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Euroleague |Artikel

 

 

Quelle: euroleague.net 23. August 2001 / Übersetzung: Axel Beckmann

 

 

Miguel Betancor: Schiedsrichter sind keine Roboter

 

 

 

 

 

 

 

 

Betancor with Samaranch
Betancor und Juan Antonio Samaranch im Juli 2001

Wie es bei einem Schiedsrichter üblich ist, dürfte der durchschnittliche europäische Basketball-Fan mit dem Namen Miguel Betancor nichts anfangen können. Man kann jedoch darauf wetten, dass der 43 Jahre alte Spanier bei den Spitzenspielern und -trainern dieses Kontinents als einer gilt, der das professionelle Pfeifen verkörpert. Mit einer Pfeife zwischen seinen Zähnen geht er seinem Job in der Euroleague und der Spanischen Liga nach und rennt in mehr Spielhallen Europas rauf und runter als jeder andere. Seine Einstellung zum Spiel ist nicht das einzige was ihn so einzigartig macht. Seine Heimat sind die Kanarischen Inseln, die spanische Provinz im Atlantischen Ozean. Betancor muss drei Stunden fliegen, um das europäische Festland zu erreichen. Er ist an 200 Tagen des Jahres unterwegs. Das kann man wohl nur als totale Hingabe bezeichnen und das ist auch der Grund, warum euroleague.net ein Interview mit ihm über Trends im Schiedsrichterwesen geführt hat. "Was die Fans wirklich nicht sehen wollen, sind Schiedsrichter, die in eine Pfeife blasen", sagte Betancor. "Sie wollen großartige Spieler, die großes Basketball spielen, bejubeln."

Zuerst hat es eine ganze Menge Veränderungen im europäischen Basketball gegeben, bei den Regeln angefangen bis zum Liga Management. Verändert sich das Pfeifen auch?

"Klar, und zwar ein großes Stück. In der letzten Saison konnten wir in der Euroleague die Installation eine sehr guten professionellen Struktur beobachten, die aus zwei ehemaligen Schiedsrichtern besteht, die für die Administration und das Training zuständig sind. Das führt zu einer professionelleren Einstellung der Schiedsrichter. Und das ist außergewöhnlich wichtig. Wir haben mehr Treffen jedes Jahr, zu unserer Entwicklung wird die Videoanalyse eingesetzt und - ein weiterer Trend in Europa - die jungen aufstrebenden Schiedsrichter können davon lernen. Die neuen Regeln des letzten Jahres haben uns keine Schwierigkeiten bereitet, die neue Drei-Schiedsrichter-Technik schon etwas mehr. Der Sinn dieser Technik ist die Reduzierung der Fehler. Das ist eine wichtige Entwicklung für den Euroleague Basketball. Was die Fans wirklich nicht sehen wollen, sind Schiedsrichter, die in eine Pfeife blasen. Sie wollen großartige Spieler, die großes Basketball spielen, bejubeln."

Alle Euroleague Schiedsrichter treffen sich diese Woche bei einem Camp in Slowenien. Erzählen Sie uns über die Philosohie des Euroleague Schiedsrichterwesen aus der Sicht eines Schiedsrichters.

Die Euroleague hat unter anderem deutlich gemacht, dass die Schiedsrichter entscheidend mithelfen müssen, um diese Liga groß zu machen - eine große Sport-Show zu produzieren. Aus diesem Grund müssen unsere Kriterien mit unserer Rolle in der Euroleague zusammenpassen. Die Schiedsrichter und die Regeln müssen sicherstellen, dass ein hohes, faires Niveau der Spiele erreicht wird. Um dich herum findest Du die besten der Besten und das muss einen Referee motivieren. Dies ist keine Liga mit ein oder zwei guten Spielen pro Woche. Es gibt nur gute Spiele auf einem absoluten Top-Niveau. In der nächsten Saison beginnen für mich die Playoffs im Oktober, da die spielerische Klasse des Wettbewerbs viel höher ist. Die Schiedsrichter müssen alle bereits im Oktober, nicht erst im April auf diesem Niveau sein. Jedes Spiel ist wie ein Playoff-Finale.

Wird das Leistungsvermögen der Schiedsrichter ausgeglichener sein?

Vor langer Zeit haben die Leute gesagt, dass die hochklassigen Scheidsrichter aus den Ländern mit den professionellsten Ligen wie Spanien, Italien und Griechenland kommen. Das ist Quatsch. Sie müssen nur das letztjährige Euroleague-Finale betrachten mit Mannschaften aus Italien und Spanien. Keiner aus diesen Nationen pfiff, und wissen Sie was? Die Schiedsrichter aus Spanien und Italien wurden überhaupt nicht vermisst. Das Schiedsrichter-Niveau in den Endspielen war sehr hoch. Die Euroleague beweist, dass gute Schiedsrichter von überall her kommen können.

Wieviel sollten die Schiedsrichter mit den Spieler und Trainer reden?

