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Schiedsrichter
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| Fußball
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Quelle:
Winterhurer Stadtanzeiger | Autor: Roli Spalinger |
29. Dezember 2004
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Urs Meier gäbe sich noch einen
Jahresvertrag |
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Urs Meier in
seinem letzten Einsatz in der schweizerischen
Nationalliga A. |
Was hat Urs Meier mit Lothar
Matthäus gemeinsam? Ein Gespräch über Fussball, Betrüger und worauf er im Spiel
achtet.
Davon träumen alle: Aufhören auf
dem Höhepunkt. Herr Meier, ist es wirklich so schön? Es ist ein gutes
Gefühl, auf die Karriere zurückblicken zu dürfen, die man sich erträumt hatte.
Ich war an zwei Europa- und zwei Weltmeisterschaften, pfiff einen Champions
League Final, und und und.
Sie hätten aber gerne noch
weitergemacht. Ja. Ich finde, ich war mental und körperlich noch nie so
stark. Als Arbeitgeber würde ich einen Mitarbeiter mit so viel Erfahrung und der
noch zwäg ist behalten wollen. Spitzenschiedsrichter müssten Jahresverträge
erhalten. Lothar Matthäus hat bei Bayern keinen Fünfjahresvertrag mehr erhalten,
aber einen Jahresvertrag haben sie ihm gegeben. Es muss das Ziel im
Spitzenfussball sein, gute Leute zu behalten.
Ist es mit
Schiedsrichtern wie mit Rotwein: Je älter, je besser? Irgendwann wird auch
Wein nicht mehr besser. Aber Erfahrung ist im heutigen Fussball ein ungemein
wichtiger Faktor. Top-Schiedsrichter haben alle ein gewisses
Alter.
Als pensionierter Schiedsrichter müssen Sie dafür keine
Kampagnen wie jene der englischen Zeitung «Sun» mehr aushalten. Das ist so.
Es gab vor der Sun schon mal eine Szene mit Rumänen. Und Anders Frisk (der
schwedische Ref, Red.) wurde nach dem Spielabbruch in Rom Zuhause von
Journalisten aufgesucht. Solche Auswüchse könnten einen schon froh machen, dass
es nun vorbei ist.
Schiedsrichter sind mittlerweile auch prominent.
Wenn ich «Urs Meier Schiedsrichter» «google», kommen 1060 Einträge. Sie sind ein
Star mit allem, was dazu gehört. Die Popularität, die wir auch dank Medien
haben, birgt leider auch die Gefahr, attackiert zu werden.
Sie sagten
einst, Sie seien mit einem gesunden Mass an Gerechtigkeitssinn ausgestattet. Ist
ein Schiedsrichter gerecht? Gerechtikeit ist immer subjektiv. Eine neutrale
Meinung zu vertreten, ist schwierig. Ein Schiedsrichter muss mit sich selber
ehrlich und gerecht sein, damit er auch am nächsten Tag in den Spiegel sehen und
sagen kann: So habe ich es gesehen.
Und wenn TV-Bilder etwas Anderes
beweisen? Dann muss ich zugeben, dass ich es nicht sah, weil ich es nicht
sehen konnte. Aber in dem Moment, als ich entschied, war ich ehrlich. Das ist
wichtig.
Finden Sie eine nachträgliche Bestrafung von Spielern, wie im
Fall von Alexandre Rey, aufgrund von TV-Bildern okay? Die Sperre wurde ja
wieder aufgehoben. Aber glauben Sie mir: Ref und Assistent wären froh gewesen,
sie hätten das Hands gesehen. Eine solche Unsportlichkeit nicht zu sehen, davor
hatte ich immer Angst. Stellen Sie sich vor, ein solches Tor passiert an einer
Weltmeisterschaft. Das ist brutal.
Sind solche Fehler nicht Teil des
Spiels? Sie werden nicht als solche akzeptiert, sondern dem Schiedsrichter –
und nicht dem Spieler – angelastet. Der Spieler ist aber der Täter und somit der
Betrüger.
Was könnte man dagegen tun? Schiedsrichter könnten
Spieler fragen, ob sie geschummelt haben. Sie müssten dann Farbe
bekennen.
Erst ein Spieler hat mal einen Entscheid von Ihnen auf dem
Platz korrigiert. Das war ein Nachwuchs-Mann in einem Inter-A-Spiel. Das spricht
Bände. Das ist so, ja. Heute fehlt der Druck durch TV-Bilder. Wenn aber
Alexandre Rey, den ich übrigens sehr schätze, weiss, dass seine Aktion am
Fernsehen gezeigt wird und auch, dass der Ref ihn nach der Richtigkeit des
Treffers gefragt hat, überlegt er sich die Antwort sicher.
Da kommt
Ihr Sinn für Gerechtikeit zum Zug. Wie siehts mit dem Faktor Macht aus? Ein
Schiedsrichter, der auf dem Platz Macht sucht, wird nie über die untersten Ligen
hinaus kommen. Und er wird jedes zweite Wochenende Probleme haben. Natürlich hat
ein Ref Macht und die muss er auch haben. Machtmittel müssen aber richtig und
dosiert eingesetzt werden. Wenns den Schiedsrichter braucht, muss er im
Grossformat agieren, sich danach wieder zurückfallen lassen. Er muss das Spiel
von hinten leiten. Grobe Fouls müssen ihm auch weh tun. Und die Spieler müssen
dann durch die Art des Pfiffs und wie sich der Schiedsrichter bewegt, spüren,
dass er wütend ist.
Ich merke, Sie sind noch voll im Spiel. Ist Ihnen
bewusst, dass Sie das nicht mehr haben? Ich bleibe dem Fussball als
Schiedsrichter-Inspizient, auch international, erhalten. Und ich hoffe, dass ich
mein Engagement und Herzblut anderen Schiedsrichtern weitergeben
kann.
Sie sind noch fit, haben den Jungfrau-Marathon ohne spezielle
Vorbereitung geschafft. Wem wollten Sie etwas beweisen? Niemandem. Ich laufe
gerne, allerdings nicht derart lange Distanzen. Aber der Konditionstrainer der
Schiedsrichter, Richi Umberg, ist Race-Direktor dieses Laufes und wollte mich
und Markus Merk (er pfiff den WM-Final, Red.) laufen sehen. Merk ist ja
Marathonläufer und sagte zu. Ich konnte noch Nicole Petignat
überreden.
Wer gewann intern? Merk, er brauchte so um die
viereinhalb Stunden, ich 5 Stunden 20 Minuten. Nicole war noch elf Sekunden vor
mir. Sie wäre eigentlich noch schneller gewesen, wartete aber.
Sie
kamen also fast synchron ins Ziel. In einem Interview gaben sie beide auf eine
Frage genau die gleiche Antwort. Sind sie im Fussball auch immer einer
Meinung? Von der Entscheidung her schon, in der Bestrafung ist sie härter
als ich.
Worauf achten Sie bei an einem Fussballmatch. Nicole
schaut auf die Spieler, ich auf den Schiedsrichter.
Im Ernst? Das
ist so. Und deshalb sehe ich gewisse Sachen anders. Ich sehe nur den
Schiedsrichter.
Sie schauen nicht das Spiel? Das Spiel bekomme ich
schon mit, aber ein Auge ist immer beim Ref.
Wie lautet das schönste
Kompliment, das Sie erhalten haben? Ein hoher Funktionär sagte: «Für mich
sind Sie die Nummer 1 in der Welt, weil Sie es für den Fussball machen.»
Wie ist das zu verstehen? Er hat mir attestiert, ich würde mich
nicht in den Vordergrund stellen. Das ist schön.
Und das für Gottes
Lohn. Die Schere ist weit offen, ja. Oben sind die Spieler, unten die
Schiedsrichter. Für die Verantwortung, die man hat und den Status, gerade in der
Champions League, sollte das Profitum eingeführt werden.
Wären sie
gerne Profischiedsrichter gewesen? Ja. Es wäre auch der richtige Weg. Die
Leistungen wären kaum anders, auch Profis machen Fehler. Aber die Erholungsphase
und die Vorbereitung würden verbessert. Ich lebe mindestens wie ein Halbprofi
und bringe deshalb auch die Leistung. Aber man kann dies nicht
voraussetzen.
Sie wählten Ihr Hobby auch wegen der
Karrieremöglichkeit, sie nahmen das in Kauf. Ja. Als ich 1977 anfing,
formulierte ich auf dem Fragebogen als Ziel, 1998 bei der WM zu
pfeifen.
Das nennt man Weitsicht. Ich hatte Etappenziele, 1. Liga,
NLB, NLA, Uefa. Aber ich rechnete und dachte, es könnte so aufgehen. Es braucht
aber auch Glück. Man weiss ja nicht, wie weit die Fähigkeiten
reichen.
In Portugal 2004 wurden Sie nicht für die Halbfinals
selektioniert. Waren Sie traurig? Nein. Die EM war optimal für mich, ich
leitete zwei hervorragende Vorrunden-Spiele, Italien–Schweden war wohl mein
bestes Spiel, ich war gut drauf, sicher – sensationell. Und dann war ich unter
den letzten sieben Schiedsrichtern. Welches Spiel man schliesslich erhält, ist
egal.
Sicher? Bei meinen ersten Grossturnieren hatte ich noch das
Ziel, den Final zu pfeifen. Nach der EM 2000 sagte ich mir: He, nimms locker!
2002 bekam ich einen Halbfinal. In Portugal war es der Viertelfinal
Portugal–England – das schönstes, spannendste und spektakulärste Spiel der EM.
Eine Riesenkulisse, ein Riesenspiel. Sensationell! Es
stimmte.
Sprechen Sie jetzt mit der Gelassenheit des Alters?
Genau. Vier Jahre früher wäre ich enttäuscht gewesen. Als in Portugal bekannt
wurde, wer den Final pfeift, freute ich mich am zweitmeisten. Die grösste Freude
hatte Markus Merk. Ich gönnte ihm dies von Herzen. Ich fragte mich keine Sekunde
lang, wieso nicht ich.
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