Tchibo.de - Jede Woche eine neue Welt!

 

 

Startseitechristmas_next.gifRegelnchristmas_next.gifAusarbeitungenchristmas_next.gifKontakte

Allgemeines

 Diskussionsforum

 Hilfe

 Gästebuch

 Impressum

 Leitartikel

 Links

 Mitglieder

 News

 Shop

 Thema des Monats

 Über "uns"

 

Organisationen

 Bundesligen

 DBB

 Regionalligen

 Landesverbände

 Euroleague

 FIBA

 International

 Luxemburg

 Österreich

 Rolli-Basketball

 Schweiz

 USA

 

Regeln | Ausarbeitungen | Kontakte

 

 

Autor: Dr. Norbert Esser (Mitglied des DBB-SRK Arbeitskreis Regeln)

 

 

 

Kontakte und Fouls
Erläuterungen zu Art. 44 und Art. 45 der Offiziellen Basketball-Regeln 1998

 

0. Inhaltsverzeichnis


1.  Einleitung

Basketball ist theoretisch ein Spiel ohne Körperkontakt. Trotzdem ist es verständlich, daß persönlicher Kontakt nicht ganz vermieden werden kann, wenn sich 10 Spieler mit großer Geschwindigkeit in einem begrenzten Raum bewegen (Art. 45.1).

Obwohl der in dieser Formulierung zum Ausdruck kommende theoretische Anspruch des 'körperlosen Spiels' nur noch Nostalgikern bekannt oder gar bewußt ist, genießt Basketball unter vergleichbaren Mannschafts-Sportarten noch immer die Sonderstellung der weniger körperbetonten, dafür aber eleganten Sportart. Aufgabe der Regeln und derer, die sie umsetzen, muß es daher sein, diese positive Einschätzung im Erscheinungsbild des Spiels aufrecht zu halten.

Die Beurteilung von Kontaktsituationen und die hieraus resultierenden Entscheidungen - Foul oder kein Foul - ist zweifellos das Kriterium, an dem Mannschaften und Zuschauer die Leistung eines Basketball-Schiedsrichters hauptsächlich messen. Im Einzelfall kann zwar eine strittige und entscheidende Schrittfehler- oder Ausball-Entscheidung die Schiedsrichter in den Mittelpunkt stellen; die Entscheidungen über Kontakte sind aber aus drei Gründen die wichtigste Aufgabe:

  • Kontakte sind jederzeit möglich, ihre Beurteilung ist damit permanent den zusätzlichen Entscheidungen eines Schiedsrichters überlagert,
  • eine Foulstrafe hinterläßt immer Spuren (Foulzahl, Freiwürfe), die das weitere Spiel unmittelbar beeinflussen,
  • Kontakte haben aus der Natur des Spiels für die Mannschaften eine stark emotionale und subjektive Komponente, da bei der Entscheidung nicht nur das für alle (mehr oder weniger) sichtbare Geschehen, sondern auch die Beurteilung des Schiedsrichters einfließt.

Besonders wegen des letzten Punktes ist die Regel VIII - Persönliche Fouls - der Offiziellen Basketball-Regeln in Detaillierungstiefe und Anbindung an konkrete Situationen eines Basketballspiels sehr ausführlich und sorgfältig formuliert.

Im folgenden sollen zu Art 44 (Fouls) und Art. 45 (Kontakte) grundsätzliche Überlegungen angestellt und an Beispielen erläutert werden. Da sich beide Artikel mit den Grundsätzen bei der Beurteilung von Kontaktsituationen und Fouls beschäftigen, wird der Inhalt der Art. 46 - 49 (Einzelheiten zu Persönlichen Fouls, Doppelfoul, Unsportlichen und Disqualifizierenden Fouls und deren Strafen) nur insoweit angesprochen wie es im Einzelfall erforderlich ist.

 

2.  Begriffe und Definitionen

Ein Foul ist eine Regelverletzung, wenn damit persönlicher Kontakt mit einem Gegner oder unsportliches Verhalten verbunden ist (Art. 44.1).

Diese Regel grenzt das Persönliche Foul (Art. 46) und das Unsportliche Foul (Art. 48) - persönlicher Kontakt mit einem Gegner - von einem Technischen Foul (Art. 50 bis 53) und einem Unsportlich Technischen Foul (Art. 51.4) - unsportliches Verhalten - ab. Ein Disqualifizierendes Foul (Art. 49) ist in beiden Fällen für schwere Verstöße zu verhängen, sowie zusätzlich im Falle des Art. 54 (Gewalttätigkeit).

