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Kommunikation

 

 

Autor: Andreas Winheller

 

 

Erfolgreiche Kommunikation mit Spielbeteiligten

 

 

O. Vorbemerkung

Überall dort, wo Menschen miteinander zu tun haben, so auch im Mannschaftssport, ist die Art, wie sie miteinander kommunizieren, sehr wichtig für ihren Erfolg. Kommunizieren bedeutet das Aussenden und das Empfangen von Mitteilungen (lat. communicatio = Mitteilung).
Es ist ein Irrglaube, wenn gemeint wird, man brauche vor allem eine perfekte Schiedsrichtertechnik und hervorragende Regelkenntnis, um ein Spitzenschiedsrichter zu werden. Natürlich macht es den Job leichter, wenn man weiß, wo man stehen muß, wohin man schauen muß und wie man die Arme zu halten hat, damit man nach Basketball-Schiedsrichter aussieht. Natürlich könnte es auch Erstaunen hervorrufen, wenn Du auf einmal "Abseits" pfeifst oder einen 7-Meter wegen "Handspiel in der Zone" verhängst. Aber: längst nicht jeder technisch gute Regelpapst ist ein Spitzenschiedsrichter, und längst nicht jeder Spitzenschiedsrichter verfügt über eine gute Technik oder fundierte Regelkenntnisse. Einen Spitzenschiedsrichter zeichnet Spielverständnis, psychologische Ausgeglichenheit und vor allem eine souveräne Kommunikation mit allen Spielbeteiligten aus.
Es ist die durch eigene Erfahrung bestätigte Auffassung des Verfassers, daß etablierte Regionalligaschiedsrichter, die generell bereits über ein hohes Leistungsniveau verfügen, einen deutlichen Qualitätssprung vor allem dadurch erreichen können, daß sie sich bewußter mit dem Thema "Kommunikation" auseinandersetzen, allgemeine Grundprinzipien der Kommunikation erkennen und dann versuchen, Ihr Kommunikationsverhalten als SR zu reflektieren und in Zukunft souverän, d.h. bewußt und erfolgreich, gestalten.


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Viele meinen, in der Verständigung zwischen Menschen sei die Sprache das Wichtigste! Das ist ein Irrtum. Die Worte alleine sind der unwichtigste Teil der Mitteilungen eines Menschen.

Beispiel: Ein Trainer sagt zu einem Schiedsrichter: "Toller Pfiff"!
Wenn wir keine weiteren Informationen haben, können wir nicht bewerten, ob diese Mitteilung ein aufrichtiges Lob oder eine üble ironische Kritik darstellt, die ggf. sogar mit einem Technischen Foul geahndet werden muß.
Wichtiger als die Worte ("verbale Kommunikation") ist der Rest der Botschaften, die "non-verbale Kommunikation", d.h. die sogenannte Körpersprache und die "Para-Sprache" (nach dem engl. "paralanguage"). Insgesamt sind nur 7% der Botschaften verbale Kommunikation, aber 55% sind körpersprachliche und 38% sind parasprachliche Mitteilungen
[A. Mehrabian, Psychology Today, September 1968, S. 52-55.]. Körpersprache umfaßt die äußere Erscheinung (dicker Bauch, unrasiert, zerknitterte Kleidung, Alkoholfahne), die Haltung (gerade oder gebückt, Körperspannung) und die Art zu laufen, die Gestik (z.B. Hände in der Hosentasche, ausgestreckter Zeigefinger) und die Mimik (Grinsen, Trauermiene). Para-Sprache meint die stimmlichen Aspekte der Sprache ("Wichtig ist nicht, was Du sagst, sondern wie Du es sagst"), d.h. die Betonung, Lautstärke (Volumen), Stimmlage und Sprechgeschwindigkeit. So strahlt eine laute, feste Stimme Selbstvertrauen, und Aktivität aus; eine sanfte, leise Stimme vermittelt Vertrauenswürdigkeit und Verständnis.
Deshalb kommunizieren wir immer, auch dann wenn wir nichts sagen, da auch dann unser Körper für uns spricht .

