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Warum nicht auch einmal
an dieser Stelle ein Detail des schwierigen Amtes eines
Basketballschiedsrichters näher beleuchten? Zumal
es ein ganz wesentliches Detail der Philosophie des
Schiedsrichterns ist? Also: Die Regeländerungen
1998 sollen unter anderem das Basketballspiel flotter
machen. Unnötige Pausen sollen vermieden werden.
Die neue "Mechanik" der Schiedsrichter beim
Freiwurf beseitigt Sekunden-fressende Aktivitäten
der Refs, auch sind sie dazu angehalten, bei aller Wahrung
der Verständlichkeit ihr Zeichengebungsritual zu
beschleunigen und auf Doppelfouls folgt kein Sprungball
mehr, sondern es wird von der Seite eingeworfen, um
nur einiges zu erwähnen. Schon nach der
letzten Regeländerung 1994 hatte diese Tendenz
eingesetzt, als vermehrt auf die Möglichkeit von
"no calls" hingewiesen wurde: Aktionen, die
in Anwendung der Regeln "streng nach Vorschrift"
als Regelübertretungen zu ahnden wären, können
"straflos" bleiben, wenn diese Aktionen keiner
Mannschaft, keinem Spieler einen unfairen Vorteil und
dem Gegner keinen unfairen Nachteil bringen. Berühmtes
Beispiel: Die "Schritte" beim Dribbelbeginn
im Rückfeld fern von jedem Gegenspieler.
Diese "Vorteils/Nachteils-Philosophie" führte
zu vielen Mißverständnissen, zumal sie den
Schiedsrichtern ein Ermessen einräumt, welches
gar nicht so selten falsch angewendet wird. Die korrekte
Anwendung von freiem Ermessen jedoch ist nicht das eigentliche
Thema dieses "starken Rebounds". Hier wollen
wir uns vorerst einem anderen Begriff, einer anderen
Vorgabe zuwenden, die das Verhalten der Schiedsrichter
bestimmt: Dem "preventing refereeing".
Dieses verlangt, daß Fehlentwicklungen im
Verhalten der Spieler nach Möglichkeit schon im
Ansatz erkannt und entsprechend gestoppt werden sollen.
Bei einem Kampf um den Rebound zum Beispiel (übrigens:
"Kampf um den Rebound" ist keine Aufforderung
zur Anwendung asiatischer Kampfestechniken im Basketballspiel.
Ich halte mich lediglich an das Zitat "the real
fight is on the boards!"), beim Rebound also fühlt
sich ein Verteidiger vom Gegner gestoßen. Kein
Foulpfiff! Beim nächsten Mal fühlt er wieder
einen Stoß - wieder kein Pfiff - er aber verliert
das Gleichgewicht, gerät ins Out und verliert den
Ball. Diesmal kam der Stoß aber von einem Mitspieler,
der beim Korbsperren stolperte. Dies nicht erkennend
fühlt sich der gestoßene Spieler benachteiligt,
vermeint ungerecht behandelt worden zu sein und rächt
sich, indem er beim nächsten Rebound seinen Gegenspieler
festhält und am Springen hindert. Da der Ball ganz
wo anders hin fällt: "No call"! Nun ist
aber der Gegner empört und stößt seinerseits
bei der nächsten Gelegenheit den betreffenden Spieler
offen vom Ball weg. In den Pfiff des Schiedsrichters
hinein rächt sich der gestoßene Spieler mit
einem Schlag, worauf ihm der Gegner den Ball ins Gesicht
drückt und schon ist die Rauferei fertig.
Eine erfundene Aktion? Jeder, der das FIBA-Video
zu den "neuen Regeln" gesehen hat, weiß,
daß derartiges jederzeit geschehen kann, wenn
es um große Einsätze bei entscheidenden Spielen
geht. Was nun hätte der Schiedsrichter
tun sollen? Einen Präventiv-Pfiff von Stapel lassen?
Aber bei welchem Stoß? Schon beim ersten? Oder
beim zweiten? Oder was? Nach der Vorteils/Nachteils-Philosophie
hat er sich richtig verhalten. Aber wann ist was richtig?
Darauf gibt es keine Patent-Antwort. Vielleicht
aber einen Denkanstoß: Offensichtlich
hängt die Anwendung der "Vorteils/Nachteils-Philosophie
(schon wieder ein "übrigens": Dieser
Begriff wird von maßgeblichen Vertretern der FIBA
bei Regeldiskussionen durchaus gängig gebraucht,
weil es offensichtlich kein sprachlich treffenderes
Synonym vergleichbarer Prägnanz gibt), die Anwendung
von "no calls" also hängt von der verständigen
Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten und Betroffenen
ab. Wenn diese akzeptieren, daß eine konsequente
und unparteiische Handhabung dieser Philosophie das
Spiel beschleunigen hilft und zugleich niemand nachhaltig
benachteiligt wird, wenn sie weiters erkennen, daß
hier nicht Verwaltungsrecht vollzogen werden soll, sondern
von den Schiedsrichtern laufend die Tätigkeit von
Schlichtungsstellen wahrgenommen wird, dann wird das
Spiel flüssig und attraktiv bleiben.
Wenn allerdings vermeint wird, die Möglichkeiten
von "no calls" müsse nur in eine Richtung
gelten und in der anderen Richtung müsse jeder
Regelverstoß sofort mit "Organstrafmandaten"
geahndet werden, dann allerdings sind der Vorteils/Nachteils-Philosophie
Grenzen gesetzt, Grenzen, die vom mangelnden Können
der Betroffenen bestimmt werden. Dann aber
ist den Schiedsrichtern vermehrt "präventives
Pfeifen" anzuraten. Ein weiteres Kalkül,
das die Schiedsrichter beachten sollten, wenn sie den
Maßstab für Toleranz und Konfliktvermeidung
festlegen, ist die Bedeutung des Spieles im Rahmen des
gesamten Bewerbes. In einem Entscheidungsspiel um die
Meisterschaft gehen erfahrungsgemäß die Emotionen
mit den Aktiven eher durch, als in einem Spiel der Vorrunde.
In solchen Spielen haben allerdings auch die Spieler
und Coaches, die Manager und die Fans zu akzeptieren,
daß die Toleranzschwelle niedriger angesetzt werden
muß. Oder mit anderen Worten: Die von
den Schiedsrichtern zu übende Toleranz für
Regelverstöße, die niemanden bevorteilen
und niemanden benachteiligen, sollte bestimmt werden
sowohl von der Toleranz der Aktiven für begründete
"no calls" als auch vom Niveau des Spieles.
Wenn nämlich intolerantes Verhalten einer
Mannschaft durch großzügiges Hinwegsehen
der Schiedsrichter über folgenschwere Machenschaften
"belohnt" würde, das wäre doch ein
zu "starker Rebound".
Friedrich Walz veröffentlicht
regelmäßig auf der Homepage des ÖBV
seine Glosse "Der starke Rebound". Nachdruck
mit freundlicher Genehmigung des Österreichischen
Basketball Verbandes.
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