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Der gute Schiedsrichter

 

 

Autor: Alexander Küchler | November 2004

 

 

Qualiät des Schiedsrichterns

 

Bei der Qualität des Schiedsrichterns sollen hier drei Punkte im Vordergrund stehen:

  • Streben nach Verbesserung der eigenen Leistung als Schiedsrichter
  • Vorbildfunktion der Schiedsrichter in Bezug auf die Einhaltung der Sportdisziplin als Spieler, Trainer oder Zuschauer
  • Konsequentes regelgerechtes Handeln der Schiedsrichter, um Vertrauen in das Handeln der Schiedsrichter zu schaffen

Was für wichtige Eigenschaften braucht man, um aus einem interessierten Menschen einen Basketball-Schiedsrichter zu machen? Man wird, wenn man dieses Thema auf einem mittleren oder höheren Lehrgang anschneidet, sehr schnell zu vielen wichtigen Eigenschaften kommen. Wir wollen dies aber noch einmal auf die absoluten Grundlagen herunter brechen.

Als wichtige Grundlage wird man vermutlich als Erstes die Regelkenntnis nennen. Danach wird einem vielleicht die Kenntnis der Schiedsrichter-Technik einfallen. Nun hat man eine Person, die sowohl Regeln als auch die Technik einwandfrei beherrscht. Da Basketball nach wie vor ein temporeicher Bewegungssport ist, muss die Person aber auch noch über eine gute körperliche Verfassung verfügen.

Zu diesen drei sehr wichtigen Eigenschaften kommen noch 2 weitere Sachen hinzu, die nicht wirklich erlernbar, sondern eher entwickelbar sind: Spielverständnis und Erfahrung. Spielverständnis kann man entwickeln, wenn man sich mit dem Basketballsport beschäftigt. Hilfreich können dabei die Möglichkeiten sein, sich neben der Schiedsrichterei auch als Spieler oder als Trainer zu beschäftigen. So kann man das Spiel aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Die Erfahrung kommt einfach mit der Zeit und der Menge an Spielen, die man als Schiedsrichter absolviert.

Wenn man nun versucht, diese 5 Eigenschaften eines guten Schiedsrichters in ein Verhältnis zu setzen, kommt man zu folgendem Ergebnis:

  • körperliche Fitness + gute Schiedsrichter-Technik gute Position im Spiel
  • gute Position + fundierte Kenntnis der Regeln und Interpretationen gute und richtige Entscheidung
  • Spielverständnis (insbesondere Geist und Sinn der Regeln/Vorteil-Nachteil-Prinzip) + Erfahrung verbesserte Reaktion des Schiedsrichters + Entscheidungen wirken souveräner bei den Beteiligten

An diesen fünf Eigenschaften kann jeder individuell arbeiten. Kein Schiedsrichter muss einen Marathon absolvieren können, aber er muss eben mindestens die 40 Minuten eines normalen Basketballspieles gut überstehen können. Fazit: jeder Schiedsrichter sollte sich um die individuelle Verbesserung seiner Leistung bemühen. Nur so kann man den Anforderungen an ein Spiel bestens gerecht werden.

Trotzdem wird auch ein Schiedsrichter, der sich um die größtmögliche Verbesserung dieser Eigenschaften bemüht, Probleme in der Praxis haben. Diese Probleme resultieren zum einen ganz klar aus den mehr oder weniger stark ausgeprägten Eigenschaften eines jeden einzelnen Schiedsrichters. Zum anderen muss man aber auch klar feststellen können, dass man sich bei der Tätigkeit als Schiedsrichter in einem Interessenkonflikt befindet. Und zwar in dem Interessenkonflikt, dass zwei verschiedene Personengruppen (Mannschaften) das gleiche Ergebnis (den Gewinn des Spieles) für sich erzielen wollen und dieses Ziel eben nur eine Gruppe erreichen kann.

Mit jeder Entscheidung innerhalb dieses Zielkonfliktes entsteht zwangsläufig Unmut bei den Mannschaften. Die entscheidende Frage dabei ist, wie dieser Unmut geäußert wird. Dieser Bereich betrifft namentlich die Sportdisziplin. Zu jedem Spiel gehören Emotionen, gerade in den knappen Spielen und umso höher die Liga, desto stärker ist der Druck auf alle Beteiligten.

Stell Dir einen imaginären Rahmen vor, in dem normale Kommunikation stattfindet. Dieser "normale" Rahmen wird durch gesellschaftliche Normen geprägt. Diese wiederum entstehen aus dem Umgang mit dem vorhandenen Rahmen. Wenn jeder diesen Rahmen ausreizt, also sozusagen "aus dem Rahmen fällt" wird der Rahmen größer und größer. In einem normalen Gespräch mit Interessenkonflikt zwischen zwei Personen muss sich selbst eine Meinungsverschiedenheit oder ein Streit zivilisiert lösen lassen. Im Streit kann man sich weiterhin duzen und auch laut werden, aber man darf sich nicht beschimpfen oder gegenseitig Dinge vorwerfen, die inhaltlich nicht zum Thema gehören. Mit einem guten Freund, der selbst ein sehr erfolgreicher Trainer ist, kann ich mich recht lange über ein Thema oder einen Sachverhalt streiten. Am Ende können wir jedoch nur zu zwei Lösungen kommen:

  1. einer von uns beiden sagt "stimmt, da hast Du doch Recht" oder
  2. wir gehen auseinander und stellen fest "da haben wir wohl verschiedene Ansichten; es bringt uns nicht weiter uns weiter streiten, weil jeder seine eigene Ansicht hat".

Da die Sportdisziplin zuletzt leider nicht so konsequent eingefordert wurde, hat sich die FIBA bei den Regeländerungen 2004 bemüht, Änderungen herbeizuführen, die die dem Erhalt der Sportdisziplin zugute kommen.

  • Jedes Technische Foul wird mit 2 Freiwürfen und Einwurf Mittellinie bestraft
  • Zwei Unsportliche Fouls führen automatisch zu einer Spieldisqualifikation
  • Trotz anderer Vorschläge darf NUR der Trainer während dem Spiel stehen

Diese Regeländerungen sind ein eindeutiges Signal, dass dem Bereich der Sportdisziplin wieder mehr Beachtung geschenkt werden muss. Und zwar von allen Beteiligten. Auch von Schiedsrichtern! Es wird von allen Spielbeteiligten ein gegenseitiger Respekt für die Arbeit der Anderen gefordert. Dieser Respekt zeigt sich eben auch im Umgang mit den Schiedsrichtern. Jeder Schiedsrichter der noch als Trainer oder Spieler aktiv ist, sollte sich daher stets selbst hinterfragen, ob sein Handeln gegenüber den Schiedsrichtern seiner Spiele angemessen ist.

Frei nach dem Motto: "Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg’ auch keinem Anderen zu", sollten vor allem Schiedsrichter gegenüber Schiedsrichtern Respekt zeigen und "normal" miteinander umgehen. Das signalisiert auch eine Vorbildfunktion für die anderen Spieler und Trainer, die selbst vielleicht keine Schiedsrichter sind. Das Ziel muss sein, dass jeder Schiedsrichter stets bemüht ist, selbst für die Einhaltung der Sportdisziplin einzutreten. Dies beinhaltet nicht nur sein Verhalten als Schiedsrichter, sondern auch sein Verhalten als Spieler, Trainer und insbesondere als Zuschauer.

Dem oben genannten Interessenkonflikt als Schiedsrichter zwischen den beiden Mannschaften kann man nur beikommen, in dem man sich nicht in diesen Interessenkonflikt hinein ziehen lässt. Die Spieler und Trainer werden alles(!) tun, um ihr Ziel zu erreichen. Und zwar werden sie alles versuchen, was die Schiedsrichter zulassen. Schiedsrichter sind dazu da, ihnen die Grenzen des Erlaubten zu zeigen. Zum einen betrifft dies die Regeln und zum anderen die Sportdisziplin. Bei beiden Sachen muss man jedoch das gleiche Maß für alle anlegen. Und man muss vor allem eine klare Grenze ziehen, damit jedem klar ist, wo der Bereich des Nicht-Erlaubten beginnt. Wie man diese Grenze zieht, hängt vom Schiedsrichter selbst, dem Spiel, dem Verhältnis/der Akzeptanz des Schiedsrichters bei Trainern/Spielern und vielen anderen Dingen ab. Dafür kann und wird es keine einfache aber ultimativ endgültige und richtige Lösung geben.

Ein kleiner Vergleich: wenn Du auf der Autobahn mit deinem roten Ferrari 200 km/h fährst, weil es erlaubt ist und Dir Spaß macht, dann ist das in Ordnung, solange Du dabei niemanden anderen gefährdest oder störst. Nun kommt aber leider die Baustelle und es erscheint das Tempolimit-Zeichen, welches Dir nur noch eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h gestattet. Damit ist klar eine Grenze definiert: ab hier ist es nicht mehr erlaubt schneller als 80 km/h zu fahren. Jetzt gibt es genau 2 Möglichkeiten:

  1. Du fährst weiter mit 200 km/h und rechnest damit, für dieses Fehlverhalten bestraft zu werden (Blitzer) oder
  2. Du hältst dich an die Vorgabe und bremst auf 80 km/h runter.

Für den Fall, dass Du nun geblitzt wirst, weil Du noch 200 km/h fährst, wusstest Du genau, dass es die Grenze gab und deshalb bestraft wirst. Es gibt keine Ausrede, Du hättest nichts davon gewusst! Eben diese Grenze muss man auch als Schiedsrichter deutlich machen. Wenn diese Grenze klar ist, muss man danach nur noch konsequent handeln und jedes Überschreiten der Grenze entsprechend bestrafen.

Ich habe vor einigen Jahren ein Spiel in der Regionalliga gehabt, wo die Heimmannschaft im 4. Viertel bei 9:32 Minuten beim Stand von 87:88 2 Freiwürfe zugesprochen bekommt. Die Freiwürfe finden in der Spielfeldhälfte vor der Bank der Auswärtsmannschaft statt. Es ist das letzte Saisonspiel, die Heimmannschaft ist bis dahin in dieser Saison ungeschlagen. Der erste Freiwurf ist erfolgreich, es steht 88:88. Beim zweiten Freiwurf trifft der Freiwerfer ebenfalls, aber übertritt die Freiwurflinie deutlich. Der Trainer der Auswärtsmannschaft steht direkt hinter mir, ich bin folgender Schiedsrichter und muss die Entscheidung treffen, ob der Korb zählt oder wegen der Regelübertretung nicht zählt. Die Entscheidung muss schnell her, ich entscheide auf Korb zählt nicht, Einwurf Gastmannschaft. Der Heimtrainer regt sich natürlich ungeheuerlich auf, der Gasttrainer stimmt der Entscheidung natürlich zu. Es gibt ein Foul von der Heimmannschaft, die Gastmannschaft greift noch einmal an, spielt die Uhr herunter und trifft einen Korbleger zum 88:90 Sieg und somit der einzigen Niederlage der Heimmannschaft in dieser Saison. Ich hatte danach noch ein langes Gespräch mit dem Heimtrainer, der mir unbedingt klar machen wollte, dass er die Entscheidung unmöglich fand. Wir haben uns darüber unterhalten und sind zu der oben beschriebenen Lösung b) gekommen. Wir gingen also auseinander, ich durfte endlich duschen gehen und der Trainer fand meine Entscheidung weiterhin katastrophal. Das gute daran war, dass wir darüber gesprochen haben und nicht auseinander gegangen sind und die Sache ungeklärt ließen. Irgendwann in der darauf folgenden Saison hatte ich wieder ein Spiel bei dieser Mannschaft. Wir konnten normal miteinander umgehen. Er fand meine Entscheidung immer noch nicht richtig, ABER und das ist das Wichtige: er konnte darauf vertrauen, dass ich die gleiche Entscheidung auch in jeder anderen ähnlichen Situation treffen würde. Und nicht nur gegen seine Mannschaft, sondern ebenso gegen die andere Mannschaft. Um auf den Vergleich zurück zu kommen: der Blitzer erwischt nicht nur den roten Ferrari mit 200 km/h, sondern auch den gelben Porsche mit 210 km/h. Dieses konsequente Handeln schafft Vertrauen. Trainer oder Spieler mögen sich immer über irgendwelche Entscheidungen ärgern, aber es wird sich auch ein Verständnis für bestimmte Vorgehensweisen entwickeln, wenn konsequent für/gegen beide Mannschaften anhand der gültigen Regeln gleich entschieden wird.

Nur durch die konsequente Ahndung von Verstößen gegen die Sportdisziplin und die Vorbildwirkung aller Schiedsrichter kann langfristig eine Verbesserung im Umgang aller Beteiligten miteinander erzielt werden.

Merke: Kein Schiedsrichter kann es allen Spielbeteiligten recht machen! Gerade deshalb sollte jeder Schiedsrichter stets mit entsprechendem Spielverständnis nach dem Geist und Sinn der Regeln handeln. Nur so kann eine Konsistenz in den Entscheidungen herbeigeführt werden, die zu einer guten Vertrauensbasis zwischen Schiedsrichtern und Spielern/Trainern führt.

Der Autor ist Mitglied der Berliner Schiedsrichter-Kommission und seit 2003 Mitglied des P-Kaders des Deutschen Basketball Bundes.

 

 

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Letzte Aktualisierung:
6. März 2005

 

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