Beispiel: Nach einem Foulpfiff kommt der Spieler auf den aktiven SR zu und sagt: "ich habe ihn gar nicht berührt." Der SR läßt die Schultern hängen und weicht den Blicken des Spielers aus - eine klare Fluchtgeste, der Spieler fühlt: der SR ist sich nicht sicher.
Mit der Körpersprache drückt unser Körper seinen Zustand und seine Beziehung zur Außen-welt aus. Deshalb können wir unsere innere Einstellung zwar verschweigen aber nicht verheimlichen! Die Worte des anderen richtig zu verstehen, das ist in der Regel einfach. Viel schwieriger ist es aber, die gesamte Botschaft des anderen richtig zu verstehen, weil man dabei neben der verbalen Information auch die non-verbale Information berücksichtigen muß. Dieser Vorgang (Empfang und "richtige" Decodierung einer Botschaft) ist sehr anspruchsvoll und stellt hohe Anforderungen an die Intelligenz, die Konzentration und die Menschenkenntnis bzw. das Einfühlungsvermögen (sog. "emotionale Intelligenz"). Gerade weil dieser Prozeß so anspruchsvoll ist, kommt es dabei immer wieder zu Fehlern, d.h. Mißverständnissen. Ein solches Mißverständnis liegt vor, wenn der Empfänger die Botschaft anders versteht, als derjenige, der sie gesendet hat.

Beispiel: Auf einer SR-Fortbildung ist am späten Abend ein Referat zu einem interessanten Thema angesetzt, vorher war ein körperlich anstrengender Teil in der Halle und auf dem Sportplatz. SR Achim ist dadurch schon sehr müde geworden und kann dem Vortrag kaum noch folgen. Er liegt im Stuhl, hat fast alle Körperspannung verloren und muß gelegentlich gähnen. Referent Bastian fragt: "habt Ihr noch Lust, ich könnte da noch einige interessante Dinge erzählen?" Achim will höflich sein und meint: "Na ja, es ist schon interessant..." Bastian versteht das als klares "Ja" und redet noch eine ganze Stunde weiter. SR Achim ist frustriert und kriegt langsam seinen Haß auf Bastian, denn eigentlich würde er jetzt viel lieber ein Bier trinken.
Solche Mißverständnisse können einerseits dadurch vermieden werden, daß wir nur noch eindeutige und klare Botschaften senden. Das sollten wir uns auch vornehmen, doch es ist nicht immer einfach, zumal uns gesellschaftliche Konventionen (z.B. die Höflichkeit) daran hindern können.

Beispiel: SR Achim will einen Anzug kaufen. Der Verkäufer Boris berät ihn sehr freundlich und kompetent. Trotzdem findet sich nur ein Anzug, der zu teuer ist und eigentlich die falsche Farbe hat. SR Achim sagt jetzt (wie die Mehrzahl aller Menschen): "Ich will mir das nochmal überlegen" oder "Ich komme später wieder", anstatt klar zu sagen: "Ihr habt nichts vernünftiges da, ich kaufe den Anzug woanders." Natürlich riskiert er, von Boris falsch verstanden zu werden.
Es ist wichtig zu begreifen, daß es wegen der Schwierigkeiten, die komplette Botschaft eines anderen richtig zu verstehen, vorkommen kann, daß mein Gegenüber etwas, was ich sage, anders versteht (manchmal sogar genau das Gegenteil), als ich es gemeint habe, und daß obwohl er mir nichts böses will und sich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, mit mir zu kommunizieren. Deswegen gilt:

Wahr ist nicht, was man sagt. Wahr ist, was der andere hört!

Der Sender und nicht der Empfänger ist für die erfolgreiche Kommunikation verantwortlich. Deshalb sollte ich versuchen, möglichst eindeutig zu kommunizieren, mich vergewissern, daß der andere mich richtig verstanden hat und im Zweifelsfall davon ausgehen, daß ich für ein Mißverständnis verantwortlich bin.
Deshalb: Rückkoppelung vornehmen, Nachfragen stellen, Mißverständnisse klären.

