|
Chantal Julien (FRA) ist
der einzige weibliche Schiedsrichter bei der Damen-Europameisterschaft
2003 in Griechenland gewesen. Seit sie die FIBA-Lizenz
1997 erhalten hat, wurde sie beim Euroleague Final Four
der Damen 1999, den Asiatischen Meisterschaften der
Damen 2001 und den Frauen-Weltmeisterschaften 2002 eingesetzt.
Ihre meiste Freizeit verbringt die als Sportlehrerin
in ihrer Heimatstadt Mandelieu-La-Napoule Französin
mit ihrer Leidenschaft zum Basketball, dem Pfeifen und
dem permanenten Verbessern ihrer Leistungen. Wir trafen
sie in Griechenland, um mit ihr über ihre Karierre als
Spitzen-Schiedsrichter zu sprechen.
Wie kamen Sie zum
Basketball?
Julien: Ich habe mit 15
Jahren angefangen und 10 Jahre in der 1. französischen
Division (Challes-les-Eaux und Tarbes) gespielt. Mein
Vater war Spieler und Trainer und hat mich als Kind
immer zu den Spielen mitgenommen. Damit begann meine
Leidenschaft für Basketball.
Warum wurden Sie
Schiedsrichterin?
Julien: Wie das häufig
so ist, mein Verein benötigte Schiedsrichter, um an
den Wochenenden Spiele zu leiten. Ich traf während eines
Turnieres einige Schiedsrichter und dieskutierte mit
Ihnen über das Pfeifen. Einer sagte mir, dass ich als
Ex-Spielerin eine gut Chance hätte, aufgrund meiner
Erfahrungen ein guter Schiedsrichter zu werden. Als
begann ich auf regionaler Ebene Spiele zu leiten. Ich
habe nie aufgehört, denn ich bin jedes Jahr eine Stufe
höher gestiegen.
Wie kann man die
Schiedsrichter-Karriere und den normalen Beruf unter
ein Dach bringen?
Julien: Ich bin sehr glücklich
mit meinem Job, der ja in der gleichen Welt liegt: der
Sport-Welt. Ich bin Sportlehrer und arbeite für meine
Heimatstadt Mandelieu-La-Napoule (in der Nähe von
Cannes). Ich unterrichte Sport in Grundschulen, das sind Kinder von 6 bis 12
Jahren. Ich habe für 4 Jahre einen besonderen Status
erhalten, der vorsieht, dass immer, wenn ich zu einem
Spiel oder einer Meisterschaft fahren muss, ein Ersatz-Lehrer
für mich einspringt. Ich bin froh, dass ich diese Vereinbarung
mit der Stadt habe, denn so kann ich meine Leidenschaft
für den Basketball-Sport voll ausleben. Ich kann intensiv
trainieren und mich optimal vorbereiten.
Wie sieht der Zeitplan
einer typischen Woche als Lehrer und Schiedsrichter
aus?
Julien: Ich arbeite unter
der Woche jeden Nachmittag von 14.00 bis 16.30 Uhr an
den Schulen. Mittwochs leite ich das Basketball-Training
für Kinder in meinem Verein. Ich trainiere an 2 Abenden
in der Woche selbst und bleibe so in guter physischer
Verfassung. An zwei Vormittagen ist Training für Erwachsene
in der Halle. Ein- oder zweimal pro Woche schaue ich
mir die Videos der Spiele in der vorherigen Woche an.
An jedem Wochenende reise ich durch Frankreich und leite
Spiele in der PRO A.
Wann und wie trainieren
Schiedsrichter? Geht das nur während der Spiele oder
können Refs genauso wie Spieler trainieren?
Julien: Ein Schiedsrichter
muss sowohl die physische als auch die technische Seite
trainieren. Das bedeutet: Video-Arbeit; Jogging; manchmal
mit einem Basketball-Team trainieren; Lehrgänge für
junge Schiedsrichter in meiner Region organisieren,
die gute Refs durch Beobachtungen, Regeltreffen und
Video-Arbeit werden wollen...
Es
ist wichtig für einen Schiedsrichter, sich immer im
Umfeld des Sports aufzuhalten, sein Wissen über die
neuesten Defense- und Offense-Taktiken der Teams zu
erweitern. Das reine Pfeifen genügt nicht, um Schiedsrichter
immer auf dem höchsten Niveau pfeifen zu lassen.
Welche Spiele pfeifen
Sie am liebsten (Männer / Frauen / Jugend usw.) und
warum?
Julien: Die Spiele der
Männer und Frauen unterscheiden sich erheblcih. Ich
pfeife beides gerne. Ich mag die Männer-Spiele, da sie
physisch und spektakulär sind. Frauen-Spiele machen
Spaß aufgrund der Qualität des Spiels (Taktik, Teamwork,
Freundlichkeit,...) und weil sie immer physischer werden.
Es gibt eine Menge Körperkontakt bei den großen Wettbewerben
wie beispielsweise den Weltmeisterschaften. Das ist
schon fast wie bei den Männern. Einige Frauen können
sogar dunken. Unter dem Korb wird häufig genauso gefightet
wie beim anderen Geschlecht.
Psychologisch
gesehen, ist die Beziehung zu den Frauen einfacher,
da ich genug Erfahrungen als Spielerin gesammelt habe.
Ich verstehe sie leichter und kann ihnen spezielle Situationen
glaubhafter erklären (warum ich gepfiffen habe, warum
ich nicht gepfiffen habe, Vorsicht mit Kontakten unter
dem Korb, usw...).
Was ist der schwierigste
Teil des Schiedsrichterns?
Julien: Für mich ist das
schwierigste beim Schiedsrichtern, dass man oft alleine
ist (während den Reisen, weit weg von zu Hause, nach
Spielen, manchmal gegen ein schwieriges Publikum). Wenn
Du ein schlechtes Spiel hattest, denkst Du über Deine
Entscheidungen nach und bildest Dir Deine eigene Meinung
über die Pfiffe (gut oder nicht...). Häufig ist eine
Mannschaft nciht besonders glücklich über den Ausgang
des Spiels. Wir müssen sehr schnell entscheiden und
beispielsweise wichtige Pfiffe am Ende eines Spiels
mit 1 Punkt Unterschied treffen. Die Verlierer sind
selten glücklich darüber.
Es
ist sehr schwierig, den Fans zuzuhören. Sie wollen ihr
Team gewinnen sehen, also sagen sie schwer akzeptable
Wörter, insbesondere zu Frauen.
Was ist das Schönste
am Schiedsrichtern?
Julien: Du bist Teil des
höchsten Niveaus im Basketball, reist durch die ganze
Welt, um ganz verschiedene Basketball-Spiele zu pfeifen,
triffst Leute und diskutierst mit ihnen über viele Dinge
(über das Leben, Basketball, wie man sich verbessern
kann, um eine bessere Schiedsrichterin zu werden, usw..)
Die
Beziehungen zu den guten Spielern auf dem Feld können
sehr interessant sein, insbesonder für eine Frau, die
Frauen-Spiele pfeift. Ich glaube, dass ich aufgrund
meiner Spieler-Karriere einen besseren Draht zu den
Spielerinnen habe. Ich kann ihnen mit meiner Erfahrung
zeigen, dass ich Basketball verstehe.
Was für ein Typ
Mensch muss ein guter Schiedsrichter sein?
Julien: Um ein guter Schiedsrichter
zu sein, muss man einen starken Charakter besitzen,
um Fehler zu akzeptieren und sie zur eigenen Verbesserung
einzusetzen. Wenn Du beispielsweise eine falsche Entscheidung
triffst und gegenüber den Trainern und Spielern zugibst,
dass Du Dir nicht sicher bist über die Richtigkeit des
Pfiffes, kannst Du Dich danach verbessern und Deine
Beziehung auf dem Feld wird sich entwickeln. Die Mannschaft
wird Dich nach so einer Diskussion eher respektieren.
Als
guter Schiedsrichter musst Du den Spielern und Trainern
zeigen, dass sie Dich respektieren müssen. Manchmal
ist es notwendig, den Mannschaften die Grenzen des Miteinanderumgehens
zu zeigen, Du musst schreien und Deine eigenen Mittel
benutzen, um Deine Philosophie zu erklären.
Du
musst nach Perfektion streben. Nach jedem Spiel musst
Du über Deine Fehler nachdenken und Deine Entscheidungen
hinterfragen (wenn Du ein Video zur Verfügung hast,
ist das die beste Möglichkeit).
Ich bin überzeugt, dass
man als Frau einen stärkeren Charakter besitzen muss
als die Männer. Was
war Ihr persönlicher Karriere-Höhepunkt bis jetzt und
warum?
Julien: Der erste Höhepunkt
war die Nominierung meines Verbandes für die FIBA-Lizenz.
Das kam für mich völlig überraschend und ich war sehr
glücklich darüber.
Danach
waren die Weltmeisterschaften der Damen in China das
allergrößte Andenken meiner Laufbahn. Ich habe dort
mit einer anderen Frau zusammen das Finale gepfiffen.
Das Turnier fand in einem fantastischen Land mit einem
total anderen Lebensstil als in Europa statt. Wir waren
erstmals in der Geschichte der FIBA 8 Frauen. Ich bin
sehr stolz darauf.
Welchen Rat würden
Sie jungen Leuten geben, die dieses hohe Niveau des
Schiedsrichterns erreichen wollen?
Julien: Erstens, lerne
Basketball kennen (trainiere mit einer Mannschaft ein-
oder zweimal die Woche, beobachte das Training eines
Top-Teams).
Zweitens, leite ein Spiel
mit einem anderen guten Schiedsrichter, der Dich beobachten
kann und mit Dir über Deine Pfeiferei spricht. Du kannst
Dich nicht alleine weiterentwickeln. Du brauchst eine
zweite Meinung von einer anderen Person. Wähle Deine
Pfiffe richtig, damit das Spiel so gut läuft wie irgend
möglich. Sei sicher, dass wirklich etwas passiert ist,
wenn Du pfeifst. Vermute keine Kontakte oder Regelübertretungen.
Du musst immer in der Lage sein, Deine Entscheidungen
den Spielern und Trainern zu erklären.
Arbeite
an Deiner Schiedsrichter-Technik, damit Du immer die
beste Position für die beste Entscheidung eingenommen
hast.
|