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Regeln | Ausarbeitungen | Vortei- / Nachteil-Prinzip

 

 

Autor: Friedrich Walz (Österreichischer Basketball Verband)

 

 

 

Die Vorteil-Nachteil-Philosophie

 

Max Kindervater zeigt den Vorteil anWarum nicht auch einmal an dieser Stelle ein Detail des schwierigen Amtes eines Basketballschiedsrichters näher beleuchten? Zumal es ein ganz wesentliches Detail der Philosophie des Schiedsrichterns ist?

Also: Die Regeländerungen 1998 sollen unter anderem das Basketballspiel flotter machen. Unnötige Pausen sollen vermieden werden. Die neue "Mechanik" der Schiedsrichter beim Freiwurf beseitigt Sekunden-fressende Aktivitäten der Refs, auch sind sie dazu angehalten, bei aller Wahrung der Verständlichkeit ihr Zeichengebungsritual zu beschleunigen und auf Doppelfouls folgt kein Sprungball mehr, sondern es wird von der Seite eingeworfen, um nur einiges zu erwähnen.

Schon nach der letzten Regeländerung 1994 hatte diese Tendenz eingesetzt, als vermehrt auf die Möglichkeit von "no calls" hingewiesen wurde: Aktionen, die in Anwendung der Regeln "streng nach Vorschrift" als Regelübertretungen zu ahnden wären, können "straflos" bleiben, wenn diese Aktionen keiner Mannschaft, keinem Spieler einen unfairen Vorteil und dem Gegner keinen unfairen Nachteil bringen. Berühmtes Beispiel: Die "Schritte" beim Dribbelbeginn im Rückfeld fern von jedem Gegenspieler.

Diese "Vorteils/Nachteils-Philosophie" führte zu vielen Mißverständnissen, zumal sie den Schiedsrichtern ein Ermessen einräumt, welches gar nicht so selten falsch angewendet wird. Die korrekte Anwendung von freiem Ermessen jedoch ist nicht das eigentliche Thema dieses "starken Rebounds". Hier wollen wir uns vorerst einem anderen Begriff, einer anderen Vorgabe zuwenden, die das Verhalten der Schiedsrichter bestimmt: Dem "preventing refereeing".

Dieses verlangt, daß Fehlentwicklungen im Verhalten der Spieler nach Möglichkeit schon im Ansatz erkannt und entsprechend gestoppt werden sollen. Bei einem Kampf um den Rebound zum Beispiel (übrigens: "Kampf um den Rebound" ist keine Aufforderung zur Anwendung asiatischer Kampfestechniken im Basketballspiel. Ich halte mich lediglich an das Zitat "the real fight is on the boards!"), beim Rebound also fühlt sich ein Verteidiger vom Gegner gestoßen. Kein Foulpfiff! Beim nächsten Mal fühlt er wieder einen Stoß - wieder kein Pfiff - er aber verliert das Gleichgewicht, gerät ins Out und verliert den Ball. Diesmal kam der Stoß aber von einem Mitspieler, der beim Korbsperren stolperte. Dies nicht erkennend fühlt sich der gestoßene Spieler benachteiligt, vermeint ungerecht behandelt worden zu sein und rächt sich, indem er beim nächsten Rebound seinen Gegenspieler festhält und am Springen hindert. Da der Ball ganz wo anders hin fällt: "No call"! Nun ist aber der Gegner empört und stößt seinerseits bei der nächsten Gelegenheit den betreffenden Spieler offen vom Ball weg. In den Pfiff des Schiedsrichters hinein rächt sich der gestoßene Spieler mit einem Schlag, worauf ihm der Gegner den Ball ins Gesicht drückt und schon ist die Rauferei fertig.

Eine erfundene Aktion? Jeder, der das FIBA-Video zu den "neuen Regeln" gesehen hat, weiß, daß derartiges jederzeit geschehen kann, wenn es um große Einsätze bei entscheidenden Spielen geht.

Was nun hätte der Schiedsrichter tun sollen? Einen Präventiv-Pfiff von Stapel lassen? Aber bei welchem Stoß? Schon beim ersten? Oder beim zweiten? Oder was? Nach der Vorteils/Nachteils-Philosophie hat er sich richtig verhalten. Aber wann ist was richtig?

Darauf gibt es keine Patent-Antwort. Vielleicht aber einen Denkanstoß:

Offensichtlich hängt die Anwendung der "Vorteils/Nachteils-Philosophie (schon wieder ein "übrigens": Dieser Begriff wird von maßgeblichen Vertretern der FIBA bei Regeldiskussionen durchaus gängig gebraucht, weil es offensichtlich kein sprachlich treffenderes Synonym vergleichbarer Prägnanz gibt), die Anwendung von "no calls" also hängt von der verständigen Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten und Betroffenen ab. Wenn diese akzeptieren, daß eine konsequente und unparteiische Handhabung dieser Philosophie das Spiel beschleunigen hilft und zugleich niemand nachhaltig benachteiligt wird, wenn sie weiters erkennen, daß hier nicht Verwaltungsrecht vollzogen werden soll, sondern von den Schiedsrichtern laufend die Tätigkeit von Schlichtungsstellen wahrgenommen wird, dann wird das Spiel flüssig und attraktiv bleiben.

Wenn allerdings vermeint wird, die Möglichkeiten von "no calls" müsse nur in eine Richtung gelten und in der anderen Richtung müsse jeder Regelverstoß sofort mit "Organstrafmandaten" geahndet werden, dann allerdings sind der Vorteils/Nachteils-Philosophie Grenzen gesetzt, Grenzen, die vom mangelnden Können der Betroffenen bestimmt werden.

Dann aber ist den Schiedsrichtern vermehrt "präventives Pfeifen" anzuraten.

Ein weiteres Kalkül, das die Schiedsrichter beachten sollten, wenn sie den Maßstab für Toleranz und Konfliktvermeidung festlegen, ist die Bedeutung des Spieles im Rahmen des gesamten Bewerbes. In einem Entscheidungsspiel um die Meisterschaft gehen erfahrungsgemäß die Emotionen mit den Aktiven eher durch, als in einem Spiel der Vorrunde. In solchen Spielen haben allerdings auch die Spieler und Coaches, die Manager und die Fans zu akzeptieren, daß die Toleranzschwelle niedriger angesetzt werden muß.

Oder mit anderen Worten: Die von den Schiedsrichtern zu übende Toleranz für Regelverstöße, die niemanden bevorteilen und niemanden benachteiligen, sollte bestimmt werden sowohl von der Toleranz der Aktiven für begründete "no calls" als auch vom Niveau des Spieles.

Wenn nämlich intolerantes Verhalten einer Mannschaft durch großzügiges Hinwegsehen der Schiedsrichter über folgenschwere Machenschaften "belohnt" würde, das wäre doch ein zu "starker Rebound".

Friedrich Walz veröffentlicht regelmäßig auf der Homepage des ÖBV seine Glosse "Der starke Rebound". Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Österreichischen Basketball Verbandes.

 

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 Letztes Update:
28. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann