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Quelle: Homepage des ÖBV im Oktober 2000 / Autor: Friedrich Walz

 

 

"Mangaging the Game"

 

RichardsonDie Fortbildung für Trainer und für Schiedsrichter am Wochenende 9./10. September schloß in sehr erfolgreicher Form an ähnliche Veranstaltungen früherer Zeiten an. Neu und zukunftsweisend war, daß die Programmgestaltung diesmal einen für beide Gruppen  gemeinsamen Programmpunkt vorsah.

Alan Richardson aus England referierte vor der "Bundesversammlung", also vor beiden Interessengruppen über die aktuellen Regeländerungen und darüber, welche Bedeutung diese für Schiedsrichter und Coaches haben. Seinen Ausführungen folgten beide "Parteien" mit sichtlicher Aufmerksamkeit, wenn auch diesmal noch auf den Tribünen streng getrennt. Wie ich vernahm ist ein Versuch geplant, auch diese  Barriere abzubauen und demnächst zu einer Aussprache Coaches mit Refs zu laden. Auch dies ist nichts Neues. Viel Glück dafür! Im Licht früherer Erfahrungen wird man sicherlich in Kauf nehmen müssen etliches an Zeit dafür vorzusehen, daß sich beide Gruppen zunächst auf eine gemeinsamen Sprache einigen und einander zuhören.

Hier allerdings möchte ich auf einen anderen Schwerpunkt aus den Referaten von Alan eingehen. In seinem Grundsatzreferat am ersten Tag der "Schiedsrichter-Clinic" beschrieb er die Kernstücke der Stufen des Werdegangs eines Schiedsrichters wie folgt:

1. Regeln und Bewegungstechnik (rules and mechanics)

2. "Managing the players"

3. "Managing the game".

Diese Entwicklungsvorgabe entspricht vom Inhalt her weitgehend dem Modell des "abgestuften Einsatzes von freien Aufmerksamkeits-Kapazitäten" und bedeutet sinngemäß, daß der Schiedsrichter in der ersten Phase seiner Laufbahn voll damit ausgelastet ist, die Regeln richtig anzuwenden und sich zweckmäßig auf dem Spielfeld zu bewegen. Seine volle Aufmerksamkeit wird also von diesen Elementen in Anspruch genommen. Sind dann die Anwendung der Regeln und die Bewegung auf dem Spielfeld weitgehend internalisiert, wird ein Teil seiner Aufmerksamkeit frei für "managing" der Spieler. In dieser Entwicklungsstufe kann man diesen Terminus sicherlich als "führen" oder "leiten" verstehen. Die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters ist dabei noch immer in erster Linie auf das Spielfeld ausgerichtet.

Die nunmehr frei gewordene Aufmerksamkeits-Kapazität kann er dafür einsetzen, durch geeignete Formen der "Einflußnahme" auf die Spieler, durch "pfeifen" oder durch "nicht pfeifen", aber auch durch sinnvolle Kommunikation eine problemlose Abwicklung des Spieles anzustreben. Beim Schiedsrichter der höchsten Leistungsstufe erfolgt die Anwendung der Regeln weitestgehend in Form von bedingten Reflexen und seine Bewegungstechnik auf dem Spielfeld berücksichtigt die gesamte Spielsituation. Die nunmehr freien Aufmerksamkeits-Kapazitäten versetzen ihn in die Lage, auch das Spiel zu "managen". Dabei bedeutet dieses eingedeutschte  Wort in dieser Phase weniger  "führen" oder "leiten", sondern eher, einem Übersetzungsvorschlag von  Harald Reinbacher folgend im weiteren Sinn "machbar machen", hier also "spielbar machen".

Das Spiel attraktiv zu machen für alle Beteiligten, für die Spieler, die Coaches und die Zuschauer. Die "Führungsfunktion" des Schiedsrichters wirkt dann auf das gesamte Spielgeschehen: Auf das Geschehen auf dem Spielfeld und auf das Umfeld des Spielgeschehens, in der Zeit vor dem Spiel und danach, manchmal noch sehr lange danach! Dessen ist sich der Spitzen-Referee bewußt und gestaltet sein gesamtes Verhalten dementsprechend.

Ein wesentliches Element beim "managen" des Spieles durch den Schiedsrichter ist nach Alans Überzeugung  die Kommunikation. "The coaches want to communicate" waren seine Worte. Und der Schiedsrichter sollte sich seiner Meinung nach diesem Wunsch nicht verschließen.