Anmerkung: Die Regel geht bei obiger Definition natürlich davon aus, daß der Kontakt oder das unsportliche Verhalten gegenüber einem Mitglied der gegnerischen Mannschaft erfolgt. Vorkommnisse in letzter Zeit zeigen, daß ein Schiedsrichter auch auf ein solches Verhalten innerhalb einer Mannschaft vorbereitet sein muß. Diese sind ohne Unterscheidung zwischen Kontakt oder sonstigem Verhalten als unsportliches Verhalten anzusehen. Grundlage für eine Bestrafung bietet Art. 50.4.1.: Kommt es zwischen Spielern, Ersatzspielern, Trainern und den auf der Mannschaftsbank sitzenden Mannschaftsbegleitern zu Gewalttätigkeiten, müssen die Schiedsrichter die notwendigen Maßnahmen treffen, damit dies beendet wird.

 

3.  Grundsätzliche Prinzipien zur Beurteilung von Kontaktsituationen

Zusätzlich zu den bisherigen rein technischen Beschreibungen von Kontaktsituationen enthalten die neuen Regeln von 1998 einige neue abstrakte Begriffe und Grundsätze (im folgenden vom Autor durch Fettdruck hervorgehoben) als Entscheidungskriterien :

Bei der Beurteilung, ob ........Kontakte bestraft werden oder nicht, müssen die Schiedsrichter jederzeit die folgenden wesentlichen Grundsätze beachten und abwägen: (Art. 45.2)

Aufrechterhaltung von Geist und Sinn der Regeln sowie der Integrität des Spiels.(Art. 45.2.1)

Gleichmäßigkeit in der Anwendung des "Vorteil/Nachteil" Prinzips. Die Schiedsrichter sollten dabei den Spielfluß nicht unnötig unterbrechen, indem sie einen zufälligen persönlichen Kontakt bestrafen, der weder dem dafür verantwortlichen Spieler einen Vorteil bringt noch seinen Gegenspieler benachteiligt.(Art. 45.2.2)

Gleichmäßigkeit in der Anwendung von gesundem Menschenverstand in jedem Spiel unter Berücksichtigung von Fähigkeiten, Einstellung und Verhalten der Spieler während des Spiels (Art. 45, Anmerkung 1)

Gleichgewicht zwischen Spielkontrolle und Spielfluß, Gefühl entwickeln für das, was die Spielbeteiligten zu unternehmen versuchen und das pfeifen, was für das Spiel richtig ist.(Art. 45, Anmerkung 2)

Diese Begriffe sollen im folgenden erläutert und kommentiert werden.

 

3.1.  Geist und Sinn der Regeln und Integrität des Spiels

In [2] heißt es : 'Es ist nicht Sinn der Regeln, dem Wortlaut nach interpretiert zu werden. Sie sollten vielmehr im Verhältnis zu den Auswirkungen angewendet werden, die eine Aktion der Spieler auf ihre Gegenspieler haben. Falls diese unfair beeinflußt werden als Ergebnis einer Regelverletzung, dann sollte der Übeltäter bestraft werden. Falls aber kein nennenswerter Einfluß auf den Spielablauf entstand, dann sollte man das Spiel nicht unterbrechen. Der Vorfall sollte unbeachtet bleiben. Er ist zufällig und nicht wesentlich. Realistisch und pragmatisch gesehen, hat sich keine Regelverletzung ereignet'.

Hieraus werden folgende Prinzipien abgeleitet:

  • Der schlichte Umstand, daß sich ein Kontakt ereignet hat, begründet noch keine Regelverletzung.
  • Ein völlig zufälliger Kontakt, auch wenn er sehr hart sein sollte, beim Versuch, einen freien Ball zu erreichen und bei dem beide Spieler in gleichwertiger aussichtsreicher Position sind und normale Angreifer- oder Verteidigerbewegungen durchführen, sollte nicht als illegal angesehen werden.
  • Ein Kontakt, der den Gegenspieler nicht an normaler Angreiferbewegung oder Verteidigungsarbeit hindert, sollte als zufällig angesehen werden.

