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Quelle: DFB-Schiedsrichterzeitung / Autor: Peter Gabor

 

 

Vorbeugend Entscheidungen treffen

 

 

 

Peter GaborDie Position des Schiedsrichters ist im öffentlichen Leben ohne Beispiel. Er ist Staatsanwalt und Richter zugleich. Gegen seine Entscheidungen gibt es keine Möglichkeit, Berufung einzulegen. Sie sind im Zusammenhang mit allen Tatsachen, die mit dem Spielergebnis in Verbindung stehen, endgültig. Gerade junge Menschen, und mit diesen hat es der Schiedsrichter überwiegend zu tun, können dies schwer akzeptieren. Widerspruch und Antihaltung sind somit vorprogrammiert. Dabei richten sich diese oft nicht gegen den einzelnen Schiedsrichter, sondern vielmehr gegen die Funktion und Position Schiedsrichter. So ist das Verhältnis Spieler/Schiedsrichter grundsätzlich belastet und damit Konflikte allein von der Aufgabenstellung des Schiedsrichters vorgegeben.
Daher muß der Schiedsrichter mit der Machtfülle behutsam umgehen und nicht Macht demonstrieren, sondern nach Sinn und Geist der Regel das Spiel lenken und leiten und über diesen Weg Akzeptanz erreichen. Der Weg zu großer Akzeptanz liegt in der Möglichkeit, das Verhältnis zu den Spielern positiv zu beeinflussen und zu gestalten.

Zunächst muß es das Ziel der Persönlichkeit Schiedsrichter sein, selbst keine Konflikte zu schaffen oder zu begünstigen. Durch eigenes Verhalten dürfen keine Angriffsflächen für Spieler und Publikum geschaffen werden. Ziel muß sein, keine Konflikte auf sich zu ziehen und Akzeptanz zu erreichen. Gelingt dies, so wird die Reaktion der Spieler bei strittigen oder falschen Entscheidungen nicht so vehement sein, wie dies der Fall ist, wenn keine Akzeptanz vorhanden ist. Dazu kann auch in Ausnahmefällen gehören, eine deutlich falsche Entscheidung zu ändern. Die vermeintlich unantastbare Position des Schiedsrichters wird dadurch nicht geschwächt. Sie wird, da dadurch auch beim Schiedsrichter menschliche Schwäche deutlich wird, gestärkt.

Das Verhältnis zu den Spielern ist auch deutlich beeinflußt durch die unterschiedliche Interessenlage, in der sich Spieler und Schiedsrichter befinden. Dabei sucht der Spieler den Erfolg oft mit allen Mitteln, während der Schiedsrichter mit seinen Entscheidungen auf der Basis des Regelwerks diesem Bestreben entgegensteht. Der Umstand, daß sich darüber hinaus die Entscheidungen fast immer gegen einen Spieler/Mannschaft richten, vergrößert das Konfliktpotential zusätzlich. Um den eigenen und auch den hohen Erwartungen der Spieler gerecht zu werden, ist eine der Grundlagen und Möglichkeiten der Einflußnahme auf Spieler und Spielablauf, die Entscheidungen absolut gleich und nachvollziehbar gegenüber beiden Teams zu treffen. Gelingt dies, ergibt sich eine Hilfe für die Spieler, gelingt dies nicht, ergibt sich in der Folge ein erhöhter Schwierigkeitsgrad für die Spielleitung mit einer größeren Anzahl von Problemsituationen. Im Spiel- und Entscheidungsablauf ist der Spieler der agierende und der Schiedsrichter der reagierende Teil. Erst passiert das Fehlverhalten des Spielers, dann erfolgt die Ahndung durch den Schiedsrichter.

Dabei muß es Ziel des Schiedsrichters sein, möglichst oft die Rolle des agierenden Teils zu übernehmen und über diesen Weg Einfluß auf das Verhalten der Spieler zu gewinnen. Agieren heißt in diesem Zusammenhang, durch den Aufbau und die Vorbereitung von Entscheidungen positiv das Verhalten der Spieler zu beeinflussen und dann bei den in der Folge zu treffenden Entscheidungen mehr Akzeptanz zu erreichen. Der Kontakt zu den Spielern wird über die Spielstrafen und persönlichen Strafen erreicht. Dabei gilt es, sich gedanklich darauf vorzubereiten und den Ablauf und das, was sich dabei ereignen könnte, vorzudenken und bei Bedarf abzurufen. So wird die Gefahr, überrascht zu werden, deutlich reduziert. Es ist erforderlich, zum Vorbeugen und zum Selbstschutz vor negativen Entwicklungen, Spieler, die verbal oder durch Gesten versuchen, den Schiedsrichter unter Druck zu setzen und dadurch seine Konzentration zu stören, durch geeignete vorbeugende Maßnahmen in ihrem Verhalten zu korrigieren oder dann in der Folge zu bestrafen.

Ziel bei allen zu treffenden Entscheidungen muß es sein, durch gezieltes Verhalten ein Vertrauensverhältnis zu den Spielern aufzubauen:

 

Spielern durch die Vorbereitung und den Aufbau von Entscheidungen Hilfen und notwendige Vorwarnungen zukommen zu lassen

 

Dadurch werden Fehlreaktionen der Spieler verhindert

 

Spielern und Umfeld wird damit die Möglichkeit genommen, Kritik zu üben

 

Nachvollziehbare, gegen beide Mannschaften gleiche Entscheidungen gereichen zum Vorteil eines guten Verhältnisses zu den Spielern und eines unbelasteten Spielablaufs

 

Entscheidungen in Spielnähe treffen und damit weniger Widerspruch ermöglichen

 

Persönlichkeit des Schiedsrichters darf durch ihr Verhalten keine Angriffsfläche bieten

 

Die Entscheidungen nicht auf Grund der Machtbefugnisse des Regelwerks, sondern mit akzeptierter und gewachsener Autorität durchsetzen.

Es muß für Schiedsrichter und Assistenten das Ziel der Spielleitung sein, durch vorbeugende Maßnahmen Spieler und Problemsituationen nachhaltig zu beeinflussen. Dabei ist es natürlich wichtig, daß die Entscheidungen richtig und aus guter Position getroffen werden. Allerdings genügen richtige Entscheidungen alleine zur Erreichung von Akzeptanz bei Spielern und Umfeld nicht.
Die Entscheidungen müssen auch optisch deutlich vorbereitet und damit richtig "verkauft" werden. Die so erreichte Position hilft, Entscheidungen problemloser durchzusetzen. Im Idealfall werden durch das taktische Verhalten des Schiedsrichters manche Entscheidungen nicht mehr notwendig.
Aber trotz aller guten Vorsätze wird der Schiedsrichter Ereignisse und Konflikte im Spielablauf nicht verhindern können und dann gefordert sein. Oft können die Spieler ihre Handlungsweise nicht voll einschätzen und kontrollieren. Daher muß der Schiedsrichter als Hilfe für alle die Grenzen frühzeitig festlegen und innerhalb dieser Grenzen dann konsequent entscheiden.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann