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Die Pfeife im Mund ist sein Markenzeichen. Doch
Markus Merk hat viele Gesichter: Zahnarzt ist sein Beruf, das Amt des
Schiedsrichters Berufung, soziales Engagement selbst auferlegte Verpflichtung.
Bei der Fußball- WM in Japan und Korea pfeift Markus Merk
als einziger Deutscher. Eigentlich möchte Markus Merk zur Begrüßung nur ein paar Fotos
zeigen, doch bei deren Anblick ist er mit seinen Erzählungen plötzlich
mittendrin. Es geht nicht um reiche Kicker, sondern um arme Kinder. Seit mehr
als zehn Jahren engagiert sich Merk mit seiner Frau Birgit für Mädchen und
Jungen in Indien. Zwischen Assistenzzeit und Praxisübernahme erfüllte sich
damals, "was ich immer mal tun wollte". Merk flog nach Indien - und kam nach
vierwöchigem Aufenthalt nicht mehr davon los.
Mittwochmittag, der letzte Patient hat die Zahnarztpraxis in der
Kaiserslauterer Innenstadt verlassen. Markus Merk sitzt im Wartezimmer vor einer
Kiste voller Erinnerungen und Eindrücke, voller Projekte und Pläne. Der Gedanke,
dass er über seine Schiedsrichtertätigkeit und die bevorstehende
Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea erzählen will, scheint weit weg. Das
Wort Fußball ist bisher noch nicht gefallen.
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Fußball und Stäbchen - die nächste Aufgabe ist schwierig und
reizvoll: Markus Merk pfeift als einziger Deutscher bei der Weltmeisterschaft in
Japan/Südkorea. Foto: Gabi Novak- Oster |
Im Blickpunkt bleiben die Waisenkinder von Sogospatty in Südindien.
Für sie gründete Merk den Verein "Indienhilfe Kaiserslautern", Spender und Paten
sind mittlerweile quer über die Republik verteilt. In Dia- Schauen gibt er
Rechenschaft über die Verwendung der Gelder, "Offensiv-
Werbung" meidet er. "Ich hasse es, mit den Gefühlen der Leute zu
spielen." Die Projekte sprechen für sich, und Merks Motto "Jede Mark hilft 100
Pfennige" gilt auch in Zeiten des Euro noch. Anfangs kauften Birgit und Markus
Merk ein Stück staubiges Land, 1997 bauten sie darauf die erste Schule, im
vergangenen Jahr ein Waisenhaus. Im Sommer soll Baubeginn für eine Schule im
Norden des Landes sein, ein Altenheim ist geplant. Natürlich, räumt der 40- Jährige ein, hätte der Erfolg vom Fußball und von der
Bekanntheit der Person Merk gelebt, heute aber sei er lediglich noch Motor. Ein
PS-starker.
Ein Dutzend Mal war Merk inzwischen selbst in Indien. Aber wie ist
das, wenn er noch die Gedanken an millionenschwere Kicker im Kopf hat und die
Not leidenden Kinder vor Augen? Er kennt das Gefühl. "Am Anfang fiel es mir
schwer zu trennen." Er dachte an die emotionsgeladenen Diskussionen "um einen
belanglosen Einwurf an der Mittellinie". Und wie oft hatte er von
Schicksals- Spielen und von Spielen "alles oder nichts"
gehört. "Formulierungen, die unüberlegt in die Menge geworfen werden." Markus
Merk hat gelernt, gelassener mit den Extremsituationen umzugehen. "Heute schöpfe
ich Kraft aus beidem - und immer für das jeweils andere."
Markus Merk möchte seine Praxisräume verlassen, "hier bin ich ja
nur, um zu arbeiten". Obwohl sich unter den Patienten natürlich jede Menge
Fußball- Experten outen. Fortsetzung des Gesprächs in
einem Lokal auf dem Unigelände. Ganz in der Nähe wird Merk in zwei Stunden mit
einem Freund zum Konditionstraining im Wald verschwinden. Er korrigiert: "Das
ist kein Training, das ist Entspannung und Ausgleich."
Markus Merk ist Deutschlands bekanntester und bester Schiedsrichter.
200 Bundesliga- Einsätze ("und es brennt noch immer"), 25
Länderspiele ("alles über 20 ist für einen Schiedsrichter viel"), Olympische
Spiele, Europameisterschaft, Europacup- und Freundschaftsspiele rund um den
Erdball - alle woll(t)en Merk. Der denkt an den "schönsten Tag" zurück: das
erste Bundesligaspiel, Bochum gegen Uerdingen. Für den Pfälzer war ein Traum
wahr geworden. "Alles, was dann kam, waren tolle Ereignisse, aber es waren
Zugaben für mich." Fortan galt: "Ich muss nicht, ich will. Das hat mir Kraft
gegeben."
Bereits mit zwölf Jahren pfeift Markus Merk sein erstes Spiel.
Natürlich hatte er in der "fußballbesessenen Stadt Kaiserslautern" auch selbst
"mit Leib und Seele" gespielt, sich Uwe Seeler zum Vorbild genommen. "Und auch
heute, wenn der Ball quer rüber läuft, dann juckt es mich, dranzutreten." Merk
lacht. Gemein, als Schiedsrichter darf er's nicht. "Wenn wir in der D- oder E-
Jugend aufs Spielfeld sind, hat mich das Schiedsrichter-
Team unwahrscheinlich interessiert. Richtig in seinen Bann gezogen." Auch
später, wenn er als Zuschauer auf der Tribüne sitzt, faszinieren ihn "die drei
Menschen, die da unten Verantwortung übernehmen. Die eigentlich gar nicht viel
gewinnen können, herbe Kritik einstecken und dem ganzen Druck widerstehen."
Viele Jahre später, als Markus
Merk in einer Kampagne formulieren soll, warum er gerne Schiedsrichter ist, sagt
er: "weil ich gerne Verantwortung übernehme". Er will es anderen überlassen, nur
darüber zu reden. Und Merk bezieht in die Verantwortung alle 85 000
Schiedsrichter in Deutschland ein, vor allem die an der Basis und im
Jugendbereich - "sie haben eine soziale Verantwortung". Gerechte Entscheidungen
treffen zu wollen, das sei für jene, die gute Schiedsrichter werden wollten,
unabdingbar eine von vielen Charaktereigenschaften. Allerdings werde dieses
Streben nach Gerechtigkeit immer schwerer gemacht in einem Zeitalter, "in dem
alles durchleuchtet wird bis zum Gehtnichtmehr".
Nimmt sich der Fußball zu
ernst in einer Zeit, in der die Welt ganz andere und wirkliche Probleme hat?
Grundsätzlich, sagt Markus Merk, "muss man alles ernst nehmen. Jede Entscheidung
im Leben, die man an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt trifft, ist wichtig."
Nüchtern betrachtet, räumt er dann ein, wird dem Fußball zu viel Bedeutung
beigemessen, national und international. Als Beispiel nennt er das
wirtschaftliche Denken der Vereine. "Eine Entscheidung, die ich als
Schiedsrichter heute treffe, wird von den Vereinen ja nicht mehr als sportlich
gerecht bewertet, sondern Gewinn bringend - oder ruinös."
Früher, erinnert sich Merk, wurden Spiele in drei Minuten abgehakt.
Wenn der Neunte gegen den Zehnten spielte ("zwei graue Mäuse"), dann habe das
niemanden gejuckt. "Heute ist ja fast jeder Tabellenplatz für irgendeinen
Wettbewerb entscheidend." Jede Schiedsrichter-
Entscheidung werde danach beurteilt, meistens weit über den Spieltag
hinaus. "Und traurigerweise geht es dabei sehr schnell ins Persönliche." Als
Mensch gewertet, als Schiedsrichter abgestempelt - "und in Erinnerung bleibt
immer nur das Negative, aber das ist ohnehin ein gesellschaftliches
Problem".
Erstaunlich, wie ruhig Markus Merk bei seinen Worten bleibt. Die
Erklärung folgt: "Junge Kollegen leiden mehr darunter als ein alter Hase wie
ich." Allerdings hat er sich das erarbeitet. Merk ist für Spieler und Vereine
berechenbar. Er formuliert es so: "Ich bin absolut loyal. Mit mir kann man
Pferde stehlen und abends ein Bier trinken. Jeder weiß: Der Merk ist locker im
Umgang, aber konsequent in der Sache."
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"Mund auf" - Zahnarzt Merk bei seinen indischen Kindern. Seit
mehr als zehn Jahren engagiert er sich zusammen mit seiner Frau Birgit in
Indien. Foto: privat |
Dabei hatten Experten ihm am Anfang seiner Laufbahn prophezeit, dass
er diese Linie nicht lange durchhalten würde. "Das war mir egal. Ich wollte mich
am Fußball weder bereichern noch beweihräuchern. Es war für mich eine Aufgabe,
die ich zu erledigen hatte." Merk blieb sich treu. Attacken, die die Gesundheit
des Gegners gefährdeten, bestrafte er konsequent mit Rot - längst, bevor die
Fifa es 1990/91 zur Regel machte.
Talent und Routine, ein Auge für gewisse Dinge haben - vieles fließt
zusammen. Entscheidender für Merk: "Ich habe konsequent an mir gearbeitet. Das
Amt des Schiedsrichters ist kein Selbstläufer." Er nippt an seiner
Apfelsaftschorle. "Natürlich, ich hätte es mir oft leichter machen können. Aber
das ist nicht mein Weg, schon gar keiner, der der Sache dienlich ist."
Das nächste Spiel ist immer das wichtigste. Sagte Sepp Herberger.
Sagt auch Merk. W e r auf dem Platz steht, hat für ihn keine Bedeutung. "Ich
lege den Ball in den Mittelkreis, und dann spielt Rot gegen Weiß." Am liebsten,
sagt Merk, pfeift er "kritische Spiele, die am Ende harmonisch verlaufen sind".
Er weiß: "Ich kann als Schiedsrichter aus einem schlechten Spiel kein gutes
machen, aber ich kann - ohne, dass es jemand merkt - aus einem guten ein
schlechteres Spiel machen. Deshalb versuche ich, dem Spiel einen möglichst
großen Freiraum zu lassen." Oft ein schmaler Grat.
Ehrgeizig ist er. "Ich will immer das Beste rausholen, in vielen
Bereichen." Selbstbewusst ist er. "Nach den Berufungen von 1994 und 1998 in den
A-Pool habe ich mit der Nominierung zur WM 2002 gerechnet." Gefreut hat sich
Markus Merk dennoch: "Eine Weltmeisterschaft bleibt das Größte." Beinahe hätte
ihm ein Knöchelbruch noch einen Strich durchs Erlebnis gemacht. Merk kämpfte -
und fliegt am 22. Mai. Heimkehr ungewiss. Das hängt nicht zuletzt davon ab, wie
weit die deutsche Mannschaft kommt. Ein frühes Ausscheiden könnte Merks Chancen
auf einen zusätzlichen Einsatz erhöhen. "Ich hoffe trotzdem, dass die Deutschen
weit kommen."
Nach der WM will Markus Merk "erst mal den Standort bestimmen". Was
weitere "Zugaben" betrifft - "da fällt mir nichts mehr ein". Außerhalb des
Fußballs schon. 2003 will er am Wasa- Lauf teilnehmen,
gemeldet hat er für den Zermatt- Marathon mit einem
Höhenunterschied von 2300 Metern. Und dann sind da ja noch die Kinder in
Indien. |