Die folgende Liste zählt Situationen auf, in denen das Ignorieren von Kontakten und eine Fortsetzung des Spiels zum Geist des Wettbewerbs beiträgt, indem unnötige Spielunterbrechungen verhindert werden. Die ist der Fall, wenn

  • der Kontakt ohne Beanstandung ignoriert werden kann, und ohne einer Mannschaft einen Nachteil zu bringen,
  • ein Pfiff diejenige Mannschaft bestrafen würde, zu deren Ungunsten ein zufälliger Kontakt stattfand,
  • ein Pfiff gegen das traditionelle Verständnis von Spielern, Trainern und anderen verstoßen würde, wie Basketball zu spielen ist,
  • ein Pfiff zu einer Situation, aus der keine Mannschaft einen Vorteil hatte, zu spät käme und sich bereits eine neue Spielsituation entwickelt hat,
  • zufällige Kontakte fast gleichzeitig begangen werden und keine Mannschaft hieraus einen Vorteil erlangt hat,

Ein Foulpfiff, dessen einziger Einfluß auf das Spiel darin besteht, daß der Spieler wegen eines Kontaktes ein Foul angeschrieben erhält, widerspricht dem Sinn des Spiels und würde besser unterbleiben.

Fall 1:

Verteidiger B1 sieht den körperlich deutlich überlegenen Angreifer A1 frei durch die Zone ziehen auf dem Weg zum Korbleger. Da sich B1 keine Chance zu einer Verteidigung gegen A1 ausrechnet, stellt er sich schnell unter seinem eigenen Korb in die Bahn des Angreifers, der erst dann abspringt, den Korbleger vollendet und anschließend auf Verteidiger B1 prallt.

Entscheidung: Der Versuch, lediglich ein Foul zu erzwingen statt zu versuchen, den Ball zu spielen, widerspricht dem Geist und Sinn der Regeln sowie der Integrität des Spiels. Im vorliegenden Fall ist der Ball zum Zeitpunkt des Kontaktes tot, so daß der Kontakt keinen unmittelbaren Nachteil für Spieler B1 bedeutet. Ein Foulpfiff sollte daher unterbleiben, es sei denn, Spieler A1 gefährdet durch Anwinkeln des Knies o. ä. den stehenden Gegenspieler.

Anmerkung: Die Situation wäre anders zu beurteilen, wenn Angreifer A1 den Korbleger verfehlt und durch den anschließenden Aufprall auf B1 diesen Spieler für den Rebound ausschaltet. Der Nachteil für B1, der schließlich eine grundsätzlich legale Verteidigungsposition eingenommen hatte, ist nun das allein entscheidende Kriterium. Gegen Spieler A1 ist (so schnell wie möglich) auf ein 'Charging ohne Ball' zu entscheiden.

 

3.2.  Das "Vorteil/Nachteil" Prinzip

Dieses erst seit einigen Jahren offiziell in den Regeln verankerte Prinzip besagt zunächst, daß eine Foulentscheidung vom Schiedsrichter nicht alleine auf rein regeltechnischer Grundlage, sondern zusätzlich aus der subjektiven Situationsbeurteilung heraus zu treffen ist. Die richtige, d.h. nach Sinn und Geist des Spiels angemessene und den Mannschaften vermittelbare Anwendung dieses Prinzips unterscheidet die Schiedsrichter in rein Regel-orientierte 'Theoretiker' und akzeptierte 'Praktiker' (denen es natürlich auch nicht schadet, die Regeln sehr gut zu kennen).

Fall 2:

Spieler A1 erkämpft sich in der eigenen Spielhälfte in der Nähe der Mittellinie gegen Spieler B1 einen freien Ball und beginnt ein Dribbling mit freier Bahn zum gegnerischen Korb. Spieler B1 kann nicht rechtzeitig abstoppen und berührt A1, der daraufhin zwar etwas aus seiner Bahn gerät, aber dennoch weiterhin freien Weg zum unbedrängten Korbleger hätte.

