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Schiedsrichter - mehr als nur ein Hobby. Eine Frage wurde mir in
meiner nunmehr 30-jährigen Schiedsrichterlaufbahn wohl am häufigsten gestellt:
„Warum bist du eigentlich Schiedsrichter geworden, warum machst du das?“
Eine Frage, deren konkrete Beantwortung mir
allerdings erst im Laufe der Jahre, im Laufe meiner Entwicklung als
Fußballschiedsrichter, klar geworden ist.
Lagen doch meinen Schiedsrichteranfängen zunächst
einmal zwei ganz profane Ursachen zugrunde. Die erste: mein Vater war, selbst
einmal hochrangiger Schiedsrichter, im Kreis Gelsenkirchen als Funktionär tätig
und unter anderem mit der Ausbildung der Schiedsrichter betraut. Der zweite, und
ich scheue mich nicht, das zuzugeben: ich wollte schlicht und einfach mein
Taschengeld aufbessern, - damals waren 10,- DM pro Woche für einen Jugendlichen
noch viel Geld.
Insbesondere der finanzielle Grund war natürlich
nicht sehr vielversprechend im Hinblick auf eine Schiedsrichterkarriere. Dass
meine Laufbahn dennoch erfolgreich verlaufen sollte, ist ohne Frage zunächst
einer Person zu verdanken: meinem Vater.
Denn wohl niemals hätte ich ohne die Unterstützung
meines Vaters als Schiedsrichter so viel erreicht. Warum? Ganz einfach, in den
Anfängen braucht jeder Schiedsrichter, besonders der junge, einen Mentor
, einen Betreuer, der zielgerichtet und gewissenhaft seine Entwicklung
unterstützt. Und ich hatte in meinem Vater einen erfahrenen, kompetenten und
verständnisvollen Vertrauten und Lehrer, wie ich ihn besser nirgends hätte
finden können. Mein Vater begleitete mich zu jedem Spiel, und nach jedem Spiel
wurde „Fraktur gesprochen“. Geradezu der Idealfall eines Mentors oder wie es
heute neudeutsch heißt „coach“.
Aber dennoch: soviel war gleich zu Beginn klar, die
Fähigkeit Spiele zu leiten, war mir ganz und gar nicht in die Wiege gelegt
worden. Häufig genug suchten mein Vater und ich, vom Spieleinsatz nach Hause
zurückgekehrt, unterschiedliche Zimmer auf, um erst einmal das Geschehene zu
verarbeiten. Doch immer fand schließlich eine Aufarbeitung statt, Kritik nicht
um der Kritik willen, sondern systematisch und mit dem Ziel, meine Leistung nach
und nach zu verbessern und zu stabilisieren. Das einzige Hindernis stellte dabei
in der Anfangszeit ich selbst dar. Glaubte ich doch, die Spielleitungen mehr
oder weniger mit links, ohne allzu großen Einsatz bewältigen zu können. Mit
anderen Worten: wie Jugendliche eben sind, so war ich auch. Keine Fete
auslassen, spät - bzw. man muss wohl sagen eher früh - ins Bett, und morgens
früh raus, um Jugendspiele zu leiten. Und genauso sahen die Spielleitungen dann
teilweise auch aus, schlichtweg chaotisch. Ich bewundere meinen Vater daher noch
heute für seine damalige Duldsamkeit und Leidensfähigkeit. Aber auch die war
irgendwann am Ende. Ein riesiges Donnerwetter nahm seinen Lauf. Und stand ich
vor der Wahl, die Schiedsrichterei entweder mit 100%-tigem Einsatz und
Engagement weiter zu betreiben oder die Pfeife an den Nagel zu hängen.
Ein ganz entscheidender Moment in meiner Karriere!
Ich war damals 17,5 Jahre alt und hatte mich bereits 18 Monate als
Schiedsrichter versucht.
