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Regeln | Ausarbeitungen | Vorteil- / Nachteil-Prinzip

 

 

Hausarbeit von Rainer Wöhl (BV Rheinland-Pfalz) vorgelegt zur Erlangung der B-Lizenz 1998/99

 

 

 

Das Vorteil- / Nachteil-Prinzip

 

Kontakt

"Basketball ist theoretisch ein Spiel ohne Körperkontakt".1 Aber bei einem sehr dynamischen und schnellen Mannschaftssport, der dazu in einem begrenztem Raum mit 10 Spielern stattfindet, kommt es immer wieder zu körperlichen Kontakten. Das Prinzip der neuen Regel ist, daß der Spielfluß nicht durch unnötige Unterbrechungen gehemmt wird. Damit ist z.B. die Bestrafung, die durch einem zufällig persönlichem Kontakt zwischen zwei Spielern, geschieht, gemeint. Die Problematik bei der Vorteil / Nachteil - Situation ist, daß die neue Regel noch nicht überall bekannt ist. Bei vielen Spielern und Trainern herrscht daher noch die Vorstellung, daß jeder Kontakt geahndet werden muß. Dem Schiedsrichter kommt hierbei die Aufgabe zu, zu unterscheiden, ob er einen solchen Körperkontakt bestrafen muß / kann. Dabei wendet er das Vorteil / Nachteil - Prinzip an. Dieses findet dann Anwendung, wenn aus einem zufälligen persönlichen Kontakt beide Parteien weder einen Vorteil noch einen Nachteil haben. Diese Regelung hat sich beim Fußball über Jahre bewährt und ist für Basketball eine revolutionäre Entwicklung. Es sind vor allem die Spieler, die aus dieser neuen Regelung Nutzen ziehen. Diese Situation erfordert, daß der Schiedsrichter gerade hier seine ganze Objektivität unter Beweis stellt. Die Taktik des Spieles war oft darauf ausgelegt, den besten Spieler des Gegners aus dem Spiel zu foulen, da jeder Kontakt als ein Foul geahndet werden sollte / mußte. Die Grundidee von James Naismith (er schuf 1891 die modernen Regeln für den Basketball)2 jedoch war oder ist es, den Ball in den Korb zu werfen. Mit dem Vorteil / Nachteil - Prinzip soll dieses eigentliche Ziel wieder verfolgt werden. Die neue Regel bringt auch zwei neue Begriffe mit sich. Diese sind der "No - call" und der "Late - call". In den folgenden Spielsituationen werden die beiden Begriffe erklärt und dargestellt.

1. Enge Verteidigung eines Dribblers / Ballbesitzers

 Handchecking / Bodycontact

Den Dribbler mit der Hand zu berühren, ist weiterhin nicht erlaubt. Aber einmaliges Handchecking sollte (ruhig) toleriert werden. Bei Ballverlust, der durch den Kontakt verursacht wurde und somit klar als Nachteil des Ballbesitzers zu erkennen ist, muß dies als Foul gepfiffen werden. 3 Die Vorteil / Nachteil - Regelung findet keine Anwendung beim Festhalten des Trikot (unsportliches Foul) und bei ständiger Berührung mit der Hand oder dem Unterarm am Körper des Dribblers (persönliches Foul). Ständiges Berühren mit der Hand sollte im Sinne der Regel mit einem Foul bestraft werden. Falls es bei einer Aktion zwischen Angreifer und Verteidiger zu einem kurzen Kontakt mit der Hüfte der Schulter oder mit der Brust kommt, und hierbei der Dribbler seine Aktion erfolgreich beenden konnte, sprich Dribbling oder Passen, so findet hier die Vorteil 4 Nachteil - Regelung seine Anwendung.

Pressing gegen den Ballbesitzer

Bei einer aggressiven Verteidigung durch zwei Verteidiger, wodurch der Angreifer gezwungen wird, den Ball aufzunehmen, sind Berührungen der Hand am Ball erlaubt. Hierbei muß besonders auf vorgetäuschte Fouls bzw. auf ein permanentes Schieben geachtet werden.5 Gegebenfalls sollte auf Foul entschieden werden.

2. Kontakte am / durch den Paßgeber

Kontakte am Angreifer, der einen Paß spielt

Welcher aktiver Spieler, hat die Situation nicht schon kennengelernt: Angreifer paßt den Ball zu seinem Mitspieler, Verteidiger kommt einen Moment zu spät, es kommt zu einem geräuschvollem Kontakt am Arm und ein Foulpfiff ertönt. Frage: Ist das im Interesse des Artikel 45? Jedenfalls hätte der Schiedsrichter in diesem Falle abwarten müssen. Da der Ball ungehindert an den Mitspieler kam, entspricht dies einer "No-call - Situation". Würde der Ball durch den Kontakt am Arm sein Ziel verfehlen, bzw. die Verteidigung in Ballbesitz kommen, so hat ein direkter Foulpfiff oder ein "Late-call" zu folgen.

