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Schiedsrichter-Kritik |Basketball

 

 

 

 

 

Schiedsrichter - die Frauen und Männer in Graugrün

 

 

 

 

 

 

Leserbrief eines Schiedsrichters

In den mittlerweile unzähligen Freundschafts-, Pokal- und Meisterschaftsspielen, die ich als Schiedsrichter in meiner bisherigen, unproblematischen und äußerst bescheidenen Laufbahn leiten durfte, amüsierte ich mich des öfteren über Aktionen, Reaktionen und Interaktionen von spielbeteiligten und auch von spielbetrachtenden Menschen.

Hierbei sind die immer wiederkehrenden und sehr subjektiven Meinungen gemeint, die von diesen Menschen - oder zumindest von Teilmengen des Ganzen - lautstark verbal, wüst gestikulierend oder einfach unkontrolliert handelnd mir und meinen Schiedsrichterkolleginnen und -kollegen nahe gebracht wurden. Wobei natürlich nicht vergessen werden darf, dass jede dieser „Meinungen“ - kundgemacht von einer am Spiel beteiligten Person - ein technisches oder gar ein disqualifizierendes Foul nach sich gezogen hatte.

Doch der Grund für das Schreiben dieses Leserbriefes liegt viel mehr bei den spielbetrachtenden als bei den spielbeteiligten Menschen. Meine Erfahrungen speziell die von den letzten beiden von mir geleiteten Spiele zwingen mich nahezu, mir und meinem Stand Luft zu machen, uns in Szene zu setzen, Lobbyarbeit zu leisten.

Wir, die Frauen und Männer in Graugrün, sind Menschen, Menschen wie Spielerinnen und Spieler Menschen sind, wie Trainerinnen und Trainer Menschen sind und wie wir alle Menschen sind: Menschen mit Fähigkeiten, die mehr oder minder stark ausgeprägt sind.

Ist ein Spieler ein guter Schiedsrichter? Ist ein Schiedsrichter ein guter Trainer? Ist ein Technischer Kommissar ein Schiedsrichter?

Die Antworten auf diese drei Fragen sind denkbar leicht. Bei den zwei zuerst genannten gibt es jeweils die gleiche Antwort: Weiß ich nicht oder um mit einer Gegenfrage zu antworten: Ist eine Banane eine gute Zitrone?

Die letztere der drei besagten Fragen ist eine Fangfrage.

Doch zurück zum Thema. Eine Spielerin, zum Beispiel die auf der Position „1“ auch Quarterback, Playmaker oder schlicht Aufbauspielerin genannt, sollte über spezielle, der Position entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen oder wie es im Jargon heißt über ein positionsgebundenes Anforderungsprofil.

Ein solches Profil gibt es auch für Centerspieler, vielleicht in Form von Richtlinien auch für Trainer, Kampfrichter, Kommissare und natürlich auch für uns, den Schiedsrichtern.

Ich möchte nun näher auf den Vergleich „Spieler/ Schiedsrichter“ eingehen.

Ein Spieler versucht, sein Möglichstes zu tun. Ist er förderlich für das Mannschaftsspiel, spielt er, wenn nicht, wird er ausgewechselt. Bei den Schiedsrichtern ist es ähnlich. Wir haben sogar eine Lizenz, die uns berechtigt Schiedsrichter zu sein (Ein interessanter Gedanke, wenn Spieler sich ebenso lizenztechnisch qualifizieren müßten). Vergleichbar ist dieser Paß mit dem Spielerausweis; man muß sich legitimieren. Ist ein Schiedsrichter nun förderlich für die Schiedsrichterzunft, dann wird er dem Können - seiner Fähigkeiten - gemäß in dem uns bekannten Liegensystem eingestuft und dort darf er „spielen“, bis daß er am Ende der Saison ausgewechselt wird, falls er unförderlich war.

Kurze Zusammenfassung des Vergleiches bis hier: Ist ein Spieler/Schiedsrichter gut, dann spielt/pfeift er. Ist ein Spieler/Schiedsrichter unförderlich, dann wird er ausgewechselt/ degradiert.

Schwierigkeiten wird nun die Definition der „Unförderlichkeit“ bereiten. Wann ist ein Spieler schlecht? Oder anders: Ist ein guter Dribbler und Schütze DESHALB ein schlechter Spieler, weil er in einem Spiel drei Schrittfehler, 4 Fouls, und sechs Fehlpässe macht oder ist er DESHALB ein schlechter Spieler, weil er bei seinen Dribbelkünsten seine Mitspieler übersieht oder weil seine Reboundarbeit zu defensiv ist oder ist er gar DESHALB ein guter Spieler, weil JEDER Fehler macht und KEINER perfekt ist!?

Viel mehr interessiert es mich, wie die Zuschauer, Mitspieler, Betreuer und Trainer reagieren, wenn Fehler, wie die obigen geschehen. „Macht nichts, beim nächstem Mal klappt das bestimmt“ oder „Weiter, Mädchen, Kopf hoch“ oder wortlos.

Pädagogisch einwandfrei nach dem Motto: motivieren statt blockieren.

Meine Argumentation dürfte man nun verstanden haben und somit komme ich (abermals) zu dem Grund dieses Briefes. Zu oft und insbesondere in den letzten beiden von mir geleiteten Spielen waren laute Zurufe der Zuschauer und anderer in der Halle anwesenden Menschen zu hören, die sich eben auf „Fehler“ des Schiedsrichters bezogen. Mit den Zurufen sind noch nicht einmal diese verbalen Entgleisungen derbster und angreifender - persönlich angreifender - Art gemeint, sondern die „einfachen“ wie „Jetzt pfeif doch endlich“ oder „Das waren Schritte“. Bin ich nun ein schlechter oder ein guter Schiedsrichter, könnte ich mich fragen oder ich könnte die Lust ans Richten verlieren, doch soweit ist es noch lange nicht. Nein, mir geht es darum, dass wir als Menschen angesehen werden, als besondere Menschen in Graugrün.

Es kann nicht angehen, dass Spieler oder Trainer sich NICHT von den Schiedsrichtern auf professioneller Art verabschieden möchten oder dass nach jedem Spiel Trainer und andere zu einem herlaufen, um einem mitzuteilen, wie schlecht oder unreif oder falsch die Entscheidung in der 3. Minute des 2. Viertels war. Zumindest darf das solange nicht angehen, bis dass wir Schiedsrichter auch mal antworten dürften, in dem Sinne: „...übrigens, deine Entscheidung, in der 8. Minute des 3. Viertels deinen Flügelspieler auszuwechseln war schlecht, unreif oder falsch.“ Oder wie wäre die Antwort auf die einseitige Unterhaltung des in diesem Moment Dank der 5-Foul-Regel zum Ersatzspielergewordenen, welcher bevor er meinen Vor- und Zunamen wissen wollte, sich über meine mangelnde Kompetenz und Regelkenntnis beschwerte: „...übrigens, wenn du einen Ball in der Luft fängst, und mit dem rechten Fuß zuerst den Boden berührst, ist dies dein Standbein und darf vor Verlassen des Balles aus deinen Händen nicht angehoben werden...und noch was...deine Fußarbeit bei der Verteidigung ist lahmend. Sei beweglicher und kreuze deine Beine nicht... .“

Der falsche Weg. Von allen Parteien. Nicht provozieren sondern sensibilisieren. Ich als Schiedsrichter in meinem graugrünen Trikot will nicht länger das Ventil der Basketballnation sein. Wir Schiedsrichter haben Fähigkeiten, die mehr oder minder ausgeprägt sind. Wir zeigen Schwächen, wir sind mal nicht gut drauf, wir sind halt menschlich, mit Fehlern, Blabla. Schön wäre es oder vielmehr es wird Zeit, sich, uns und euch zu sensibilisieren. Macht uns nicht für Fehler anderer verantwortlich. Seid professionell wie ihr es auch von uns erwartet. Motiviert uns, damit wir besser werden und Spaß haben an unserer Tätigkeit.

Doch es gibt noch eine Partei, die an diesem Hickhack - speziell dem in dieser noch so kurzen Saison - verantwortlich scheint. Dem Nichtwissen. Dem Nichtkennen. Dem Nichtweitersagen. Dem Nichterklären der NEUEN REGELN.

Beispielsweise sehen und monieren eine Trainerin, eine Spielerin und ein Zuschauer einen Schrittfehler einer gegnerischen Spielerin. Die Trainerin winkt ab, die Spielerin wirbelt ihre Unterarme umeinander und der Zuschauer schreit: „Schritte, du Pfeife, das waren Schritte“.

Die Trainerin resigniert und ist vielleicht ungehalten, da die Gegenspielerin nun an ihrer Spielerin vorbeizog. Die Spielerin ist sauer auf den Referee und schaut erst ihn an bevor sie ihrer Gegenspielerin hinterher schaut. Der Zuschauer sieht die Trainerin und die Spielerin und gibt natürlich seinen „Senf“ hinzu. Soweit noch nachvollziehbar.

Der Schiedsrichter beobachtet das anstehende Duell der beiden Spielerinnen. Er achtet auf Kontakte, achtet auf Schrittfehler, achtet auf Vorteile, auf Nachteile, auf Grundsätze, auf Aufrechterhaltung von Geist und Sinn der Regeln, er achtet auf die Integrität des Spiels, auf Gleichmäßigkeit in der Anwendung, er achtet auf den menschlichen Verstand - unter Berücksichtigung von Fähigkeiten, Einstellung und Verhalten der Spielerinnen, er achtet auf das Gleichgewicht zwischen Spielkontrolle und dem Spielfluß, auf das Richtige UND auf sein Gefühl. Und nicht nur das. Dies alles in Makro-, Milli- und Sekunden. Seine Entscheidung fällt er, bevor er aus dem Augenwinkel das Abwinken der Trainerin mit Hilfe seiner peripheren Sichtweise erkennt, bevor er mit ansehen muß, wie eine Spielerin ihn anstarrt und bevor sein Trommelfell vom Zuschauer mißbraucht wird. Sie lautet: NO CALL! Und diese Entscheidung ist richtig, obwohl er und jeder andere Schrittfehler gesehen hat, aber er - der Schiedsrichter - berief sich neben dem Vorteil-/Nachteilprinzip auf die Gleichmäßigkeit in der Anwendung von gesundem Menschenverstand unter Berück-sichtigung von Fähigkeiten, Einstellung und Verhalten der Spieler.

In diesem Sinne und in der Hoffnung auf Gleichmäßigkeit und Integrität verbleibe ich mit sportlichen und lieben Grüßen

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
27. April 2003

 

© Axel Beckmann