Wenn andere mir etwas mitteilen, nützt es allerdings nichts, daß ich mich darauf berufe, diese seien für Mißverständnisse verantwortlich. Jedes Mißverständnis belastet die Zusammenarbeit und macht mir meinen SR-Job unnötig schwerer.
Ich sollte daher - im eigenen Interesse - auch als Empfänger versuchen, die Botschaften des anderen richtig und vor allem vollständig zu verstehen. Voraussetzungen dazu sind konzentriertes Zuhören, Offenheit und die Bereitschaft, durch Nachfragen Mißverständnisse zu vermeiden.

Beispiel: Trainer Armin sagt nach dem Spiel zu SR Balthasar: "Deine Foulpfiffe waren ein Skandal, Du hast uns um den Sieg betrogen." Wenn SR Balthasar jetzt meint, er wüßte, was ihm Armin hätte sagen wollen und jetzt mit seiner Verteidigung beginnt, dann kann das Gespräch nur im Chaos enden. Sinnvoll wäre, erst einmal (durch Fragen, wie sonst) herauszubekommen, worum es Armin überhaupt geht. Beispielsweise:

  • "Wie meinst Du das genau?"
  • "Was hat Dich denn am meisten gestört?"
  • "Meinst Du damit, daß wir keine Linie hatten?"
  • "Meinst Du, daß wir gegen beide Mannschaften unterschiedlich gepfiffen haben?"

Auf diese Art und Weise könnte sich z.B. herausstellen, daß Armin im Prinzip nur gegen die neue Interpretation Vorteil/Nachteil ist, die seine Mannschaft, die mit wenig Körperkontakt spielen will, wie er meint, benachteiligt. Gegen die SR-Leistung hat er gar nicht direkt etwas. Wenn SR Balthasar das weiß, können die beiden ihr Gespräch viel konstruktiver führen.
Deshalb gilt:

Im Zweifelsfalle gar nichts sagen, lieber erstmal etwas fragen!

Wir sehen, daß die erfolgreiche Kommunikation schon bei ganz normaler - störungsfreier - Ausgangslage nicht ganz einfach ist. Jetzt gibt es allerdings noch Störfaktoren, die das gegenseitige Verstehen noch schwieriger machen.

Bei der Kommunikation tauschen wir nämlich nicht nur sachliche Botschaften aus. Jede Kommunikation verläuft auf zwei Ebenen, der Inhaltsebene und der Beziehungsebene, wobei letztere erstere definiert. ["Grundgesetz der Kommunikation" nach:Watzlawick, Beavon & Jackson: Kommunikation - Fomen, Störungen, Paradoxien, Stuttgart, 6. Aufl., 1982]

Das Verständnis der Botschaft wird also ganz wesentlich durch die emotionale Beziehung zwischen Sender und Empfänger geprägt.

Jetzt bestellen bei Amazon.de!Beispiel: Im letzten Spiel hatte sich SR Arnulf von Trainer Berthold permanent "anmachen" lassen, weil er den richtigen Zeitpunkt verpaßt hatte, dagegen vorzugehen. Nach dem Spiel hatte sich der SR sehr darüber geärgert. Anschließend hörte Arnulf von den Kollegen, daß sie auch immer Probleme mit ihm hätten. Jetzt bekommt Arnulf wieder eine Ansetzung bei Berthold. Auf dem Weg zum Spiel nimmt er sich vor: "der tanzt mir nicht mehr auf der Nase herum". In der 2. Minute pfeift Arnulf ein Offensiv-Foul "bewegter Block". Trainer Berthold ruft: "Toller Pfiff!"
Wie wird Arnulf jetzt wohl reagieren? Er wird sich denken, "jetzt fängt der schon wieder an, aber nicht mit mir" und das T-Foul pfeifen. Und was, wenn Trainer Berthold dachte: "von dem SR halte ich zwar nichts, aber wenigstens mal ein SR, der auf weak-side-Fouls achtet" und das ganz positiv meinte? Wird Arnulf das richtig verstehen? Wohl nicht!
Wir versuchen, bei der Decodierung (d.h. dem "Verstehen") der Botschaften, unsere Erfahrungen mit dem anderen (die "Vorgeschichte") und unsere Einschätzung des anderen zu berücksichtigen. Was wir hören, versuchen wir dann so zu interpretieren, daß es mit diesen Ansichten übereinstimmt, frei nach dem Motto, daß "nicht sein kann, was nicht sein darf".
Wenn wir das nicht bewußt steuern, besteht die Gefahr, daß wir unseren Gegenüber regelmäßig falsch verstehen, wenn er einmal von unseren Erwartungen bzw. "Vorurteilen" abweicht. Wir müssen uns das vor allem bewußt machen, damit wir nicht auf der Grundlage dieser Vor-Urteile unterschiedliche Maßstäbe anlegen (z.B. bei Trainer Pesic: "Der schreit ja immer, das ist nichts gegen mich persönlich, da muß man weghören." Bei Trainer xy: "Der ist doch sonst ruhig, was macht der mich denn jetzt so an, hat der was gegen mich?")
Übrigens: auch eine positive Beziehungsebene kann zu Mißverständnissen führen und mich bei meiner Arbeit als SR behindern.

Beispiel: SR Arthur kennt Trainer Beppo schon seit 25 Jahren, hat mit ihm damals zusammen in der Jugendmannschaft gespielt und ist mit ihm seit dieser Zeit befreundet. Heute hat Arthur aber einen schlechten Tag und pfeift katastrophal. Nach einiger Zeit kann es Beppo nicht mehr aushalten und ruft zornerfüllt und ironisch: "Toller Pfiff". Wie wird das SR Arthur wohl verstehen? Wohl kaum als ernsthaften persönlichen Angriff auf seine Autorität.
Dieses Problem gilt es sich bewußt zu machen, und sich selbst zu zwingen - anders als im "normalen Leben", in jedem Spiel als Schiedsrichter die Kommunikation mit jedem Spielbeteiligten möglichst "bei Null", d.h. neutral zu beginnen, - auch wenn das niemals ganz funktionieren wird.

Außerdem führt eine negative Beziehungsebene, d.h. Spannungen, Vorbehalte und Feindseligkeiten, zusätzlich zum sogenannten "Psychologischen Nebel", der zusätzliche Mißverständnisse hervorrufen kann. Dieser psychologische Nebel schluckt - wie der physikalische Nebel - Bild und Ton, d.h. einen Teil der mit der Botschaft gesendeten Information.
Der psychologische Nebel wird insbesondere durch jede Kritik und jeden Angriff gegen den Gesprächspartner ausgelöst bzw. verstärkt.
Wenn uns nämlich jemand positiv sieht, erhöht das unser Selbstwertgefühl (SWG), wenn uns jemand negativ sieht, gefährdet das unser SWG.
Jeder Angriff auf unser SWG führt zu einem Nicht-OK-Gefühl. Dieses Gefühl erschwert die Kommunikation, weil der Körper diesen Angriff als eine Gefahr begreift, die in ihrer Wirkung mit einer physischen Gefahr (z.B. ich werde von einem Raubtier angegriffen) gleichzusetzen ist. Auf jede Gefahr reagiert der Körper mit einer Orientations-Reaktion (OR) [
Vera Birkenbihl, Kommunikationstraining, S. 156ff]. Dabei übernimmt einer der ältesten Gehirnteile (das "Reptiliengehirn", ca. 150 Millionen Jahre alt) die Steuerung unseres Körpers. Nun werden Streßhormone (Adrenaline, Noradrenaline, Katecholamine, Kortikoide usw.) ausgeschüttet, die den Körper für eine Kampf-oder-Flucht-Situation optimieren. D.h. es wird Energie dort eingespart, wo sie dafür nicht unbedingt benötigt wird (bei der Verdauung, leider aber auch im Gehirn bei den "höheren Denkprozessen") und diese Energie wird in den Muskeln bereitgestellt. Dadurch wird die Aufnahmefähigkeit begrenzt, es tritt eine Gesichtsfeldverengung ein ("mir wird schwarz vor Augen"); eine erfolgreiche Kommunikation wird blockiert.
Der homo sapiens wird zum hoRmo sapiens! [
Birkenbihl]

Es ist klar, daß man möglichst vermeiden sollte, den anderen durch Kritik und Widerspruch gegen seine Meinungen und Überzeugungen in diese kommunikationsfeindliche Kampf- oder Fluchtsituation zu bringen.
Kritik läßt sich aber nicht immer vermeiden, gerade nicht als SR. Ich sollte aber dort, wo es für das Spiel nicht darauf ankommt, dem anderen seine Meinung lassen und ihn nicht mit Gewalt zu überzeugen versuchen.
"Zweinigen" (nach Birkenbihl) - "Let´s agree to differ!"
Diese Kampf-oder-Flucht-Reaktion, die für die Kommunikation schädlich ist, trifft natürlich nicht nur den anderen, sondern auch mich als Schiedsrichter.

Beispiele: Das Publikum pfeift mich aus, ein Spielbeteiligter beleidigt mich oder meckert immer wieder, ich merke, daß ich einen Fehler gemacht habe.
Für mich als Schiedsrichter ist sie besonders gefährlich, weil sie zu schlechten (emotionalen) Pfiffen und Kurzschlußreaktionen führt.
Weil dieser Prozeß instinktgesteuert abläuft, kann ich ihn nicht verhindern. Ich kann ihn mir aber bewußt machen, um ihn erkennen zu können, wenn er in mir abläuft. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Ein gutes Mittel, um schnell zur Ruhe zu kommen, ist tiefe (Bauch-)atmung, denn Atmen entspannt und entkrampft.

Jede Wertschätzung unserer Person oder Anerkennung unserer Leistung (Lob) erhöht unser SWG, fördert also die Kommunikation.
Erfolgreich kommunizieren heißt: das SWG des anderen achten, den anderen nicht unnötig kritisieren, Kritik stets in akzeptabler Form vorbringen und mit Lob und Anerkennung für den Gegenüber nicht sparen.
(Beachte: es gibt ein Mißverhältnis im verhaltensunauffälligen Bereich)

Ein dritter Störfaktor ist fehlende Konzentration, die zu mißverständlicher Kommunikation führen kann. Insbesondere bei hoher körperlicher Ermüdung sinkt die Konzentrationsfähigkeit. Deshalb ist fehlende Kondition für einen SR auch unter dem Gesichtspunkt der erfolgreichen Kommunikation ein Problem. Gerade zum Spielende, wenn es am wichtigsten wäre, in einer aufgeheizten Atmosphäre souverän zu kommunizieren und das Spiel "im Griff zu halten", häufen sich dann auch noch konzentrationsbedingte Kommunikationsmängel und Mißverständnisse.

Optimal kommunizieren heißt auch, die Bedürfnisse des anderen zu (be-)achten, insbesondere den anderen richtig zu motivieren.
Jemanden motivieren heißt, jemanden dazu zu bewegen, ein von mir gewünschtes Verhalten an den Tag zu legen. Dabei sollte ich versuchen, soviel positive (an den Bedürfnissen des Gegenübers orientierte) Motivation wie möglich einzusetzen und die negative Motivation (KITA - "kick in the ass") zu minimieren.
Dafür muß ich mich allerdings in meinen Gegenüber, als SR also in die anderen Spielbeteiligten, hineinversetzen, um mir klar zu werden, was ihn in seinem Handeln antreibt. Nur wenn ich ihn - gerade in seiner Rolle für das Spiel - verstehe, kann ich nämlich richtig auf ihn reagieren und mit ihm kommunizieren.

"Wenn es ein Geheimnis des Erfolges gibt, so ist es das: den Standpunkt des anderen zu verstehen und die Dinge mit seinen Augen zu sehen." [Henry Ford]

denn:
"Der erfolgreiche Mensch beschäftigt sich mit den Interessen der anderen, der erfolglose und der gewöhnliche Mensch vorwiegend mit seinen eigenen Interessen."
(Alfred Adler)

II. Spezielle Folgerungen für die Schiedsrichtertätigkeit

»Kommuniziere bewußt, dann kommunizierst Du erfolgreich.«

»Es gibt immer drei Meinungen: Deine, die des Anderen und die richtige.«
(Die Meinung der SR ist zwar aus praktischen Gründen maßgeblich,
aber deswegen ist sie noch lange nicht die richtige!)

»Lasse Dich nicht von Deinen (Streß-)hormonen beherrschen.«

»Unterscheide Kritik an Dir als Mensch und rollenbezogene Kritik.«

»Wenn das Spiel läuft, sind alle beschäftigt; in den Pausen haben sie viel Zeit für unerfreuliche Kommunikation. Also: halte das Spiel (vor allem in heikler Situation) am laufen!«

»Das Spiel ist wichtig, nicht Du; nur schlechte Schiedsrichter stehen im Mittelpunkt.« (Schiedsrichter sollen nur reagieren, nicht selber agieren!)

a) Kommunikation mit Trainern

Sei Dir stets bewußt, unter welchem großen Druck der Trainer in seiner Rolle steht. Für Dich ist ein Spiel bei Spielende vorbei, ihn kann das Spiel den Job kosten.
Sei Dir stets bewußt, daß der Trainer - anders als Du oder ein Spieler - seine Anspannung (Frustration, Streß) nicht über motorische Aktivität (rennen, springen, kämpfen etc.) verar-beiten kann. Trainer erreichen häufig höhere Pulsfrequenzen als die beteiligten Spieler.
Sei Dir stets bewußt, daß es ihm bei seinen Aktionen (fast) nie um Dich als Mensch geht, sondern um seinen Erfolg im Spiel, der von Deinen rollenbezogenen Entscheidungen abhängen kann.
Sei Dir bewußt, daß er Deiner Entscheidungsgewalt (nennen wir es ruhig: "Macht") während des Spieles ohnmächtig gegenüber steht, und daß das für ihn, der ansonsten bestimmt, wo es langgeht, eine ungewohnte Situation ist.
Du verlangst vom Trainer, daß er Deine Autorität als Schiedsrichter vollständig anerkennt. Erkenne daher auch seine Autorität als Trainer an und meine nicht, der "bessere Trainer" zu sein.
Stelle niemals die Autorität des Trainers vor seinem Team in Frage. Hilf ihm, unter allen Umständen das Gesicht zu bewahren. Zwing ihn nicht "Männchen zu machen". Für einen solchen Machtmißbrauch Deinerseits wird er sich rächen, wenn er einmal die Macht hat (z.B. bei Schiedsrichterbeurteilungen).

  • Begrüße beim Eintreffen in der Halle beide Trainer. Stelle Dich vor und sprich ein wenig mit ihnen. Vermeide den Eindruck von Verbrüderung und achte auf Gleichmäßigkeit. Bewahre die Distanz, die Deine Rolle erfordert.
  • Vermeide jede kritische Äußerung über andere Spiele, Trainer, Schiedsrichter o.ä.
  • Erledige die administrativen Aufgaben korrekt aber sei Dir bewußt, daß das Nebensächlichkeiten sind.
  • Gib den Trainern vor dem Spiel die Hand und wünsche ihnen "Viel Erfolg" o.ä.
  • Die Trainer sind Deine wichtigsten Verbündeten. Gebe Dir besonders viel Mühe, mit ihnen erfolgreich zu kommunizieren.
  • Wenn ein Trainer versucht, mit Dir zu kommunizieren, dann ignoriere ihn nicht. Zeige eine Reaktion.
  • Wenn nötig erkläre Deine Entscheidungen kurz, aber diskutiere sie nicht. Verzögere auf keinen Fall das Spiel.
  • Steuere die Beziehung bewußt. Setze auf kollegiale Zusammenarbeit. Wenn es aber notwendig ist, autoritär zu sein, dann handle entschlossen und konsequent. (Es darf nur eine "letzte Verwarnung" geben)
  • Gib Dir und allen anderen Spielbeteiligten nach dem Schlußpfiff die Zeit, um zur Ruhe zu kommen und vermeide unmittelbar nach dem Schlußpfiff (vor allem bei hitzigen Spielen) jede Diskussion. Stehe nach dem Duschen für Gespräche zur Verfügung.
  • Höre aufmerksam zu, wenn jemand Kritik äußert und versuche, den Inhalt durch Rückfragen genau zu klären. Versuche dann darauf einzugehen. Mache dabei deutlich, daß Du nur Deine Meinung äußerst und die Kritik nicht bewerten möchtest. Vermeide Phrasen wie: "Du mußt (einsehen)...", "Das stimmt nicht...", "Nein!", "Falsch!", "Hör mal zu", "Ich sage Dir ganz klar..." etc.
  • Versuche Dich im Gespräch auf die "Linie" zu beziehen und von "Einzelentscheidungen" wegzukommen.
  • Stehe dazu, daß auch Du Fehler machst!
  • Sprich nicht negativ über das Spiel - zu niemandem!

