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Schiedsrichter-Kritik |Allgemeines

 

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung 9. Juli 2000

 

 

Nicht im selben Boot, aber auf demselben Wasser
Kongress der Unparteiischen in Leipzig: Vom Umgang zwischen Schiedsrichtern, Trainern und Fußballspielern 

 

 

 

 

 

 

LEIPZIG. Es hat doch ein Gutes, dass Christoph Daum erst im nächsten Jahr die Nationalmannschaft als Trainer übernimmt: Bis dahin ist er gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu nichts verpflichtet, also auch nicht gegenüber den im Namen des DFB arbeitenden Schiedsrichtern. Er kann sie tadeln, er kann sie loben. Was er über sie sagt, ist jedenfalls seine Meinung und nicht die des staatstragenden Bundestrainers. So kam auch beim ersten Schiedsrichter-Kongress des DFB in Leipzig zum Schluss eine lebhafte Diskussion zustande. Sie fing damit an, dass Daum vor den fast 250 anwesenden Schiedsrichtern erklärte, in der Bundesliga könne man von Spieltag zu Spieltag eine andere Regelauslegung beobachten. Und sie gewann an Schärfe, als der Trainer von Bayer 04 Leverkusen sagte: „Am Anfang der Saison halten sich immer alle Schiedsrichter an ihre Vorsätze. Aber spätestens am fünften oder sechsten Spieltag lässt alles wieder nach."

Daums Wunsch an die Unparteiischen nach Berechenbarkeit entspräche das nicht. Doch ist es wirklich so? Volker Roth, der Vorsitzende des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses, erwiderte, dass es keine unterschiedliche Regelauslegung gebe, sondern unterschiedliche Spielsituationen, auf die der Schiedsrichter reagieren müsse. „Es gilt, das Spiel als Ganzes zu betrachten und zu lesen", ist auch der Leitsatz seines Kollegen aus der Bundesliga, Hellmut Krug. Zur Seite stand Daum dafür der Bremer Fußball-Profi Dieter Eilts. Er vermisst bisweilen ebenfalls eine klare Linie. „Wenn ich als Abwehrspieler einen Stürmer am Trikot festhalte, bekomme ich die Gelbe Karte. Umgekehrt ist es aber nicht so." So unterschiedlich die Wahrnehmung auch manch-

mal sein mag, so einig waren sich die Beteiligten über die Konsequenzen. Den zweiten Schiedsrichter lehnten die Podiumsteilnehmer Roth, Krug, Daum und Eilts ab, ebenso den Fernsehbeweis oder andere Experimente. Was verbessert werden müsse, sei die Kommunikation. Jedoch seien Kontakt und Akzeptanz zwischen den am Spiel Mitwirkenden, darauf wies Roth hin, nicht so schlecht, wie sie vom Fernsehen oft dargestellt würden. Daum erklärte zum Beispiel einerseits, dass die Schiedsrichter selbst zu Stars geworden seien und daher aufpassen müssten, nicht zum Selbstdarsteller zu werden. Andererseits werbe er bei seinen Spielern um Verständnis für die Rolle des Unparteiischen: „Wenn einer meiner Spieler den Schiedsrichter besonders hart behandelt hat, muss er im nächsten Training das Spiel pfeifen. Das ist keine Strafe, sondern Erziehung. Wir sind zwar nicht im selben Boot, aber auf demselben Wasser."

Der Umgang zwischen Schiedsrichtern, Trainern und Spielern war eines von vielen Themen beim Kongress, der unter dem Motto stand: „100 Jahre DFB - 100 Jahre Schiedsrichter." Eine Festveranstaltung sollte die Tagung allerdings nicht sein. Eher eine Bestandsaufnahme zur aktuellen Situation der Schiedsrichter und ein Arbeitswochenende, das sich mit den unterschiedlichsten Problemen beschäftigte. Ein besonders drängendes ist die zunehmende Gewalt gegenüber Schiedsrichtern. Ein Workshop zu diesem Thema befasste sich dabei mit dem Schiedsrichter als Auslöser und als Opfer von Gewalt. „Der Schiedsrichter ist oft Auslöser der Gewalt, weil es zu wenige gibt, also auch zu wenig gute", fasste Professor Gunter A. Pilz von der Universität Hannover zusammen. Weil viele Konflikte oft interethnisch ausgetragen würden, müsse der Unparteiische befähigt werden, Hintergründe über kulturelle Eigenheiten zu verstehen und Empathie zu entwickeln. Dass der 23. Mann auf dem Platz immer häufiger Opfer von Gewalt werde, erfordere außerdem einen neuen Umgang mit den Tätern. „Zu überlegen sind zum Beispiel Bewährungsstrafen. Wer den Schiedsrichter angreift, könnte an einem Lehrgang teilnehmen", regte Pilz an. Die Anforderungen an den Schiedsrichter, das kam in vielen Resümees heraus, wachsen ständig. Demzufolge muss auch die Aus- und Weiterbildung laufend überdacht werden. Lernen kann der Fußball auf jeden Fall im interdisziplinären Vergleich. Deshalb hatten die Organisatoren nicht nur Gäste aus dem Ausland, sondern auch Schiedsrichter aus vier anderen Sportarten nach Leipzig eingeladen: vom Tennis, Eiskunstlaufen, Basketball und Eishockey. Obgleich sie sich auf den ersten Blick immer mehr vom Fußball entfernen, weil beispielsweise im Basketball bald schon der dritte Schiedsrichter auf dem Feld eingeführt wird, und beim Eishockey längst die Torkamera zum Hilfsmittel geworden ist - das Verhalten der Personen ähnelt sich, ihr Arbeitsauftrag ist derselbe. Zur Gratwanderung zwischen persönlichem Kontakt und neutraler Distanz gilt wohl für alle, was der Basketball-Schiedsrichter Boris Schmidt bemerkte: „Je länger man sich kennt, desto größer ist der Respekt voreinander." Diese Auffassung teilte auch sein Kollege Rudi Berger vom Tennis: „Es ist für beide Seiten einfacher, wenn der Spieler mehr weiß, als dass der Schiedsrichter früher Taxifahrer oder Physiotherapeut war." Und welchen Beruf der Schiedsrichter auch erlernt hat: Er ist längst ein Leistungssportler wie alle anderen auf dem Spielfeld. FRIEDHARD TEUFFEL

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
27. April 2003

 

© Axel Beckmann