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Beobachtungen & Coaching

 

 

Quelle: Kinzigtal-Nachrichten / Autor: Michael Kraft / 13.11.2003

 

 

Fünf Kriterien geben Ausschlag über Punkte

 

 

Dass es sie gibt, wissen alle. Aber was sie genau machen, weiß kaum jemand: die Schiedsrichterbeobachter. Unsere Zeitung stellt ihre Arbeit vor und erklärt, nach welchen Gesichtspunkten die Unparteiischen auf den Fußballplätzen beurteilt werden.

Manfred Lehnhardt ist als Bezirkslehrwart für die Beobachtung seiner Schützlinge zuständig. Er entscheidet, wer beobachtet wird, wann, wo und von wem. „Das kann zum Beispiel von der Anreise des Beobachters zum Spielort abhängen. Außerdem soll ein Schiedsrichter in einer Saison nicht zweimal vom selben Beobachter begutachtet werden“, erklärt er seine Vorgehensweise. Im Durchschnitt wird ein Bezirksliga-Schiedsrichter viermal pro Saison beobachtet. Die Leistung der Landesliga-Referees wird bis zu siebenmal in einer Spielzeit unter die Lupe genommen. Um Schiribeobachter zu werden, muss man selbst gepfiffen haben, und zwar mindestens in der Bezirksoberliga. Außerdem sind jährliche Lehrgänge für die Beobachter Pflicht, in denen sie ihre Regelkenntnis in einem Test beweisen müssen. Mit ihren Beurteilungen entscheiden die Beobachter darüber, welche Schiedsrichter am Ende der Saison in der Klasse verbleiben dürfen, wer auf- oder absteigt.
Nach fünf Kriterien wird die Leistung des Unparteiischen bewertet. Zunächst wird „Auftreten und Verhalten“ begutachtet. Dazu zählt die Persönlichkeit des Schiedsrichters. Wer Mut zu unpopulären Entscheidungen hat und sich unbeeindruckt von Kritik zeigt, wird gelobt. Für Diskussionen mit den Spielern oder übertriebenes Auftreten gibt es Minuspunkte. Im zweiten Bereich, „Spielkontrolle und Spielstrafen“ haben die Beobachter beispielsweise ein Auge auf die Beurteilung von Fouls oder Vorteil-Situationen. Unter „Ausführung von Anweisungen“ wird etwa das Vorgehen des Schiedsrichters bei der Mauerbildung oder Einwürfen kontrolliert. Ob der Referee zum richtigen Zeitpunkt und im richtigen Maß Karten verteilt, wird bei „Persönliche Strafen“ beurteilt. Schließlich wird unter „Laufvermögen und Stellungsspiel“ ein Auge auf seine Kondition und seine Zusammenarbeit mit den Assistenten geworfen. Die Linienrichter werden zudem getrennt bewertet.
Die Schiedsrichter wissen, in welchen Spielen sie beobachtet werden. „Normalerweise geht der Beobachter 20 Minuten vor dem Spiel in die Kabine zum Schiedsrichter“, erklärt Lehnhardt. Dass dann vom „Prüfling“ ein anderer Maßstab angelegt wird, ist nicht unwahrscheinlich. „Manch einer pfeift dann vielleicht strenger und neigt umgekehrt dazu, die Sache etwas lockerer zu sehen, wenn kein Beobachter da ist“, räumt Lehnhardt ein. Er betont, dass es aber auch unangemeldete Kontrollen gibt – die so genannte Dicke-Baum-Beobachtung. „Die heißt so, weil der Beobachter sich dabei hinter einem dicken Baum versteckt, damit der Schiedsrichter ihn nicht bemerkt“, schmunzelt Lehnhardt.
Laut Gerhard Hohmann ist das Verhältnis zwischen Schiedsrichter und Beobachter „kameradschaftlich“. Hohmann, der früher selbst in der Landesliga gepfiffen hat, beobachtet seit 1988 Schiedsrichter bis zur Oberliga und kommt auf etwa 20 Einsätze pro Saison. Die meisten Referees reagierten gelassen, wenn er sich vor dem Spiel bei ihnen vorstellt. „Ich sage jedem, er solle so pfeifen wie er immer pfeift“, so Hohmann. Dennoch könne es natürlich sein, dass der Schiri den Beobachter im Hinterkopf hat: „Wenn man weiß, dass man gute Chancen auf den Aufstieg hat und nun viel von dieser Beurteilung abhängt, kann das schon ein bisschen nervös machen.“ Nur selten – etwa, wenn wegen einer strittigen Entscheidung noch einmal nachgefragt werden muss – unterhalten sich Schiedsrichter und Beobachter gleich nach dem Schlusspfiff über die Partie. In der Regel erfahren die Unparteiischen ihre Punktzahl drei bis fünf Tage nach dem Spiel. „Mit gemischten Gefühlen“ reagieren laut Hohmann die Vereine, wenn sie wissen, dass ein Schiedsrichterbeobachter vor Ort ist: „Meistens denken sie, dass der Schiri dann kleinlicher pfeift.“
Ähnliche Erfahrungen hat auch Kurt Hohmann, seit 1971 Schiedsrichter und seit 1997 Beobachter, gemacht: „Manche Zuschauer oder Vereinsvertreter denken, dass die Beobachter unbedingt viele Karten sehen wollen. Aber das ist dummes Geschwätz.“ Stattdessen ginge es darum, den jüngeren Kollegen Ratschläge zu geben, sie nach dem Spiel auf Fehler aufmerksam zu machen oder auch für gute Aktionen zu loben. Meistens stimmten die Referees mit dem Urteil des Beobachters überein. „Es hat sich jedenfalls noch keiner bei mir über einen Bogen beschwert“, betont Hohmann. Jede Begegnung sei dabei anders. „Wenn es ein Derby ist, ein entscheidendes Spiel um die Meisterschaft oder die Bodenverhältnisse sehr schwierig sind, spielt das auch eine Rolle“, so Hohmann. Dass etwas strenger gepfiffen wird, wenn ein Beobachter vor Ort ist, streitet auch er nicht ab: „Wenn der Chef hinter einem steht, arbeitet man ja auch anders …“

 

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Letzte Aktualisierung:
27. Juli 2003

 

© Axel Beckmann