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1.
Einführung in die Problematik
Der
Spieler N. wurde in der 18. Minute der 2. Halbzeit beim
Stand von 72:74 wegen Schiedsrichterbeleidigung disqualifiziert.
Er hatte sich bereits während des gesamten Spiels
ständig beschwert und kurz vor der Disqualifikation
ein Technisches Foul erhalten.
Woran
liegt es, daß Schiedsrichtern (SR) manchmal ein
Spiel entgleitet und sie ständig im Mittelpunkt
von Unmutsäußerungen stehen, obwohl die Fehlerquote
ihrer Regelentscheidungen einen normalen Wert hatte?
Mit welchem Rezept gelingt es andererseits vielen SR
auf internationalem Niveau (Europaliga, NBA, oder auch
Fußball WM), trotz einzelner gravierender Fehlentscheidungen
mit teilweise erheblichen sportlichen und finanziellen
Konsequenzen, anschließend sofort wieder in den
Hintergrund des Spielgeschehens zu treten?
Antwort
A: Sie pfeifen besser (Regelkenntnis, Technik,
Fitneß)
In Ordnung,
aber: Jeder Kader-SR ist dem technischen Niveau seiner
Liga grundsätzlich gewachsen, sonst wäre er
nicht in diesem Kader.
Antwort
B: Sie haben mehr innere Sicherheit und
Selbstvertrauen
Ist reine
Spekulation: Vor einem wichtigen Spiel ist jeder Beteiligte,
also auch der SR innerlich angespannt oder gar nervös;
die Frage ist lediglich, wie gut er mental mit diesem
Streß fertig wird.
Antwort
C: Sie strahlen nach außen mehr Ruhe
und Sicherheit (Autorität) aus und genießen
dadurch mehr Respekt bei Spielern und Trainern
Diese
Antwort soll im folgenden näher untersucht und
es sollen mögliche Wege zum Erreichen dieses Ziels
aufgezeigt werden
2.
Schiedsrichterleistung : Versuch einer Definition
Ein
Schiedsrichter hat dann gut gepfiffen, wenn er das Spiel
neutral und im Geist der Regeln so geleitet hat, daß
seine Anwesenheit den Spielablauf nicht störte.
Stören
kann er den Spielablauf auf drei Arten:
- Seine
Entscheidungen lassen keine Linie erkennen, so daß
bei den Spielern permanente Rechtsunsicherheit besteht
und ihr Denken dadurch vom Spiel abgelenkt wird.
Auf diese Weise wird jeder Pfiff zum potentiellen
Diskussionsgegenstand.
- Sein
Auftreten wirkt auf Spieler, Trainer und Zuschauer
aufdringlich und profilneurotisch. Wenn er dann
noch durch fragwürdige Pfiffe auffällt,
wird er zwangsläufig zum Zielobjekt.
- Er
ist konfliktscheu und harmoniesüchtig. Spieler
und Trainer erkennen dies nach der ersten Reaktion
des SR auf Unmutsäußerungen und sehen
in einem solchen SR eine leichte Beute für
ständigen Aggressions- und Frustrationsabbau
sowie Manipulationsversuche.
3.
Spieler und Trainer: Der Zielkonflikt im Umgang mit
dem SR
Kritik
am SR kann - ohne Anspruch auf Vollständigkeit
- folgende Ursachen haben:
- Der Pfiff war
schlecht und die Kritik ist objektiv berechtigt
- Der SR stellt
sich durch sein Auftreten in den Mittelpunkt
und 'stiehlt die Show'
- Der Spieler oder
Trainer möchte eigenes Versagen (z.B. beim
Korbleger, bzw. bei drohender Niederlage) auf
den SR abwälzen
- Die Mannschaft
möchte den SR zu ihren Gunsten manipulieren
- Dem Spieler ist
nicht ausreichend bewußt, daß nicht
er selbst die Spielregeln und deren Auslegung
bestimmt (Problematik besonders im Jugendbereich,
'Streetball-Effekt')
Ziel einer
Mannschaft ist trivialerweise, das Spiel zu gewinnen:
Erfolgsorientiertes
Denken ordnet diesem Ziel das Gesamtverhalten einschließlich
dem Umgang mit den SR unter. In einem knappen Spiel
hat diejenige Mannschaft die bessere Ausgangsposition,
welche sich selbst voll auf den Gegner konzentriert
und die Auseinandersetzung mit dem SR ausschließlich
ihrem Trainer überläßt. Ein guter Trainer
weiß um den Zielkonflikt, dem SR bei subjektiv
gegebenem Anlaß einerseits Aggression entgegenbringen
zu wollen und ihn andererseits dadurch wahrscheinlich
negativ zu beeinflussen. Ein erfolgsorientierter Trainer
trägt alleine die Verantwortung für die gewählte
Vorgehensweise und läßt sie sich von niemandem
nehmen.