Entscheidung: Der Schiedsrichter unterläßt den Foulpfiff, wenn ihm klar ist, daß Spieler A1 tatsächlich trotz des Kontaktes weiterhin freie Bahn zum gegnerischen Korb hat. Ein Foulpfiff würde, besonders wenn Mannschaft B noch nicht die Foulgrenze erreicht hat, die Mannschaft B für diesen Kontakt belohnen, da er dem Spieler A1 den Vorteil zum Korbleger nimmt. Sollte allerdings der Spieler B1 oder einer seiner Mitspieler durch diesen Kontakt die Gelegenheit erhalten, den Spieler A1 einzuholen, dann ist ein Nachteil für A1 gegeben und der Kontakt als Foul zu pfeifen.

Anmerkung: Erfolgt dennoch ein Foulpfiff, so wird dieses Foul üblicherweise als 'gutes Foul' bezeichnet, über das sich Mannschaft A ärgert und Mannschaft B freut. Dies zeigt, daß hier gegen den Geist und Sinn der Regeln verstoßen wurde und ein No-call die richtige Entscheidung des Schiedsrichters gewesen wäre. Ist allerdings der Kontakt als Unsportliches oder gar als Disqualifizierendes Foul zu bewerten, so muß sofort der Foulpfiff erfolgen, da die Strafe (2 Freiwürfe und Ballbesitz) dem möglichen Korbleger von A1 gleichwertig ist und das Foul unbedingt zu ahnden ist.

Fall 3:

Angreifer A1 zieht durch die Zone, täuscht einen Korbleger an und paßt im Vorwärtssprung nach rechts zu seinem Mitspieler A2. Anschließend prallt A1 auf den Verteidiger B1, der dadurch aus dem Spielfeld gedrängt wird, so daß A2 unbedrängt zu einem Korbleger kommt.

Entscheidung: Dieser Fall ähnelt dem Fall 1 und wird häufig genauso geschiedsrichtert, also ohne Foulpfiff. Dies wäre aber ein Widerspruch zum "Vorteil/Nachteil"-Prinzip, da hier der unbedrängte Korbleger erst durch den von A1 verursachten Kontakt ermöglicht wird. Der Schiedsrichter sollte beim Paß zu A2 den folgenden Kontakt A1/B1 antizipieren und sofort auf Offensivfoul entscheiden, idealerweise sogar bevor A2 den Korbleger vollenden kann.

 

3.3.  Berücksichtigung von Fähigkeiten, Einstellung und Verhalten der Spieler

Bei einer Kontaktsituation die Fähigkeiten der Spieler zu berücksichtigen, kann wie folgt interpretiert werden:

  • Die athletischen Fähigkeiten der Spieler, einen Kontakt durch einen Gegenspieler ohne Beeinträchtigung ihrer Absichten 'wegzustecken', steigt grundsätzlich mit dem Level der Liga an. Kontakte, die in der 1. Bundesliga nicht beachtet werden, können in der 2. BL kritisch und in einer Regionalliga ein Foul sein.

Dieser Unterschied kann einen höherklassigen Schiedsrichter beim Pfeifen in einer unteren Liga in Schwierigkeiten bringen, die ihn um so mehr überraschen je seltener er in einer unteren Liga pfeift und er sich dieser grundsätzlichen Problematik nicht bewußt ist.

  • Unterschiedliche Fähigkeiten zweier Gegenspieler, die allein aus verschiedenen körperlichen Voraussetzungen (Größe, Gewicht) resultieren.

Kommt es zu einem solchen Mismatch, sollten Kontakte des unterlegenen Spielers in dem Maße großzügiger beurteilt werden, wie es ohne Benachteiligung des überlegenen Spielers und ohne das Zulassen von rauhem oder überhartem Spiel möglich ist. Zusätzlich muß allerdings hier auf 'untypische' Kontakte geachtet werden, die z.B. durch eklatante Größenunterschiede entstehen können. Konkret: Steigt ein sehr großer Spieler zusammen mit einem etwa gleich großen Gegenspieler zum Rebound oder Korbwurf hoch, richtet sich die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters automatisch auf den oberen Bereich. Ist ein kleiner Gegenspieler beteiligt, muß sich der Schiedsrichter zu einem erweiterten Blickwinkel zwingen.

  • Die Beurteilung der Kontakte durch oder an einem Spieler mit überragenden spielerischen Qualitäten.

Gegen einen überragenden Spieler wird härter verteidigt, so daß der jeweils zuständige Schiedsrichter diesen Spieler und dessen Verteidiger ständig, also auch und besonders auf der ballfernen Seite beobachten sollte. Besonders auf der 'schwachen Seite' der Schiedsrichter ist einerseits Festhalten des Angreifers, andererseits Wegstoßen des Verteidigers wahrscheinlich und muß unterbunden werden.

