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O. Vorbemerkung
Überall dort,
wo Menschen miteinander zu tun haben, so auch im Mannschaftssport,
ist die Art, wie sie miteinander kommunizieren, sehr
wichtig für ihren Erfolg. Kommunizieren bedeutet
das Aussenden und das Empfangen von Mitteilungen (lat.
communicatio = Mitteilung). Es ist ein Irrglaube,
wenn gemeint wird, man brauche vor allem eine perfekte
Schiedsrichtertechnik und hervorragende Regelkenntnis,
um ein Spitzenschiedsrichter zu werden. Natürlich
macht es den Job leichter, wenn man weiß, wo man
stehen muß, wohin man schauen muß und wie
man die Arme zu halten hat, damit man nach Basketball-Schiedsrichter
aussieht. Natürlich könnte es auch Erstaunen
hervorrufen, wenn Du auf einmal "Abseits" pfeifst oder
einen 7-Meter wegen "Handspiel in der Zone" verhängst.
Aber: längst nicht jeder technisch gute Regelpapst
ist ein Spitzenschiedsrichter, und längst nicht
jeder Spitzenschiedsrichter verfügt über eine
gute Technik oder fundierte Regelkenntnisse. Einen Spitzenschiedsrichter
zeichnet Spielverständnis, psychologische
Ausgeglichenheit und vor allem eine souveräne Kommunikation
mit allen Spielbeteiligten aus. Es ist die durch
eigene Erfahrung bestätigte Auffassung des Verfassers,
daß etablierte Regionalligaschiedsrichter, die
generell bereits über ein hohes Leistungsniveau
verfügen, einen deutlichen Qualitätssprung
vor allem dadurch erreichen können, daß sie
sich bewußter mit dem Thema "Kommunikation" auseinandersetzen,
allgemeine Grundprinzipien der Kommunikation erkennen
und dann versuchen, Ihr Kommunikationsverhalten als
SR zu reflektieren und in Zukunft souverän, d.h.
bewußt und erfolgreich, gestalten.
I. Allgemeine
Kommunikationsprinzipien
Viele meinen, in der
Verständigung zwischen Menschen sei die Sprache
das Wichtigste! Das ist ein Irrtum. Die Worte alleine
sind der unwichtigste Teil der Mitteilungen eines Menschen.
Beispiel: Ein
Trainer sagt zu einem Schiedsrichter: "Toller Pfiff"!
Wenn wir keine weiteren Informationen haben, können
wir nicht bewerten, ob diese Mitteilung ein aufrichtiges
Lob oder eine üble ironische Kritik darstellt,
die ggf. sogar mit einem Technischen Foul geahndet werden
muß. Wichtiger als die Worte ("verbale Kommunikation")
ist der Rest der Botschaften, die "non-verbale
Kommunikation", d.h. die sogenannte Körpersprache
und die "Para-Sprache" (nach dem engl. "paralanguage").
Insgesamt sind nur 7% der Botschaften verbale Kommunikation,
aber 55% sind körpersprachliche und 38% sind parasprachliche
Mitteilungen [A. Mehrabian, Psychology Today, September
1968, S. 52-55.]. Körpersprache umfaßt
die äußere Erscheinung (dicker Bauch, unrasiert,
zerknitterte Kleidung, Alkoholfahne), die Haltung (gerade
oder gebückt, Körperspannung) und die Art
zu laufen, die Gestik (z.B. Hände in der Hosentasche,
ausgestreckter Zeigefinger) und die Mimik (Grinsen,
Trauermiene). Para-Sprache meint die stimmlichen Aspekte
der Sprache ("Wichtig ist nicht, was Du sagst, sondern
wie Du es sagst"), d.h. die Betonung, Lautstärke
(Volumen), Stimmlage und Sprechgeschwindigkeit. So strahlt
eine laute, feste Stimme Selbstvertrauen, und Aktivität
aus; eine sanfte, leise Stimme vermittelt Vertrauenswürdigkeit
und Verständnis. Deshalb kommunizieren wir
immer, auch dann wenn wir nichts sagen, da auch dann
unser Körper für uns spricht .
Beispiel: Nach
einem Foulpfiff kommt der Spieler auf den aktiven SR
zu und sagt: "ich habe ihn gar nicht berührt."