Kontakte durch einen Spieler, der einen Paß gegeben hat

Wie sieht die Fallgestaltung denn aus, wenn der Ballführende an der Mittellinie aus vollem Lauf seinem Mitspieler den Ball zupasst und im Anschluß danach auf den stehenden Verteidiger aufläuft? Hier muß der Schiedsrichter die Situation beobachtet haben, um sie richtig einschätzen zu können. Suchte der Verteidiger den Kontakt, wollte also ein Foul provozieren, dann sollte das Spiel hier nicht unterbrochen werden ("No-call - Situation" ). Hätte der Angreifer den Kontakt vermeiden können, da er genug Zeit hatte dem Verteidiger auszuweichen, ihn aber bewußt aus dem Weg räumte, muß der Schiedsrichter ein Offensivfoul zu pfeifen. Bei gleicher Situation in der Zone, muß normalerweise ein Offensivfoul gepfiffen werden, da hier ein am Boden liegender Verteidiger für beide Mannschaften eine potentielle Verletzungsgefahr darstellt. Bei solchen Aktionen in der Zone, kann man davon ausgehen, daß die hier entstandenen Kontakte nur selten zufällig passieren.

3. Spieler der zum Korb penetriert und einen Korbversuch unternimmt

Kontakte vor der Wurfaktion

Kommt es auf dem Weg zum Korb zum Kontakt mit dem Dribbler, wobei dieser seine eingeschlagene Richtung beibehalten und entsprechend seine Korbaktion beginnen kann, so hat der Schiedsrichter das Spiel weiter laufen zu lassen. Auch ein kurzes Berühren durch die Hand, Unterarm oder Schulter sollte nicht wie bereits unter 1. beschrieben, direkt zu einem Foulpfiff führen. Dies ist eine sogenannte "No-call - Situation". Die beschriebene Situation kann aber auch zu einem "Late-call" des Schiedsrichter führen, nämlich dann, wenn während des Kontaktes für den Schiedsrichter nicht sofort erkennbar ist, ob die Korbaktion trotzdem begonnen / abgeschlossen werden kann. Hier kann der Schiedsrichter das Spiel weiter laufen lassen, um die Situation sicher beurteilen zu können. Stellt sich dann heraus.. daß der Kontakt für den Dribbler nachteilig war, kann der Schiedsrichter noch ein Foul pfeifen. Dieser sogenannte "Late-call" sollte jedoch in einem nachvollziehbaren direkten Zusammenhang zur jeweiligen Spielsituation stehen. Eine "Late-call - Situation" verlangt nicht nur Mut und Selbstbewußtsein des Schiedsrichters, sondern vor allem auch Verständnis seitens der Spielern. Aus der beschriebenen Anfangssituation kann sich aber noch eine Dritte entwickeln, nämlich folgende: Aufgrund des Kontaktes kann der Dribbler offensichtlich seine Korbaktion nicht beginnen / abschließen. Hier muß der Schiedsrichter wie bisher mit einem direkten Foulpfiff reagieren. Das Spiel wird mit Einwurf an der Seitenlinie fortgesetzt. Ist die Anzahl der zulässigen Mannschaftsfoul überschritten, so kommt es zu Freiwürfen.

Kontakte während der Wurfaktion

Das beim vorherigen Abschnitt behandelte, gilt auch für den ballführenden Angreifer, der sich in der Korbwurfaktion befindet. Leichte Kontakte am Körper und an der Hand, in der sich der Ball befindet, sollen nicht gepfiffen werden. Kommt ein Kontakt am Handgelenk oder am Arm der ballführenden Hand zustande, ist dies nach wie vor ein Foul. Nimmt der Verteidiger eine legale Verteidigungsposition ein, und es kommt an den Armen oder Händen zum Kontakt, so ist dies eine normale, zum Spiel gehörende Aktion, also eine "No-call Situation". Eine legale Verteidigungsposition hat ein Spieler eingenommen, wenn er seinem Gegenspieler wie folgt gegenüber steht

  • mit beiden Beinen eine leichte Grätschstellung ( Schulterbreite ) einnehmend und mit beiden Füßen auf dem Boden stehend
  • in seinem Raum, der sich senkrecht über seinen Armen erstreckt ( Zylinder ). In diesem Raum darf er auch springen.

Sollte der Angreifer bei der Wurfaktion mit ausgestreckten Armen oder Beinen in den Verteidiger springen, so daß er seine legale Verteidigungs - Position aufgeben muß, muß auf Offensivfoul8 entschieden werden. Der erzielte Korb zählt nicht und das Spiel wird mit Einwurf an der Seitenlinie fortgesetzt. Kommt es bei der Korbwurfaktion doch zum Kontakt, so muß das Verursacher - Prinzip in Betracht gezogen werden, d.h. wer war der Verursacher und hat sich so einen Vorteil verschafft. Eine weitere "No-call - Situation" entsteht, wenn der Angreifer nach einer erfolgreichen Korbwurfaktion den unter dem Korb stehenden Verteidiger berührt. Ein Late-call würde entstehen, wenn der Korbwurf des Angreifers mißlingt, und der Verteidiger am Rebound gehindert werden würde. Dann hat ein Foulpfiff zu folgen. Schließlich ist auch folgende Situation denkbar: Der Schiedsrichter wartet nach einem Kontakt den Spielverlauf mit der Möglichkeit eines "Late-calls" ab. Der Kontakt führt, wie es sich zeigt, zwar zu einer Beeinträchtigung des Dribblers, diesem gelingt es jedoch dennoch einen regulären Korb zu erzielen. Eher sollte der Schiedsrichter, obwohl er von dem "Late-call" Gebrauch machen könnte, darauf verzichten.

Kontakte nach der Wurfaktion

Nach dem Korbwurf versuchen Werfer und Verteidiger eine optimale Position unter dem Korb einzunehmen. Dies geschieht nicht ohne Kontakte, wobei leichte Kontakte an der Hand oder am Körper durchaus erlaubt sind und einem "No-call" zur Folge haben. Kommt es bei solchen Aktionen zu offensichtlichen Behinderungen, um an den Rebound zu gelangen, so muß ein Foulpfiff9 erfolgen. Spieler versuchen durch theatralisches Verhalten ein Foul zu provozieren. Darauf sollte der Schiedsrichter besonders achten und Fingerspitzengefühl zeigen und gegebenenfalls den Spieler ermahnen. Sollte sich so etwas jedoch mehrmals wiederholen, kann dies durchaus als unsportliches Verhalten bewertet werden, das mit einem technischen Foul mit zwei Freiwürfen bestraft werden muß.

4. Anmerkungen

Das Spiel wurde durch die neue Regelung schneller, dynamischer und interessanter gemacht. Gerade die neue Situation verlangt vom Schiedsrichter sehr viel Spielverständnis. In der Praxis sieht es wie folgt aus: Viele Spieler verstehen die neue Regelung noch nicht und wenn doch, wird zu recht die Willkür der Schiedsrichter bei der Umsetzung des Vorteil / Nachteil - Prinzips kritisiert. Vorwiegend Schiedsrichter, die in den unteren Klassen Spiele leiten, haben nur wenig oder überhaupt keinen Bezug zu Regel VIII, Persönliche Fouls, Art. 45, Kontakt.

5. Literaturverzeichnis

  • Das moderne Lexikon; Band 2; Herausgegeben vom Lexikon - Institut Bertelsmann
  • Internet - Hompage des BVRP - Schiedsrichterwesens (Regel - Ausführungen)
  • Offizielle Basketball - Regeln für Männer und Frauen beschlossen vorn Internationalen Basketball - Verband ( FIBA ) am 25. / 26. Juli 1998

1 Regel VIII Art. 45 (Kontakt)
2 Das moderne Lexikon, Band 2, S.271
3 Regel VIII; Art. 46.3.5. (Regelwidriger Gebrauch der Hände)
4 Regel VIII; Art. 48.4.3. (Unsportliches Foul- Festhalten eines Spielers) und Art. 48.6.
   Strafe 5 Regel VIII, Art. 46.3.5. (Regelwidriger Gebrauch der Hände)
5 Regel VIII; Art, 46.3.2. (Charging, Rempeln)
6 Regel VIII; Art. 46.5.1.3.2. (Kommentar zum illegalen Kontakt von dem Angreifer an den Verteidiger)
7 Regel VIII Art, 46.5.2. ( Legale Verteidigungsposition)
8 Regel VIII, Art. 46.5. 1 ~ 3.2. ( Kommentar zum illegalen Kontakt von dem Angreifer an den Verteidiger)
9 Regel IX ( Technische Fouls ); Art. 51.3. ( technisches Foul )

 

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 Letztes Update:
28. Dezember 2002

 

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