Weiterhin ist rein statistisch davon auszugehen, daß ein überragender Spieler auch bei besonderer Aufmerksamkeit der Schiedsrichter häufiger als andere Spieler behindert, geschoben, gehalten oder sogar beim Wurf gefoult wird, ohne daß - zum Beispiel im Interesse des Spielflusses - ein Foulpfiff erfolgte. Unter dieser Annahme und mit dieser dem Geist des Spiels entsprechenden inneren Begründung sollten die Schiedsrichter einen toleranteren Maßstab bei Kontakten durch diesen Spieler anlegen und damit einen gerechten Ausgleich schaffen.

Hiermit ist ausdrücklich nicht gemeint, daß ein prominenter Spieler von vornherein mehr Freiheiten oder Schutz oder ein überragender Spieler 'Narrenfreiheit' durch die Schiedsrichter genießen soll. Was gemeint ist, wird durch Skizzieren des Gegenteils deutlich: Ein überragender Spieler scheidet früh in der 2. Halbzeit mit fünf Fouls aus, von denen mindestens zwei objektiv zweifelhaft waren. In der Freude der gegnerischen Mannschaft und ihrer Fans über das Ausscheiden des wichtigsten Gegenspielers wird Schadenfreude und Häme mitschwingen, die für die Schiedsrichter nicht gerade ein Kompliment sind. Das anschließende Verhalten der betroffenen Mannschaft, besonders nach einem Spielverlust, muß hier nicht beschrieben werden. Sie wurde nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv entscheidend benachteiligt.

 

3.4.  Gleichgewicht zwischen Spielkontrolle und Spielfluß

Diese Vorschrift führt ein weiteres neues Element in die Frage nach Foulentscheidungen ein, nämlich den Spielrhythmus. Eine zu große Zahl von Foulentscheidungen führt zunächst zu einem sehr frühen Überschreiten der Mannschafts-Foulgrenze und damit im weiteren Verlauf der Halbzeit zu dem bei Mannschaften und Zuschauern zu Recht unpopulären ständigen Marschieren zur Freiwurflinie. Die Vorgabe der Regel an die Schiedsrichter, bei ihren Foulentscheidungen für ein Gleichgewicht zwischen Spielkontrolle und Spielfluß zu sorgen, überträgt ihnen somit die Verantwortung dafür, daß

  • die Mannschaften in ihrem Spielrhythmus nur dann gestört werden, wenn es im Interesse eines geordneten Spiels erforderlich ist,
  • der Unterhaltungswert des Spiels für die Zuschauer und Medien durch die Schiedsrichter nicht beeinträchtigt wird.

Im Wettstreit der Sportarten um die Gunst der Öffentlichkeit kommt den Schiedsrichtern die Aufgabe zu, durch ihre Entscheidungen die Show auf der Grundlage der Regeln zu optimieren.

Dieser Satz gibt in anderer Form die Aussage der Welt-Technischen Kommission der FIBA wider, mit den soeben vorgenommenen Regeländerungen die Attraktivität des Basketballspiels weiter steigern zu wollen [5] :

'Die Popularität des Basketballspiels steigt nach wie vor auf der ganzen Welt an. Um diesen kontinuierlichen Erfolg weiter zu gewährleisten, ist es erforderlich, den Reiz und die Attraktivität des Spiels anhand der Spielregeln sicherzustellen. Andererseits hat die Technische Kommission der FIBA die Pflicht, dafür zu sorgen, daß die Regeln keiner Mannschaft einen unfairen Vorteil einräumen. Um diese Ziele weiterhin zu verfolgen und zu erreichen, hat die FIBA für die von 1998 bis 2002 gültigen Regeln einige Änderungen beschlossen, die teils mehr teils weniger erhebliche Auswirkungen haben. Für alle am Spiel Beteiligten, insbesondere für die Schiedsrichter, ist es wichtig, diese Regeländerungen und die ihnen zugrunde liegenden Absichten genau zu verstehen.'

