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Presse-Artikel |Football

 

 

Quelle: indystar.com / Autor: Mark Alesia  / Übersetzung: Axel Beckmann

 

 

Sich bemühen, es richtig zu machen

 

 

 

 

 

 

 

 

Eugen Strigel: Der 52-Jährige pfiff von 1985 bis 1995 Spiele der Fußball-Bundesliga und ist derzeit Schiedsrichter-Lehrwart des DFB

Während Schiedsrichter Stephen Pamon (links) dehnt, bereiten sich seine Kollegen auf den Beginn des Spiels vor. Rob Goebel / staff photo

Hinter den Kulissen mit Schiedsrichtern der Big Ten Football College Liga

21. November 2002. Bloomington, Indiana.

Es war wirklich keine große Sache. Nur ein Spiel mit Verlängerung; ein Spiel, das Bedeutung für die nationale Meisterschaft hatte; ein Spiel, das im Fernsehen übertragen wurde; ein Spiel, in dem die gesamte College Football Sportgemeinde auf die Big Ten [Anm. des Übersetzers: die "Big Ten" ist der Name einer speziellen Division. Für weitere Infos zum College-System hier klicken] Schiedsrichter achtete.

Und wenn die Liga-Bosse nicht über das öffentliche Image dieser Schiedsrichter besorgt wäre, hätte vermutlich kein Reporter neben David Parry, dem Big Ten Supervisor of Officials, stehen dürfen, als sich dieser letzten Samstag das Ende des Spiels Ohio State gegen Illinois anschaute.

Wieder gab es Anlass zu einer neuen Runde an jener Kritik, der die Liga durch die Erlaubnis für den Zeitungsreporter von "The Star", dem Penn State - Indiana Schiedsrichter-Gespann letzte Woche einmal hinter die Kulissen zu folgen, entgegnen wollte.

Nach einigen verpassten Pfiffen in kritischen Situationen dieser Saison und der darauf folgenden öffentlichen Kritik durch die Trainer, insbesondere von Penn State's Joe Paterno, hatte die Liga die Hingabe der Schiedsrichter und deren gute Überwachung durch die Liga demonstrieren wollen.

"In meinem Job sehe ich Köpfe, die in Autounfällen zerquetscht werden. Das macht mir nichts mehr aus. Aber es beschäftigt mich eine lange Zeit, wenn ich als Schiedsrichter eine Fehlentscheidung treffe. Mein größte Angst im Leben ist es, einen Fehler auf dem Feld zu begehen", sagt der Schiedsrichter dieser Begegnung, Steve Pamon, 51 Jahre alt, ein Polizei Commander in Cook County.

Als Parry sich in einem Videoraum der Indiana Universität das Spiel zwischen Ohio State und Illinois anschaute, geschah die kritische Situation in einem Third-Down-Play von dem in der Verlängerung zurückliegenden Team aus Illinois. [Anmerkung: Im folgenden sind einige Football-Fachbegriffe nicht übersetzt, da ich kein Experte dieser Sportart bin].

Illinois warf einen Pass auf die linke Seite der Endzone. Der Receiver war im Feld, aber auf den ersten Blick war es schwer zu sagen, ob er bereits Ballbesitz hatte bevor er ins Aus fiel.
Zu einem früheren Zeitpunkt in dieser Saison hatte der gleiche Schiedsrichter, Terry Anderson, eine Entscheidung getroffen, die sich im Nachhinein beim Spiel Penn State gegen Michigan als falsch erwiesen hatte.
In diesem Fall signalisierte Anderson, dass der Pass nicht korrekt gefangen wurde und zeigte mit beiden Armen in Richtung Seitenlinie. Incomplete. Wiederholungen belegten diese Entscheidung und auch der TV-Kommentator bestätigte sie.

Für Parry war es ein schwieriger aber richtiger Pfiff, der gut verkauft wurde. Will meinen, dass der Schiedsrichter in guter Position, seine Körpersprache bestimmt war und er erst den Fangfehler anzeigte um dann auf "Incomplete Pass" zu entscheiden. "Wenn dieser Pfiff falsch gewesen wäre, hätten wir uns auf ESPNews eine Woche lang bewundern dürfen", kommentierte Parry noch, bevor er in einen anderen Raum ging, um mit dem Schiedsrichter-Gespann des IU - Penn State-Spieles eine Video-Analyse zu betreiben. In diesem Moment kam mir eine andere Bemerkung von Pamon in den Sinn. "Ich vergleiche das Pfeifen mit meiner Polizei-Arbeit. Niemand ruft die 110 an, um zu sagen 'Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.'"

Unabhängige Auftragnehmer

Es gibt 56 Big Ten Football Schiedsrichter, von denen 10 schwarz sind. Jeder dieser Schiedsrichter kommt aus einem Bundesstaat, indem auch eine Mannschaft ansässig ist, davon fünf aus Indiana. Parry wohnt in Michigan City, Indiana. Er war 15 Jahre Schiedsrichter in der Profiliga NFL und trägt einen Ehrenring, weil er 1983 den Super Bowl gepfiffen hat. Sein Sohn, der aus Zionsville kommt, ist aktueller NFL Schiedsrichter.
Alle Big Ten Officials [anderer amerikanischer Begriff für Schiedsrichter, den ich im folgenden synonym verwenden werde] haben selbst Football gespielt, einige sogar in der NFL. Die meisten gehen einen normalen Beruf nach. Drei sind Richter, einer ist Arzt. Sie erhalten 725$ pro Spiel, der "Crew Chief" [also der 1. Schiedsrichter, wenn man so will] sogar 775$. Zusätzlich erhalten sie 320$ für Auslagen und ein Flugticket oder eine Kilometerpauschale.
Zu ihren Aufgaben gehört es neben dem Pfeifen, sich vor dem Spiel am Freitag abend und nach dem Spiel samstags Videoszenen anzuschauen, eine Maßnahme die noch nicht einmal in der NFL durchgeführt wird.

Einmal im Monat veranstaltet Parry ein freiwilliges Mittwochs-Meeting bei sich zuhause. Letzte Woche waren 44 Schiedsrichter dabei. Dafür gab es keinerlei Entschädigung, nicht einmal die Fahrtkosten wurden erstattet. Nur ein paar kostenlose Sandwiches von Parry's Ehefrau.
"Das verstehen die wenigsten Leute", sagt Parry. "Es ist eine Passion, Schiedsrichter zu sein. Es geht nicht ums Geld."
Für die Fans sind die Schiedsrichter namenlos. Im Unterschied zur NFL haben sie keine Nummern auf ihren Trikots, lediglich einen großen Buchstaben, der ihre Position beschreibt. [Im Football gibt es verschiedene Aufgabenbereiche für jeden der Schiedsrichter Crew - vergleichbar mit dem Fussball] Vor dem Samstagsspiel von IU riefen einige Zuschauer dem Head Linesman Jack Teitz "H!H!H!H!" zu als er das Spielfeld betrat. Teitz zeigte ihnen mit dem Daumen das Okay-Zeichen.

Seitdem Parry die Liga betreut, also seit 12 Jahren, hat die NFL 15 Officials aus der Big Ten angeheuert. 15 der aktuellen Schiedsrichter haben sich für die NFL beworben. Das Durchschnittsalter der Big Ten Schiedsrichter liegt bei 50 Jahren [!!!!]. Sie werden meistens aus Conferences wie der Mid-American rekrutiert. Eine mögliche Verbesserung im System wurde zuletzt von Commissioner Jim Delaney vorgeschlagen, der eine schnellere Aufstiegschance für talentierte junge Schiedsrichter schaffen möchte, die noch nicht viele Jahre Erfahrung in unteren Ligen gesammelt haben.
Aber Delany ist unerschütterlich in seiner Unterstützung für Schiedsrichter-Chef Parry. "Ich habe genauso viel Vertrauen in Dave's Programm wie vor 12 Jahren. Wir sagen nicht, dass es keine Fehler gibt. Wir kontrollieren aber, dass es menschliche Fehler bleiben und dass Dave und seine Kollegen uns in die bestmögliche Position bringen, die Fehlerquote minimal zu halten."

Paterno, der in dieser Liga anerkannteste Coach, ist gleichzeitig derjenige, der sich am häufigsten zu den Schiedsrichtern äußert. Letzte Woche sorgte er für Schlagzeilen, als er eine Schiedsrichterpuppe an einem Strick in seinem Türrahmen aufhängte. [Ein vermeintlicher Gag, der in den USA für helle Aufregung und Empörung sorgte] "Alles, was wir von der Liga verlangen, ist, dass sie genau beobachtet, was geschieht", äußerte der Coach letzte Woche.
Vor dem Samstags-Spiel haben sich Parry und Paterno getroffen. "Wir haben uns die Hände geschüttelt und umarmt", erzählte Parry der IU-Penn State Schiedsrichter Crew während deren Nachbesprechung. "Er sagte, 'reden wir weiterhin miteinander?' Er benahm sich ordentlich, so wie immer." Parry berichtete, dass es aktuell viel weniger Fehler als in der Saison zuvor gegeben hätte, aber dass sie dafür immer in sehr kritischen Momenten geschahen. Es werde immer schwieriger, die Moral hoch zu halten. Schiedsrichter könnten akzeptieren, dass man ihnen Fehler aufzeigt, aber Kommentare über ihren Charakter sind unangebracht. "Sie fühlen sich angegriffen, wenn ihre Integrität in Frage gestellt wird, wenn ihre Entscheidungen mit ihrer Herkunft in Bezug gebracht werden" stellt Parry klar. "Wir können das nicht fassen. Ich könnte vor Gott, dem Allmächtigen, stehen und würde die Integrität und Professionalität dieser Männer verteidigen."

