Der Mainzer Manfred
Haupt hat seine Karriere als Schieds- und Linienrichter
in der Fußball-Bundesliga abrupt beendet
MAINZ. Über
zweieinhalb Jahre stand der Mainzer Rechtsanwalt Manfred
Haupt in der Zweiten Fußball-Bundesliga als Schiedsrichter
auf dem Feld. Über zweieinhalb Jahre war der 36-Jährige
Linienrichter in der Ersten Liga. Am 19. März zog sich
Haupt urplötzlich vom Geschehen zurück.
Manfred Haupt betrachtete
die Zweite Liga seit seinem Aufstieg 1998 nur als Durchgangsstation.
"Man will ja immer vorankommen im Sport."
Doch nach 20 Jahren als Schiedsrichter ist Haupt bewusst
geworden, dass er nicht in die Erste Liga kommen wird.
Freunde schenkten dem Rechtsanwalt einen goldenen Nagel,
an dem nun Pfeife und Fahnenset hängen. Seine Klamotten
hat er an junge Kollegen verschenkt. Die MRZ sprach
mit Manfred Haupt über seinen Ausstieg.
Wie viele Gründe gaben
den Ausschlag für Ihren Rückzug aus dem Bundesliga-Fußball?
Es war ein Puzzle.
Man sollte meinen, dass es im Schiedsrichterwesen größtenteils
auf Leistung ankommt. Doch das ist nicht der Fall. Bei
schätzungsweise 78 000 Unparteiischen in Deutschland
war ich unter den Top 44. Die Noten in meinen Bewertungsbögen
lagen im Schnitt über "sehr gut". Das höchste
Kriterium ist ausgezeichnet. Ich muss also relativ gut
gewesen sein. Mein Weg in Richtung Erste Liga hätte
weitergehen können. Ging er aber nicht. Weil vieles
unterschwellig abläuft.
Können Sie konkreter
werden?
Die 22 Bundesliga-Schiedsrichter
sind die Elite. Die 22 in Liga zwei werden ausgenutzt.
Markus Merk, mit dem ich bei Erstliga-Spielen oft im
Gespann zusammen gearbeitet habe, meinte: "Manfred
Haupt ist mein sehr guter Assistent." Das freut
einen, führt aber auch dazu, dass man sich beinahe als
Leibeigener fühlt. Mein Assistent. Vielen mag dieses
Lob zudem ein falsches Signal gewesen sein. Vielleicht
haben Sie geglaubt, ich wäre nur als Assistent gut genug
für die Bundesliga. Ohne die nötige Förderung kommt
man aber nicht nach oben. Mir fehlte die Unterstützung.
Günther Linn, der Schiedsrichter-Obmann des Regionalverbandes,
hat mich als Platzhalter benutzt, statt mich zu fördern.
Da kann man schon den Glauben an die Sache verlieren.
Das war der stärkste Grund aufzuhören.
"Fußball-Mafia
DFB", heißt es bei Fans nach Entscheidungen gegen
die eigene Mannschaft. Haben die Anhänger also Recht?
Situative Wutausbrüche
der Fans treffen oft den Nagel auf den Kopf. Es wird
im Schiedsrichterwesen auch nicht gerne gesehen, wenn
jemand mal seine eigene Meinung kundtut. Das dürfen
nur die vier, fünf Besten.
Warum der Ausstieg
mitten in der Saison?
Nach dem abschließenden
Bundesligaspieltag letztes Jahr habe ich im Münchner
Olympiastadion gestanden, mir die Meisterfeier des FC
Bayern angeguckt, und zu Markus Merk gesagt: "Das
wäre eigentlich der ideale Zeitpunkt aufzuhören."
Aber ich wollte es dieses Jahr noch einmal wissen. Nach
der Halbzeittagung der Schiedsrichter war mir dann klar,
dass ich mein Ziel nicht verwirklichen kann. Seit Januar
ist mir dann auch der positive Rausch abhanden gekommen,
den Fußball zuvor in mir immer wieder ausgelöst hat.
Zum Schluss war es nur noch ein Job. Deshalb habe ich
von jetzt auf gleich Schluss gemacht.
Schiedsrichter werden
viel kritisiert. Sie bildeten keine Ausnahme. Zählt
auch die öffentliche Kritik zu den Gründen Ihres Ausstiegs?
Vielleicht waren die
Kritiken nach dem 5:1 der SpVgg Greuther Fürth gegen
den FC St. Pauli ein Auslöser. Vom "kicker"
habe ich nach dem Spiel die Note sechs bekommen. Weil
ich eine falsche Strafstoßentscheidung getroffen und
ein Tor zu Unrecht annulliert haben soll. Auch im Fernsehen
ist der Elfmeter als Fehlentscheidung dargestellt worden.
Die Kritik hat in das damalige Bild meiner Gesamtlage
als Schiedsrichter gepasst. Ansonsten hatte ich kein
Problem mit fehlender Akzeptanz.
Die Schiedsrichter
sind zuletzt von Bayern-Präsident Franz Beckenbauer
und dem Kölner Trainer Ewald Lienen heftig kritisiert
worden. Fehlt es den Referees insgesamt nicht an Akzeptanz?
Der Stellenwert des
Schiedsrichters in der Öffentlichkeit ist gesunken.
Man könnte dies in Zusammenhang mit den Leistungen Einzelner
bringen. Oder aber mit der Führung, die die Schiedsrichter
eigentlich zu unterstützen hat. Das Klima hat sich vergiftet,
weil Leute wie Schiedsrichterausschuss-Mitglied Manfred
Amarell reißerische Meinungen nach außen tragen. Weil
sie polarisieren. Das verfestigt in der Öffentlichkeit
negative Eindrücke. Auch das hat mir nicht gepasst.
Kritik an Unparteiischen gibt es immer öfter, je näher
sich eine Saison dem Ende zuneigt. Aber in den vergangenen
Jahren ist die Kritik stärker geworden.
Was halten Sie davon,
Profi-Schiedsrichter einzuführen?
Ich finde die momentane
Situation absolut in Ordnung. Auch was das Geld angeht.
Als Bundesliga-Schiedsrichter bekommt man 6000 Mark,
als Assistent und Zweitliga-Schiedsrichter 3000 Mark.
Unterbezahlt ist also niemand. Deshalb erklärten mich
auch viele Leute für verrückt, als ich meinen Ausstieg
bekannt gegeben habe. Und Fußball bietet einem gute
Entspannung vom Arbeitsleben. Aber man wird sich der
Diskussion hin zum Profitum nicht verschließen können.
Nur: Der DFB müsste den Arbeitsalltag der Schiedsrichter
komplett anders gestalten. Das Training müsste umstrukturiert
werden, eine Schulung rund um die Uhr wäre angesagt.
Und es könnte zu zwanghaften Kasernierungen kommen,
um die Daseinsberechtigung von Profis zu rechtfertigen.
Zweieinhalb Jahre Schiedsrichter
im deutschen Profifußball. Welche Entscheidung würden
Sie gerne zurücknehmen? Womit sind Sie absolut zufrieden
gewesen?
Im September habe ich
ein Tor des 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen wegen
Abseits nicht anerkannt. Im Fernsehen ist anschließend
klar geworden, dass der Treffer regelgerecht war. Das
hat mich mächtig geärgert. Beim Spiel der Bayern in
Rostock habe ich Markus Merk angezeigt, dass der Münchner
Torwart Oliver Kahn wegen Ballwegtretens zu verwarnen
sei. Das ist mir in Erinnerung geblieben, weil ich Verantwortung
übernommen habe.
Das Gespräch führte
Jens Grützner
http://rhein-zeitung.de/archiv/01/04/26/z/sport/00000213.html
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