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Der
Schiedsrichter könnte das EM-Finale pfeifen. Wenn die deutsche Mannschaft vorher
rausfliegt. Betet er dafür? Foto:
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Markus Merk gehört
nicht zu den beliebtesten Bürgern. Ein Interview mit einem Schiedsrichter und
Zahnarzt zu führen, da hat man schon Bammel, handelt es sich doch dabei um zwei
Gestalten, um die man meist einen großen Bogen macht. Regelmäßige
Premiere-Fußball-Gucker wissen, dass der gute Doktor Markus Merk immer mit
seinem berühmten Linkes-Auge-zukneifen-Grinsen in die Kamera das Spiel beginnt.
Danach folgt das rituelle Bekreuzigen und der Kuss auf seinen Ehering, dann der
Anpfiff.
Locker sein Auftritt im Funkhaus, als er – selbstverständlich überpünktlich –
die Maske betritt: „Ah, Sie sind das, der bestaussehende Moderator bei N24.“
Merk weiß, wie man Fans gewinnt. Schick gekleidet, ganz ohne Werbeaufdruck am
Revers, aber mit der brandneuen Champions-League-Autogrammkarte im dunklen
Schiri-Jackett, erzählt er leidenschaftlich von seinen regelmäßigen „Ausbrüchen
nach Indien“, wo er den Trubel um Fußballgötter und falsche
Schiri-Entscheidungen hinter sich lässt.
An Wochentagen muss er als Zahnarzt seinen Patienten die Angst vor einer
Behandlung nehmen. In seiner Freizeit setzt er sich als Schiedsrichter mit
protestierenden Spielern und wütenden Fans auseinander. Weil ihm das wie keinem
anderen deutschen Schiedsrichter gelingt, ist die Zahnarztpraxis in
Kaiserslautern für die Dauer der Europameisterschaft geschlossen.
Merk hat vorübergehend den Bohrer aus der Hand gelegt und nimmt stattdessen
die Pfeife in den Mund. Denn Deutschlands bester Fußballschiedsrichter sorgt
beim Ballspektakel in Portugal dafür, dass alles in geordneten Bahnen verläuft.
Aus Sicht der deutschen Fans hat sein ehrenvoller Einsatz allerdings einen
bitteren Beigeschmack: Ein Finale kann Merk nur pfeifen, wenn die deutsche Elf
daran unbeteiligt ist.
Für den 42-Jährigen ist es nach den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona,
der Europameisterschaft 2000 in den Niederlanden und Belgien sowie der
Fußballweltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea bereits das vierte große
Turnier, an dem er teilnimmt. Erst vor wenigen Wochen wurde er vom
Schiedsrichterausschuss des Deutschen Fußball-Bundes zum „Schiedsrichter der
Saison“ gewählt – eine Auszeichnung, die er bereits zum fünften Mal erhielt.
Seit 1988 verteilt er in der Ersten Bundesliga gelbe und rote Karten,
entscheidet auf Freistoß, Ecke und Abseits. Bisher brachte er es dabei auf mehr
als 240 Bundesligabegegnungen, 30 Länderspiele und 50 Europapokalpartien.
Als „praktizierender Christ“, wie sich der Katholik selbst beschreibt, liebt
Markus Merk Gerechtigkeit – auf dem Fußballplatz und im Leben. Neben seinem
Beruf als Zahnarzt und seinem Engagement als Schiedsrichter kümmert er sich als
Mitbegründer der „Indienhilfe Kaiserslautern“ um bedürftige Menschen in
Sogospatty (Südindien). Dort entstanden ein Kinderdorf mit einer Schule für 170
Schüler und ein Waisenhaus, in dem 30 Kinder untergebracht sind. An weiteren
Orten im Umkreis befinden sich zudem Kindergärten und Altenheime. Ein- bis
zweimal im Jahr ist Merk vor Ort und übernimmt dann die zahnärztliche Betreuung
der Kinder.
Für die Arbeit wurde der Verein im vergangenen Jahr mit dem Deutschen
Kinderschutzpreis ausgezeichnet. „Das Strahlen der Kinderaugen ist so eine tolle
Motivation, dass ich über ein Weitermachen gar nicht nachdenken muss“, sagt
Merk, der verheiratet und Vater eines vier Jahre alten Sohnes ist.
Oft fällt es ihm schwer, den Kopf von den Eindrücken aus Indien frei zu
bekommen, wenn er – wenige Tage nachdem er die Armut erlebt hat – wieder im
Stadion steht und die Spiele von Fußballprofis leitet, die Millionen verdienen.
„Du bist noch donnerstags in Indien, freitags kommst du zurück, und samstags
stehst du wieder im Fußballstadion, wo es um Eitelkeiten geht. Wo es um den
Einwurf an der Mittellinie geht“, denkt er laut.
Top-Schiedsrichter wie er gehören selbst zum Showgeschäft, wenn auch nicht
unbedingt als Publikumsliebling. Anders als manch mittelmäßiger Bundesligaprofi
dürfen sie als prominent gelten, werden auf der Straße erkannt, in
Fachsimpeleien verwickelt, in Talkshows eingeladen.
Markus Merk versucht dennoch, zum Ich-bin-wichtig-Getue der Branche Distanz
zu halten. Gelassenheit strahlt er aus und Skepsis gegenüber der Glitzerwelt.
„Was auf dem Fußballplatz geschieht, darf in unserem Leben nicht das
Entscheidende sein“, grundiert er den Eindruck. „Wir reden zwar oft von
Schicksalsspielen, aber um Schicksale geht es an ganz anderen Orten unserer
Erde.“
Trotzdem scheut der Unparteiische keine pathetischen Worte, wenn er über das
Geschehen auf dem Platz spricht. Das Gegenüber merkt: Es kribbelt immer noch,
wenn er in die Arena schreitet. Er liebt Extremsport, Marathon, Bergsteigen.
Doch nichts gibt einen größeren Kick als der Volkssport. Gern würde Merk
manchmal selbst gegen den Ball treten, aber er verzichtet – zugunsten seiner
höheren Aufgabe.
Wo andere von der Tiefe des Raumes schwadronieren, erkennt er
gesellschaftlichen und philosophischen Tiefgang. Als könne nur derjenige schnell
entscheiden, der gründlich über sein Tun nachgedacht hat: „Mich hat damals immer
im Stadion auf dem Betzenberg fasziniert, dass es Menschen gibt, die
Verantwortung übernehmen. Die sich diesem Druck der Massen stellen, ohne zu
wissen, dass sich der Begriff Verantwortung einmal im Leben vielleicht viel
weiter ausweitet.“
Dass Fußballspieler nach einem Torerfolg ihre Trikots hochreißen und auf
ihren Unterhemden auf Jesus verweisen, findet Markus Merk toll. Vorausgesetzt,
„Jesus liebt dich“ wird nicht an Werbeverträge gekoppelt. Er selbst ist auf dem
Platz eher für sein Lächeln bekannt – und für seine konsequenten Entscheidungen.
„Schließlich muss ich die Gesundheit der Spieler schützen.“ Wie alle
Schiedsrichter muss auch Merk ertragen, dass Spieler oder Fans ihn für seine
Entscheidungen beleidigen. Beschimpfungen auf dem Platz erlebte er ebenso wie
Morddrohungen per Telefon. Und wie alle Schiris darf er sich während der
Begegnung nicht anmerken lassen, wenn er an der eigenen Entscheidung zweifelt.
Ein souveränes Lächeln, selbst wenn er noch im Kopf verschiedene Szenarien
durchspielt, gehört zum Geschäft in seiner Spielklasse.
Seit er zwölf ist, pfeift er. Er arbeitete sich von ganz unten hoch in die
internationale Arena. Die persönliche Fehlerquote sei mit den Jahren immer
besser geworden, bilanziert er. Eine Entscheidung, die er bis heute bereut:
„1996 habe ich Balakov in München mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Das ging ganz
schnell. Da konnte man gar nicht so schnell schauen. Und das ist eine
Entscheidung, die mir im Nachhinein Leid tut. Sie ist zwar vertretbar für alle
gewesen, aber ich hätte heute so nicht mehr entschieden.“
Die Stärke, die er braucht, um als Schiedsrichter Autorität auszustrahlen,
sucht er bei Gott. Wenn Merk bei der Fußballeuropameisterschaft in Portugal auf
dem Platz steht, bekreuzigt er sich – wie vor jedem Spiel: „Das ist mein
persönlicher Anpfiff. Der Glaube an Gott gibt mir Kraft für das Leben.“ Um eine
göttliche Eingabe bei zweifelhaften Entscheidungen würde er jedoch nicht beten,
nimmt er eine Frage vorweg. Und wie ist es mit der ganz irdischen Dimension
seines Tuns? Kann der „Schiedsrichter des Jahres“ 2004 einem Unkundigen Abseits
nicht nur erklären, sondern dafür drei Nüsse und eine Mandarine anschaulich in
Stellung bringen?
Er kann. Nach bestandener Prüfung verabschiedet er sich mit einem
Augenkniepen in die Kamera. Ein Grund mehr, sich bei ihm die Weisheitszähne
ziehen zu lassen.
Der Autor ist Moderator beim Nachrichtensender N24. Von ihm erschien
zuletzt: David Kadel (Hrsg.): Fußball-Bibel. Schulte und Gerth Verlag, 2004. 512
Seiten, 7,95 EUR.
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