zeit nehmen, Zeit zu geben, ist ein Geschenk, das nie zurückgezahlt werden kann. Wenn es ein Ziel gäbe, das wir damit erreichen wollten, sollte es das Bestreben sein, unsere Besten Fähigkeiten und Eigenschaften weiterzugeben, um die Menschen um uns herum zu verbessern. Indem wir das tun, helfen wir, bessere Führungspersönlichkeiten heranreifen zu lassen.

In der Schiedsrichterwelt bedeutet das aus einfachen Schiedsrichtern werden Führungsschiedsrichter. Auf diese Weise können wir den besten Dienst auf dem Parkett leisten, für das beste Spiel, das man sich vorstellen kann.

Fang an!

Nimm den Telefonhörer zur Hand und rufe jemanden an, um Dich mit Ihm über Basketball zu unterhalten. Setz Dich vor den Fernseher und schau Dir die Aufzeichnung eines Spiels mit einem Schiedsrichterkollegen an. Schau Dir ein oder zwei Spiele mit Kollegen an. Dabei ist völlig egal, wie alt sie sind, ob Mann oder Frau und wieviel Erfahrung sie in Bezug auf das Leiten von Basketballspielen haben.

Manchmal musst Du den ersten Schritt machen, um anderen zu helfen. Ich fordere jeden heraus, irgendjemanden zu finden, dem oder der er dabei hilft, ein besserer Schiedsrichter zu werden. Frag sie, was ihre Ziele sind und wie sie sie erreichen wollen. Hilf Ihnen, einen Plan zum Erfolg zu entwickeln. Gib Deine Erfahrung an sie weiter, um Ihnen zu helfen, auf diesem Gebiet erfolgreich zu sein. Biete an, ein paar ihrer Spiele auf Video zu analysieren und wann immer es möglich ist, geh hin und schau Dir ihre Spiele live an. Lerne Deine Schützlinge persönlich kennen, damit Du Ihnen bei der Entwicklung ihrer Schiedsrichterpersönlichkeit helfen kannst. Hilf Ihnen, eine eigene Persönlichkeit auf dem Feld zu entwickeln. Dabei musst Du den Menschen kennen, um den Schiedsrichter zu beurteilen.

Initiiere Lerngruppen oder Sitzungen zur Auffrischung der Regelkenntnisse. Zu guter letzt, lehre durch Dein positives Vorbild. Zeige durch Dein Verhalten, was zu tun ist. Sei professionell, auf und neben dem Feld. Schätze was Du tust und sei stolz darauf. Sei nicht überheblich, aber stolz, damit andere sich ein Beispiel daran nehmen und von Dir lernen können. Eine wichtige Bemerkung ist, dass es Dich nicht über andere erhebt, dass Du ein Mentor bist. Im Gegenteil es soll Dir selbst helfen, Dich selbst zu entwickeln und zu lernen. Eigentlich ist es ein Weg, zu sich selbst zu finden und fest mit beiden Füßen auf dem Boden zu stehen.

Lerne zuzuhören!

Lerne zu sehen. Hinterfrage dabei ohne alles in Frage zu stellen. Wenn Du Deine Erkenntnisse niemals mit jemandem geteilt hast, dann bist Du egoistisch und nur auf Deinen eigenen Vorteil aus. An irgendeinem Punkt in Deiner Karriere musst Du selbst zum Lehrer werden. Frage Dich selbst in diesem Moment, genau jetzt: Gibt es etwas, das ich an andere weitergeben kann? Kann ich jemandem durch mein Wissen weiterhelfen? Du kannst diese Fragen nicht mein "Ja" beantworten? Dann solltest Du Dich nocheinmal mit dem auseinandersetzen, was Du tust, und beginnen, daran zu arbeiten!

Jene unter Euch, die Hilfe bei anderen suchen, seid bereit, die Einladung eines Mentors anzunehmen, die oben besprochenen Dinge zu tun. Legt Euren Stolz beiseite und öffnet Euren Geist. Schaut zu jemandem auf, von Dem Ihr lernen könnt. Was ich hiermit betonen möchte ist, dass wir alle Schützlinge sind. Such Dir einen Mentor. Sei nicht zu schüchtern, jemanden um Hilfe zu bitten. Wenn Du wirklich hungrig bist, dann iss! Auch hier ist das Erfahrungsniveau unerheblich.

Einige von Euch werden bessere Mentoren sein, aber Ihr alle werdet dabei selbst lernen. Nehmt Euch die Zeit, ein Video von Eurem Spiel jemand anderem zur Beurteilung zu geben. Trefft Euch mit Freunden oder in einer Sportsbar, um ein Spiel anzuschauen und über die Aktionen zu diskutieren. Tauscht Euch über Eure Spielerfahrungen aus. Diskutiert darüber. Ermuntert andere, darüber zu reden. Es ist ok, dabei offen zu sein! Fordert Euch gegenseitig heraus, um einander besser zu machen. Strebt nach höherem. Versucht stets, Euren Partner zu verstehen und versichert Euch, dass Euer Partner Euch versteht.

Ein Aspekt des Lernens ist zu lehren

Lehre erlaubt es nicht nur den Schülern, sich Wissen anzueignen, sondern auch den Lehrern, ihr Wissen aufzufrischen. Mentoring heißt in diesem Sinne fähig zu sein, jemanden zu erreichen und sein Wissen und seine Fähigkeiten mit ihm auszutauschen. Nimm die Verantwortung dafür auf Dich, so wie es ein Vater oder eine Mutter mit ihrem Kind tun. Indem du das tust kannst Du deinem Schiedsrichterkollegen helfen und im selben Moment hilfst Du auch Dir selbst. Der Gewinn ist unendlich und unbezahlbar. Tu das alles in einer ehrlichen Art und Weise, sei selbstlos. Zolle jedem den gebotenen Respekt. Auch wenn Du Dich für Deinen "Schüler" verantwortlich fühlst wie für ein Kind, behandle ihn in keinem Fall wie ein Kind. Sieh Dich selbst als eine Tasse gefüllt mit Wasser. Dieses Wasser ist das Wissen. Sobald die Tasse gefüllt ist, kann sie dazu dienen, den Durst eines anderen zu löschen. Lasst es so sein und gebt Wissen bis Ihr Ihren Durst gestillt habt. Ist die Tasse einmal geleert, kann Sie wieder mit neuem Wissen gefüllt werden. Dieser Prozess läuft unzählige Male ab.

Ich stelle allen Schiedsrichtern diese Herausforderung: Füllt die Tasse mit Wasser und stillt den Durst eines Schiedsrichterkollegen. Und für all jene, die durstig sind: Geht und sucht Wasser!

Der Autor ist seit 1992 Schiedsrichter der NBA und hat dort bis zum Jahre 2004 insgesamt 719 reguläre und 40 Play-Off-Spiele geleitet. Er ist 47 Jahre alt und gehört zu den besten NBA-Schiedsrichtern.

 

 

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Letzte Aktualisierung:
6. März 2005

 

© Axel Beckmann