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Schiedsrichter | Porträts | Fußball

 

 

Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung im Dezember 1999

 

 

Der Schiedsrichter als Star mit der eigenen Homepage
Bernd Heynemann redet nicht nur über Offenheit und Transparenz 

 

 

 

 

 

 

FRANKFURT. Bernd Heynemann lässt sich so schnell nichts vormachen. Dafür spielt der 45 Jahre alte, bullig anmutende Magdeburger selbst noch zu gern Fußball. Deutschlands beliebtester Schiedsrichter, seit 1989 auch international eine Kapazität seines Fachs, hält sich Woche für Woche bei seinem Heimatverein Fortuna spielend fit. "Ich weiß, was ein Foul ist und wie man dann fällt", sagt Heynemann aus eigener Erfahrung. Sie nutzt dem Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der AOK-Niederlassung Magdeburg, wenn er wieder einmal in seinem Zweitjob gefragt ist. Da, wo die Emotionen hochschlagen und er gefordert ist, mit Augenmaß den Überblick zu behalten und Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel am Sonntag in Rostock, wo Heynemann die Bundesliga-Begegnung Hansa gegen den FC Schalke 04 leitet.

Der EDV-Fachmann, der bei der Weltmeisterschaft 1998 zu den auserlesenen Unparteiischen gehörte, hat in der jüngsten Diskussion über das Verhältnis zwischen Schiedsrichtern und Trainern keine Schrammen abbekommen. Der Mann hat Humor und ein ausgleichendes Wesen. Das hilft ihm in Stresssituationen, wenn es darauf ankommt, aufgeregte Gemüter zu besänftigen und zu den eigenen Entscheidungen zu stehen. Mögen diese bei der Fülle umstrittener Szenen auch manchmal falsch sein, sagt sich Heynemann trotzig: "Wer Erfolg haben will, darf keine Angst haben, Fehler zu machen."

Der Mann, der eine eigene Homepage im Internet hat und über 3000 Autogrammwünsche im Jahr erfüllt, rückt die Verhältnisse gern zurecht, wenn seiner Zunft wieder einmal mangelhafter Durchblick und unterentwickeltes Durchsetzungsvermögen vorgehalten wird:

"Schiedsrichter treffen pro Spiel rund hundert Entscheidungen. Wir liegen, das haben Testreihen ergeben, bei einer Trefferquote von 96 Prozent. An den restlichen vier Prozent müssen wir noch arbeiten."

Warum wer wie gepfiffen hat, darüber geben seit vier Jahren weltweit nur die deutschen Referees gern und beredt Auskunft. Deshalb waren Heynemann und Volker Roth, der Vorsitzende der Schiedsrichter-Kommission im Deutschen Fußball-Bund (DFB), kürzlich zu einem Medienseminar der Europäischen Fußballunion (UEFA) in Brüssel eingeladen. Dort staunte so mancher über die Bekenntnisse der beiden Deutschen zu mehr Offenheit und Transparenz im Umgang mit den Medien. Die Journalisten, glaubt Roth, hätten inzwischen ein größeres Verständnis für die Beweggründe der Schiedsrichter, so und nicht anders zu entscheiden- Heynemann sagt frank und frei und ein bisschen eitel: "Die Schiedsrichter waren noch nie so bekannt und interessant wie heute." Das deutsche Modell beginnt auch die UEFA zu interessieren. Möglich, dass bei der Europameisterschafts-Endrunde im kommenden Jahr UEFA-Sprecher erstmals dazu autorisiert werden, strittige Situationen zu erläutern; denkbar, dass gefragte Schiedsrichter nach den Spielen selbst ein kurzes Statement zu fraglichen Entscheidungen abgeben.

Von deutschen Verhältnissen wäre das neue Rollenverhalten der auf der europäischen Ebene eingesetzten Unparteiischen noch immer weit entfernt, da Männer wie Heynemann oder dessen Kollegen Hellmut Krug und Markus Merk auf der Heimatbühne Bundesliga längst kleine Stars sind. "Die Schiedsrichter", sagt Roth, "standen jahrelang in der Anonymität, wir haben sie da herausgeholt." Männer wie

Heynemann, der zu DDR-Zeiten schon 98 Oberligaspiele leitete, tragen dazu bei, den Respekt vor dem 23. Mann in den Bundesliga-Stadien zu mehren. Deshalb hätte es mit ihm als Schiedsrichter den jüngst heiß diskutierten Fall Lorant vermutlich kaum gegeben. Der Trainer des TSV München 1860 musste im Bundesligaspiel bei Bayer Leverkusen nach einem verbalen Ausrutscher gegenüber einem Schiedsrichter-Assistenten seinen Arbeitsplatz Bank verlassen und danach für seinen wiederholten Sündenfall zwei Spiele aussetzen und 20 000 Mark Strafe zahlen.

Heynemann hält sich viel darauf zugute, dass er so oft wie möglich mit den Spielern auf dem Platz, notfalls auch mit den Trainern am Rande, kommuniziere. "Mensch, was willst du denn da draußen?" habe er schon zu Fußballlehrern gesagt, die sich in ihrem Drang, dazwischenzurufen, aus der Coaching-Zone herausgewagt hätten. Dem Magdeburger fehlt es nicht an natürlichem Selbstbewusstsein; mancher Kollege habe es da schon schwerer. "Mir hat einmal ein Spieler erzählt", verrät Heynemann, "dass man beim gemeinsamen Einlaufen ins Stadion nur auf den Rücken des Schiedsrichters zu gucken brauche, um zu sehen, wie er drauf ist." Körpersprachprobleme, die Bernd Heynemann nicht plagen.

Insgesamt bewerten er und Roth das Verhältnis von Spielern, Trainern und Schiedsrichtern auf dem Platz als bei weitem nicht so schlecht wie manchmal dargestellt. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt Heynemann. Er selbst ist es sowieso, da er seine mit 4000 Mark gut dotierten Wochenendauftritte in der Bundesliga genießt. "Früher hast du im Westfernsehen die Bundesliga geguckt, heute bist du selbst dabei. Das ist doch wie im Märchen." ROLAND ZORN

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
27. April 2003

 

© Axel Beckmann