|
Shaquille
O'Neal ist ein lustiger Kerl. Ja, ein Kindskopf zuweilen.
Gegen Ende der vergangenen Saison jedoch verfinsterte
sich das ohnehin schon dunkle Gesicht des 2,18-Meter-Kolosses
manchmal dramatisch. Den anwesenden Medienvertretem
wurde es immer dann etwas mulmig, wenn einer der Kollegen
den Superstar der Los Angeles Lakers auf die beschlossenen
Regeländerung angesprochen hatte.
Wenn Blicke
töten könnten. Die folgenden Worte, die er vor sich
herbrummelte, waren für einen Abdruck absolut ungeeignet.
Was er letztendlich zum Ausdruck bringen wollte: NBA-Basketball
ist der weltweit populärste Sport, bekannt geworden
durch die spektakulären Kämpfe "Mann-gegen-Mann".
Warum also ein erfolgreiches Konzept verändern?
Der gutmütige
"Shaq-Daddy" war stocksauer, das war offensichtlich.
Deutlich wurde er vor allem gegenüber Commissioner David
Stern, der die Regeländerungen durchgedrückt hatte:
"Wenn David Stern einem Spieler 30 Millionen Dollar
pro Saison zahlen will für ein paar geblockte Würfe
und einen Schnitt von vier Punkten pro Spiel, bitte
schön. Ich hab dann nichts dagegen", grollte er.
Selten
waren die Regeländerungen in der NBA so umfangreich
wie vor dieser Saison. Sinkende Einschaltquoten und
laues Zuschauerinteresse nach Lockout und Rücktritt
des großen Michael Jordan haben den Commissioner auf
den Plan gerufen.
Raus aus
der Rezession, rein in den Aufschwung, so seine Devise.
Dafür setzte er sich sogar für eine Änderung ein, die
bisher als undurchführbar galt: Die Einführung der Zonendeckung.
Mit weitreichender
Konsequenz: Die für Fans, Schiedsrichter und Spieler
gleichermaßen komplizierte „Illegal Defense"-Regel
ist Geschichte. Damit soll das Spiel schneller gemacht
werden. Besseres Passspiel anstatt langweiliger Eins-gegen-eins-Geschichten
auf der einen Seite des Feldes, während sich die anderen
vier Akteure mit ihren Gegenspielern teilnahmslos auf
der anderen Seite tummeln.
O'Neals
Abneigung gegen die Zone ist verständlich. Früher konnte
er erst gedoppelt werden, wenn er den Ball in der Hand
hatte. Jetzt können ihn die Gegenspieler zu zweit oder
gar zu dritt attackieren, bevor er den Ball in die Hände
bekommt. „Hack-a-Shaq" pur.
Ähnliche
Nachteile befürchten Superdribbler wie Allen Iverson
von den Philadelphia 76ers mit ihrem unwiderstehlichem
Zug zum Korb. Bei einer Ball-Raum-Verteidigung wird's
eng für die so genannten „Slasher". Ihnen fehlen
die Schlupflöcher für ihre spektakulären Dribblings.
"Warum zur Hölle lassen sie das Spiel nicht so,
wie es ist", schimpft der kleine Superstar der
76ers. Interessant: Ausgerechnet die Coaches von O'Neal
und lverson sind starke Verfechter der neuen Regelung.
"Ich begrüße alles, was das Spiel schneller und
damit attraktiver macht", sagt Lany Brown von den
76ers. Als früherer Collegecoach ist er mit der Zonendeckung
vertraut, denn in der NCAA ist sie wie im internationalen
Basketball Standard. "Ich habe etwas gegen Spieler,
die eine Menge Geld verdienen und weit weg vom Korb
auf die lllegal-Defense-Linie deuten. Wenn wir schon
die besten Spieler der Welt haben, warum sollten sie
dann gegen einen Spieler verteidigen, der 15 Meter
vom Korb entfernt steht?"
Ähnlich
argumentiert auch Phil Jackson. Der Lakers-Coach sieht
sogar Vorteile für seinen Starcenter. Schließlich hat
er mit Kobe Bryant und Mitch Richmond exzellente Distanzschützen.
Das verteidigende Team kann sich deshalb nicht unter
den Korb zurückziehen - und das schafft Raum für O'Neal.
Außerdem kann er in der Defense nicht mehr von seinen
Gegenspielern aus der Zone herausgezogen werden. "Da
wurde am Anfang zu viel Wind um nichts gemacht",
meint Terry Lyons, PR-Vizepräsident der Liga. "Die
ersten Spiele werden es zeigen. Meistens wird wieder
so gespielt wie vorher." Also Mann gegen Mann.
Dafür
sorgt eine weitere Regel. Eine Art „Illegal Defense"
für Zonenverteidigung. Wenn sich ein Spieler in Richtung
Korb bewegt, kann ein Verteidiger nur drei Sekunden
lang den direkten Weg zum Korb versperren, ohne sich
um einen direkten Gegenspieler zu kümmern. Ein Kompromiss
also. Den „Slashern" zuliebe.
Auch wenn
sich nach Meinung von Lyons und anderen Experten nicht
viel ändern wird: Für einige Teams werden die Regeländerungen
erhebliche Auswirkungen haben. Im Vorteil sind Teams
mit guten Außenschützen, die vor allem aus der Halbdistanz
treffen. Dazu gehören die Dallas Mavericks mit Dirk
Nowitzki, Michael Finley, Steve Nash und Tim Hardaway.
In der Defense kann sich 2,29-Meter-Riese Shawn Bradley
in der Mitte breitmachen
und gegen jeden stellen, der sich dem Körb nähert. So
werden sich auch die San Antonio Spurs verhalten, die
mit David Robinson und Tim Duncan gleich zwei "Monster"
aufbieten können.
Ein weiterer
Nutznießer sind die Minnesota Timberwolves. In Ermangelung
eines großen Centers kommt ihnen die Zonendeckung entgegen.
Und sollte sich in der Offense das Interesse des Gegners
zu sehr auf Kevin Garnett richten, wird die Antwort
nicht lange aufsich warten lassen. Anthony Peeler, Wally
Szczerbiak, Chauncey Billups und Terrell Branden sind
allesamt Schützen mit hoher Trefferquote.
Bestens
gerüstet sind ebenfalls die Milwaukee Bucks. Ihr Coach
George Karl wurde schon bei den Seattle SuperSonics
wegen seiner Defense kritisiert. Sie sei illegal, murrten
einige NBA-Coaches. Karl war's egal. Ebenso die vielen
Pfiffe der Schiedsrichter gegen sein Team wegen Illegal
Defense.
Die Sonics
galten in den 90er Jahren als einer der besten Verteidigungsteams
der Liga. Das ständige Rotieren und Absinken war nichts
anderes als eine verschleierte 3-2-Zone. Der Erfahrungsvorsprung
der Bucks ist Gold wert, und mit Glenn Robinson, Ray
Allen, Sam Cassell und Tim Thomas kann Karl aufeine
Garde zurückgreifen, die in der Liga ihres Gleichen
sucht.
Was hat
die Regeländerung noch bewirkt? Sie hat einen gemeinsamen
Lebenstraum von Karl Malone und John Stockton zerstört.
Durch die Einführung der Zonendeckung wurde das berühmte
Duo seiner stärksten Waffe beraubt: des "Pick-and-Roll",
des einfachsten und wirksamsten Schutzes gegen Manndeckung.
Championship ade, endgültig. Wie Utah zählen die Miami
Heat (ohne die starken Werfer Tim Hardaway und Dan Majerle)
und Golden State Warriors (schwächste Wurfquote in der
vergangenen Saison) zu den Benachteiligten.
Was die
Regelveränderungen im Regelbuch tatsächlich bewirken,
muss sich aber erst noch zeigen. Nach den ersten Spielen
sehen sich die Experten bestätigt. Bestes Beispiel:
die Los Angeles Lakers schlugen zum Auftakt den alten
Rivalen Portland Trail Blazers 98:87. Kobe Bryant streute
von außen 29 Punkte ein, und unter den Körben schaltete
und waltete Shaquille O'Neal wie eh und je. 29 Punkte
und 18 Rebounds sind fürwahr "Shaqlike" und
weit entfernt von seinen prognostizierten vier Punkten.
Der Zorn
von "Shaq Daddy" ist längst verraucht. Zumindest
in der Öffentlichkeit äußert er sich nicht mehr über
die Regeländerungen.
|