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Presse
| Fußball | Mainz05 - Chemnitz 2003 / 04
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Quelle: Frankfurter
Allgemeine Zeitung 29. Oktober 2003
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Der zerstörerische Tatmensch
Kemmling Seltsam einseitige Entscheidungen -
Cottbus sieht das 1:4 in Mainz als Farce |
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MAINZ. Als
Spieler und Trainer längst ihre Kabinen verlassen und den Frieden der Nacht
gefunden hatten, hockte das Schiedsrichtergespann um Uwe Kemmling noch immer in
seinem Umkleideraum. Untereinander gab es reichlich Diskussionsstoff. Den
wartenden Journalisten aber wollte der Unparteiische, der sich am Montag eher
als Tatmensch verstand, kein Wort sagen. Dabei war der Verwaltungsangestellte
aus Burgwedel im mit 18700 Zuschauern ausverkauften Stadion am Bruchweg der Mann
des Abends gewesen. Kemmling hatte mit einer Reihe von verwunderlichen Pfiffen
zwischen der 22. und 29. Minute das allseits erhoffte Spitzenspiel zwischen dem
FSV Mainz 05 und dem FC Energie Cottbus verhindert. Am Ende hatten elf Mainzer
gegen neun Cottbuser 4:1 gewonnen und damit die Lausitzer von Platz drei der
Tabelle der Zweiten Fußball-Bundesliga verdrängt - doch richtig freuen mochten
sich die Mainzer über ihren den Umständen zu verdankenden Pflichtsieg
nicht.
Dabei konnten die nach zuletzt zwei Niederlagen ein wenig
verunsicherten 05er nichts dafür, daß sie Kemmling, vielerorts als
"Heimschiedsrichter" etikettiert, eklatant bevorteilte. "Ich denke", sagte der
gegenüber dem sportlichen Gegner nahezu chevaleresk argumentierende Cottbuser
Trainer Eduard Geyer, "Mainz hat mit den unschönen und seltsamen Dingen, die da
gelaufen sind, wenig zu tun." Ein höflicher Satz, der ganz nach dem Geschmack
seines Mainzer Kollegen Jürgen Klopp war. Der bedankte sich bei dem sächsischen
Original nahezu untertänig, indem er sagte: "Eduard Geyer hat mir eine
Lehrstunde erteilt, wie man mit einer solch ungewöhnlichen Niederlage umgeht.
Das war sportlich groß."
Geyer, Klopp und die Spieler staunten, wie
unsensibel der Unparteiische an diesem Abend seinen Job getan hatte. Michael
Thurk, der das 3:1 (53.) geschossen hatte, nahm Verlauf und Ausgang des Spiels
von der professionellen Seite: "Wir hätten auch gegen sieben oder sechs
Cottbuser weitergespielt, denn wir wollten dieses Spiel unbedingt gewinnen, das
war das wichtigste." Christoph Teinert, der zum 2:1 (42.) erfolgreich war, wußte
schließlich "gar nicht, was los war, aber der Schiedsrichter wird schon alles
richtig gemacht haben". Georg Koch, der bundesligaerfahrene Torwart des FC
Energie, sah auch den umgekehrten Fall vor sich: "Wenn du ein Heimspiel hast,
wird schon mal so gepfiffen, das ist in Cottbus genauso."
Kemmling jedoch
übertrieb es mit seiner einseitigen Konsequenz bei Karten und Elfmetern. Der
Strafstoß, den er den Mainzern kurz nach dem 0:1-Rückstand durch Reghecampfs
Treffer (18.) gewährte, war zweifelhaft - Schmöckel berührte Teinert kaum, was
der mit dem Satz "er hat mich am Ärmel gezupft, da bin ich mal hingefallen"
bestätigte; dessen Wiederholung - nachdem Koch Thurks ersten Versuch pariert
hatte - mutete gerechtfertigt an, weil der Cottbuser Vagner in den Strafraum
gelaufen war. Als da Silva im zweiten Mainzer Anlauf getroffen hatte (22.) und
Latoundji im roten Trikot des FC Energie wegen Meckerns schon verwarnt war,
klatschte der Beifall - in Richtung der eigenen Mannschaftskameraden. Kemmling,
um ein begütigendes Wort total verlegen, kartete trotzdem nach: Gelb-Rot für
einen Mann (23.), der laut Geyer "nicht einmal eine Fliege tottreten kann", was
ja auch nicht leichtfällt. Einmal auf dem autoritären Trip, ahndete Kemmling
auch noch einen Zusammenstoß zwischen dem Mainzer Walker und dem Cottbuser Beeck
farblich unterschiedlich: Gelbe Karte für Walker, Rot für den mit einem Spiel
Sperre belegten Beeck (28.). Danach pfiff Kemmling an diesem Abend kaum noch
dazwischen, so daß Mainz in Ruhe seine Tore bis zum abschließenden 4:1 durch
Auer (66.) schießen konnte.
"Ein schönes Spiel wurde durch einen Mann
zerstört, der dieses Spiel nicht verdient hatte", klagte Geyer, der sich zum
Anwalt des um ein Duell unter Gleichen gebrachten Publikums machte: "Die Leute
sind hierhergekommen, um Fußball zu sehen. Leider wurde das Spiel nach ein paar
Minuten zu einer Farce." Klopp nahm das grotesk anmutende Amtsverständnis von
Kemmling, dessen Walten Schiedsrichterbeobachter Werner Föckler mit einigen
kritischen Anmerkungen beurteilte, letztlich achselzuckend zur Kenntnis: "Wir
haben mit dieser Kuriosität nichts zu tun", sagte der Pragmatiker vom Bruchweg.
Der Mainzer Präsident Harald Strutz hielt sich aus leidvoller Erfahrung erst gar
nicht bei der Personalie Kemmling auf: "Was haben wir nicht alles schon erlebt?
Da nehmen wir so was wie heute auch mal in Kauf." Ähnlich fatalistisch wie der
Gewinner Strutz schrieb Verlierer Eduard Geyer das Kemmling-Spiel schon in der
Halbzeit ab. "Schnauze halten, weiterrennen", empfahl er seinen
Profis.
Was Kemmling in der Pause dachte, ist nicht überliefert. Der
untersetzte Niedersachse griff danach jedenfalls kaum noch korrigierend oder
strafend in die Partie ein. Er hatte ja schon davor ganze Arbeit
geleistet.
ROLAND ZORN
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2003, Nr. 251
/ Seite 33
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