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Presse | Fußball

 

 

Quelle: kicker vom 3. Juni 2003

 

 

"Oh Gott, habe ich gedacht!"

 

 


Zweikampf zwischen Davids und Nesta: Dr. Markus Merk hat alles im Blick.

Es war der absolute Höhepunkt seiner bisherigen Laufbahn als Schiedsrichter: das Finale der Champions League zwischen dem AC Mailand und Juventus Turin zu leiten. Dr. Markus Merk (41) schildert seine persönlichen Eindrücke vom Hit im Stadion Old Trafford.

Der Abend vor dem Spiel: "Die beiden Assistenten Heiner Müller und Christian Schräer, Wolfgang Stark als Vierter Mann und ich sind am späten Dienstagnachmittag in Manchester angekommen. Es war gleich alles ganz anders als bei anderen internationalen Spielen. Wir sind vom Hotel direkt nach Old Trafford gebracht worden. Dort wurde den beiden Kapitänen Paolo Maldini, Allesandro del Piero und mir der neue adidas-Ball "Finale" präsentiert. Später haben wir geflachst: Ein schöner Ball, aber er findet in 120 Minuten auch nicht den Weg ins Tor - und wenn, dann winkt der Assistent. Doch davon später."

Das warm-up: "Am Mittwochmorgen fand die übliche Sicherheitsbesprechung statt. Alles war mehrere Nummern größer als sonst. Selbst das kleinste Detail war perfekt organisiert. Dann wurde uns das Museum von ManU gezeigt. Eine atemberaubende Ausstellung, hier war der Geist von Old Trafford zu spüren. Das ist wirklich das Theater des Fußballs. Zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff wurden wir mit einer Polizeieskorte ins Stadion gebracht. Als ich den Rasen betrat, habe ich Ehrfurcht bekommen. Denn das ist kein normaler Fußballplatz, das ist ein Green, wie beim Golf die letzten zehn Meter, vor dem Einputten. Es herrschte bereits eine fantastische Stimmung bei den Zuschauern. Komisch, diese außergewöhnliche Atmosphäre hat mich beruhigt, mein Puls ging herunter. Später bekam ich dann doch eine Gänsehaut, als wir an diesem erhabenen Pokal für den Sieger vorbeigelaufen sind. Die Gruppe Amici hat das Champions- League-Lied live gesungen. Es war wie eine Nationalhymne für alle."

Das Spiel: "Ich habe schnell gespürt: Das ist ein Spiel, das du laufen lassen kannst. Natürlich standen zwei Rivalen auf dem Platz. Aber es war sofort klar, dass die beiden italienischen gemeinsam mit uns, der ,deutschen Mannschaft‘, ein Fußballfest zelebrieren wollten. Auch die Fan-Gruppen haben sich dem angepasst, die Stimmung war trotz aller Konkurrenz unheimlich positiv, einfach super. Dann kam die neunte Minute, das Tor von Schewtschenko. Doch Heiner Müller hat die Fahne gehoben. Er zeigte aktives Abseits an, weil Rui Costa ganz dicht vor Torhüter Buffon stand. Oh Gott, habe ich gedacht. So früh eine so knifflige Szene. Es war eine richtige Entscheidung von Heiner, zweifellos, doch sie war mutig. In so einem Moment kann ein Spiel total kippen, dann kämpfst du 80 Minuten lang mit diesem einen Pfiff. Doch hier hat sich gezeigt, dass wahre Champions auf dem Platz standen. Die Milanesen haben kurz protestiert, klar, doch dann war alles abgehakt. Ein herrliches Gefühl für einen Schiedsrichter. Die erste Hablbzeit war dann ein Renner. Total schnell, grandioser Fußball."

Die Entscheidung: "In der Verlängerung wurden alle vorsichtig. Jedem war bewusst, dass der kleinste Fehler das Aus bedeutet. Nach gut zehn Minuten wusste ich: Wenn nicht etwas Gravierendes geschieht, gibt es Elfmeterschießen. Die Niederlage war für Juve im sportlichen Sinne tragisch. Aber auch dann haben die Spieler Größe gezeigt. Wir haben uns gegenseitig abgeklatscht und uns für das tolle Event bedankt. Jahrelang habe ich mir gewünscht, das Finale der Champions League leiten zu dürfen, es ist ja auch eine Belohnung für konstant gute Leistungen. Dass es nicht nur ein Endspiel, sondern ein wirkliches Fest des Fußballs wurde, hat mich wahnsinnig gefreut. Dann wurde die Tribüne für die Siegerehrung aufgebaut. Erst gingen die Juve-Spieler hin, dann wir, dann der AC. Als die Milan-Hymne gespielt wurde und das ganze Stadion mitsang, habe ich gedacht: Das sind die herausragenden Momente, die wirklich lebenswert sind."

Die dritte Halbzeit: "Natürlich baut sich vor einem solchen Spiel psychischer Druck auf, doch der wurde mir erst in der dritten Halbzeit bewusst. Da kann man so schnell nicht abschalten. Erst gab es im größeren Rahmen ein Essen, danach ging die Party im Hotel auf einem unserer Zimmer weiter. Gegen zwei Uhr morgens klopfte Graham Poll, der englische FIFA- Schiedsrichter, an die Tür. Zum Glück hatten wir am Morgen noch eine halbe Stunde, um unsere Sachen vor dem Abflug zu packen. Es war einfach alles wie ein Traum - nur ohne Schlaf."

Die Wiedergutmachung: "Beim Spiel des VfB gegen Bayern München hat mich Krassimir Balakov gefragt, ob ich sein Abschiedsspiel pfeifen könnte. Ich habe gesagt: Bala, ich tue alles, damit ich kommen kann. 1997 habe ich ihm die Rote Karte gezeigt, es war seine einzige in der Bundesliga. Damals habe ich völlig überreagiert. Wenn ich eine Entscheidung in meiner gesamten Laufbahn zurücknehmen dürfte, dann wäre es diese. Sein lockerer Abschied war genau der richtige Abschluss, nachdem es zuvor noch um die Krone des europäischen Vereinsfußballs gegangen war. Insgesamt waren diese 48 Stunden von Dienstag bis Donnerstag der tollste Tag in meinem Leben."

Thomas Roth

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
18. Juni 2003

 

© Axel Beckmann