Möglichkeit zum Lernen

Am Freitag sahen sich die Schiedsrichter in einem Filmraum der Illinois University 75 Spielszenen der vergangenen Wochen an. Jede Crew der Big Ten sah sich zusammen mit einem Technical Supervisor, zumeist ein ehemaliger Schiedsrichter, den gleichen Film an. Einen Mix aus guten und schlechten Szenen, die von Parry zusammengestellt wurden, der Anweisungen notiert hat, auf was zu achten ist.

"So läuft das bei jeder Clinic", erzählt Schiedsrichter Pamon. "Beobachten, was die Spieler machen und dann das Signal geben. So wie es im Lehrbuch steht." Überall, wo Pamon hingeht, hat er einen kleinen Stapel Karteikarten dabei, auf denen er sich kleine Erinnerungen notiert, was einen guten Schiedsrichter auszeichnet. Er zieht sie in geeigneten Momenten heraus. "Schau den Coaches in die Augen" steht beispielsweise darauf. Eine andere, die er seiner Crew während des Meetings zeigt, sagt: "N.M.S.S." - No more stupid stuff, eine generelle Erinnerung daran, dass Fehler vermieden werden sollen.

Am Samstag morgen trafen sich die Schiedsrichter erneut für eine Stunde, wobei es da mehr um die Vorbereitung auf das Spiel am Abend ging. Das beinhaltete sowohl den Zustand des Spielfeldes als auch die speziellen Fähigkeiten der Quarterbacks.

Parry betonte die Bedeutung der korrekten Aufzeichnung der Trikotnummer des Spielers, gegen den eine Strafe verhängt wurde. Obwohl die Nummer nicht durch die Schiedsrichter per Mikrofon bekannt gegeben wird - wie in der NFL üblich - wird die Nummer notiert und in den Bericht für die Trainer eingetragen. Feldrichter Denny Freund, ein pensionierter High School Englisch Lehrer aus Inverness, Illinois, erzählte eine Geschichte von einem seiner Spiele, in denen der frühere Illinois Coach Mike White mitwirkte.
Ärgerlich fragte White nach der Nummer des Spielers, der wegen Haltens bestraft worden war. "Das war 77 wegen Haltens", antwortete ihm der Official. In diesem Moment rastete White aus. "Das ist die unter dem Stadiondach hängende Nummer von Red Grange, der hier seit 60 Jahren nicht mehr gespielt hat!"

Verantwortlichkeit

Bevor sie ins Stadion gehen, versammeln sich die Schiedsrichter im kleinen Umkleideraum und fassen sich an den Händen. "One play at a time, ok? Bring it home!", rief Pamon.

Das Spiel brachte einen triumphalen Sieg für Penn State. Nach dem Spiel saßen die Schiedsrichter in Anzug und Krawatte vor dem Fernseher und aßen Sandwiches und Chips aus Plastiktellern. Sie berieten über jeden Pfiff, auch die No-Calls, die Parry als zweifelhaft ansah. Häufig wurden die Szenen mehrfach wiederholt, wobei mit einem Laser-Stift auf den Schiedsrichter gezeigt wurde, der die Entscheidung getroffen hatte. Parry kritisierte einige Entscheidungen, die allerdings so unbedeutend waren, dass kein Coach in deswegen anrufen würde.
An einem Punkt sagte er: "Bis jetzt ist nichts hochgesprungen und hat uns gebissen." Parry und der Technische Beobachter - in diesem Fall Jim Keogh - notieren für jeden Schiedsrichter eine eigene Note. Die Trainer machen dies ebenfalls.

Am Ende der Saison erhalten die Schiedsrichter einen Brief mit ihren Noten, die sie von den Coaches, den Technischen Beobachtern und Parry bekommen haben. Ihnen wird mitgeteilt, ob sie im oberen, mittleren oder unteren Drittel gelandet sind. Die besten Schiedsrichter erhalten Nominierungen für die Endrunden. Wer längere Zeit hintereinander schlecht benotet wird, erhält eine Verwarnung. Ein oder zwei Schiedsrichter müssen pro Saison absteigen.

Es gibt eine Menge Gelegenheiten, Fehler zu machen. Big Ten Schiedsrichter pfeifen 84 Spiele und beobachten um die 14.000 Situationen pro Saison.

Andere Schiedsrichter gehen von selbst. Für Freund war das IU-Penn State-Spiel das vorletzte seiner Karriere. In seiner 20. Saison hört er nach dem Samstags-Spiel Ohio State gegen Michigan auf. Pamon drückte ihn nach dem Samstagmorgen-Meeting fest an sich. Der Schiedsrichter-Betreuer von Illinois, selbst ein ehemaliger Football Official, gratulierte ihm. "Überleben", antwortete Freund, "darum geht es!"

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
6. April 2003

 

© Axel Beckmann