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LEIPZIG. Es hat doch
ein Gutes, dass Christoph Daum erst im nächsten Jahr
die Nationalmannschaft als Trainer übernimmt: Bis dahin
ist er gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu
nichts verpflichtet, also auch nicht gegenüber den im
Namen des DFB arbeitenden Schiedsrichtern. Er kann sie
tadeln, er kann sie loben. Was er über sie sagt, ist
jedenfalls seine Meinung und nicht die des staatstragenden
Bundestrainers. So kam auch beim ersten Schiedsrichter-Kongress
des DFB in Leipzig zum Schluss eine lebhafte Diskussion
zustande. Sie fing damit an, dass Daum vor den fast
250 anwesenden Schiedsrichtern erklärte, in der Bundesliga
könne man von Spieltag zu Spieltag eine andere Regelauslegung
beobachten. Und sie gewann an Schärfe, als der Trainer
von Bayer 04 Leverkusen sagte: „Am Anfang der Saison
halten sich immer alle Schiedsrichter an ihre Vorsätze.
Aber spätestens am fünften oder sechsten Spieltag lässt
alles wieder nach."
Daums Wunsch an die
Unparteiischen nach Berechenbarkeit entspräche das nicht.
Doch ist es wirklich so? Volker Roth, der Vorsitzende
des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses, erwiderte, dass
es keine unterschiedliche Regelauslegung gebe, sondern
unterschiedliche Spielsituationen, auf die der Schiedsrichter
reagieren müsse. „Es gilt, das Spiel als Ganzes zu betrachten
und zu lesen", ist auch der Leitsatz seines Kollegen
aus der Bundesliga, Hellmut Krug. Zur Seite stand Daum
dafür der Bremer Fußball-Profi Dieter Eilts. Er vermisst
bisweilen ebenfalls eine klare Linie. „Wenn ich als
Abwehrspieler einen Stürmer am Trikot festhalte, bekomme
ich die Gelbe Karte. Umgekehrt ist es aber nicht so."
So unterschiedlich die Wahrnehmung auch manch-
mal sein mag, so einig
waren sich die Beteiligten über die Konsequenzen. Den
zweiten Schiedsrichter lehnten die Podiumsteilnehmer
Roth, Krug, Daum und Eilts ab, ebenso den Fernsehbeweis
oder andere Experimente. Was verbessert werden müsse,
sei die Kommunikation. Jedoch seien Kontakt und Akzeptanz
zwischen den am Spiel Mitwirkenden, darauf wies Roth
hin, nicht so schlecht, wie sie vom Fernsehen oft dargestellt
würden. Daum erklärte zum Beispiel einerseits, dass
die Schiedsrichter selbst zu Stars geworden seien und
daher aufpassen müssten, nicht zum Selbstdarsteller
zu werden. Andererseits werbe er bei seinen Spielern
um Verständnis für die Rolle des Unparteiischen: „Wenn
einer meiner Spieler den Schiedsrichter besonders hart
behandelt hat, muss er im nächsten Training das Spiel
pfeifen. Das ist keine Strafe, sondern Erziehung. Wir
sind zwar nicht im selben Boot, aber auf demselben Wasser."
Der Umgang zwischen
Schiedsrichtern, Trainern und Spielern war eines von
vielen Themen beim Kongress, der unter dem Motto stand:
„100 Jahre DFB - 100 Jahre Schiedsrichter." Eine
Festveranstaltung sollte die Tagung allerdings nicht
sein. Eher eine Bestandsaufnahme zur aktuellen Situation
der Schiedsrichter und ein Arbeitswochenende, das sich
mit den unterschiedlichsten Problemen beschäftigte.
Ein besonders drängendes ist die zunehmende Gewalt gegenüber
Schiedsrichtern. Ein Workshop zu diesem Thema befasste
sich dabei mit dem Schiedsrichter als Auslöser und als
Opfer von Gewalt. „Der Schiedsrichter ist oft Auslöser
der Gewalt, weil es zu wenige gibt, also auch zu wenig
gute", fasste Professor Gunter A. Pilz von der
Universität Hannover zusammen. Weil viele Konflikte
oft interethnisch ausgetragen würden, müsse der Unparteiische
befähigt werden, Hintergründe über kulturelle
Eigenheiten zu verstehen und Empathie zu entwickeln.
Dass der 23. Mann auf dem Platz immer häufiger Opfer
von Gewalt werde, erfordere außerdem einen neuen Umgang
mit den Tätern. „Zu überlegen sind zum Beispiel Bewährungsstrafen.
Wer den Schiedsrichter angreift, könnte an einem Lehrgang
teilnehmen", regte Pilz an. Die Anforderungen an
den Schiedsrichter, das kam in vielen Resümees heraus,
wachsen ständig. Demzufolge muss auch die Aus- und Weiterbildung
laufend überdacht werden. Lernen kann der Fußball auf
jeden Fall im interdisziplinären Vergleich. Deshalb
hatten die Organisatoren nicht nur Gäste aus dem Ausland,
sondern auch Schiedsrichter aus vier anderen Sportarten
nach Leipzig eingeladen: vom Tennis, Eiskunstlaufen,
Basketball und Eishockey. Obgleich sie sich auf den
ersten Blick immer mehr vom Fußball entfernen, weil
beispielsweise im Basketball bald schon der dritte Schiedsrichter
auf dem Feld eingeführt wird, und beim Eishockey längst
die Torkamera zum Hilfsmittel geworden ist - das Verhalten
der Personen ähnelt sich, ihr Arbeitsauftrag ist derselbe.
Zur Gratwanderung zwischen persönlichem Kontakt und
neutraler Distanz gilt wohl für alle, was der Basketball-Schiedsrichter
Boris Schmidt bemerkte: „Je länger man sich kennt, desto
größer ist der Respekt voreinander." Diese Auffassung
teilte auch sein Kollege Rudi Berger vom Tennis: „Es
ist für beide Seiten einfacher, wenn der Spieler mehr
weiß, als dass der Schiedsrichter früher Taxifahrer
oder Physiotherapeut war." Und welchen Beruf der
Schiedsrichter auch erlernt hat: Er ist längst ein Leistungssportler
wie alle anderen auf dem Spielfeld. FRIEDHARD TEUFFEL
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