Nun hat auch die scheinbar so heile
NBA-Schiedsrichter-Welt einen deutlichen Riß bekommen.
Dee Kantner, eine von zwei weiblichen NBA-Schiedsrichtern
wurde am Montag gefeuert.
"Dee
wurde gekündigt", gab der Vizepräsident für Operations,
Stu Jackson bekannt. "Es gibt Momente in der Karriere
eines Schiedsrichters, wo man feststellen muss, dass
dieser keine spürbaren Fortschritte in seiner Entwicklung
macht und eine Änderung notwendig ist. In diesem Fall
waren wir der Meinung, dass ihre Entlassung berechtigt
ist." Ohne weitere Erklärung teilte der Direktor
für das Schiedsrichterwesen, Ed T. Rush, mit, dass auch
Jim Kensey keinen neuen Vertrag erhalten würde.
Dee
Kantner, die 1997 zusammen mit Violet
Palmer in den Schiedsrichter-Kader der NBA aufgenommen
wurde, zeigte sich in einem Intervie mit "The
Sacramento Bee" völlig überrascht: "Ich
bin total erstaunt. Ich hatte keine Ahnung, dass ich
in Schwierigkeiten war. Ich hätte erwartet, dass mir
das Management irgendwas davon gesagt hätte, aber in
keiner meiner Besprechungen fiel ein Wort darüber. Um
ehrlich zu sein, bin ich total geschockt."
Kantner
hat mehrmals Geschichte geschrieben. Sie und Violet
waren die ersten beiden Frauen, die in einer männlichen
Profiliga der USA zum Einsatz kamen. Dee war die erste
Frau, die ein männliches Spiel bei Olympia pfeifen durfte,
und nun ist sie der(die) erste Schiedsrichter(in), der(die)
das NBA-Bewertungs-System öffentlich in Frage stellt.
Sie
wurde damals von Darell Garretson und Rod Thorn rekrutiert
und muss nun unter dem Duo Stu Jackson und Ed T. Rush
feststellen, dass sich die Zeiten erheblich geändert
haben. Sie hegt große Zweifel an der Abschluß-Rangliste,
in der sie auf Platz 59 und damit als schlechteste aller
NBA-Schiedsrichter geführt wird. Sie glaubt, dass es
sich um eine persönliche Angelegenheit handelt und dass
Statistiken manipuliert werden können.
Die
42jährige steht in ihrer Meinung nicht alleine dar:
Mehr als ein Dutzend Trainer und Manager wurden von
"The Sacramento Bee" kontaktiert und zeigten
nicht nur völlige Überraschung, sondern auch große Verärgerung.
Selbst diejenigen, die seinerzeit nicht unbedingt über
die Aufnahme von Frauen begeistert waren, lobten Ihr
vertrauensvolles, gesprächsbereites Auftreten und ihre
absolute Verweigerung gegenüber jeglicher Einflußnahme.
"Ich
dachte, dass sie auf dem besten Wege sei, ein sehr guter
Schiedsrichter zu werden", sagte ein Coach, der
- aus Angst vor Repressalien - genauso wie seine
Kollegen namentlich nicht genannt werden wollte. "Sie
war sehr gut darin, mit uns zu reden und zu erklären,
warum sie diesen oder jenen Pfiff genommen hat. Allerdings
hat sich in diesem Jahr irgendwas geändert. Es schien,
als ob sie seit dem Weggang von Darell und Rod Angst
gehabt hätte, bestimmte Dinge zu pfeifen. Anscheinend
wollten sie ihr das, was sie am besten konnte, abgewöhnen."
Ein
Coach, der nach einem Spiel der vergangenen Saison sehr
sauer auf Kantner war, sagte trotzdem: "Glaube
ich, dass sie es verdient hat, gefeuert zu werden bzw.
dass sie der schlechteste Schiedsrichter war? Nein,
nicht im geringsten. Ich kenne 10 Schiedsrichter,
die schlechter als sie waren."
Ein
der erfahrensten Coaches ist sogar bereit, in einem
Gerichtsverfahren für Kantner auszusagen: "Ich
werde sie voll unterstützen, denn sie hat Recht."
Hier
gibt es nun allerdings scheinbar einen Widerspruch:
wie passen diese positiven Kommentare mit den Bewertungen
der Vereine aus der letzten Saison zusammen. Schließlich
fließen die Beurteilungen der Vereine zu 40% in die
Gesamtbeurteilung ein und da war Kantner nun mal Letzte.
Betrachtet man das System etwas genauer, muss man aber
auch sehen, dass die Meinung von Stu Jackson und Ed
T.Rush 50% der Benotung ausmacht. Lediglich mit 10%
werden die Noten der Beobachter gewichtet. Da liegt
der Verdacht nahe, dass hier dubiose Machenschaften
am Werk sind. Umsomehr, wenn man diversen Quellen Glauben
schenkt, die beobachtet haben wollen, dass die beiden
NBA-Verantwortlichen mit dem eher aggressiven, aber
dafür kommunikativeren Stil von Kantner nichts anfangen
konnten. Sie bevorzugen angeblich den eher zurückhaltenden
Typ, wie ihn Violet Palmer darstellt.
Fakt
ist jedenfalls, dass die Vereinsvertreter seit einiger
Zeit das Schiedsrichterwesen massiv kritisieren. Einige
haben bereits resigniert: "Wir haben gefragt, nach
welchen Kriterien Schiedsrichter eigentlich rekrutiert
bzw. gefeuert werden, wir haben nie eine Antwort erhalten",
sagt einer der Trainer. "Einige von uns lassen
die Beurteilung durch den Assistenten vornehmen und
unterzeichnen selbst den Bogen ungeprüft. Es spielt
eh keine Rolle, was wir denken, also warum Zeit verschwenden?"
NBA-Vice
President Jackson, der übrigens den Älteren unter uns
noch als Spieler bekannt sein dürfte, reagiert auf diese
Aussagen ärgerlich: "Wenn das stimmt, ist das schrecklich.
Wir nehmen diese Angelegenheiten sehr ernst. Wir machen
uns viele Gedanken. Wir haben ein Beobachtungssystem
und Kantner war in dieses involviert. Wenn sie sagt,
dass sie von nichts gewußt hat, dann stimmt das einfach
nicht."
Die
studierte Wirtschafts-Ingenieurin Kantner wußte bei
Ihrem Eintritt in die NBA, dass es nicht leicht werden
würde, die Geschlechtergrenzen zu durchbrechen. Sie
hatte sich aber auch schon vorher in hohe Positionen
vorgekämpft. Bis zu ihrem NBA-Engagement war sie die
Chefin der WNBA-Schiedsrichter und für deren Einsatz
und Beurteilung zuständig. Sie ist FIBA-Schiedsrichterin
und hat bei Amerika- und Weltmeisterschaften gepfiffen,
desweiteren war sie eine sehr erfolgreiche Division
I-College-Schiedsrichterin. Nun will sie ihren
Kampf fortsetzen und "prüft alle Möglichkeiten",
wie sie wieder in die NBA zurückkehren kann. Denn eins
darf man nicht vergessen: im amerikanischen Profi-Sport
sind auch die Schiedsrichter Profis. Kantner verdient
ihren Lebensunterhalt mit Pfeifen und mit 42 wäre es
noch ein bischen früh, um sich zur Ruhe zu setzen.
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