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FRANKFURT.
Bernd Heynemann lässt sich so schnell nichts vormachen.
Dafür spielt der 45 Jahre alte, bullig anmutende Magdeburger
selbst noch zu gern Fußball. Deutschlands beliebtester
Schiedsrichter, seit 1989 auch international eine Kapazität
seines Fachs, hält sich Woche für Woche bei seinem Heimatverein
Fortuna spielend fit. "Ich weiß, was ein Foul ist
und wie man dann fällt", sagt Heynemann aus eigener
Erfahrung. Sie nutzt dem Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
der AOK-Niederlassung Magdeburg, wenn er wieder einmal
in seinem Zweitjob gefragt ist. Da, wo die Emotionen
hochschlagen und er gefordert ist, mit Augenmaß den
Überblick zu behalten und Entscheidungen zu treffen.
Zum Beispiel am Sonntag in Rostock, wo Heynemann die
Bundesliga-Begegnung Hansa gegen den FC Schalke 04 leitet.
Der EDV-Fachmann,
der bei der Weltmeisterschaft 1998 zu den auserlesenen
Unparteiischen gehörte, hat in der jüngsten Diskussion
über das Verhältnis zwischen Schiedsrichtern und Trainern
keine Schrammen abbekommen. Der Mann hat Humor und ein
ausgleichendes Wesen. Das hilft ihm in Stresssituationen,
wenn es darauf ankommt, aufgeregte Gemüter zu besänftigen
und zu den eigenen Entscheidungen zu stehen. Mögen diese
bei der Fülle umstrittener Szenen auch manchmal falsch
sein, sagt sich Heynemann trotzig: "Wer Erfolg
haben will, darf keine Angst haben, Fehler zu machen."
Der Mann,
der eine eigene Homepage im Internet hat und über 3000
Autogrammwünsche im Jahr erfüllt, rückt die Verhältnisse
gern zurecht, wenn seiner Zunft wieder einmal mangelhafter
Durchblick und unterentwickeltes Durchsetzungsvermögen
vorgehalten wird:
"Schiedsrichter
treffen pro Spiel rund hundert Entscheidungen. Wir liegen,
das haben Testreihen ergeben, bei einer Trefferquote
von 96 Prozent. An den restlichen vier Prozent müssen
wir noch arbeiten."
Warum
wer wie gepfiffen hat, darüber geben seit vier Jahren
weltweit nur die deutschen Referees gern und beredt
Auskunft. Deshalb waren Heynemann und Volker Roth, der
Vorsitzende der Schiedsrichter-Kommission im Deutschen
Fußball-Bund (DFB), kürzlich zu einem Medienseminar
der Europäischen Fußballunion (UEFA) in Brüssel eingeladen.
Dort staunte so mancher über die Bekenntnisse der beiden
Deutschen zu mehr Offenheit und Transparenz im Umgang
mit den Medien. Die Journalisten, glaubt Roth, hätten
inzwischen ein größeres Verständnis für die Beweggründe
der Schiedsrichter, so und nicht anders zu entscheiden-
Heynemann sagt frank und frei und ein bisschen eitel:
"Die Schiedsrichter waren noch nie so bekannt und
interessant wie heute." Das deutsche Modell beginnt
auch die UEFA zu interessieren. Möglich, dass bei der
Europameisterschafts-Endrunde im kommenden Jahr UEFA-Sprecher
erstmals dazu autorisiert werden, strittige Situationen
zu erläutern; denkbar, dass gefragte Schiedsrichter
nach den Spielen selbst ein kurzes Statement zu fraglichen
Entscheidungen abgeben.
Von deutschen
Verhältnissen wäre das neue Rollenverhalten der auf
der europäischen Ebene eingesetzten Unparteiischen noch
immer weit entfernt, da Männer wie Heynemann oder dessen
Kollegen Hellmut Krug und Markus Merk auf der Heimatbühne
Bundesliga längst kleine Stars sind. "Die Schiedsrichter",
sagt Roth, "standen jahrelang in der Anonymität,
wir haben sie da herausgeholt." Männer wie
Heynemann,
der zu DDR-Zeiten schon 98 Oberligaspiele leitete, tragen
dazu bei, den Respekt vor dem 23. Mann in den Bundesliga-Stadien
zu mehren. Deshalb hätte es mit ihm als Schiedsrichter
den jüngst heiß diskutierten Fall Lorant vermutlich
kaum gegeben. Der Trainer des TSV München 1860 musste
im Bundesligaspiel bei Bayer Leverkusen nach einem verbalen
Ausrutscher gegenüber einem Schiedsrichter-Assistenten
seinen Arbeitsplatz Bank verlassen und danach für seinen
wiederholten Sündenfall zwei Spiele aussetzen und 20
000 Mark Strafe zahlen.
Heynemann
hält sich viel darauf zugute, dass er so oft wie möglich
mit den Spielern auf dem Platz, notfalls auch mit den
Trainern am Rande, kommuniziere. "Mensch, was willst
du denn da draußen?" habe er schon zu Fußballlehrern
gesagt, die sich in ihrem Drang, dazwischenzurufen,
aus der Coaching-Zone herausgewagt hätten. Dem Magdeburger
fehlt es nicht an natürlichem Selbstbewusstsein; mancher
Kollege habe es da schon schwerer. "Mir hat einmal
ein Spieler erzählt", verrät Heynemann, "dass
man beim gemeinsamen Einlaufen ins Stadion nur auf den
Rücken des Schiedsrichters zu gucken brauche, um zu
sehen, wie er drauf ist." Körpersprachprobleme,
die Bernd Heynemann nicht plagen.
Insgesamt
bewerten er und Roth das Verhältnis von Spielern, Trainern
und Schiedsrichtern auf dem Platz als bei weitem nicht
so schlecht wie manchmal dargestellt. "Wir sind
auf einem guten Weg", sagt Heynemann. Er selbst
ist es sowieso, da er seine mit 4000 Mark gut dotierten
Wochenendauftritte in der Bundesliga genießt. "Früher
hast du im Westfernsehen die Bundesliga geguckt, heute
bist du selbst dabei. Das ist doch wie im Märchen."
ROLAND ZORN
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