Nicht
erfolgsorientiertes Denken läßt jede
Aggression ungefiltert und ohne Bedacht auf negative
Folgen am SR austoben, bei den Spielern, beim Trainer
und zuletzt bei einem Trainer, der seine Spieler hierzu
ermuntert oder gar aufhetzt.
4.
Schiedsrichter: Der Zielkonflikt zwischen Entscheidungen
und Beurteilung
Die Beurteilung
der SR durch die Mannschaften soll ein Korrektiv gegen
potentielle Willkür eines SR schaffen und dient
im Mittelwert über eine Saison gleichzeitig zur
Entscheidung über seine Befähigung für
diese Liga. Einer solchen Leistungskontrolle muß
sich jeder höherklassige SR stellen. Für jeden
SR ist damit der Gedanke naheliegend, daß er durch
Konfliktvermeidung und Langmut und/oder durch wechselweise
Verlassen seiner neutralen Ausgangsposition am ehesten
zu einer guten Beurteilung kommt. Diese These erweist
sich bei näherer Betrachtung als vordergründig
und falsch:
- Ein konfliktscheuer
SR kann diese Einstellung normalerweise nicht
bis zum Spielende durchziehen. Unabhängig
vom Spielstand verliert er kontinuierlich an
Ansehen und Freiheit in seinen Entscheidungen.
Im weiteren Verlauf des Spiels zwingen ihm endlich
die äußeren Umstände viel zu
spät die Entscheidung zum Durchgreifen
auf.
Dabei
kann seine Strafe oft den treffen, der eher zufällig
das Faß zum Überlaufen brachte. Geht
das Spiel knapp aus, so ist der Vorwurf nicht zu
widerlegen, der SR habe das Spiel entschieden.
- Ein SR, der durch
seine Entscheidungen beide Mannschaften abwechselnd
'ruhig stellen' will, erweckt den Eindruck,
daß nicht das Regelwerk, sondern seine
Allmacht Grundlage seiner Entscheidung ist.
Logischerweise werden dann beide Mannschaften
versuchen, auf ihn Druck zu machen, da er die
vorher vorhandene objektive Rechtsgrundlage
selbst beseitigt hat.
Er
wird dann in beiden Fällen von durchaus subjektiv,
aber rational urteilenden Beobachtern beider Vereine
verdientermaßen eine schlechte Beurteilung
erhalten.
5.
Verhaltensregeln : Empfehlungen
Die folgenden
Empfehlungen setzen selbstverständlich voraus,
daß der SR mit dem rein technischen Teil seiner
Tätigkeit (Regeln, SR-Technik, Fitneß) keine
Probleme hat. Sie dienen also nicht zur Kaschierung
von Schwächen auf diesem Gebiet, sondern bauen
darauf auf mit dem Ziel, diese Basisvoraussetzungen
im Sinne der Mannschaften so zu vermitteln, daß
nicht der Schiedsrichter, sondern der sportliche Wettkampf
im Mittelpunkt des Spiels steht.
Empfehlung
1 : Disziplin ab Spielbeginn
Sei von
Spielbeginn an innerlich bereit, bei gegebenem Anlaß
ein Unsportliches oder Technisches Foul oder eine Disqualifikation
zu verhängen. Diese Regeln sind nicht auf die 2.
Halbzeit oder die Schlußphase des Spiels eingeschränkt.
Ein frühes Technisches Foul läßt dich
den Schiedsrichter-Test der Mannschaften 'Was
für einen SR haben wir denn heute?'
wie folgt bestehen: 'Einen,
bei dem nichts geht!' Die Mannschaften werden sich
auf das Spiel konzentrieren, du bleibst im Hintergrund
und deine Entscheidungen werden sicherer und damit besser.
Dies kommt unmittelbar beiden Mannschaften zugute und,
nicht zuletzt, deiner Beurteilung durch sie.
Empfehlung
2 : Ein frühes Technisches Foul - auch Selbstverpflichtung
Sehe eine
notwendigerweise früh ausgesprochene Disziplinarstrafe
als Verpflichtung, dich ebenfalls ganz besonders auf
das Spiel zu konzentrieren. Nach einer solchen Strafe
folgt der nächste Schiedsrichter-Test der Mannschaften:
'Ob er auch so gut pfeift wie er durchgreift?'
Enttäusche die Mannschaften hier nicht, denn aus
der Ohnmacht und Resignation der Mannschaften über
einen schlechten, dafür aber unerbittlich durchgreifenden
SR erwächst auch kein sportliches und angenehm
zu pfeifendes Spiel. Dies kann dazu führen, daß
sich beide Mannschaften gegen dich verbünden und
deine Entscheidungen gemeinsam konterkarieren. Der Zweck
des Spiels ist damit verlagert, ein Alptraum für
einen SR!
Empfehlung
3 : Das Technische Foul - keine persönliche Angelegenheit
Zeige
bei Verhängen einer Disziplinarstrafe keine Emotionen:
Pfiff und Körpersprache sollten sich äußerlich
nicht von einer Regelübertretung, z.B. für
Verletzung der 3-Sekunden-Regel unterscheiden. Baue
dich nicht demonstrativ auf, sondern gehe vor dem Pfiff
eher einen Schritt seitlich oder zurück. Deine
Aktion ist keine Vergeltung, die dem Bestraften zeigen
soll, wer der Chef ist, sondern eine aufgrund der Regeln
und ihrer Anwendungsvorschriften notwendige Maßnahme.
Wenn nicht, hat dein Pfiff auch keine Berechtigung!
Empfehlung
4 : Nicht drohen, sondern entscheiden
Verwarne
niemals einen Spieler oder Trainer mit den Worten 'Beim
nächsten Mal....'. Entscheide dich sofort für
eine ermahnende Geste (beim ersten Mal) oder für
die Strafe. Versuche erst gar nicht, den verbalen Friedensengel
zu spielen, der leider bald zur Peitsche greifen muß.
Spieler und Trainer wissen genau, was sie nicht dürfen;
sie wollen nur testen, wo deine Toleranzschwelle liegt.
Lege sie zu Spielbeginn selbst fest, und zwar niedrig!
Empfehlung
5 : Ein Foulpfiff muß nicht gerechtfertigt werden
Erkläre
grundsätzlich - außer bei offenkundigen Anfängern
- nicht von dir aus einem Spieler, warum du ihm ein
Foul gepfiffen hast. Eine solche freiwillige Erklärung
wird zu Recht ausschließlich als Entschuldigung
oder Rechtfertigung verstanden, nicht als Hilfe. Auf
der anderen Seite hat natürlich jeder Spieler,
der dich nach einem nicht-trivialen Foulpfiff gegen
ihn in angemessener Weise unauffällig anspricht,
das Recht auf eine ebenso angemessene Reaktion von dir.
Wie du reagierst - auf jeden Fall schnell und kurz,
freundlich, aber nicht anbiedernd, ist deine Sache.
Empfehlung
6 : Teamarbeit - im eigenen Interesse
Lasse
dich als SR-Team nicht auseinander dividieren. Wenn
dein Kollege einen Spieler oder Trainer durch eine Geste
zur Disziplin ermahnt und dann abdreht, um sein Desinteresse
an einer Grundsatz-Diskussion zu unterstreichen, bist
du gefordert, den Ermahnten im Auge zu behalten und
ihn bei einer despektierlichen Geste im Rücken
des Kollegen zu bestrafen. Andernfalls werden die Probleme
deines Kollegen bald deine eigenen, denn bei einem verunsicherten
Kollegen liegt die Verantwortung für schwierige
Pfiffe bald alleine bei dir, und dann bist du im Mittelpunkt!
Empfehlung
7 : Unauffällige und effiziente SR - Technik
Die Schiedsrichter-Technik
für das laufende Spiel dient zur Aufgabenteilung,
die Technik des Anzeigens dient zur Informationsübertragung.
In beiden Fällen dient sie nicht zur Selbstdarstellung,
obwohl und gerade weil beim Anzeigen viele Augen auf
dich gerichtet sind. Deine Bewegungen, Gesten und Darstellung
verraten viel über deinen inneren Zustand; lasse
dich von Kollegen beobachten oder - noch besser - filmen.
Wenn du bei einer Videoanalyse nicht merkst, daß
du auf andere träge, übertrieben aktiv, unsicher
oder arrogant oder gar komisch wirkst, ist dir leider
nicht zu helfen.
Für
dein Tempo bei laufendem Spiel gilt: Außer bei
Schnellangriffen, wo du sprinten mußt, sei immer
etwas langsamer und damit optisch unauffälliger
als die Spieler, aber dafür in ständiger aufrechter
Bewegung im gedanklichen Bemühen um die beste Position
für deine nächste Entscheidung.
Empfehlung
8 : Ein schlechter Pfiff - kein Problem
Nach einem
zugegebenermaßen schlechten Pfiff - in wenigen
Ausnahmefällen, die beiden Mannschaften sofort
klar sein müssen, nimmt ein SR auch mal einen Pfiff
zurück - reagieren erstaunlich viele Spieler eher
mit Verständnis, wenn du dies unauffällig
zugibst:' In
Ordnung, das war kein besonders guter Pfiff, aber das
kann passieren und das war's!'
und dafür sorgst, daß es zügig weitergeht,
als wenn du deine schlechte Entscheidung langatmig gesund
beten willst. Hast du durch dein Auftreten und durch
deine bisherigen Entscheidungen ein Klima geschaffen,
in dem du dir eine solche Bemerkung gestatten kannst,
hast du deine Aufgabe hervorragend gelöst.
Dr.
Norbert Esser, Mitglied der Schiedsrichter-Kommission
des Basketballverbandes Baden-Württemberg, 1998
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