DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Eugen Striegel im
MRZ-Interview: Alle strittigen Szenen waren zumindest regelkonform
MAINZ/KARLSRUHE. Unmittelbar nach dem Abpfiff des 05-Spektakels gegen Energie Cottbus hat Schiedsrichter Uwe
Kemmling (Hannover) mit DFB-Lehrwart Eugen Striegel (Karlsruhe) telefoniert. Im
MRZ-Interview gibt Eugen Striegel Einblick in die abendliche Diskussion um die
vielen strittigen Szenen am Bruchweg.
Herr Striegel, beginnen wir mit dem Strafstoß für Christoph Teinert,
der zum 1:1 führte. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?
Zunächst einmal: Wenn ich fünf Zeitlupen gesehen habe, und mir immer
noch nicht sicher bin, dann zeigt das, wie schwierig diese Entscheidung für Uwe
Kemmling war. Der Arm des Cottbusser Verteidigers war draußen, der Mainzer
Stürmer fällt auf oder kurz hinter der Strafraumlinie. War der Arm die Ursache
für das Fallen, oder hat der Stürmer nur auf die geringste Berührung gewartet,
um abheben zu können? Hat die Szene schon drei Zentimeter vor der Strafraumlinie
begonnen? Brutal schwer, im absoluten Grenzbereich. Eine offensichtliche
Fehlentscheidung war es sicher nicht.
Kemmling hat den verschossenen Elfmeter wiederholen lassen, weil ein
Cottbusser zu früh in den Strafraum gerannt war. Korrekt?
Zweifellos korrekt. Der Cottbusser Spieler stand beim Elfmeterschuss
mindestens einen, eher zwei Meter im Strafraum. Und dann hat mich Kemmling noch
auf einen anderen Umstand aufmerksam gemacht: Der zu früh gestartete Spieler
Vagner hat danach auch noch die Situation bereinigt, den vom Torhüter
abgewehrten Ball rettend zur Ecke geköpft. Das ging nur, weil er sich durch das
frühe Hinterherlaufen einen Vorteil verschafft hatte. Völlig klar: Kemmling
musste wiederholen lassen.
Wobei die Cottbusser sagen, dass jede Woche in Deutschland Spieler
beim Elfmeter zu früh in den Strafraum rennen und nicht wiederholt wird...
Auch das ist richtig. Aber wenn ich mit 70 durch eine Ortschaft rase
und erwischt werde, dann hilft es mir wenig, wenn ich sage, dass am Tag zuvor
einer mit 80 da durchgebrettert und nicht bestraft worden ist. Unsere Anweisung
an die Schiedsrichter ist die, dass wir sagen: Wiederholungen von Elfmetern
sollen keine Zentimeterentscheidungen sein. Der Cottbusser aber stand ja von
Anfang an sogar schon im Teilkreis. Dieser Teilkreis am Strafraum, der 9,15
Meter vom Elfmeterpunkt entfernt ist, hat keine andere Funktion, als alle
Spieler bei der Ausführung eines Elfmeters 9,15 Meter vom Ball fernzuhalten. Das
ist die Regel: Beim Elfmeter darf kein Spieler in diesem Teilkreis stehen. Der
Cottbusser Ärger mag verständlich sein, die Entscheidung mag kleinlich gewesen
sein, aber falsch hat Kemmling definitiv nicht gelegen.
Im Zuge dieser gesamten Elfmeterszene, die sich ja über vier Minuten
erstreckte, sah der reklamierende Latoundji binnen kürzester Zeit Gelb und
Gelb-Rot. Übertrieben? Zu wenig Fingerspitzengefühl von
Kemmling?
Mit der ersten Gelben Karte wollte Kemmling den Spieler zur Vernunft
bringen. Das war eine klare Warnung. Nun hat der Cottbusser Spieler aber immer
weiter höhnisch Beifall geklatscht, auch noch, als der Elfmeter schon ausgeführt
war. Da geht dann Gelb- Rot in Ordnung. Aber auch da muss man die Cottbusser
Seite sehen: Natürlich hätte der Schiedsrichter es auch noch mal bei einer
allerletzten unmissverständlichen Ermahnung belassen können. Warum so pingelig
in dieser hektischen, von Emotionen aufgepeitschten Phase? Klar, diese Frage
kann man stellen. Regelkonform war Kemmling aber in jedem Fall.
Nur vier Minuten später flog der Cottbusser Beeck nach einer
Rangelei mit Walker vom Platz. Zu hart?
Auch diese Szene habe ich mir fünf Mal in Zeitlupe angesehen. Und
ich war mir immer noch unschlüssig. Kemmling hat diese Rangelei gar nicht
gesehen. Sein Assistent an der Seitenlinie hat ihn auf eine Tätlichkeit
aufmerksam gemacht, also musste der Schiedsrichter Rot ziehen. Da war sicher der
linke Arm draußen von Beeck, da war ein Fuß vorn, da hat der Cottbusser am Boden
noch mit den Beinen gestrampelt. Hat er Walker getroffen? Und war das Absicht?
Ganz schwierig. Die Gelbe Karte für den Mainzer Spieler war für mich allerdings
überhaupt nicht nachvollziehbar, aber vielleicht hat Walker seinen Gegenspieler
ja provoziert.
Eine Fehlentscheidung ist Herrn Kemmling demnach nicht
nachzuweisen?
Nein, ganz sicher nicht. Topleute wie Markus Merk, Hellmut Krug oder
Bernd Heynemann hätten diese hektische Phase des Spiels vielleicht mit etwas
mehr Einfühlungsvermögen, mit vorbeugenden Maßnahmen, mit Kommunikation etwas
entschärft. Letztlich muss man aber sagen, dass Kemmling es nicht leicht hatte.
Denn derart viele Grenzfälle ergeben sich nicht oft in einem Spiel. Ein
Kompliment muss man dem Cottbusser Trainer Eduard Geyer machen, der sich während
und nach dem Spiel sehr ruhig, sehr besonnen verhalten hat.
Unser Eindruck ist der, dass sich Bundesliga-Schiris in der Zweiten Liga gerne in den Mittelpunkt stellen.
Teilen Sie diese Einschätzung?
Nein. Früher haben wir Bundesliga-Schiedsrichter bei Zweitligaeinsätzen nicht beobachtet. Als wir
dann eine ähnliche Einschätzung hatten, wie sie von Ihnen gerade geäußert worden
ist, da haben wir umgestellt. Jetzt wird jeder Zweitligaeinsatz von uns
kontrolliert wie in der Bundesliga. Das hat dazu geführt, dass unsere Top-
Schiedsrichter auch eine Liga tiefer mit hundertprozentiger Konzentration ans
Werk gehen und daraus keinen Sonntagsausflug machen. Der Fürther Trainer Eugen
Hach hat am Wochenende geschimpft, wir würden in der Zweiten Liga zu oft
Lehrlinge schicken, die alles zerpfeifen, ein Spiel nicht laufen lassen. Sie
sehen, es kommt immer auf den jeweiligen Blickwinkel an. Jedem werden wir es nie
Recht machen können.
Das Gespräch führte
Reinhard Rehberg
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