Ich glaube fest an Kommunikation. Schiedsrichter müssen kapieren, dass jeder auf dem Feld ein 100%iger Profi ist, aber trotzdem Emotionen und Nervosität zum Spiel dazu gehören. Im Gegensatz zu anderen Sportarten weiß man beim Basketball oft ein ganzes Spiel lang nicht, wer am Ende gewinnen oder verlieren wird. Eine Menge großer Leute sind auf engem Raum versammelt und es gibt eine Menge Kontakt. Es ist menschlich, dass Spieler ihre Gefühle zeigen. Schiedsrichter müssen die unterschiedlichen Ebenen der Anspannung kennen und wissen, wie man sie Kommunikation abschwächen kann. Ein Schiedsrichter ist dafür da, um Nerven zu beruhigen. Der Referee sollte Nervosität nicht verstärken oder produzieren. Es gibt genug davon ohne sein Dazutun. All das kann mit vernünftiger Kommunikation zwischen Schiedsrichtern, Spielern und Trainern bewältigt werden.

Miguel Betancor
Miguel Betancor
Wie ist die Beziehung zwischen Fans und Schiedsrichtern?

Die meisten Fans, nicht alle, stehen fanatisch hinter ihrer Mannschaft. Für die sind wir diejenigen, die manchmal Sachen gegen ihr geliebtes Team entscheiden. Ein Schiedsrichter muss sich bewußt sein, das sein Platz auf dem Feld ist. Er muss seinen Job dort ausüben. Außerhalb des Feldes sieht er vielleicht die Trainer, Spieler und Fans. Er muss ein professionelles Verhalten und ein gutes Bild abliefern. Nach außen sollte das Bild eines professionellen und ruhigen Sportlers auf dem Feld transportiert werden.

Wie paßt hier der persönliche Stil eine jeden Schiedsrichters hinein?

Genauso wie Spieler und Trainer sind wir Menschen. Jeder hat seinen eigenen Stil. Ich liebe es, viel zu reden. Andere wiederum reden wenig, weil sie vielleicht befürchten, dass ihre Art des Redens Anspannungen produzieren könnte. Manchmal kann der Blick eines Schiedsrichters eine ganze Menge sagen. Es gibt keine Roboter-Schiedsrichter. Alle sind menschliche Referees. Ein Schiedsrichter muss die Eigenschaften seiner Persönlichkeit einsetzen, die ihm helfen seinen Job zu erledigen. Die anderen, hinderlichen Charakterzüge müssen zurückstehen. Hier setzt der persönliche Stil des Einzelnen ein.

Amerikanische Trends beeinflussen manchmal die europäischen Spieler und Trainer. Gilt das auch für die Referees?

Vor einiger Zeit haben wir die Amerikaner sehr intensiv beobachtet. Jetzt tun wir das nicht mehr, auch wenn wir sie natürlich bei Olympia und anderen internationalen Veranstaltungen sehen und mit ihnen zusammen pfeifen. Wichtig sind bei diesem Thema die Regeln, und unsere Regeln sind nicht die der Amerikaner. Nur das Einführen unserer eigenen Regeln verursacht einen Unterschied zwischen den amerikanischen Refs und uns. In einigen Bereichen gibt es nach wie vor Einflüsse, das Amerikaner sehr gut auf dem Feld kommunizieren. Allerdings glaube ich, dass Europa hier nicht hinterherhinkt. Über kurz oder lang wird es in Europa eine großartige Gruppe von Schiedsrichtern geben, die sich vor niemandem zu verstecken braucht.


Erzählen Sie uns über ihre Schiedsrichter-Schule auf den Kanarischen Inseln!

Zum einen bin ich in erster Linie Arzt und Universitätsprofessor in Las Palmas, der Hauptstadt der Kanarischen Inseln. Außerdem bin ich seit 1992 Direktor eines Forschungscenters für Sport-Schiedsrichter. Wir erforschen alle Aspekte des Pfeifens in verschieden Sportarten: Fussball, Wasserpolo, Handball und natürlich Basketball. Unser Ziel ist die kontinuierliche Verbesserung der Qualität eines Schiedsrichters im Laufe seiner Karriere. Wir arbeiten gerade an einem Computer System, das automatisch Videos eines Spiels erstellt und diese an die Referees per e-mail verschickt, so dass die Refs innerhalb von 24 Stunden nach Spielende ihre eigene Leistung am Fernsehen sehen können. Dies wird allen Schiedsrichtern helfen, sich kontinuierlich zu verbessern. Wir arbeiten hierbei mit der Spanischen Regierung und dem Internationalen Olympischen Komitee zusammen. Als Idee steht die Vereinfachung der Schiedsrichterevaluation dahinter. Wenn Schiedsrichter besser werden, wird auch der Sport besser. Wen sich die Euroleague nicht einer vernünftigen Schiedsrichter-Struktur zugewandt hätte, hätten sich die Schiedsrichter nicht so verbessert wie sie es getan haben. Das Konzept unserer Schule entspricht dem, das die Euroleague momentan umsetzt.

 

 

 

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 Letztes Update:
28. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann