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Schiedsrichter | Porträts | Fussball

 

 

Quelle: http://www.andreas-albert.de

 

 

Hellmut Krug über seine Motivation

 

 

 

 

 

 

 

 

Schiedsrichter - mehr als nur ein Hobby. Eine Frage wurde mir in meiner nunmehr 30-jährigen Schiedsrichterlaufbahn wohl am häufigsten gestellt: „Warum bist du eigentlich Schiedsrichter geworden, warum machst du das?“

Eine Frage, deren konkrete Beantwortung mir allerdings erst im Laufe der Jahre, im Laufe meiner Entwicklung als Fußballschiedsrichter, klar geworden ist.

Lagen doch meinen Schiedsrichteranfängen zunächst einmal zwei ganz profane Ursachen zugrunde. Die erste: mein Vater war, selbst einmal hochrangiger Schiedsrichter, im Kreis Gelsenkirchen als Funktionär tätig und unter anderem mit der Ausbildung der Schiedsrichter betraut. Der zweite, und ich scheue mich nicht, das zuzugeben: ich wollte schlicht und einfach mein Taschengeld aufbessern, - damals waren 10,- DM pro Woche für einen Jugendlichen noch viel Geld.

Insbesondere der finanzielle Grund war natürlich nicht sehr vielversprechend im Hinblick auf eine Schiedsrichterkarriere. Dass meine Laufbahn dennoch erfolgreich verlaufen sollte, ist ohne Frage zunächst einer Person zu verdanken: meinem Vater.

Denn wohl niemals hätte ich ohne die Unterstützung meines Vaters als Schiedsrichter so viel erreicht. Warum? Ganz einfach, in den Anfängen braucht jeder Schiedsrichter, besonders der junge, einen Mentor , einen Betreuer, der zielgerichtet und gewissenhaft seine Entwicklung unterstützt. Und ich hatte in meinem Vater einen erfahrenen, kompetenten und verständnisvollen Vertrauten und Lehrer, wie ich ihn besser nirgends hätte finden können. Mein Vater begleitete mich zu jedem Spiel, und nach jedem Spiel wurde „Fraktur gesprochen“. Geradezu der Idealfall eines Mentors oder wie es heute neudeutsch heißt „coach“.

Aber dennoch: soviel war gleich zu Beginn klar, die Fähigkeit Spiele zu leiten, war mir ganz und gar nicht in die Wiege gelegt worden. Häufig genug suchten mein Vater und ich, vom Spieleinsatz nach Hause zurückgekehrt, unterschiedliche Zimmer auf, um erst einmal das Geschehene zu verarbeiten. Doch immer fand schließlich eine Aufarbeitung statt, Kritik nicht um der Kritik willen, sondern systematisch und mit dem Ziel, meine Leistung nach und nach zu verbessern und zu stabilisieren. Das einzige Hindernis stellte dabei in der Anfangszeit ich selbst dar. Glaubte ich doch, die Spielleitungen mehr oder weniger mit links, ohne allzu großen Einsatz bewältigen zu können. Mit anderen Worten: wie Jugendliche eben sind, so war ich auch. Keine Fete auslassen, spät - bzw. man muss wohl sagen eher früh - ins Bett, und morgens früh raus, um Jugendspiele zu leiten. Und genauso sahen die Spielleitungen dann teilweise auch aus, schlichtweg chaotisch. Ich bewundere meinen Vater daher noch heute für seine damalige Duldsamkeit und Leidensfähigkeit. Aber auch die war irgendwann am Ende. Ein riesiges Donnerwetter nahm seinen Lauf. Und stand ich vor der Wahl, die Schiedsrichterei entweder mit 100%-tigem Einsatz und Engagement weiter zu betreiben oder die Pfeife an den Nagel zu hängen.

Ein ganz entscheidender Moment in meiner Karriere! Ich war damals 17,5 Jahre alt und hatte mich bereits 18 Monate als Schiedsrichter versucht.