Die Optimierung des Unterhaltungswerts ist ein ständiger Lernprozeß zwischen Regeländerungen und ihren Auswirkungen auf das Spiel. Dies wurde bei der Frage des 'Handchecking' besonders deutlich: Im ersten Schritt wollte man durch rigide Vorschriften Basketball besser von anderen Sportarten abgrenzen, die wortgetreue Durchsetzung dieser Regel führte zu teilweise völlig überzogenen Foulentscheidungen, und nun hat sich als Synthese das heraus gebildet, was eigentlich gewollt war: Ein neues Bewußtsein bei Spielern und Schiedsrichtern für den Gebrauch der Hände und eine Interpretation auf der Grundlage des "Vorteil/Nachteil" Prinzips.

 

3.5.  Gefühl für das Spiel, No-calls

Die Forderung an die Schiedsrichter, Gefühl für das Spiel zu zeigen, bedeutet unter anderem:

  • Zwischen körperbetontem und grobem Spiel zu unterscheiden,
  • die Intention der Regeln umzusetzen,
  • den Spielzug vorauszusehen, nicht den Pfiff,
  • der Einfluß einer Aktion auf das Spiel entscheidet, ob ein Kontakt ein Foul ist,

Die beste Entscheidung in einer nicht eindeutigen Kontaktsituation wird oft sein, gar nicht zu pfeifen. Ein solcher bewußter 'No call' ist eine einem Foulpfiff gleichwertige Entscheidung [3]. Viel mehr als in einem heißen Spiel einen Pfiff zu verpassen, verlangt ein effektiver Gebrauch des No-calls vom Schiedsrichter, das große Ganze im Auge zu haben: den Spielfluß aufrecht zu halten ohne Vorteil oder Nachteil für eine der beiden Mannschaften.

Fall 4 :

Es gibt einen Kontakt zwischen Dribbler A1 und Verteidiger B1, bei dem der Verteidiger B1 zu Boden fällt. Der Schiedsrichter ist sich nicht sicher, ob der Kontakt durch den Angreifer A1 heftig genug war, um den Verteidiger B1 zu Fall zu bringen.

Entscheidung: Der Schiedsrichter sollte in einer solchen Situation einen kurzen Moment abwarten und erst schauen, welche Auswirkungen dieser Kontakt auf die Spielaktion hatte.

a) Falls Spieler A1 aus dieser Aktion keinen unmittelbaren Vorteil zieht, sollte das Spiel weiterlaufen.

b) Falls Spieler A1 aus dieser Aktion einen unmittelbaren Vorteil zieht, z. B. frei zum Korb zieht, wäre eine Foulentscheidung gegen den Verteidiger B1 (klassische Begründung: zu spät die Position eingenommen) unsinnig und im Widerspruch zum "Vorteil/Nachteil" Prinzip. Eine Foulentscheidung wäre dann nur gegen Angreifer A1 sinnvoll und vertretbar.

Fall 5 :

Spieler A1 steigt hoch zum Rebound, pflückt den Ball einem kleineren Spieler B1 weg, der aber offensichtlich die Innenposition hatte. Personen auf der Mannschaftsbank A und die Zuschauer brüllen: 'Foul! Over the back!' Der Schiedsrichter hatte aber eine gute Position und konnte die Lücke zwischen beiden Spielern sehen und entscheiden, daß sich überhaupt kein oder nur eine geringfügiger Kontakt ereignet hat, der keinerlei Einfluß auf die Aktion hatte.

Entscheidung: Der Begriff 'Over the back' gehört nicht zum Bestandteil der Vokabeln, die ein Foul festlegen. Entweder hat Spieler A1, der sich den Rebound angelte, einen Kontakt an Gegenspieler B1 verursacht und ihn dadurch benachteiligt, dies wäre als 'Pushing' abzupfeifen, oder es ist nicht zu pfeifen.

 

4. Ort und Zeit für Foulentscheidungen

Der Vollständigkeit halber soll abschließend noch kurz auf Ort und Zeit für Foulentscheidungen eingegangen werden :

Die Schiedsrichter haben das Recht, Entscheidungen über Verletzungen dieser Regeln innerhalb und außerhalb der Spielfeldgrenzen zu fällen (Art. 7.1). Dieses Recht beginnt mit der Ankunft der Schiedsrichter am Spielfeld, die 20 Minuten vor dem festgesetzten Spielbeginn sein soll und endet mit dem von den Schiedsrichtern bestätigten Spielzeitende (Art 7.2).

