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Oberhaching
– Der Weltfußballverband Fifa will bis zur WM 2002 Profi-Schiedsrichter
einführen. „Ich hoffe, dass wir das Konzept bis Ende
des Frühlings unter Dach und Fach haben und bis zum
Ende des Jahres die Gruppe unserer Profi-Schiedsrichter
zusammen haben“, erklärte Fifa-Generalsektretär Michel
Zen-Ruffinen am Dienstag bei einer Tagung des Fifa-Schiedsrichterkomitees.
Der Fifa-Plan
sieht so aus: Der Verband will mit bis zu 40 Schiedsrichtern
einen Vertrag abschließen. Diese sollen weiterhin hauptsächlich
in den Ländern pfeifen, aus denen sie kommen, müssen
aber ihren Beruf aufgeben und dem Weltfußballverband
immer zur Verfügung stehen – vor allem für Länderspiele
und Weltmeisterschaften. Bezahlt werden sollen diese
Schiedsrichter zum Teil von den nationalen Verbänden
– in Deutschland also vom DFB – und der Fifa. Um in
die elitäre Gruppe aufgenommen zu werden, müssen die
Kandidaten bereits Fifa-Schiedsrichter sein und einen
Beruf haben, in den sie anschließend zurück kehren können.
„Es ist unumgänglich, dass der Schiri Profi wird. Er
wird dann besser, weil er auf dem Platz von den Spielern
als gleichwertig anerkannt wird“, sagt Fifa-Präsident
Josef Blatter. Er glaubt an den Plan.
Viele
andere sind skeptisch. Engelbert Nelle, DFB-Vizepräsident:
„Was da gefordert wird, haben wir ja.“ Ab der kommenden
Saison bekommt ein Bundesliga-Schiedsrichter 6000 Mark
pro Spiel; durchschnittlich pfeift er in jedem Monat
drei Spiele, macht zusammengerechnet 216 000 Mark
im Jahr. Warum sollte er für einige zehntausend Mark
mehr seinen Beruf aufgeben und sich von der Fifa als
Profi unter Vertrag nehmen lassen?
Markus
Merk, Zahnarzt und Bundesliga-Schiedsrichter, sagt:
„Mit mir hat noch keiner gesprochen. Erst wenn ein konkretes
Angebot vorliegt, werde ich mir Gedanken machen.“ Die
kann er sich vielleicht sparen. Volker Roth, deutscher
Vertreter im Fifa-Schiedsrichterkomitee, sagt: „Die
Frage der sozialen Absicherung ist völlig offen.“ Probleme
entstehen vor allem, wenn der Schiri mit 45 aus Altersgründen
die Pfeife aus dem Mund legen muss. In Holland läuft
ein Gerichtsverfahren, in dem ein gealterter Referee
von seinem Verband das Geld für seine Altersvorsorge
fordert.
Bekannt
wurde am Rande der Tagung am Dienstag auch, dass von
Juli 2000 an einige neue Regeln gelten: So muss der
Torwart den Ball nach sechs Sekunden wieder fürs Spiel
freigeben. Zwei andere Änderungen geben den Linienrichtern
mehr Macht. So haben die Assistenten in Zukunft nicht
mehr nur das Recht, sondern die Pflicht, dem Schiedsrichter
ein unbemerktes Foul anzuzeigen. Außerdem dürfen sie
das Feld betreten, um den Abstand beim Freistoß zu kontrollieren.
Profi-Linienrichter sind aber noch nicht geplant (siehe
Kommentar).
Unausgegorenes
aus Haching
Von
Thomas Kistner
Nimmt
man die Fifa-Schiedsrichterrunde in Oberhaching als
Maß, kann man nur hoffen, dass der Weltverband die Vergabe
seiner Fußball-WM 2006 im Juli professioneller über
die Bühne bringt. Im Münchner Vorort ließ sich Fifa-Boss
Blatter höchstselbst herbei, um den Terminplan für das
Debüt von Profi- Referees zu verkünden. Aus dieser Nummer
kommt der Verband nicht so leicht raus – falls sie schiefgeht,
was nicht nur der deutsche Schiedsrichter-Chef Roth
befürchtet. Ziemlich unausgegoren ist das an sich begrüßenswerte
Vorhaben, der Autorität des Unparteiischen neues und
damit mehr Gewicht zu verleihen. Pfeifenmänner, die
sich ganz auf den Job konzentrieren können, bewähren
sich auch längst andernorts.
Aber:
Wie sieht etwa die arbeitsrechtliche Absicherung der
künftigen Profi-Referees aus, könnte ein chronischer
Minderleister überhaupt in den Lernberuf zurück expediert
werden? Wie sind die (erkennbaren) Abhängigkeiten geregelt,
wenn berufsabhängige Schiris von Verbandsgremien berufen
und bewertet werden – wo doch Ehrenamtliche der Hauptherd
für Filz und Gemauschel im Sport sind? Und macht es
Sinn, den Pfeifenprofis Assistenten beizugeben, deren
Befugnisse zwar erweitert werden, die aber Amateure
bleiben? Ein Referee ist immer so gut wie seine Helfer.
Zu besichtigen ist das am größten Fehlerquell des Spiels,
der Abseitsfindung. Hier werden Resultate am häufigsten
beeinträchtigt. Das Problem dürfte mit echten Profis,
die auf falsche Fahnenwinks reagieren, kaum zu lösen
sein. Nicht nur die Schulung der Schiris ist voranzutreiben,
die als Amateure üppig verdienen, sondern die ihrer
Helfer. Es ist noch Zeit, darüber nachzudenken.
Übrigens:
Freuden und Nöte des Schiedsrichterns könnte Sepp Blatter
selbst bald erfahren. Falls beim WM-Entscheid 2006 die
Exekutive in eine Patt-Situation driftet, muss es der
Fifa-Chef richten. Mit sowas schafft man sich Feinde,
und das will er verhindern. Von seinen WM-Inspektoren
unter Alan Rothenberg verlangt der Boss jetzt eine Rangliste
der Kandidaten. Hinter den technischen Daten der anderen
lässt sich besser der eigene Kandidat verbergen: Denn
das Herz, so Blatter in Haching, „muss mitentscheiden“.
Man sollte das hierzulande nicht unbedingt als Verheißung
auffassen.
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