Für  mich stellte dies einen Umkehrpunkt in meiner Schiedsrichterlaufbahn dar, weil ich nun den festen Vorsatz hatte, es als Schiedsrichter zu etwas zu bringen. Dieses „Etwas“ bedeutete für mich, mindestens Bundesliga-Spiele zu leiten, wenn möglich irgendwann einmal Länderspiele.

Utopie? Für mich damals nicht. Denn ich wußte, dass ich wichtige Faktoren zur Erreichung dieses hohen Ziels bereits mitbrachte: Sportlichkeit, Frechheit, Selbstvertrauen, Gerechtigkeitssinn, Liebe zum Fußball und nicht zuletzt ein gewisses Maß an Intelligenz.

Nur eines hatte ich bislang nicht getan: 100%-prozentigen Einsatz bei jedem Spiel zeigen, gepaart mit der entsprechenden, ausreichenden körperlichen und geistigen Vorbereitung. Das hieß nicht, dass ich von nun an allem abgeschworen hätte, was das Leben für einen Jugendlichen so lebenswert macht. Ich mußte eben nur unsere ach so heiß geliebten Feten etwas früher verlassen, einige Glas weniger trinken, konnte am Samstagabend nicht "auf die Rolle" bis zum Morgengrauen. Und ich gebe zu, ich bin deswegen teilweise belächelt worden, vielfach auf Unverständnis gestoßen. Aber ich hatte ein Ziel vor Augen. Und je mehr mein Umfeld mit Unverständnis reagierte, desto mehr biß ich mich an meinem Ziel fest. Denn ich wußte, ich würde es schaffen, mit Einsatz und Beharrlichkeit, und vor allen Dingen mit der Unterstützung meines Vaters, der zu jedem Spiel mit reiste und in nimmermüder Art und Weise mit mir arbeitete und mir all das beibrachte, was einen guten Schiedsrichter ausmacht.

30 Jahre später, rückblickend, weiß ich, dass ich auf dem Weg zu meinem Ziel, wenn nicht alles, so doch das meiste, richtig gemacht habe. Sicher hatte ich nicht so viele Freiheiten wie ein Großteil meiner Freunde, mußte auf eine ganze Reihe von Annehmlichkeiten einfach verzichten. Auf der anderen Seite aber kann ich als positives Ergebnis eine ganze Reihe von Dingen veranschlagen, um die mich heute viele beneiden, aber auch Dinge, die für mich persönlich von größter Bedeutung sind. Nicht nur, dass ich im und durch den Fußball ungeheuer viel erlebt habe. Der wichtigste Aspekt besteht meines Erachtens darin, dass die Schiedsrichtertätigkeit in einer Weise zu meiner Persönlichkeitsentwicklung beigetragen hat, wie dies durch keine andere Tätigkeit möglich gewesen wäre. Umgang mit Menschen und Medien, psychologisches Einfühlungsvermögen, Auseinandersetzung mit kritischen Situationen und deren Bewältigung, Erweiterung der Handlungskompetenz und vieles mehr sind durch den Fußball in einer für mich kaum vorhersehbaren Weise entwickelt worden.

Und auch heute noch ist jedes Spiel für mich eine besondere Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Und diese Herausforderung ist umso größer, da ein Schiedsrichter niemals, mag er auch noch so lange dabei sein, vor dem Spiel wissen wird, was ihn genau erwartet. Er wird immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Und er wird so in einem Lebensbereich tätig sein, in dem er lernen muss, dass er niemals aufhören wird, dazuzulernen.

Die Schiedsrichterei als lebenslanger Lernprozess mit immer neuen Situationen, dabei verbunden mit einer ständigen Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Nenne mir auch nur eine andere, ähnliche Freizeitbeschäftigung, in der Zeitaufwand und Ergebnis in einem derartig positiven Verhältnis zugunsten des Ergebnisses stehen. -

Du wirst sie nicht finden!

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
27. April 2003

 

© Axel Beckmann