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Schiedsrichter | Porträts | Fußball

 

 

Quelle: Mainzer Rhein Zeitung vom 26. April 2001

 

 

"Nur die besten dürfen eine Meinung haben"
Zeitungsinterview mit dem Mainzer Fussball-Zweitliga-Schiedsrichter Manfred Haupt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mainzer Manfred Haupt hat seine Karriere als Schieds- und Linienrichter in der Fußball-Bundesliga abrupt beendet

MAINZ. Über zweieinhalb Jahre stand der Mainzer Rechtsanwalt Manfred Haupt in der Zweiten Fußball-Bundesliga als Schiedsrichter auf dem Feld. Über zweieinhalb Jahre war der 36-Jährige Linienrichter in der Ersten Liga. Am 19. März zog sich Haupt urplötzlich vom Geschehen zurück.

Manfred Haupt betrachtete die Zweite Liga seit seinem Aufstieg 1998 nur als Durchgangsstation. "Man will ja immer vorankommen im Sport." Doch nach 20 Jahren als Schiedsrichter ist Haupt bewusst geworden, dass er nicht in die Erste Liga kommen wird. Freunde schenkten dem Rechtsanwalt einen goldenen Nagel, an dem nun Pfeife und Fahnenset hängen. Seine Klamotten hat er an junge Kollegen verschenkt. Die MRZ sprach mit Manfred Haupt über seinen Ausstieg.

Wie viele Gründe gaben den Ausschlag für Ihren Rückzug aus dem Bundesliga-Fußball?

Es war ein Puzzle. Man sollte meinen, dass es im Schiedsrichterwesen größtenteils auf Leistung ankommt. Doch das ist nicht der Fall. Bei schätzungsweise 78 000 Unparteiischen in Deutschland war ich unter den Top 44. Die Noten in meinen Bewertungsbögen lagen im Schnitt über "sehr gut". Das höchste Kriterium ist ausgezeichnet. Ich muss also relativ gut gewesen sein. Mein Weg in Richtung Erste Liga hätte weitergehen können. Ging er aber nicht. Weil vieles unterschwellig abläuft.

Können Sie konkreter werden?

Die 22 Bundesliga-Schiedsrichter sind die Elite. Die 22 in Liga zwei werden ausgenutzt. Markus Merk, mit dem ich bei Erstliga-Spielen oft im Gespann zusammen gearbeitet habe, meinte: "Manfred Haupt ist mein sehr guter Assistent." Das freut einen, führt aber auch dazu, dass man sich beinahe als Leibeigener fühlt. Mein Assistent. Vielen mag dieses Lob zudem ein falsches Signal gewesen sein. Vielleicht haben Sie geglaubt, ich wäre nur als Assistent gut genug für die Bundesliga. Ohne die nötige Förderung kommt man aber nicht nach oben. Mir fehlte die Unterstützung. Günther Linn, der Schiedsrichter-Obmann des Regionalverbandes, hat mich als Platzhalter benutzt, statt mich zu fördern. Da kann man schon den Glauben an die Sache verlieren. Das war der stärkste Grund aufzuhören.

"Fußball-Mafia DFB", heißt es bei Fans nach Entscheidungen gegen die eigene Mannschaft. Haben die Anhänger also Recht?

Situative Wutausbrüche der Fans treffen oft den Nagel auf den Kopf. Es wird im Schiedsrichterwesen auch nicht gerne gesehen, wenn jemand mal seine eigene Meinung kundtut. Das dürfen nur die vier, fünf Besten.

Warum der Ausstieg mitten in der Saison?

Nach dem abschließenden Bundesligaspieltag letztes Jahr habe ich im Münchner Olympiastadion gestanden, mir die Meisterfeier des FC Bayern angeguckt, und zu Markus Merk gesagt: "Das wäre eigentlich der ideale Zeitpunkt aufzuhören." Aber ich wollte es dieses Jahr noch einmal wissen. Nach der Halbzeittagung der Schiedsrichter war mir dann klar, dass ich mein Ziel nicht verwirklichen kann. Seit Januar ist mir dann auch der positive Rausch abhanden gekommen, den Fußball zuvor in mir immer wieder ausgelöst hat. Zum Schluss war es nur noch ein Job. Deshalb habe ich von jetzt auf gleich Schluss gemacht.

Schiedsrichter werden viel kritisiert. Sie bildeten keine Ausnahme. Zählt auch die öffentliche Kritik zu den Gründen Ihres Ausstiegs?

Vielleicht waren die Kritiken nach dem 5:1 der SpVgg Greuther Fürth gegen den FC St. Pauli ein Auslöser. Vom "kicker" habe ich nach dem Spiel die Note sechs bekommen. Weil ich eine falsche Strafstoßentscheidung getroffen und ein Tor zu Unrecht annulliert haben soll. Auch im Fernsehen ist der Elfmeter als Fehlentscheidung dargestellt worden. Die Kritik hat in das damalige Bild meiner Gesamtlage als Schiedsrichter gepasst. Ansonsten hatte ich kein Problem mit fehlender Akzeptanz.

Die Schiedsrichter sind zuletzt von Bayern-Präsident Franz Beckenbauer und dem Kölner Trainer Ewald Lienen heftig kritisiert worden. Fehlt es den Referees insgesamt nicht an Akzeptanz?

Der Stellenwert des Schiedsrichters in der Öffentlichkeit ist gesunken. Man könnte dies in Zusammenhang mit den Leistungen Einzelner bringen. Oder aber mit der Führung, die die Schiedsrichter eigentlich zu unterstützen hat. Das Klima hat sich vergiftet, weil Leute wie Schiedsrichterausschuss-Mitglied Manfred Amarell reißerische Meinungen nach außen tragen. Weil sie polarisieren. Das verfestigt in der Öffentlichkeit negative Eindrücke. Auch das hat mir nicht gepasst. Kritik an Unparteiischen gibt es immer öfter, je näher sich eine Saison dem Ende zuneigt. Aber in den vergangenen Jahren ist die Kritik stärker geworden.

Was halten Sie davon, Profi-Schiedsrichter einzuführen?

Ich finde die momentane Situation absolut in Ordnung. Auch was das Geld angeht. Als Bundesliga-Schiedsrichter bekommt man 6000 Mark, als Assistent und Zweitliga-Schiedsrichter 3000 Mark. Unterbezahlt ist also niemand. Deshalb erklärten mich auch viele Leute für verrückt, als ich meinen Ausstieg bekannt gegeben habe. Und Fußball bietet einem gute Entspannung vom Arbeitsleben. Aber man wird sich der Diskussion hin zum Profitum nicht verschließen können. Nur: Der DFB müsste den Arbeitsalltag der Schiedsrichter komplett anders gestalten. Das Training müsste umstrukturiert werden, eine Schulung rund um die Uhr wäre angesagt. Und es könnte zu zwanghaften Kasernierungen kommen, um die Daseinsberechtigung von Profis zu rechtfertigen.

Zweieinhalb Jahre Schiedsrichter im deutschen Profifußball. Welche Entscheidung würden Sie gerne zurücknehmen? Womit sind Sie absolut zufrieden gewesen?

Im September habe ich ein Tor des 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen wegen Abseits nicht anerkannt. Im Fernsehen ist anschließend klar geworden, dass der Treffer regelgerecht war. Das hat mich mächtig geärgert. Beim Spiel der Bayern in Rostock habe ich Markus Merk angezeigt, dass der Münchner Torwart Oliver Kahn wegen Ballwegtretens zu verwarnen sei. Das ist mir in Erinnerung geblieben, weil ich Verantwortung übernommen habe.

Das Gespräch führte

 Jens Grützner

http://rhein-zeitung.de/archiv/01/04/26/z/sport/00000213.html

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
27. April 2003

 

© Axel Beckmann