Der SR läßt die Schultern hängen und
weicht den Blicken des Spielers aus - eine klare Fluchtgeste,
der Spieler fühlt: der SR ist sich nicht sicher.
Mit der Körpersprache drückt unser Körper
seinen Zustand und seine Beziehung zur Außen-welt
aus. Deshalb können wir unsere innere Einstellung
zwar verschweigen aber nicht verheimlichen! Die Worte
des anderen richtig zu verstehen, das ist in der Regel
einfach. Viel schwieriger ist es aber, die gesamte Botschaft
des anderen richtig zu verstehen, weil man dabei neben
der verbalen Information auch die non-verbale Information
berücksichtigen muß. Dieser Vorgang (Empfang
und "richtige" Decodierung einer Botschaft)
ist sehr anspruchsvoll und stellt hohe Anforderungen
an die Intelligenz, die Konzentration und die Menschenkenntnis
bzw. das Einfühlungsvermögen (sog. "emotionale
Intelligenz"). Gerade weil dieser Prozeß
so anspruchsvoll ist, kommt es dabei immer wieder zu
Fehlern, d.h. Mißverständnissen. Ein solches
Mißverständnis liegt vor, wenn der Empfänger
die Botschaft anders versteht, als derjenige, der sie
gesendet hat.
Beispiel: Auf
einer SR-Fortbildung ist am späten Abend ein Referat
zu einem interessanten Thema angesetzt, vorher war ein
körperlich anstrengender Teil in der Halle und
auf dem Sportplatz. SR Achim ist dadurch schon sehr
müde geworden und kann dem Vortrag kaum noch folgen.
Er liegt im Stuhl, hat fast alle Körperspannung
verloren und muß gelegentlich gähnen. Referent
Bastian fragt: "habt Ihr noch Lust, ich könnte
da noch einige interessante Dinge erzählen?"
Achim will höflich sein und meint: "Na ja,
es ist schon interessant..." Bastian versteht das
als klares "Ja" und redet noch eine ganze
Stunde weiter. SR Achim ist frustriert und kriegt langsam
seinen Haß auf Bastian, denn eigentlich würde
er jetzt viel lieber ein Bier trinken. Solche Mißverständnisse
können einerseits dadurch vermieden werden, daß
wir nur noch eindeutige und klare Botschaften senden.
Das sollten wir uns auch vornehmen, doch es ist nicht
immer einfach, zumal uns gesellschaftliche Konventionen
(z.B. die Höflichkeit) daran hindern können.
Beispiel: SR
Achim will einen Anzug kaufen. Der Verkäufer Boris
berät ihn sehr freundlich und kompetent. Trotzdem
findet sich nur ein Anzug, der zu teuer ist und eigentlich
die falsche Farbe hat. SR Achim sagt jetzt (wie die
Mehrzahl aller Menschen): "Ich will mir das nochmal
überlegen" oder "Ich komme später
wieder", anstatt klar zu sagen: "Ihr habt
nichts vernünftiges da, ich kaufe den Anzug woanders."
Natürlich riskiert er, von Boris falsch verstanden
zu werden. Es ist wichtig zu begreifen, daß
es wegen der Schwierigkeiten, die komplette Botschaft
eines anderen richtig zu verstehen, vorkommen kann,
daß mein Gegenüber etwas, was ich sage, anders
versteht (manchmal sogar genau das Gegenteil), als ich
es gemeint habe, und daß obwohl er mir nichts
böses will und sich nach bestem Wissen und Gewissen
bemüht, mit mir zu kommunizieren. Deswegen gilt:
Wahr ist nicht,
was man sagt. Wahr ist, was der andere hört!
Der Sender und nicht
der Empfänger ist für die erfolgreiche Kommunikation
verantwortlich. Deshalb sollte ich versuchen, möglichst
eindeutig zu kommunizieren, mich vergewissern, daß
der andere mich richtig verstanden hat und im Zweifelsfall
davon ausgehen, daß ich für ein Mißverständnis
verantwortlich bin. Deshalb: Rückkoppelung
vornehmen, Nachfragen stellen, Mißverständnisse
klären.
Wenn andere mir etwas
mitteilen, nützt es allerdings nichts, daß
ich mich darauf berufe, diese seien für Mißverständnisse
verantwortlich. Jedes Mißverständnis belastet
die Zusammenarbeit und macht mir meinen SR-Job unnötig
schwerer. Ich sollte daher - im eigenen Interesse
- auch als Empfänger versuchen, die Botschaften
des anderen richtig und vor allem vollständig zu
verstehen. Voraussetzungen dazu sind konzentriertes
Zuhören, Offenheit und die Bereitschaft, durch
Nachfragen Mißverständnisse zu vermeiden.
Beispiel: Trainer
Armin sagt nach dem Spiel zu SR Balthasar: "Deine
Foulpfiffe waren ein Skandal, Du hast uns um den Sieg
betrogen." Wenn SR Balthasar jetzt meint, er wüßte,
was ihm Armin hätte sagen wollen und jetzt mit
seiner Verteidigung beginnt, dann kann das Gespräch
nur im Chaos enden. Sinnvoll wäre, erst einmal
(durch Fragen, wie sonst) herauszubekommen, worum es
Armin überhaupt geht. Beispielsweise:
- "Wie meinst
Du das genau?"
- "Was hat
Dich denn am meisten gestört?"
- "Meinst Du
damit, daß wir keine Linie hatten?"
- "Meinst Du,
daß wir gegen beide Mannschaften unterschiedlich
gepfiffen haben?"
Auf diese Art und Weise
könnte sich z.B. herausstellen, daß Armin
im Prinzip nur gegen die neue Interpretation Vorteil/Nachteil
ist, die seine Mannschaft, die mit wenig Körperkontakt
spielen will, wie er meint, benachteiligt. Gegen die
SR-Leistung hat er gar nicht direkt etwas. Wenn SR Balthasar
das weiß, können die beiden ihr Gespräch
viel konstruktiver führen. Deshalb gilt:
Im
Zweifelsfalle gar nichts sagen, lieber erstmal etwas
fragen!
Wir sehen, daß
die erfolgreiche Kommunikation schon bei ganz normaler
- störungsfreier - Ausgangslage nicht ganz einfach
ist. Jetzt gibt es allerdings noch Störfaktoren,
die das gegenseitige Verstehen noch schwieriger machen.
Bei der Kommunikation
tauschen wir nämlich nicht nur sachliche Botschaften
aus. Jede Kommunikation verläuft auf zwei Ebenen,
der Inhaltsebene und der Beziehungsebene, wobei letztere
erstere definiert. ["Grundgesetz
der Kommunikation" nach:Watzlawick, Beavon &
Jackson: Kommunikation - Fomen, Störungen, Paradoxien,
Stuttgart, 6. Aufl., 1982]
Das Verständnis
der Botschaft wird also ganz wesentlich durch die emotionale
Beziehung zwischen Sender und Empfänger geprägt.
Beispiel: Im
letzten Spiel hatte sich SR Arnulf von Trainer Berthold
permanent "anmachen" lassen, weil er den richtigen
Zeitpunkt verpaßt hatte, dagegen vorzugehen. Nach
dem Spiel hatte sich der SR sehr darüber geärgert.
Anschließend hörte Arnulf von den Kollegen,
daß sie auch immer Probleme mit ihm hätten.
Jetzt bekommt Arnulf wieder eine Ansetzung bei Berthold.
Auf dem Weg zum Spiel nimmt er sich vor: "der tanzt
mir nicht mehr auf der Nase herum". In der 2. Minute
pfeift Arnulf ein Offensiv-Foul "bewegter Block".
Trainer Berthold ruft: "Toller Pfiff!"
Wie wird Arnulf jetzt wohl reagieren? Er wird sich denken,
"jetzt fängt der schon wieder an, aber nicht
mit mir" und das T-Foul pfeifen. Und was, wenn
Trainer Berthold dachte: "von dem SR halte ich
zwar nichts, aber wenigstens mal ein SR, der auf weak-side-Fouls
achtet" und das ganz positiv meinte? Wird Arnulf das
richtig verstehen? Wohl nicht! Wir versuchen, bei
der Decodierung (d.h. dem "Verstehen") der
Botschaften, unsere Erfahrungen mit dem anderen (die
"Vorgeschichte") und unsere Einschätzung
des anderen zu berücksichtigen. Was wir hören,
versuchen wir dann so zu interpretieren, daß es
mit diesen Ansichten übereinstimmt, frei nach dem
Motto, daß "nicht sein kann, was nicht sein
darf". Wenn wir das nicht bewußt steuern,
besteht die Gefahr, daß wir unseren Gegenüber
regelmäßig falsch verstehen, wenn er einmal
von unseren Erwartungen bzw. "Vorurteilen"
abweicht. Wir müssen uns das vor allem bewußt
machen, damit wir nicht auf der Grundlage dieser Vor-Urteile
unterschiedliche Maßstäbe anlegen (z.B. bei
Trainer Pesic: "Der schreit ja immer, das ist nichts
gegen mich persönlich, da muß man weghören."
Bei Trainer xy: "Der ist doch sonst ruhig, was
macht der mich denn jetzt so an, hat der was gegen mich?")
Übrigens: auch eine positive Beziehungsebene kann
zu Mißverständnissen führen und mich
bei meiner Arbeit als SR behindern.
Beispiel: SR
Arthur kennt Trainer Beppo schon seit 25 Jahren, hat
mit ihm damals zusammen in der Jugendmannschaft gespielt
und ist mit ihm seit dieser Zeit befreundet. Heute hat
Arthur aber einen schlechten Tag und pfeift katastrophal.
Nach einiger Zeit kann es Beppo nicht mehr aushalten
und ruft zornerfüllt und ironisch: "Toller
Pfiff". Wie wird das SR Arthur wohl verstehen?
Wohl kaum als ernsthaften persönlichen Angriff
auf seine Autorität. Dieses Problem gilt es
sich bewußt zu machen, und sich selbst zu zwingen
- anders als im "normalen Leben", in jedem
Spiel als Schiedsrichter die Kommunikation mit jedem
Spielbeteiligten möglichst "bei Null",
d.h. neutral zu beginnen, - auch wenn das niemals ganz
funktionieren wird.
Außerdem führt
eine negative Beziehungsebene, d.h. Spannungen, Vorbehalte
und Feindseligkeiten, zusätzlich zum sogenannten
"Psychologischen Nebel", der zusätzliche
Mißverständnisse hervorrufen kann. Dieser
psychologische Nebel schluckt - wie der physikalische
Nebel - Bild und Ton, d.h. einen Teil der mit der Botschaft
gesendeten Information. Der psychologische Nebel
wird insbesondere durch jede Kritik und jeden Angriff
gegen den Gesprächspartner ausgelöst bzw.
verstärkt. Wenn uns nämlich jemand positiv
sieht, erhöht das unser Selbstwertgefühl (SWG),
wenn uns jemand negativ sieht, gefährdet das unser
SWG. Jeder Angriff auf unser SWG führt zu einem
Nicht-OK-Gefühl. Dieses Gefühl erschwert die
Kommunikation, weil der Körper diesen Angriff als
eine Gefahr begreift, die in ihrer Wirkung mit einer
physischen Gefahr (z.B. ich werde von einem Raubtier
angegriffen) gleichzusetzen ist. Auf jede Gefahr reagiert
der Körper mit einer Orientations-Reaktion (OR) [Vera
Birkenbihl, Kommunikationstraining, S. 156ff]. Dabei
übernimmt einer der ältesten Gehirnteile (das
"Reptiliengehirn", ca. 150 Millionen Jahre
alt) die Steuerung unseres Körpers. Nun werden
Streßhormone (Adrenaline, Noradrenaline, Katecholamine,
Kortikoide usw.) ausgeschüttet, die den Körper
für eine Kampf-oder-Flucht-Situation optimieren.
D.h. es wird Energie dort eingespart, wo sie dafür
nicht unbedingt benötigt wird (bei der Verdauung,
leider aber auch im Gehirn bei den "höheren
Denkprozessen") und diese Energie wird in den Muskeln
bereitgestellt. Dadurch wird die Aufnahmefähigkeit
begrenzt, es tritt eine Gesichtsfeldverengung ein ("mir
wird schwarz vor Augen"); eine erfolgreiche Kommunikation
wird blockiert. Der homo sapiens wird zum hoRmo
sapiens! [Birkenbihl]
Es ist klar, daß
man möglichst vermeiden sollte, den anderen durch
Kritik und Widerspruch gegen seine Meinungen und Überzeugungen
in diese kommunikationsfeindliche Kampf- oder Fluchtsituation
zu bringen. Kritik läßt sich aber nicht
immer vermeiden, gerade nicht als SR. Ich sollte aber
dort, wo es für das Spiel nicht darauf ankommt,
dem anderen seine Meinung lassen und ihn nicht mit Gewalt
zu überzeugen versuchen. "Zweinigen"
(nach Birkenbihl) - "Let´s agree to differ!"
Diese Kampf-oder-Flucht-Reaktion, die für die Kommunikation
schädlich ist, trifft natürlich nicht nur
den anderen, sondern auch mich als Schiedsrichter.
Beispiele:
Das Publikum pfeift mich aus, ein Spielbeteiligter beleidigt
mich oder meckert immer wieder, ich merke, daß
ich einen Fehler gemacht habe. Für mich als
Schiedsrichter ist sie besonders gefährlich, weil
sie zu schlechten (emotionalen) Pfiffen und Kurzschlußreaktionen
führt. Weil dieser Prozeß instinktgesteuert
abläuft, kann ich ihn nicht verhindern. Ich kann
ihn mir aber bewußt machen, um ihn erkennen zu
können, wenn er in mir abläuft. Gefahr erkannt,
Gefahr gebannt. Ein gutes Mittel, um schnell zur Ruhe
zu kommen, ist tiefe (Bauch-)atmung, denn Atmen entspannt
und entkrampft.
Jede Wertschätzung
unserer Person oder Anerkennung unserer Leistung (Lob)
erhöht unser SWG, fördert also die Kommunikation.
Erfolgreich kommunizieren heißt: das SWG des anderen
achten, den anderen nicht unnötig kritisieren,
Kritik stets in akzeptabler Form vorbringen und mit
Lob und Anerkennung für den Gegenüber nicht
sparen. (Beachte: es gibt ein Mißverhältnis
im verhaltensunauffälligen Bereich)
Ein dritter Störfaktor
ist fehlende Konzentration, die zu mißverständlicher
Kommunikation führen kann. Insbesondere bei hoher
körperlicher Ermüdung sinkt die Konzentrationsfähigkeit.
Deshalb ist fehlende Kondition für einen SR auch
unter dem Gesichtspunkt der erfolgreichen Kommunikation
ein Problem. Gerade zum Spielende, wenn es am wichtigsten
wäre, in einer aufgeheizten Atmosphäre souverän
zu kommunizieren und das Spiel "im Griff zu halten",
häufen sich dann auch noch konzentrationsbedingte
Kommunikationsmängel und Mißverständnisse.
Optimal kommunizieren
heißt auch, die Bedürfnisse des anderen zu
(be-)achten, insbesondere den anderen richtig zu motivieren.
Jemanden motivieren heißt, jemanden dazu zu bewegen,
ein von mir gewünschtes Verhalten an den Tag zu
legen. Dabei sollte ich versuchen, soviel positive (an
den Bedürfnissen des Gegenübers orientierte)
Motivation wie möglich einzusetzen und die negative
Motivation (KITA - "kick in the ass") zu minimieren.
Dafür muß ich mich allerdings in meinen Gegenüber,
als SR also in die anderen Spielbeteiligten, hineinversetzen,
um mir klar zu werden, was ihn in seinem Handeln antreibt.
Nur wenn ich ihn - gerade in seiner Rolle für das
Spiel - verstehe, kann ich nämlich richtig auf
ihn reagieren und mit ihm kommunizieren.
"Wenn es ein Geheimnis
des Erfolges gibt, so ist es das: den Standpunkt des
anderen zu verstehen und die Dinge mit seinen Augen
zu sehen." [Henry Ford]
denn: "Der erfolgreiche
Mensch beschäftigt sich mit den Interessen der
anderen, der erfolglose und der gewöhnliche Mensch
vorwiegend mit seinen eigenen Interessen." (Alfred
Adler)
II. Spezielle Folgerungen
für die Schiedsrichtertätigkeit
| »Kommuniziere bewußt, dann kommunizierst Du erfolgreich.«
|
| »Es gibt immer drei Meinungen: Deine, die des Anderen
und die richtige.« (Die Meinung der SR ist zwar
aus praktischen Gründen maßgeblich, aber
deswegen ist sie noch lange nicht die richtige!)
|
| »Lasse Dich nicht von Deinen (Streß-)hormonen beherrschen.«
|
| »Unterscheide Kritik an Dir als Mensch und rollenbezogene
Kritik.«
|
| »Wenn das Spiel läuft, sind alle beschäftigt;
in den Pausen haben sie viel Zeit für unerfreuliche
Kommunikation. Also: halte das Spiel (vor allem in heikler
Situation) am laufen!«
|
| »Das Spiel ist wichtig, nicht Du; nur schlechte Schiedsrichter
stehen im Mittelpunkt.« (Schiedsrichter sollen
nur reagieren, nicht selber agieren!)
|
a) Kommunikation
mit Trainern
Sei Dir stets bewußt,
unter welchem großen Druck der Trainer in seiner
Rolle steht. Für Dich ist ein Spiel bei Spielende
vorbei, ihn kann das Spiel den Job kosten. Sei Dir
stets bewußt, daß der Trainer - anders als
Du oder ein Spieler - seine Anspannung (Frustration,
Streß) nicht über motorische Aktivität
(rennen, springen, kämpfen etc.) verar-beiten kann.
Trainer erreichen häufig höhere Pulsfrequenzen
als die beteiligten Spieler. Sei Dir stets bewußt,
daß es ihm bei seinen Aktionen (fast) nie um Dich
als Mensch geht, sondern um seinen Erfolg im Spiel,
der von Deinen rollenbezogenen Entscheidungen abhängen
kann. Sei Dir bewußt, daß er Deiner
Entscheidungsgewalt (nennen wir es ruhig: "Macht") während
des Spieles ohnmächtig gegenüber steht, und
daß das für ihn, der ansonsten bestimmt,
wo es langgeht, eine ungewohnte Situation ist. Du
verlangst vom Trainer, daß er Deine Autorität
als Schiedsrichter vollständig anerkennt. Erkenne
daher auch seine Autorität als Trainer an und meine
nicht, der "bessere Trainer" zu sein.
Stelle niemals die Autorität des Trainers vor seinem
Team in Frage. Hilf ihm, unter allen Umständen
das Gesicht zu bewahren. Zwing ihn nicht "Männchen
zu machen". Für einen solchen Machtmißbrauch
Deinerseits wird er sich rächen, wenn er einmal
die Macht hat (z.B. bei Schiedsrichterbeurteilungen).
- Begrüße
beim Eintreffen in der Halle beide Trainer. Stelle
Dich vor und sprich ein wenig mit ihnen. Vermeide
den Eindruck von Verbrüderung und achte auf
Gleichmäßigkeit. Bewahre die Distanz,
die Deine Rolle erfordert.
- Vermeide jede
kritische Äußerung über andere Spiele,
Trainer, Schiedsrichter o.ä.
- Erledige die administrativen
Aufgaben korrekt aber sei Dir bewußt, daß
das Nebensächlichkeiten sind.
- Gib den Trainern
vor dem Spiel die Hand und wünsche ihnen "Viel
Erfolg" o.ä.
- Die Trainer sind
Deine wichtigsten Verbündeten. Gebe Dir besonders
viel Mühe, mit ihnen erfolgreich zu kommunizieren.
- Wenn ein Trainer
versucht, mit Dir zu kommunizieren, dann ignoriere
ihn nicht. Zeige eine Reaktion.
- Wenn nötig
erkläre Deine Entscheidungen kurz, aber diskutiere
sie nicht. Verzögere auf keinen Fall das Spiel.
- Steuere die Beziehung
bewußt. Setze auf kollegiale Zusammenarbeit.
Wenn es aber notwendig ist, autoritär zu sein,
dann handle entschlossen und konsequent. (Es darf
nur eine "letzte Verwarnung" geben)
- Gib Dir und allen
anderen Spielbeteiligten nach dem Schlußpfiff
die Zeit, um zur Ruhe zu kommen und vermeide unmittelbar
nach dem Schlußpfiff (vor allem bei hitzigen
Spielen) jede Diskussion. Stehe nach dem Duschen
für Gespräche zur Verfügung.
- Höre aufmerksam
zu, wenn jemand Kritik äußert und versuche,
den Inhalt durch Rückfragen genau zu klären.
Versuche dann darauf einzugehen. Mache dabei deutlich,
daß Du nur Deine Meinung äußerst
und die Kritik nicht bewerten möchtest. Vermeide
Phrasen wie: "Du mußt (einsehen)...",
"Das stimmt nicht...", "Nein!",
"Falsch!", "Hör mal zu",
"Ich sage Dir ganz klar..." etc.
- Versuche Dich
im Gespräch auf die "Linie" zu beziehen
und von "Einzelentscheidungen" wegzukommen.
- Stehe dazu, daß
auch Du Fehler machst!
- Sprich nicht negativ
über das Spiel - zu niemandem!
b) Kommunikation
mit Spielern
Sei Dir bewußt,
daß die Spieler - insbesondere in höheren
Ligen - unter einem großen inneren und äußeren
Druck stehen. Ihre Situation ist derjenigen der Schiedsrichter
insofern vergleichbar, daß auch ihre Fehler sofort
offensichtlich sind (Fehlwurf, Fehlpaß etc.).
Sei Dir bewußt, daß Spieler für
ihre Frustration manchmal nach einem "Blitzableiter"
suchen.
- Vermeide es möglichst,
daß sich Frustration aufstaut. Gebe Dich,
wenn möglich, locker und entspannt. Nimm von
Zeit zu Zeit die Pfeife aus dem Mund, lächle
und kommuniziere rechtzeitig mit den Spielern.
- Wenn ein Spieler
versucht, mit Dir zu kommunizieren, dann ignoriere
ihn nicht. Zeige eine Reaktion.
- Wenn nötig,
erkläre Deine Entscheidungen kurz, aber diskutiere
sie nicht. Verzögere auf keinen Fall das Spiel.
- Steuere die Beziehung
bewußt. Setze auf kollegiale Zusammenarbeit.
Wenn es aber notwendig ist, autoritär zu sein,
dann handle entschlossen und konsequent. (Es darf
nur eine "letzte Verwarnung" geben)
- Stehe dazu, daß
Du auch Fehler machst.
c) Kommunikation
mit Kampfrichtern
Sei Dir bewußt,
daß die Kampfrichter Deine Kollegen sind. Behandle
sie kollegial und fair. Hilf ihnen wenn möglich
und nötig und vermeide Belehrungen oder eine Behandlung
als Dienstpersonal bzw. Lakaien. Bedenke, daß
das Kampfgericht im Gegensatz zu Dir meist kostenlos
für den Sport arbeitet. Sei Dir bewußt, daß
Du es mit unterschiedlichen Leuten zu tun bekommst (Profis
und "blutigen Anfängern"). Gib daher jedem Kampfrichter
eine Chance. Sei Dir bewußt, daß Dir
das Kampfgericht große Schwierigkeiten bereiten
kann, wenn es nicht gut arbeitet.
- Begrüße
das Kampfgericht und mache Dich namentlich bekannt.
Sprich die Kampfrichter mit Namen an.
- Du wünschst
Deinem SR-Kollegen vor dem Spiel ein "gutes
Spiel" und gibst ihm die Hand - also tue das
auch mit Deinen Kollegen am Kampfgericht.
- Bedanke Dich nach
dem Spiel für die Arbeit der Kampfrichter.
d) Kommunikation
mit Ersatzspielern und Mannschaftsbegleitern
Sei Dir bewußt,
daß Ersatzspieler und Mannschaftsbegleiter in
Versuchung kommen können, ihre "freie Zeit"
damit zu verschwenden, die Kommunikation mit Dir zu
suchen. Darauf solltest Du Dich nicht einlassen; es
gibt keinen sportlichen Grund, warum diese Personen
auf das Spiel Einfluß nehmen können sollten.
- Vermeide direkte
Kommunikation mit Ersatzspielern und Mannschaftsbegleitern.
Bitte den Trainer, die Mannschaftsbank zur Ruhe
zu bringen.
- Lasse positive
Emotionen auf der Mannschaftsbank zu (Anfeuern ihrer
Mannschaft etc.), aber unterbinde streng jede negative
Einflußnahme (Kritik an Schiedsrichtern oder
anderer Mannschaft o.ä.).
e) Kommunikation
mit Zuschauern
Sei Dir bewußt,
daß die Zuschauer niemals objektiv sein werden.
Versuche, jegliche verbale Kommunikation mit den
Zuschauern zu vermeiden; vermeide nach Möglichkeit
auch den Blickkontakt.
- Versuche, die
Zuschauer zu ignorieren.
- Aber: bedanke
Dich, wenn Dir ein Zuschauer hilft (z.B. den Ball
zupaßt).
f) nach einem schlechten
Pfiff
Du wirst in Deiner
Karriere häufig Pfiffe nehmen, die schlecht sind,
und oft wirst Du es wissen. Nach einem schlechten Pfiff
soll kein Technisches Foul gepfiffen werden; die Mannschaft
ist bestraft genug. Erstens prüfe, ob Du die
Entscheidung zurücknehmen kannst. Dieses ist ein
Zeichen von Stärke! (Es wird erst dann zum Zeichen
von Schwäche, wenn es sich in einem Spiel mehrfach
wiederholt). Wenn das Zurücknehmen aufgrund
der Situation nicht möglich ist, dann Augen zu
und durch. Setze das Spiel möglichst schnell fort,
überhöre alles, was Du überhören
kannst, lasse Dich nicht auf Diskussionen ein und vermeide
die Konzessionsentscheidung. (Vermeide aber auch, daß
die nächste Entscheidung gegen diese Mannschaft
wieder falsch ist).
g) Technisches Foul
Ein Technisches Foul
ist keine große Sache, wenn Du keine große
Sache daraus machst. Jemand hat die Regeln übertreten
(wie beim Schrittfehler), Du hast es gesehen und geahndet:
fertig! Pfeife ganz normal, zeige das Foul ganz
normal an, führe die Strafen ganz normal aus und
sorge dafür, daß das Spiel schnell weitergeht.
Nach der Ausführung der Strafen solltest Du das
Technische Foul vergessen. Die Aktion wurde bestraft
und es ist sowohl falsch, die Aktion dem Trainer oder
Spieler weiter nachzutragen (auf ihn "sauer"
zu sein), als auch ein schlechtes Gewissen zu haben
und "etwas gutmachen" zu wollen.
Ein guter Schiedsrichter
ist man nicht, wenn man keine Technischen Fouls pfeift.
Ein guter Schiedsrichter ist man, wenn man keine Situationen
provoziert, in denen man ein Technisches Foul pfeifen
muß. Deshalb ist Deeskalation, freundliche
Kooperation mit allen Spielbeteiligten und eine klare
konsequente Linie (Berechenbarkeit) Voraussetzung für
bessere Kommunikation als Schiedsrichter.
Literaturempfehlung:
Vera
F. Birkenbihl:
Kommunikationstraining
- Zwischenmenschliche Beziehungen erfolgreich gestalten mvg-Taschenbuch,
16,90 DM
Robert
S. Weinberg / Peggy A. Richardson:
Psychology of Officiating, Leisure Press, Champaign,
Ill., USA
Autor:
m+pc management and political communications
Andreas Winheller Lessingstr. 13a 55118 Mainz Tel. 06131/2756844
Fax 06131/2756845 E-mail: office@m-plus-pc.de (Der Text ist das hand-out,
das die Teilnehmer der Oberliga- und Regionalliga-SR-Fortbildungen
im WBV 1999 zur Nachbereitung des gleichnamigen Referates
des Verfassers erhielten. Der Autor ist Bundesligaschiedsrichter
und Schiedsrichterlehrer des Westdeutschen Basketball-Verbandes
und arbeitet seit 1992 als selbständiger Kommunikationstrainer
für Verbände, Parteien und Wirtschaftsunternehmen.
Schwerpunkte: allg. Rhetorik, Verkaufstraining, Konflikte
lösen im Team)
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