Dazu ist zu bemerken, daß diesem Wunsch nur dann entsprochen werden kann, wenn der Schiedsrichter dafür genügend Aufmerksamkeits-Kapazitäten frei hat. Dies hängt von der Erfahrenheit des Referees ab, aber auch von der Spielphase. Im intensiven Spielgeschehen besteht sicher auch für Top-Leute dafür keine Möglichkeit.

 An die Spielern gerichtet sollte die Kommunikation eher Führungsmittel sein. Sie kann aber auch als "preventing refereeing" eingesetzt werden, als vorbeugendes Pfeifen also, indem sie die Form von Warnungen hat, mit denen Toleranzgrenzen vorgegeben werden. Diese sollten, laut Alan dann aber auch an den Coach weitergegeben werden.

In allen Fällen des Eingehens auf Äußerungen von Spielern und Coaches hat jedoch zu gelten: Fragen sollten beantwortet werden, Feststellungen sind zu ignorieren, Beleidigungen sind zu bestrafen.

Alan hat diese Vorgaben nach eigenen Worten ausschließlich an die Gruppe der Schiedsrichter höchster Leistungsstufe gerichtet. Und wer schon Zeuge seiner Redegewandtheit war, versteht seine Zuversicht, daß Konflikten durch geeignete Kommunikation vorgebeugt werden kann. Insbesondere dann, wenn sich bei  Äußerungen Schlagfertigkeit mit Humor paart. Das allerdings ist nicht jedermanns Sache. Manchmal jedoch findet man es völlig unerwartet, wie die folgende Episode aus dem österreichischen Basketballgeschehen zeigt. Ich wurde daran erinnert, als Alan zu diesem Thema eine Glosse gleichen Inhalts aus dem internationalen Spitzenbasketball zum Besten gab. Vor Jahren war in Wien eine schillernde Persönlichkeit namens Günther Schaffer als Basketball-Manager tätig. In dem Bemühen, mehr Zuschauer in die Halle zu bringen, als dies in Wien möglich war, startete er den Versuch, die Heimspiele seines Meisterclubs außerhalb von Wien zu spielen. Das Spiel, um das es hier geht, fand in Hollabrunn statt. Wie es seine Gewohnheit war, hielt sich Günther nicht im Zuschauerraum auf, sondern bei der Spielerbank, von wo er, auch dies war seine Angewohnheit, nicht nur das Spielgeschehen, sondern auch die Schiedsrichterentscheidungen lautstark kommentierte. Dies war schließlich dem Referee zu viel und er forderte Schaffer auf, auf der Tribüne Platz zu nehmen.

Darauf dieser: "Ich bleibe hier! Wissen sie nicht wer ich bin?" Darauf der Unparteiische: "Das weiß ich nicht! Aber ich, ich bin der Bäckermeister Kaiplinger aus Steyr und sie gehen jetzt sofort auf die Tribüne!". Dies löste bei allen, die es gehört hatten, verständlicherweise größtes Amüsement aus. Günther Schaffer seinerseits hatte keine andere Wahl, als der Aufforderung nachzukommen.

