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Schiedsrichter | Porträts | Fußball | Urs Meier

 

 

Quelle: www.merkur.de | 17. Juni 2004 | Autor: DAVID KADEL

 

 

Das Kreuz ist mit im Spiel

 

Der Schiedsrichter könnte das EM-Finale pfeifen. Wenn die deutsche Mannschaft vorher rausfliegt. Betet er dafür? Foto: Sportimage
Markus Merk gehört nicht zu den beliebtesten Bürgern. Ein Interview mit einem Schiedsrichter und Zahnarzt zu führen, da hat man schon Bammel, handelt es sich doch dabei um zwei Gestalten, um die man meist einen großen Bogen macht. Regelmäßige Premiere-Fußball-Gucker wissen, dass der gute Doktor Markus Merk immer mit seinem berühmten Linkes-Auge-zukneifen-Grinsen in die Kamera das Spiel beginnt. Danach folgt das rituelle Bekreuzigen und der Kuss auf seinen Ehering, dann der Anpfiff.

Locker sein Auftritt im Funkhaus, als er – selbstverständlich überpünktlich – die Maske betritt: „Ah, Sie sind das, der bestaussehende Moderator bei N24.“ Merk weiß, wie man Fans gewinnt. Schick gekleidet, ganz ohne Werbeaufdruck am Revers, aber mit der brandneuen Champions-League-Autogrammkarte im dunklen Schiri-Jackett, erzählt er leidenschaftlich von seinen regelmäßigen „Ausbrüchen nach Indien“, wo er den Trubel um Fußballgötter und falsche Schiri-Entscheidungen hinter sich lässt.

An Wochentagen muss er als Zahnarzt seinen Patienten die Angst vor einer Behandlung nehmen. In seiner Freizeit setzt er sich als Schiedsrichter mit protestierenden Spielern und wütenden Fans auseinander. Weil ihm das wie keinem anderen deutschen Schiedsrichter gelingt, ist die Zahnarztpraxis in Kaiserslautern für die Dauer der Europameisterschaft geschlossen.

Merk hat vorübergehend den Bohrer aus der Hand gelegt und nimmt stattdessen die Pfeife in den Mund. Denn Deutschlands bester Fußballschiedsrichter sorgt beim Ballspektakel in Portugal dafür, dass alles in geordneten Bahnen verläuft. Aus Sicht der deutschen Fans hat sein ehrenvoller Einsatz allerdings einen bitteren Beigeschmack: Ein Finale kann Merk nur pfeifen, wenn die deutsche Elf daran unbeteiligt ist.

Für den 42-Jährigen ist es nach den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, der Europameisterschaft 2000 in den Niederlanden und Belgien sowie der Fußballweltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea bereits das vierte große Turnier, an dem er teilnimmt. Erst vor wenigen Wochen wurde er vom Schiedsrichterausschuss des Deutschen Fußball-Bundes zum „Schiedsrichter der Saison“ gewählt – eine Auszeichnung, die er bereits zum fünften Mal erhielt.

Seit 1988 verteilt er in der Ersten Bundesliga gelbe und rote Karten, entscheidet auf Freistoß, Ecke und Abseits. Bisher brachte er es dabei auf mehr als 240 Bundesligabegegnungen, 30 Länderspiele und 50 Europapokalpartien.

Als „praktizierender Christ“, wie sich der Katholik selbst beschreibt, liebt Markus Merk Gerechtigkeit – auf dem Fußballplatz und im Leben. Neben seinem Beruf als Zahnarzt und seinem Engagement als Schiedsrichter kümmert er sich als Mitbegründer der „Indienhilfe Kaiserslautern“ um bedürftige Menschen in Sogospatty (Südindien). Dort entstanden ein Kinderdorf mit einer Schule für 170 Schüler und ein Waisenhaus, in dem 30 Kinder untergebracht sind. An weiteren Orten im Umkreis befinden sich zudem Kindergärten und Altenheime. Ein- bis zweimal im Jahr ist Merk vor Ort und übernimmt dann die zahnärztliche Betreuung der Kinder.

Für die Arbeit wurde der Verein im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Kinderschutzpreis ausgezeichnet. „Das Strahlen der Kinderaugen ist so eine tolle Motivation, dass ich über ein Weitermachen gar nicht nachdenken muss“, sagt Merk, der verheiratet und Vater eines vier Jahre alten Sohnes ist.

Oft fällt es ihm schwer, den Kopf von den Eindrücken aus Indien frei zu bekommen, wenn er – wenige Tage nachdem er die Armut erlebt hat – wieder im Stadion steht und die Spiele von Fußballprofis leitet, die Millionen verdienen. „Du bist noch donnerstags in Indien, freitags kommst du zurück, und samstags stehst du wieder im Fußballstadion, wo es um Eitelkeiten geht. Wo es um den Einwurf an der Mittellinie geht“, denkt er laut.

Top-Schiedsrichter wie er gehören selbst zum Showgeschäft, wenn auch nicht unbedingt als Publikumsliebling. Anders als manch mittelmäßiger Bundesligaprofi dürfen sie als prominent gelten, werden auf der Straße erkannt, in Fachsimpeleien verwickelt, in Talkshows eingeladen.

Markus Merk versucht dennoch, zum Ich-bin-wichtig-Getue der Branche Distanz zu halten. Gelassenheit strahlt er aus und Skepsis gegenüber der Glitzerwelt. „Was auf dem Fußballplatz geschieht, darf in unserem Leben nicht das Entscheidende sein“, grundiert er den Eindruck. „Wir reden zwar oft von Schicksalsspielen, aber um Schicksale geht es an ganz anderen Orten unserer Erde.“

Trotzdem scheut der Unparteiische keine pathetischen Worte, wenn er über das Geschehen auf dem Platz spricht. Das Gegenüber merkt: Es kribbelt immer noch, wenn er in die Arena schreitet. Er liebt Extremsport, Marathon, Bergsteigen. Doch nichts gibt einen größeren Kick als der Volkssport. Gern würde Merk manchmal selbst gegen den Ball treten, aber er verzichtet – zugunsten seiner höheren Aufgabe.

Wo andere von der Tiefe des Raumes schwadronieren, erkennt er gesellschaftlichen und philosophischen Tiefgang. Als könne nur derjenige schnell entscheiden, der gründlich über sein Tun nachgedacht hat: „Mich hat damals immer im Stadion auf dem Betzenberg fasziniert, dass es Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen. Die sich diesem Druck der Massen stellen, ohne zu wissen, dass sich der Begriff Verantwortung einmal im Leben vielleicht viel weiter ausweitet.“

Dass Fußballspieler nach einem Torerfolg ihre Trikots hochreißen und auf ihren Unterhemden auf Jesus verweisen, findet Markus Merk toll. Vorausgesetzt, „Jesus liebt dich“ wird nicht an Werbeverträge gekoppelt. Er selbst ist auf dem Platz eher für sein Lächeln bekannt – und für seine konsequenten Entscheidungen. „Schließlich muss ich die Gesundheit der Spieler schützen.“ Wie alle Schiedsrichter muss auch Merk ertragen, dass Spieler oder Fans ihn für seine Entscheidungen beleidigen. Beschimpfungen auf dem Platz erlebte er ebenso wie Morddrohungen per Telefon. Und wie alle Schiris darf er sich während der Begegnung nicht anmerken lassen, wenn er an der eigenen Entscheidung zweifelt. Ein souveränes Lächeln, selbst wenn er noch im Kopf verschiedene Szenarien durchspielt, gehört zum Geschäft in seiner Spielklasse.

Seit er zwölf ist, pfeift er. Er arbeitete sich von ganz unten hoch in die internationale Arena. Die persönliche Fehlerquote sei mit den Jahren immer besser geworden, bilanziert er. Eine Entscheidung, die er bis heute bereut: „1996 habe ich Balakov in München mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Das ging ganz schnell. Da konnte man gar nicht so schnell schauen. Und das ist eine Entscheidung, die mir im Nachhinein Leid tut. Sie ist zwar vertretbar für alle gewesen, aber ich hätte heute so nicht mehr entschieden.“

Die Stärke, die er braucht, um als Schiedsrichter Autorität auszustrahlen, sucht er bei Gott. Wenn Merk bei der Fußballeuropameisterschaft in Portugal auf dem Platz steht, bekreuzigt er sich – wie vor jedem Spiel: „Das ist mein persönlicher Anpfiff. Der Glaube an Gott gibt mir Kraft für das Leben.“ Um eine göttliche Eingabe bei zweifelhaften Entscheidungen würde er jedoch nicht beten, nimmt er eine Frage vorweg. Und wie ist es mit der ganz irdischen Dimension seines Tuns? Kann der „Schiedsrichter des Jahres“ 2004 einem Unkundigen Abseits nicht nur erklären, sondern dafür drei Nüsse und eine Mandarine anschaulich in Stellung bringen?

Er kann. Nach bestandener Prüfung verabschiedet er sich mit einem Augenkniepen in die Kamera. Ein Grund mehr, sich bei ihm die Weisheitszähne ziehen zu lassen.

 

Der Autor ist Moderator beim Nachrichtensender N24. Von ihm erschien zuletzt: David Kadel (Hrsg.): Fußball-Bibel. Schulte und Gerth Verlag, 2004. 512 Seiten, 7,95 EUR.

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
27. Juni 2004

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