b) Kommunikation mit Spielern

Sei Dir bewußt, daß die Spieler - insbesondere in höheren Ligen - unter einem großen inneren und äußeren Druck stehen. Ihre Situation ist derjenigen der Schiedsrichter insofern vergleichbar, daß auch ihre Fehler sofort offensichtlich sind (Fehlwurf, Fehlpaß etc.).
Sei Dir bewußt, daß Spieler für ihre Frustration manchmal nach einem "Blitzableiter" suchen.

  • Vermeide es möglichst, daß sich Frustration aufstaut. Gebe Dich, wenn möglich, locker und entspannt. Nimm von Zeit zu Zeit die Pfeife aus dem Mund, lächle und kommuniziere rechtzeitig mit den Spielern.
  • Wenn ein Spieler versucht, mit Dir zu kommunizieren, dann ignoriere ihn nicht. Zeige eine Reaktion.
  • Wenn nötig, erkläre Deine Entscheidungen kurz, aber diskutiere sie nicht. Verzögere auf keinen Fall das Spiel.
  • Steuere die Beziehung bewußt. Setze auf kollegiale Zusammenarbeit. Wenn es aber notwendig ist, autoritär zu sein, dann handle entschlossen und konsequent. (Es darf nur eine "letzte Verwarnung" geben)
  • Stehe dazu, daß Du auch Fehler machst.

c) Kommunikation mit Kampfrichtern

Sei Dir bewußt, daß die Kampfrichter Deine Kollegen sind. Behandle sie kollegial und fair. Hilf ihnen wenn möglich und nötig und vermeide Belehrungen oder eine Behandlung als Dienstpersonal bzw. Lakaien.
Bedenke, daß das Kampfgericht im Gegensatz zu Dir meist kostenlos für den Sport arbeitet. Sei Dir bewußt, daß Du es mit unterschiedlichen Leuten zu tun bekommst (Profis und "blutigen Anfängern"). Gib daher jedem Kampfrichter eine Chance.
Sei Dir bewußt, daß Dir das Kampfgericht große Schwierigkeiten bereiten kann, wenn es nicht gut arbeitet.

  • Begrüße das Kampfgericht und mache Dich namentlich bekannt. Sprich die Kampfrichter mit Namen an.
  • Du wünschst Deinem SR-Kollegen vor dem Spiel ein "gutes Spiel" und gibst ihm die Hand - also tue das auch mit Deinen Kollegen am Kampfgericht.
  • Bedanke Dich nach dem Spiel für die Arbeit der Kampfrichter.

d) Kommunikation mit Ersatzspielern und Mannschaftsbegleitern

Sei Dir bewußt, daß Ersatzspieler und Mannschaftsbegleiter in Versuchung kommen können, ihre "freie Zeit" damit zu verschwenden, die Kommunikation mit Dir zu suchen. Darauf solltest Du Dich nicht einlassen; es gibt keinen sportlichen Grund, warum diese Personen auf das Spiel Einfluß nehmen können sollten.

  • Vermeide direkte Kommunikation mit Ersatzspielern und Mannschaftsbegleitern. Bitte den Trainer, die Mannschaftsbank zur Ruhe zu bringen.
  • Lasse positive Emotionen auf der Mannschaftsbank zu (Anfeuern ihrer Mannschaft etc.), aber unterbinde streng jede negative Einflußnahme (Kritik an Schiedsrichtern oder anderer Mannschaft o.ä.).

e) Kommunikation mit Zuschauern

Sei Dir bewußt, daß die Zuschauer niemals objektiv sein werden. Versuche, jegliche verbale  Kommunikation mit den Zuschauern zu vermeiden; vermeide nach Möglichkeit auch den Blickkontakt.

  • Versuche, die Zuschauer zu ignorieren.
  • Aber: bedanke Dich, wenn Dir ein Zuschauer hilft (z.B. den Ball zupaßt).

f) nach einem schlechten Pfiff

Du wirst in Deiner Karriere häufig Pfiffe nehmen, die schlecht sind, und oft wirst Du es wissen. Nach einem schlechten Pfiff soll kein Technisches Foul gepfiffen werden; die Mannschaft ist bestraft genug.
Erstens prüfe, ob Du die Entscheidung zurücknehmen kannst. Dieses ist ein Zeichen von Stärke! (Es wird erst dann zum Zeichen von Schwäche, wenn es sich in einem Spiel mehrfach wiederholt).
Wenn das Zurücknehmen aufgrund der Situation nicht möglich ist, dann Augen zu und durch. Setze das Spiel möglichst schnell fort, überhöre alles, was Du überhören kannst, lasse Dich nicht auf Diskussionen ein und vermeide die Konzessionsentscheidung. (Vermeide aber auch, daß die nächste Entscheidung gegen diese Mannschaft wieder falsch ist).

g) Technisches Foul

Ein Technisches Foul ist keine große Sache, wenn Du keine große Sache daraus machst. Jemand hat die Regeln übertreten (wie beim Schrittfehler), Du hast es gesehen und geahndet: fertig!
Pfeife ganz normal, zeige das Foul ganz normal an, führe die Strafen ganz normal aus und sorge dafür, daß das Spiel schnell weitergeht.
Nach der Ausführung der Strafen solltest Du das Technische Foul vergessen. Die Aktion wurde bestraft und es ist sowohl falsch, die Aktion dem Trainer oder Spieler weiter nachzutragen (auf ihn "sauer" zu sein), als auch ein schlechtes Gewissen zu haben und "etwas gutmachen" zu wollen.

Ein guter Schiedsrichter ist man nicht, wenn man keine Technischen Fouls pfeift.
Ein guter Schiedsrichter ist man, wenn man keine Situationen provoziert, in denen man ein Technisches Foul pfeifen muß.
Deshalb ist Deeskalation, freundliche Kooperation mit allen Spielbeteiligten und eine klare konsequente Linie (Berechenbarkeit) Voraussetzung für bessere Kommunikation als Schiedsrichter.

Literaturempfehlung:

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Kommunikationstraining - Zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten mvg-Taschenbuch, 16,90 DM

 

 

 

Robert S. Weinberg / Peggy A. Richardson:
Psychology of Officiating, Leisure Press, Champaign, Ill., USA

 

 

 

Autor:

m+pc
management and political communications
Andreas Winheller
Lessingstr. 13a
55118 Mainz
Tel. 06131/2756844
Fax 06131/2756845
E-mail: office@m-plus-pc.de

(Der Text ist das hand-out, das die Teilnehmer der Oberliga- und Regionalliga-SR-Fortbildungen im WBV 1999 zur Nachbereitung des gleichnamigen Referates des Verfassers erhielten.
Der Autor ist Bundesligaschiedsrichter und Schiedsrichterlehrer des Westdeutschen Basketball-Verbandes und arbeitet seit 1992 als selbständiger Kommunikationstrainer für Verbände, Parteien und Wirtschaftsunternehmen. Schwerpunkte: allg. Rhetorik, Verkaufstraining, Konflikte lösen im Team)

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann