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USA | Regeln | NBA

 

 

Quelle: Basketball im November 2001 / Autor: Stephan May

 

 

Regeländerung: Zone erlaubt  

 

 

 

 

 

 

Shaquille O'Neal ist ein lustiger Kerl. Ja, ein Kindskopf zuweilen. Gegen Ende der vergangenen Saison jedoch verfinsterte sich das ohnehin schon dunkle Gesicht des 2,18-Meter-Kolosses manchmal dramatisch. Den anwesenden Medienvertretem wurde es immer dann etwas mulmig, wenn einer der Kollegen den Superstar der Los Angeles Lakers auf die beschlossenen Regeländerung angesprochen hatte.

Wenn Blicke töten könnten. Die folgenden Worte, die er vor sich herbrummelte, waren für einen Abdruck absolut ungeeignet. Was er letztendlich zum Ausdruck bringen wollte: NBA-Basketball ist der weltweit populärste Sport, bekannt geworden durch die spektakulären Kämpfe "Mann-gegen-Mann". Warum also ein erfolgreiches Konzept verändern?

Der gutmütige "Shaq-Daddy" war stocksauer, das war offensichtlich. Deutlich wurde er vor allem gegenüber Commissioner David Stern, der die Regeländerungen durchgedrückt hatte: "Wenn David Stern einem Spieler 30 Millionen Dollar pro Saison zahlen will für ein paar geblockte Würfe und einen Schnitt von vier Punkten pro Spiel, bitte schön. Ich hab dann nichts dagegen", grollte er.

Selten waren die Regeländerungen in der NBA so umfangreich wie vor dieser Saison. Sinkende Einschaltquoten und laues Zuschauerinteresse nach Lockout und Rücktritt des großen Michael Jordan haben den Commissioner auf den Plan gerufen.

Raus aus der Rezession, rein in den Aufschwung, so seine Devise. Dafür setzte er sich sogar für eine Änderung ein, die bisher als undurchführbar galt: Die Einführung der Zonendeckung.

Mit weitreichender Konsequenz: Die für Fans, Schiedsrichter und Spieler gleichermaßen komplizierte „Illegal Defense"-Regel ist Geschichte. Damit soll das Spiel schneller gemacht werden. Besseres Passspiel anstatt langweiliger Eins-gegen-eins-Geschichten auf der einen Seite des Feldes, während sich die anderen vier Akteure mit ihren Gegenspielern teilnahmslos auf der anderen Seite tummeln.

O'Neals Abneigung gegen die Zone ist verständlich. Früher konnte er erst gedoppelt werden, wenn er den Ball in der Hand hatte. Jetzt können ihn die Gegenspieler zu zweit oder gar zu dritt attackieren, bevor er den Ball in die Hände bekommt. „Hack-a-Shaq" pur.

Ähnliche Nachteile befürchten Superdribbler wie Allen Iverson von den Philadelphia 76ers mit ihrem unwiderstehlichem Zug zum Korb. Bei einer Ball-Raum-Verteidigung wird's eng für die so genannten „Slasher". Ihnen fehlen die Schlupflöcher für ihre spektakulären Dribblings. "Warum zur Hölle lassen sie das Spiel nicht so, wie es ist", schimpft der kleine Superstar der 76ers. Interessant: Ausgerechnet die Coaches von O'Neal und lverson sind starke Verfechter der neuen Regelung. "Ich begrüße alles, was das Spiel schneller und damit attraktiver macht", sagt Lany Brown von den 76ers. Als früherer Collegecoach ist er mit der Zonendeckung vertraut, denn in der NCAA ist sie wie im internationalen Basketball Standard. "Ich habe etwas gegen Spieler, die eine Menge Geld verdienen und weit weg vom Korb auf die lllegal-Defense-Linie deuten. Wenn wir schon die besten Spieler der Welt haben, warum sollten sie dann gegen einen Spieler verteidigen, der 15 Meter vom Korb entfernt steht?"

Ähnlich argumentiert auch Phil Jackson. Der Lakers-Coach sieht sogar Vorteile für seinen Starcenter. Schließlich hat er mit Kobe Bryant und Mitch Richmond exzellente Distanzschützen. Das verteidigende Team kann sich deshalb nicht unter den Korb zurückziehen - und das schafft Raum für O'Neal. Außerdem kann er in der Defense nicht mehr von seinen Gegenspielern aus der Zone herausgezogen werden. "Da wurde am Anfang zu viel Wind um nichts gemacht", meint Terry Lyons, PR-Vizepräsident der Liga. "Die ersten Spiele werden es zeigen. Meistens wird wieder so gespielt wie vorher." Also Mann gegen Mann.

Dafür sorgt eine weitere Regel. Eine Art „Illegal Defense" für Zonenverteidigung. Wenn sich ein Spieler in Richtung Korb bewegt, kann ein Verteidiger nur drei Sekunden lang den direkten Weg zum Korb versperren, ohne sich um einen direkten Gegenspieler zu kümmern. Ein Kompromiss also. Den „Slashern" zuliebe.

Auch wenn sich nach Meinung von Lyons und anderen Experten nicht viel ändern wird: Für einige Teams werden die Regeländerungen erhebliche Auswirkungen haben. Im Vorteil sind Teams mit guten Außenschützen, die vor allem aus der Halbdistanz treffen. Dazu gehören die Dallas Mavericks mit Dirk Nowitzki, Michael Finley, Steve Nash und Tim Hardaway. In der Defense kann sich 2,29-Meter-Riese Shawn Bradley in der Mitte breitmachen und gegen jeden stellen, der sich dem Körb nähert. So werden sich auch die San Antonio Spurs verhalten, die mit David Robinson und Tim Duncan gleich zwei "Monster" aufbieten können.

Ein weiterer Nutznießer sind die Minnesota Timberwolves. In Ermangelung eines großen Centers kommt ihnen die Zonendeckung entgegen. Und sollte sich in der Offense das Interesse des Gegners zu sehr auf Kevin Garnett richten, wird die Antwort nicht lange aufsich warten lassen. Anthony Peeler, Wally Szczerbiak, Chauncey Billups und Terrell Branden sind allesamt Schützen mit hoher Trefferquote.

Bestens gerüstet sind ebenfalls die Milwaukee Bucks. Ihr Coach George Karl wurde schon bei den Seattle SuperSonics wegen seiner Defense kritisiert. Sie sei illegal, murrten einige NBA-Coaches. Karl war's egal. Ebenso die vielen Pfiffe der Schiedsrichter gegen sein Team wegen Illegal Defense.

Die Sonics galten in den 90er Jahren als einer der besten Verteidigungsteams der Liga. Das ständige Rotieren und Absinken war nichts anderes als eine verschleierte 3-2-Zone. Der Erfahrungsvorsprung der Bucks ist Gold wert, und mit Glenn Robinson, Ray Allen, Sam Cassell und Tim Thomas kann Karl aufeine Garde zurückgreifen, die in der Liga ihres Gleichen sucht.

Was hat die Regeländerung noch bewirkt? Sie hat einen gemeinsamen Lebenstraum von Karl Malone und John Stockton zerstört. Durch die Einführung der Zonendeckung wurde das berühmte Duo seiner stärksten Waffe beraubt: des "Pick-and-Roll", des einfachsten und wirksamsten Schutzes gegen Manndeckung. Championship ade, endgültig. Wie Utah zählen die Miami Heat (ohne die starken Werfer Tim Hardaway und Dan Majerle) und Golden State Warriors (schwächste Wurfquote in der vergangenen Saison) zu den Benachteiligten.

Was die Regelveränderungen im Regelbuch tatsächlich bewirken, muss sich aber erst noch zeigen. Nach den ersten Spielen sehen sich die Experten bestätigt. Bestes Beispiel: die Los Angeles Lakers schlugen zum Auftakt den alten Rivalen Portland Trail Blazers 98:87. Kobe Bryant streute von außen 29 Punkte ein, und unter den Körben schaltete und waltete Shaquille O'Neal wie eh und je. 29 Punkte und 18 Rebounds sind fürwahr "Shaqlike" und weit entfernt von seinen prognostizierten vier Punkten.

Der Zorn von "Shaq Daddy" ist längst verraucht. Zumindest in der Öffentlichkeit äußert er sich nicht mehr über die Regeländerungen.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
6. April 2003

 

© Axel Beckmann