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Quelle: FAZ im Dezember 2001 Autor: Jörg Daniels

 

 

Immer weniger Schiedsrichter
"Beunruhigende Entwicklung" im hessischen Fußball

 

 

FRANKFURT. Es trifft zwar „nur" die kleinen Kickers - aber trotzdem ist es ein großes Ärgernis für die Offenbacher Kickers. Am Ende der Saison werden den Hessen zwei Punkte abgezogen. Nicht dem Regionalligateam, sondern der zweiten OFC-Mannschaft, die in der Fußball-Landesliga Süd spielt. Wieder einmal hat der Traditionsverein das Schiedsrichter-Soll nicht erfüllt, das der Hessische Fußball-Verband (HFV) den Klubs auferlegt. Dabei haben die Offenbacher, die auch eine Geldstrafe erhalten, noch Glück im Unglück. Weil die erste Mannschaft der Kickers den Statuten des süddeutschen Fußballverbandes unterliegt, wird die fünftklassige Landesligamannschaft mit dem Punktabzug bestraft.

Die Offenbacher Kickers sind wahrlich kein Einzelfall. Vor eineinhalb Jahren hatte der Hessische Fußball-Verband noch rund 7500 Schiedsrichter in allen Altersklassen. Heute dagegen sind es nur noch etwa 6700. „Die Lage ist beunruhigend", räumt Stefan Reuß, Verbandspressewart und Mitglied im Verbandsschiedsrichterausschuß, ein.

Zwar bildet der HFV pro Jahr nach wie vor rund 1000 neue Schiedsrichter aus. Davon sind die meisten Lehrgangsteilnehmer zwischen 15 und 20 Jahre alt. Doch im Gegensatz zu früher beenden viele junge Schiedsrichter ihre Tätigkeit schnell wieder. Dazu kommt, daß wegen der augenblicklichen Altersstruktur in der Bevölkerung viele ältere Schiedsrichter aus dem Amt ausscheiden.

Für den Rückzug gerade der Nachwuchsschiedsrichter macht Reuß zum einen das "veränderte Freizeitverhalten" und das "größere Freizeitangebot" verantwortlich. Allerdings nähmen auch die Beschimpfungen der Unparteiischen durch Zuschauer und Vereinsverantwortliche zu. "Manchmal kommt es sogar zu tätlichen Übergriffen. Die Hemmschwelle ist insgesamt eher niedriger geworden." In den immer öfter auftretenden Schmähungen sehen auch einige gestandene Schiedsrichter den Grund, ihre Tätigkeit aufzugeben.

Der alarmierende Rückgang der Schiedsrichterzahl in Hessen hat dazu geführt, daß bei der Jugend in einigen Klassen die Begegnungen nicht mehr von ausgebildeten Schiedsrichtern gepfiffen werden können. Statt dessen versuchen sich Betreuer oder Eltern von Spielern an der Aufgabe. "Und dadurch kommt es immer wieder zu Konflikten", sagt Reuß. Nicht einfacher wird die Situation auch dadurch, daß seit 1996 Begegnungen der Bezirks-Oberliga von einem Schiedsrichter und zwei Schiedsrichterassistenten geleitet werden. „Der Bedarf ist dort höher. Wir müssen die Unparteiischen also an anderer Stelle abziehen." Für einen geregelten Spielbetrieb in den Landesligen oder in der Oberliga sieht der Verbandspressewart aber keine Gefahr. „Geeignete Schiedsrichter ziehen wir immer aus unteren Klassen heraus. Die vierte und fünfte Liga sind Leistungsklassen. Die Unparteiischen müssen sich für sie qualifizieren."

Daß das allgemeine Niveau der Schiedsrichter angesichts der Negativentwicklung schlechter wird, will Reuß „nicht ausschließen. Einige werden dazu gedrängt, Schiedsrichter zu werden, obwohl sie nicht von der Aufgabe überzeugt sind", sagt der 31 Jahre alte Wirtschaftspädagoge. Der Hessische Fußball-Verband sieht nun dringend Handlungsbedarf - zumal man im nationalen Vergleich Vorreiter bei den rückläufigen Zahlen ist. "Den Grund dafür kann ich nicht genau erklären. Vielleicht bereinigen wir die Statistik aber besser oder die anderen schleppen mehr durch", vermutet der Oberliga-Schiedsrichter. Im Frühjahr 2002 wird der HFV wieder eine Werbekampagne starten. Mit Flugblättern und Aktionen in Vereinen und Schulen soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie wichtig die Aufgabe des Schiedsrichters ist. Darüber hinaus will der Verband die Bedeutung des Postens des Schiedsrichterbeauftragten in den Klubs hervorheben. In diesem Jahr wurde das Amt erstmals in der Verbandssatzung festgeschrieben. Die Werbekampagne, die der Deutsche Fußball Bund 1998 veranstaltet hatte, war auch in Hessen ein Erfolg. Damals bildete der HFV etwa 500 neue Schiedsrichter mehr aus. Am Jahresende hatte man einen Überschuß von etwa 400 Unparteiischen. „In der Regel ist es so, daß das, was wir jährlich an Schiedsrichtern ausbilden, durch Unparteiische, die aufhören, wieder verlorengeht", sagt Reuß.

Zur Zeit schwebt die zweite Offenbacher Mannschaft in Abstiegsgefahr. Am Ende könnten ihr die beiden Punkte demnach fehlen. Wie anderen Klubs auch. „Hält die augenblickliche Tendenz an, nähmen die Strafen für die Vereine weiter zu", sagt Reuß. JÖRG DANIELS

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
27. April 2003

 

© Axel Beckmann