Für mich stellte dies einen Umkehrpunkt in meiner
Schiedsrichterlaufbahn dar, weil ich nun den festen Vorsatz hatte, es als
Schiedsrichter zu etwas zu bringen. Dieses „Etwas“ bedeutete für mich,
mindestens Bundesliga-Spiele zu leiten, wenn möglich irgendwann einmal
Länderspiele.
Utopie? Für mich damals nicht. Denn ich wußte, dass
ich wichtige Faktoren zur Erreichung dieses hohen Ziels bereits mitbrachte:
Sportlichkeit, Frechheit, Selbstvertrauen, Gerechtigkeitssinn, Liebe zum Fußball
und nicht zuletzt ein gewisses Maß an Intelligenz.
Nur eines hatte ich bislang nicht getan:
100%-prozentigen Einsatz bei jedem Spiel zeigen, gepaart mit der
entsprechenden, ausreichenden körperlichen und geistigen Vorbereitung. Das hieß
nicht, dass ich von nun an allem abgeschworen hätte, was das Leben für einen
Jugendlichen so lebenswert macht. Ich mußte eben nur unsere ach so heiß
geliebten Feten etwas früher verlassen, einige Glas weniger trinken, konnte am
Samstagabend nicht "auf die Rolle" bis zum Morgengrauen. Und ich gebe zu, ich
bin deswegen teilweise belächelt worden, vielfach auf Unverständnis gestoßen.
Aber ich hatte ein Ziel vor Augen. Und je mehr mein Umfeld mit Unverständnis
reagierte, desto mehr biß ich mich an meinem Ziel fest. Denn ich wußte, ich
würde es schaffen, mit Einsatz und Beharrlichkeit, und vor allen
Dingen mit der Unterstützung meines Vaters, der zu jedem Spiel mit reiste und in
nimmermüder Art und Weise mit mir arbeitete und mir all das beibrachte, was
einen guten Schiedsrichter ausmacht.
30 Jahre später, rückblickend, weiß ich, dass ich
auf dem Weg zu meinem Ziel, wenn nicht alles, so doch das meiste, richtig
gemacht habe. Sicher hatte ich nicht so viele Freiheiten wie ein Großteil meiner
Freunde, mußte auf eine ganze Reihe von Annehmlichkeiten einfach verzichten. Auf
der anderen Seite aber kann ich als positives Ergebnis eine ganze Reihe von
Dingen veranschlagen, um die mich heute viele beneiden, aber auch Dinge, die für
mich persönlich von größter Bedeutung sind. Nicht nur, dass ich im und durch den
Fußball ungeheuer viel erlebt habe. Der wichtigste Aspekt besteht meines
Erachtens darin, dass die Schiedsrichtertätigkeit in einer Weise zu meiner
Persönlichkeitsentwicklung beigetragen hat, wie dies durch keine andere
Tätigkeit möglich gewesen wäre. Umgang mit Menschen und Medien, psychologisches
Einfühlungsvermögen, Auseinandersetzung mit kritischen Situationen und deren
Bewältigung, Erweiterung der Handlungskompetenz und vieles mehr sind durch den
Fußball in einer für mich kaum vorhersehbaren Weise entwickelt worden.
Und auch heute noch ist jedes Spiel für mich eine
besondere Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Und diese
Herausforderung ist umso größer, da ein Schiedsrichter niemals, mag er auch noch
so lange dabei sein, vor dem Spiel wissen wird, was ihn genau erwartet. Er wird
immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Und er wird so in einem
Lebensbereich tätig sein, in dem er lernen muss, dass er niemals aufhören wird,
dazuzulernen.
Die Schiedsrichterei als lebenslanger
Lernprozess mit immer neuen Situationen, dabei verbunden mit einer
ständigen Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Nenne mir auch nur eine andere, ähnliche
Freizeitbeschäftigung, in der Zeitaufwand und Ergebnis in einem derartig
positiven Verhältnis zugunsten des Ergebnisses stehen. -
Du wirst sie nicht finden! |