Fall 6 :

Kurz vor Ertönen des Schlußsignals der 2. Halbzeit wirft Spieler A1 beim Spielstand von 80:80 aus dem Drei-Punkte-Bereich auf den gegnerischen Korb. Der Wurf ist nicht erfolgreich, aber kurz nach Ertönen des Signals:

a) prallt Verteidiger B1 in der Luft auf den Werfer A1, der noch nicht gelandet war,

b) fällt Werfer A1 über den Verteidiger B1, der A1 bewußt unterlaufen hatte.

Entscheidung: In beiden Fällen ist der Kontakt zeitlich der Pause zwischen 2. Halbzeit und der Verlängerung zuzuordnen.

Im Fall a) handelt es sich um ein Foul am Werfer, das aber wegen Ablaufs der Spielzeit nicht mehr geahndet werden kann, da für ein Foul der absolute Zeitpunkt des Geschehens gilt [4, Art. 7-8]. Das Spiel wird mit Sprungball zu Beginn der Verlängerung fortgesetzt, ein Foul wird nicht angeschrieben.

Im Fall b) handelt es sich um ein Unsportliches, u. U. um ein Disqualifizierendes Foul durch B1, das dem Spieler B1 angeschrieben wird. Vor dem Sprungball zu Beginn der Verlängerung wirft Spieler A1 zwei Freiwürfe (keine drei, da das Foul zeitlich nicht mehr am Werfer erfolgte). Der zusätzliche Einwurf für Mannschaft A entfällt.

Fall 7:

Auf dem Weg von seiner Kabine in die Halle zum Beginn der zweiten Halbzeit wird ein Schiedsrichter zufällig Zeuge, daß ein Spieler einem Gegenspieler einen Faustschlag versetzt.

Entscheidung: Der Spieler ist zu disqualifizieren. Das Spiel wird mit zwei Freiwürfen und anschließendem Sprungball zum Beginn der 2. Halbzeit fortgesetzt.

 

5.  Zusammenfassung

Jeder Foulentscheidung sollte folgender zeitlicher Ablauf zu Grunde liegen:

a) Kontakte sehen:

Der Schiedsrichter muß alle Kontakte in dem Bereich sehen, für den er gerade zuständig ist. Voraussetzung hierzu sind gute Schiedsrichter-Technik (immer in Bewegung sein, Boxing-in, Penetration, Look for space), Absprachen mit dem Kollegen (Pre-game conference) sowie das Antizipieren von problematischen Situationen.

b) Entscheidung über Verantwortlichkeit für den Kontakt:

Bei jedem Kontakt sollte sofort entschieden werden, welcher Spieler für diesen Kontakt verantwortlich ist. Dieser ständige Entscheidungsvorgang sollte als Prozeß im Kopf des Schiedsrichters automatisiert sein, damit diese Entscheidung bei Bedarf (Punkt c) sofort abrufbar ist. Grundlage für richtige Entscheidungen sind genaue Kenntnis der Regeln (legale Verteidigungsposition, Vertikalprinzip, Einfluß von Zeit und Raum) und ihrer Interpretation und die Fähigkeit zum richtigen 'Lesen' des Spiels, d.h. zu wissen, was die Absicht der Spieler in der betreffenden Situation war und ob diese Absicht mit legalen Mitteln durchzusetzen war.

c) Entscheidung über Foulpfiff oder No-call

Nachdem die Verantwortlichkeit für den Schiedsrichter feststeht, geht es nun um die Frage, ob dieser Kontakt als Foul zu pfeifen ist. Hierfür sind folgende Fragen entscheidend:

  • Hat ein Spieler einen Vorteil oder Nachteil gehabt? Wie paßt diese Aktion in die bisherige Linie bei der Anwendung dieses Prinzips?
  • Konnte der Gegenspieler aufgrund seiner athletischen und technischen Voraussetzungen den Kontakt ohne Nachteil 'verkraften'?
  • War das Verhalten des verantwortlichen Spielers bewußt auf diesen Kontakt angelegt oder erfolgte der Kontakt zufällig ? Was hatten die Spieler in dieser Aktion vor?
  • Dient dieser Foulpfiff der Spielkontrolle oder unterbricht er unnötig den Spielfluß? Tendiert die Einstellung der Spieler beider Mannschaften zu einem athletischen und sportlichen Spiel oder zu einem kämpferischen und über-aggressiven Spiel?

Die letzte Bemerkung steht ausdrücklich im Widerspruch zur Forderung nach einer gleichmäßigen Linie von der ersten bis zur letzten Spielminute, da im allgemeinen die Einstellung der Spieler an diesem Spieltag ja nicht unmittelbar mit Spielbeginn abzuschätzen ist. Deshalb sollte zu Spielbeginn die Foullinie eher etwas schärfer sein, jedoch ohne kleinlich zu wirken. Eine im weiteren Verlauf des Spiels allmählich toleranter werdende Linie wird von Spielern mit gutem 'Spielcharakter' als Anerkennung durch den Schiedsrichter für sportliche Spielweise verstanden und akzeptiert. Der Schiedsrichter überläßt gleichsam den eigentlichen Akteuren das Spiel und greift seltener ein. Der umgekehrte Weg, großzügig zu beginnen und - durch die Umstände gezwungen - härter durchzugreifen, ist demzufolge wegen der steigenden Anzahl der Eingriffe in das Spiel in jedem Fall der kritischere Weg. Nach diesen Erläuterungen läßt sich die Beurteilung von Kontaktsituationen in folgende Aussage komprimieren:

Kontrollierter Spielfluß unter Anwendung des Vorteil-/Nachteil-Prinzips

 

6.  Schlußbemerkungen

Die neuen abstrakten Begriffe bei der Beurteilung von Kontakten stellen an die Schiedsrichter erhöhte Anforderungen an ihr Wissen über das Spiel. Diesem Umstand muß bei Aus- und Fortbildungsmaßnahmen verstärkt Rechnung getragen werden. Was ein Spieler in einer bestimmten Situation will, oder ob ein Kontakt bewußt oder zufällig entstand, kann ein Schiedsrichter nur wissen, wenn er auf dem neusten Stand von Technik und Taktik des Basketballspiels ist. Was für Nachwuchs-Schiedsrichter als unbeteiligte Beobachter eines Spiels richtig ist, nämlich zu lernen, mehr auf die Schiedsrichter-Kollegen zu achten, um von diesen zu lernen, verkehrt sich bei etablierten Schiedsrichtern ins Gegenteil: Wieder zu lernen, nicht nur ausschließlich auf Technik und Entscheidungen der Kollegen zu achten, sondern auch die Aktionen der Spieler zu studieren, um moderne Entwicklungen des Spiels selbst zu erfassen.

Videomaterial eines Spiels zu Lehrzwecken sehen die neuen Regeln ausdrücklich vor (Art. 32.4). Hier muß in Zukunft genauer unterschieden werden in Einzelsituationen zur Beurteilung der Verantwortlichkeit für einen Kontakt (rein technische Beurteilung) und längeren Spielabschnitten, die alleine eine Beurteilung gemäß der abstrakten Kriterien wie Einstellung und Fähigkeiten der Spieler, Spielfluß etc. ermöglichen.

Ein Spieler oder Trainer, der bei einem Kontakt ein Foul fordert, nur weil der Kontakt selbst vorhanden war, ist in seiner Kenntnis moderner Interpretation des Basketballspiels genauso hoffnungslos veraltet wie ein Schiedsrichter, der noch so pfeift.

Literatur:

[1]Offizielle Basketball-Regeln für Männer und Frauen. Deutscher Basketball Bund e.V. (Hrsgb.), 1998

[2]Nach : M.C. O'Bryant, 'No Harm, No Foul', Referee, Mai 1997

[3]Nach : Steven Ellinger, 'Great No-Calls', Referee, August 1997

[4]Basketball-Regelinterpretation, Deutscher Basketball Bund e.V. (Hrsgb.), Ausgabe 1997

[5]Nach : FIBA - Regelvideo zu den Regeln 1998 - 2002

Dr. Norbert Esser, Mitglied der Schiedsrichter-Kommission des Basketballverbandes Baden-Württemberg, 1998

 

Regeln

 Änderungen

 Ausarbeitungen

 Grundlagen

 Interpretationen

 Ordnungen

 Regelfragen

 Texte

 

Schiedsrichter

 Ausbildung

 Förderung

 Fortbildung

 Frauen

 Funktionäre

 Kritik

 Porträts

 Presse

 Psychologie

 Technik

 Tipps

 Vereine

 

 Letztes Update:
28. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann