 Betancor
und Juan Antonio Samaranch im Juli 2001 |
Wie es bei einem Schiedsrichter
üblich ist, dürfte der durchschnittliche europäische
Basketball-Fan mit dem Namen Miguel Betancor nichts
anfangen können. Man kann jedoch darauf wetten, dass
der 43 Jahre alte Spanier bei den Spitzenspielern und
-trainern dieses Kontinents als einer gilt, der das
professionelle Pfeifen verkörpert. Mit einer Pfeife
zwischen seinen Zähnen geht er seinem Job in der Euroleague
und der Spanischen Liga nach und rennt in mehr Spielhallen
Europas rauf und runter als jeder andere. Seine Einstellung
zum Spiel ist nicht das einzige was ihn so einzigartig
macht. Seine Heimat sind die Kanarischen Inseln, die
spanische Provinz im Atlantischen Ozean. Betancor muss
drei Stunden fliegen, um das europäische Festland zu
erreichen. Er ist an 200 Tagen des Jahres unterwegs.
Das kann man wohl nur als totale Hingabe bezeichnen
und das ist auch der Grund, warum euroleague.net
ein Interview mit ihm über Trends im Schiedsrichterwesen
geführt hat. "Was die Fans wirklich nicht sehen
wollen, sind Schiedsrichter, die in eine Pfeife blasen",
sagte Betancor. "Sie wollen großartige Spieler,
die großes Basketball spielen, bejubeln."
Zuerst hat es eine
ganze Menge Veränderungen im europäischen Basketball
gegeben, bei den Regeln angefangen bis zum Liga Management.
Verändert sich das Pfeifen auch?
"Klar,
und zwar ein großes Stück. In der letzten Saison konnten
wir in der Euroleague die Installation eine sehr guten
professionellen Struktur beobachten, die aus zwei ehemaligen
Schiedsrichtern besteht, die für die Administration
und das Training zuständig sind. Das führt zu einer
professionelleren Einstellung der Schiedsrichter. Und
das ist außergewöhnlich wichtig. Wir haben mehr Treffen
jedes Jahr, zu unserer Entwicklung wird die Videoanalyse
eingesetzt und - ein weiterer Trend in Europa - die
jungen aufstrebenden Schiedsrichter können davon lernen.
Die neuen Regeln des letzten Jahres haben uns keine
Schwierigkeiten bereitet, die neue Drei-Schiedsrichter-Technik
schon etwas mehr. Der Sinn dieser Technik ist die Reduzierung
der Fehler. Das ist eine wichtige Entwicklung für den
Euroleague Basketball. Was
die Fans wirklich nicht sehen wollen, sind Schiedsrichter,
die in eine Pfeife blasen. Sie wollen großartige Spieler,
die großes Basketball spielen, bejubeln."
Alle
Euroleague Schiedsrichter treffen sich diese Woche bei
einem Camp in Slowenien. Erzählen Sie uns über die Philosohie
des Euroleague Schiedsrichterwesen aus der Sicht eines
Schiedsrichters.
Die Euroleague hat
unter anderem deutlich gemacht, dass die Schiedsrichter
entscheidend mithelfen müssen, um diese Liga groß zu
machen - eine große Sport-Show zu produzieren. Aus diesem
Grund müssen unsere Kriterien mit unserer Rolle in der
Euroleague zusammenpassen. Die Schiedsrichter und die
Regeln müssen sicherstellen, dass ein hohes, faires
Niveau der Spiele erreicht wird. Um dich herum findest
Du die besten der Besten und das muss einen Referee
motivieren. Dies ist keine Liga mit ein oder zwei guten
Spielen pro Woche. Es gibt nur gute Spiele auf einem
absoluten Top-Niveau. In der nächsten Saison beginnen
für mich die Playoffs im Oktober, da die spielerische
Klasse des Wettbewerbs viel höher ist. Die Schiedsrichter
müssen alle bereits im Oktober, nicht erst im April
auf diesem Niveau sein. Jedes Spiel ist wie ein Playoff-Finale.
Wird das Leistungsvermögen
der Schiedsrichter ausgeglichener sein?
Vor langer Zeit haben
die Leute gesagt, dass die hochklassigen Scheidsrichter
aus den Ländern mit den professionellsten Ligen wie
Spanien, Italien und Griechenland kommen. Das ist Quatsch.
Sie müssen nur das letztjährige Euroleague-Finale betrachten
mit Mannschaften aus Italien und Spanien. Keiner aus
diesen Nationen pfiff, und wissen Sie was? Die Schiedsrichter
aus Spanien und Italien wurden überhaupt nicht vermisst.
Das Schiedsrichter-Niveau in den Endspielen war sehr
hoch. Die Euroleague beweist, dass gute Schiedsrichter
von überall her kommen können.
Wieviel sollten
die Schiedsrichter mit den Spieler und Trainer reden?
Ich glaube fest an
Kommunikation. Schiedsrichter müssen kapieren, dass
jeder auf dem Feld ein 100%iger Profi ist, aber trotzdem
Emotionen und Nervosität zum Spiel dazu gehören. Im
Gegensatz zu anderen Sportarten weiß man beim Basketball
oft ein ganzes Spiel lang nicht, wer am Ende gewinnen
oder verlieren wird. Eine Menge großer Leute sind auf
engem Raum versammelt und es gibt eine Menge Kontakt.
Es ist menschlich, dass Spieler ihre Gefühle zeigen.
Schiedsrichter müssen die unterschiedlichen Ebenen der
Anspannung kennen und wissen, wie man sie Kommunikation
abschwächen kann. Ein Schiedsrichter ist dafür da, um
Nerven zu beruhigen. Der Referee sollte Nervosität nicht
verstärken oder produzieren. Es gibt genug davon ohne
sein Dazutun. All das kann mit vernünftiger Kommunikation
zwischen Schiedsrichtern, Spielern und Trainern bewältigt
werden.
 Miguel
Betancor |
Wie ist die Beziehung
zwischen Fans und Schiedsrichtern?
Die meisten
Fans, nicht alle, stehen fanatisch hinter ihrer Mannschaft.
Für die sind wir diejenigen, die manchmal Sachen gegen
ihr geliebtes Team entscheiden. Ein Schiedsrichter muss
sich bewußt sein, das sein Platz auf dem Feld ist. Er
muss seinen Job dort ausüben. Außerhalb des Feldes sieht
er vielleicht die Trainer, Spieler und Fans. Er muss
ein professionelles Verhalten und ein gutes Bild abliefern.
Nach außen sollte das Bild eines professionellen und
ruhigen Sportlers auf dem Feld transportiert werden.
Wie paßt hier der
persönliche Stil eine jeden Schiedsrichters hinein?
Genauso wie Spieler
und Trainer sind wir Menschen. Jeder hat seinen eigenen
Stil. Ich liebe es, viel zu reden. Andere wiederum reden
wenig, weil sie vielleicht befürchten, dass ihre Art
des Redens Anspannungen produzieren könnte. Manchmal
kann der Blick eines Schiedsrichters eine ganze Menge
sagen. Es gibt keine Roboter-Schiedsrichter. Alle sind
menschliche Referees. Ein Schiedsrichter muss die Eigenschaften
seiner Persönlichkeit einsetzen, die ihm helfen seinen
Job zu erledigen. Die anderen, hinderlichen Charakterzüge
müssen zurückstehen. Hier setzt der persönliche Stil
des Einzelnen ein.
Amerikanische Trends beeinflussen
manchmal die europäischen Spieler und Trainer. Gilt
das auch für die Referees?
Vor einiger Zeit
haben wir die Amerikaner sehr intensiv beobachtet. Jetzt
tun wir das nicht mehr, auch wenn wir sie natürlich
bei Olympia und anderen internationalen Veranstaltungen
sehen und mit ihnen zusammen pfeifen. Wichtig sind bei
diesem Thema die Regeln, und unsere Regeln sind nicht
die der Amerikaner. Nur das Einführen unserer eigenen
Regeln verursacht einen Unterschied zwischen den amerikanischen
Refs und uns. In einigen Bereichen gibt es nach wie
vor Einflüsse, das Amerikaner sehr gut auf dem Feld
kommunizieren. Allerdings glaube ich, dass Europa hier
nicht hinterherhinkt. Über kurz oder lang wird es in
Europa eine großartige Gruppe von Schiedsrichtern geben,
die sich vor niemandem zu verstecken braucht.
Erzählen Sie
uns über ihre Schiedsrichter-Schule auf den Kanarischen
Inseln!
Zum einen bin ich in
erster Linie Arzt und Universitätsprofessor in Las Palmas,
der Hauptstadt der Kanarischen Inseln. Außerdem bin
ich seit 1992 Direktor eines Forschungscenters für Sport-Schiedsrichter.
Wir erforschen alle Aspekte des Pfeifens in verschieden
Sportarten: Fussball, Wasserpolo, Handball und natürlich
Basketball. Unser Ziel ist die kontinuierliche Verbesserung
der Qualität eines Schiedsrichters im Laufe seiner Karriere.
Wir arbeiten gerade an einem Computer System, das automatisch
Videos eines Spiels erstellt und diese an die Referees
per e-mail verschickt, so dass die Refs innerhalb von
24 Stunden nach Spielende ihre eigene Leistung am Fernsehen
sehen können. Dies wird allen Schiedsrichtern helfen,
sich kontinuierlich zu verbessern. Wir arbeiten hierbei
mit der Spanischen Regierung und dem Internationalen
Olympischen Komitee zusammen. Als Idee steht die Vereinfachung
der Schiedsrichterevaluation dahinter. Wenn Schiedsrichter
besser werden, wird auch der Sport besser. Wen sich
die Euroleague nicht einer vernünftigen Schiedsrichter-Struktur
zugewandt hätte, hätten sich die Schiedsrichter nicht
so verbessert wie sie es getan haben. Das Konzept unserer
Schule entspricht dem, das die Euroleague momentan umsetzt.
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