Zunächst muß ich alle, die schon einmal meinen Vortrag über die "Philosophie des Coachens" gehört haben, ersuchen, im Zitat aus dem Dschungelbuch von Rudyard Kipling eine kleine Korrektur anzubringen. Die von mir bei dieser Gelegenheit stets zitierte Stelle stammt aus dem "neuen Dschungelbuch" in deutscher Übersetzung und findet sich in der Geschichte "die Totengräber". Allerdings nicht dort, wo ich sie aus dialektischen Gründen gerne hin plaziere. Dies tut aber dem Sinn des Zitates keinen Abbruch. Wenn ich hier die richtige Passage kurz skizziere, möchte ich hiermit dem Autor gebührend Ehre erweisen. Auch diese Erzählung handelt in Indien, allerdings nicht von Mowgli und seinem Leben im Dschungel. Es geht vielmehr um ein Gespräch zwischen drei "Totengräbern" und zwar einem Schakal, einem Geier und dem Magger, einem riesigen Krokodil von, wie Kipling anführt, über 24 Fuß Länge, einem wahren Monstrum also, älter als der Älteste im nahen Dorf, Dämon der Furt, Mörder, Menschenfresser und Orts-Fetisch in einem. Zunächst jedoch unterhalten sich nur der Schakal und der Geier am Ufer des Flusses, in dem der Magger seit langer Zeit sein Unwesen trieb. Sie sprechen über die schlechten Zeiten, über die Dorfhunde, die ihnen das Leben noch schwerer machen und über Geschehnisse in den Dörfern, die für Aasfresser wie sie es sind, für "Totengräber" also Bedeutung haben. Dabei fing das ruhelose Auge des Schakals "denkbar kleinstes Kräuseln des Wasser" auf. Kurz darauf schiebt sich das Krokodil an Land "mit einem weichen, knirschenden Laut, wie wenn ein Boot in seichtem Wasser auf Grund liefe". Der Schakal, der beinahe zu knapp am Wasserrand gewesen war, kreiselte schnell herum und sah dem Wesen ins Gesicht, was laut Kipling die beste Art ist, sich einer Gefahr zu stellen. Zugleich ließ er rückwärts kriechend eine Begrüßungs-Tirade los, mit der er die Begegnung mit dem "Beschirmer der Armen" als eine glückselige pries. Er hatte aber gesprochen "just um vernommen zu werden, denn er wußte, daß Schmeicheleien am besten zogen, um Fressen zu erschnappen; der Magger wußte, daß der Schakal deshalb gesprochen, der Schakal wußte, daß der Magger wußte, und der Magger wußte, daß der Schakal wußte, daß der Magger wußte; so waren sie alle ganz zufrieden miteinander". Soweit das Zitat. Was hat dieses nun mit Basketball zu tun? Nun - aus meiner Sicht stellt dieses Zitat in einprägsamer Form auch das taktische Verhalten von Coaches im Spiel dar, ohne daß ich sie dadurch zu "Totengräbern" machen will. Ein Coach zum Beispiel wird durch einen ungewollten Spielverlauf zu einer Auszeit gezwungen. Er muß nun der Mannschaft die Änderung der Taktik vermitteln. Das weiß aber auch der Coach des anderen Teams und wird möglicherweise entsprechend reagieren. Das wiederum weiß der in Bedrängnis geratene Coach und läßt dieses Wissen in die taktische Wende einfließen, was aber sein Gegenüber ebenfalls weiß (oder zu wissen glaubt), und so weiter, und so weiter! Wer dann am Ende mehr wußte, der ist dann der Erfolgreichere. Kezojevich hat dies einmal "Schach auf dem Basketballfeld" genannt, was die Situation ebenfalls treffend beschreibt. Nun aber zum Kern des Ganzen wie ich ihn sehe. Der Vortrag von Alan Richardson vor den Coaches und Schiedsrichtern, schien über weite Strecken eine Fortbildungsveranstaltung für Coaches und andere Mannschaftsbegleiter zu sein mit dem Inhalt, wie Schiedsrichter "zu behandeln" sind. Der eine oder andere hat sich sicherlich Notizen gemacht um das eine oder andere demnächst selbst auszuprobieren. Alan, selbst ein sehr erfahrener Schiedsrichter und Kommissar, der immer wieder die Kommunikation sucht, wollte aber nur zeigen, daß es kaum etwas in diesem Bereich gibt, was neu erfunden werden kann! Die Schiedsrichter kennen das alles; und das sollten auch die Coaches wissen; und die Schiedsrichter würden gerne wissen, daß es auch die Coaches wissen, und dann wären alle zufrieden miteinander! Es sollten also Coaches und Mannschaftsbegleiter ihre wertvolle Zeit nicht damit verschwenden, "Originelles" zu erfinden, wie man den Schiedsrichter beeinflussen könnte. Es gibt nichts Neues in diesem Bereich, alles ist schon da gewesen und daher bekannt. Derartige Maßnahmen sind ja auch Gegenstand der Besprechung der Schiedsrichter vor dem Spiel zusammen mit den der Situation entsprechenden Reaktionen. Es sollte lieber der sportliche Weg der ehrlichen Kooperation gewählt werden. Für den guten Schiedsrichter sind die wahrhaft motivierenden Coaches jene, die die Regeln ebenso gut kennen, wie er selber. Ein solcher war zum Beispiel der unvergeßliche Hluchy. Ein erstauntes Dreinschauen nach einer schwachen Entscheidung war bei ihm wesentlich eindrucksvoller und für den Referee Anlaß zu Selbstanalyse, als das Aufspringen, das wilde Gestikulieren und das Brüllen zahlreicher anderer seiner Kollegen!

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann