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Psychologie | Trainer und Schiedsrichter

 

 

Autor: Dr. Norbert Esser

 

 

Die Sportdisziplin - Hintergründe, Zusammenhänge, Empfehlungen

 

1. Einführung in die Problematik

Der Spieler N. wurde in der 18. Minute der 2. Halbzeit beim Stand von 72:74 wegen Schiedsrichterbeleidigung disqualifiziert. Er hatte sich bereits während des gesamten Spiels ständig beschwert und kurz vor der Disqualifikation ein Technisches Foul erhalten.

Woran liegt es, daß Schiedsrichtern (SR) manchmal ein Spiel entgleitet und sie ständig im Mittelpunkt von Unmutsäußerungen stehen, obwohl die Fehlerquote ihrer Regelentscheidungen einen normalen Wert hatte? Mit welchem Rezept gelingt es andererseits vielen SR auf internationalem Niveau (Europaliga, NBA, oder auch Fußball WM), trotz einzelner gravierender Fehlentscheidungen mit teilweise erheblichen sportlichen und finanziellen Konsequenzen, anschließend sofort wieder in den Hintergrund des Spielgeschehens zu treten?

Antwort A:   Sie pfeifen besser (Regelkenntnis, Technik, Fitneß)

In Ordnung, aber: Jeder Kader-SR ist dem technischen Niveau seiner Liga grundsätzlich gewachsen, sonst wäre er nicht in diesem Kader.

Antwort B:   Sie haben mehr innere Sicherheit und Selbstvertrauen

Ist reine Spekulation: Vor einem wichtigen Spiel ist jeder Beteiligte, also auch der SR innerlich angespannt oder gar nervös; die Frage ist lediglich, wie gut er mental mit diesem Streß fertig wird.

Antwort C:   Sie strahlen nach außen mehr Ruhe und Sicherheit (Autorität) aus und genießen dadurch mehr Respekt bei Spielern und Trainern

Diese Antwort soll im folgenden näher untersucht und es sollen mögliche Wege zum Erreichen dieses Ziels aufgezeigt werden

2. Schiedsrichterleistung : Versuch einer Definition

Ein Schiedsrichter hat dann gut gepfiffen, wenn er das Spiel neutral und im Geist der Regeln so geleitet hat, daß seine Anwesenheit den Spielablauf nicht störte.

Stören kann er den Spielablauf auf drei Arten:

  • Seine Entscheidungen lassen keine Linie erkennen, so daß bei den Spielern permanente Rechtsunsicherheit besteht und ihr Denken dadurch vom Spiel abgelenkt wird. Auf diese Weise wird jeder Pfiff zum potentiellen Diskussionsgegenstand.
  • Sein Auftreten wirkt auf Spieler, Trainer und Zuschauer aufdringlich und profilneurotisch. Wenn er dann noch durch fragwürdige Pfiffe auffällt, wird er zwangsläufig zum Zielobjekt.
  • Er ist konfliktscheu und harmoniesüchtig. Spieler und Trainer erkennen dies nach der ersten Reaktion des SR auf Unmutsäußerungen und sehen in einem solchen SR eine leichte Beute für ständigen Aggressions- und Frustrationsabbau sowie Manipulationsversuche.

3. Spieler und Trainer: Der Zielkonflikt im Umgang mit dem SR

Kritik am SR kann - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - folgende Ursachen haben:

  • Der Pfiff war schlecht und die Kritik ist objektiv berechtigt
  • Der SR stellt sich durch sein Auftreten in den Mittelpunkt und 'stiehlt die Show'
  • Der Spieler oder Trainer möchte eigenes Versagen (z.B. beim Korbleger, bzw. bei drohender Niederlage) auf den SR abwälzen
  • Die Mannschaft möchte den SR zu ihren Gunsten manipulieren
  • Dem Spieler ist nicht ausreichend bewußt, daß nicht er selbst die Spielregeln und deren Auslegung bestimmt (Problematik besonders im Jugendbereich, 'Streetball-Effekt')

Ziel einer Mannschaft ist trivialerweise, das Spiel zu gewinnen:

Erfolgsorientiertes Denken ordnet diesem Ziel das Gesamtverhalten einschließlich dem Umgang mit den SR unter. In einem knappen Spiel hat diejenige Mannschaft die bessere Ausgangsposition, welche sich selbst voll auf den Gegner konzentriert und die Auseinandersetzung mit dem SR ausschließlich ihrem Trainer überläßt. Ein guter Trainer weiß um den Zielkonflikt, dem SR bei subjektiv gegebenem Anlaß einerseits Aggression entgegenbringen zu wollen und ihn andererseits dadurch wahrscheinlich negativ zu beeinflussen. Ein erfolgsorientierter Trainer trägt alleine die Verantwortung für die gewählte Vorgehensweise und läßt sie sich von niemandem nehmen.

Nicht erfolgsorientiertes Denken läßt jede Aggression ungefiltert und ohne Bedacht auf negative Folgen am SR austoben, bei den Spielern, beim Trainer und zuletzt bei einem Trainer, der seine Spieler hierzu ermuntert oder gar aufhetzt.

4. Schiedsrichter: Der Zielkonflikt zwischen Entscheidungen und Beurteilung

Die Beurteilung der SR durch die Mannschaften soll ein Korrektiv gegen potentielle Willkür eines SR schaffen und dient im Mittelwert über eine Saison gleichzeitig zur Entscheidung über seine Befähigung für diese Liga. Einer solchen Leistungskontrolle muß sich jeder höherklassige SR stellen. Für jeden SR ist damit der Gedanke naheliegend, daß er durch Konfliktvermeidung und Langmut und/oder durch wechselweise Verlassen seiner neutralen Ausgangsposition am ehesten zu einer guten Beurteilung kommt. Diese These erweist sich bei näherer Betrachtung als vordergründig und falsch:

  • Ein konfliktscheuer SR kann diese Einstellung normalerweise nicht bis zum Spielende durchziehen. Unabhängig vom Spielstand verliert er kontinuierlich an Ansehen und Freiheit in seinen Entscheidungen. Im weiteren Verlauf des Spiels zwingen ihm endlich die äußeren Umstände viel zu spät die Entscheidung zum Durchgreifen auf.
    Dabei kann seine Strafe oft den treffen, der eher zufällig das Faß zum Überlaufen brachte. Geht das Spiel knapp aus, so ist der Vorwurf nicht zu widerlegen, der SR habe das Spiel entschieden.
  • Ein SR, der durch seine Entscheidungen beide Mannschaften abwechselnd 'ruhig stellen' will, erweckt den Eindruck, daß nicht das Regelwerk, sondern seine Allmacht Grundlage seiner Entscheidung ist. Logischerweise werden dann beide Mannschaften versuchen, auf ihn Druck zu machen, da er die vorher vorhandene objektive Rechtsgrundlage selbst beseitigt hat.
    Er wird dann in beiden Fällen von durchaus subjektiv, aber rational urteilenden Beobachtern beider Vereine verdientermaßen eine schlechte Beurteilung erhalten.

5. Verhaltensregeln : Empfehlungen

Die folgenden Empfehlungen setzen selbstverständlich voraus, daß der SR mit dem rein technischen Teil seiner Tätigkeit (Regeln, SR-Technik, Fitneß) keine Probleme hat. Sie dienen also nicht zur Kaschierung von Schwächen auf diesem Gebiet, sondern bauen darauf auf mit dem Ziel, diese Basisvoraussetzungen im Sinne der Mannschaften so zu vermitteln, daß nicht der Schiedsrichter, sondern der sportliche Wettkampf im Mittelpunkt des Spiels steht.

Empfehlung 1 : Disziplin ab Spielbeginn

Sei von Spielbeginn an innerlich bereit, bei gegebenem Anlaß ein Unsportliches oder Technisches Foul oder eine Disqualifikation zu verhängen. Diese Regeln sind nicht auf die 2. Halbzeit oder die Schlußphase des Spiels eingeschränkt. Ein frühes Technisches Foul läßt dich den Schiedsrichter-Test der Mannschaften 'Was für einen SR haben wir denn heute?' wie folgt bestehen: 'Einen, bei dem nichts geht!' Die Mannschaften werden sich auf das Spiel konzentrieren, du bleibst im Hintergrund und deine Entscheidungen werden sicherer und damit besser. Dies kommt unmittelbar beiden Mannschaften zugute und, nicht zuletzt, deiner Beurteilung durch sie.

Empfehlung 2 : Ein frühes Technisches Foul - auch Selbstverpflichtung

Sehe eine notwendigerweise früh ausgesprochene Disziplinarstrafe als Verpflichtung, dich ebenfalls ganz besonders auf das Spiel zu konzentrieren. Nach einer solchen Strafe folgt der nächste Schiedsrichter-Test der Mannschaften: 'Ob er auch so gut pfeift wie er durchgreift?' Enttäusche die Mannschaften hier nicht, denn aus der Ohnmacht und Resignation der Mannschaften über einen schlechten, dafür aber unerbittlich durchgreifenden SR erwächst auch kein sportliches und angenehm zu pfeifendes Spiel. Dies kann dazu führen, daß sich beide Mannschaften gegen dich verbünden und deine Entscheidungen gemeinsam konterkarieren. Der Zweck des Spiels ist damit verlagert, ein Alptraum für einen SR!

Empfehlung 3 : Das Technische Foul - keine persönliche Angelegenheit

Zeige bei Verhängen einer Disziplinarstrafe keine Emotionen: Pfiff und Körpersprache sollten sich äußerlich nicht von einer Regelübertretung, z.B. für Verletzung der 3-Sekunden-Regel unterscheiden. Baue dich nicht demonstrativ auf, sondern gehe vor dem Pfiff eher einen Schritt seitlich oder zurück. Deine Aktion ist keine Vergeltung, die dem Bestraften zeigen soll, wer der Chef ist, sondern eine aufgrund der Regeln und ihrer Anwendungsvorschriften notwendige Maßnahme. Wenn nicht, hat dein Pfiff auch keine Berechtigung!

Empfehlung 4 : Nicht drohen, sondern entscheiden

Verwarne niemals einen Spieler oder Trainer mit den Worten 'Beim nächsten Mal....'. Entscheide dich sofort für eine ermahnende Geste (beim ersten Mal) oder für die Strafe. Versuche erst gar nicht, den verbalen Friedensengel zu spielen, der leider bald zur Peitsche greifen muß. Spieler und Trainer wissen genau, was sie nicht dürfen; sie wollen nur testen, wo deine Toleranzschwelle liegt. Lege sie zu Spielbeginn selbst fest, und zwar niedrig!

Empfehlung 5 : Ein Foulpfiff muß nicht gerechtfertigt werden

Erkläre grundsätzlich - außer bei offenkundigen Anfängern - nicht von dir aus einem Spieler, warum du ihm ein Foul gepfiffen hast. Eine solche freiwillige Erklärung wird zu Recht ausschließlich als Entschuldigung oder Rechtfertigung verstanden, nicht als Hilfe. Auf der anderen Seite hat natürlich jeder Spieler, der dich nach einem nicht-trivialen Foulpfiff gegen ihn in angemessener Weise unauffällig anspricht, das Recht auf eine ebenso angemessene Reaktion von dir. Wie du reagierst - auf jeden Fall schnell und kurz, freundlich, aber nicht anbiedernd, ist deine Sache.

Empfehlung 6 : Teamarbeit - im eigenen Interesse

Lasse dich als SR-Team nicht auseinander dividieren. Wenn dein Kollege einen Spieler oder Trainer durch eine Geste zur Disziplin ermahnt und dann abdreht, um sein Desinteresse an einer Grundsatz-Diskussion zu unterstreichen, bist du gefordert, den Ermahnten im Auge zu behalten und ihn bei einer despektierlichen Geste im Rücken des Kollegen zu bestrafen. Andernfalls werden die Probleme deines Kollegen bald deine eigenen, denn bei einem verunsicherten Kollegen liegt die Verantwortung für schwierige Pfiffe bald alleine bei dir, und dann bist du im Mittelpunkt!

Empfehlung 7 : Unauffällige und effiziente SR - Technik

Die Schiedsrichter-Technik für das laufende Spiel dient zur Aufgabenteilung, die Technik des Anzeigens dient zur Informationsübertragung. In beiden Fällen dient sie nicht zur Selbstdarstellung, obwohl und gerade weil beim Anzeigen viele Augen auf dich gerichtet sind. Deine Bewegungen, Gesten und Darstellung verraten viel über deinen inneren Zustand; lasse dich von Kollegen beobachten oder - noch besser - filmen. Wenn du bei einer Videoanalyse nicht merkst, daß du auf andere träge, übertrieben aktiv, unsicher oder arrogant oder gar komisch wirkst, ist dir leider nicht zu helfen.

Für dein Tempo bei laufendem Spiel gilt: Außer bei Schnellangriffen, wo du sprinten mußt, sei immer etwas langsamer und damit optisch unauffälliger als die Spieler, aber dafür in ständiger aufrechter Bewegung im gedanklichen Bemühen um die beste Position für deine nächste Entscheidung.

Empfehlung 8 : Ein schlechter Pfiff - kein Problem

Nach einem zugegebenermaßen schlechten Pfiff - in wenigen Ausnahmefällen, die beiden Mannschaften sofort klar sein müssen, nimmt ein SR auch mal einen Pfiff zurück - reagieren erstaunlich viele Spieler eher mit Verständnis, wenn du dies unauffällig zugibst:' In Ordnung, das war kein besonders guter Pfiff, aber das kann passieren und das war's!' und dafür sorgst, daß es zügig weitergeht, als wenn du deine schlechte Entscheidung langatmig gesund beten willst. Hast du durch dein Auftreten und durch deine bisherigen Entscheidungen ein Klima geschaffen, in dem du dir eine solche Bemerkung gestatten kannst, hast du deine Aufgabe hervorragend gelöst.

Dr. Norbert Esser, Mitglied der Schiedsrichter-Kommission des Basketballverbandes Baden-Württemberg, 1998

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
24. April 2003

 

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