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| Während
Schiedsrichter Stephen Pamon (links) dehnt,
bereiten sich seine Kollegen auf den Beginn
des Spiels vor. Rob Goebel / staff
photo |
Hinter
den Kulissen mit Schiedsrichtern der Big Ten Football
College Liga
21.
November 2002. Bloomington, Indiana.
Es
war wirklich keine große Sache. Nur ein Spiel mit Verlängerung;
ein Spiel, das Bedeutung für die nationale Meisterschaft
hatte; ein Spiel, das im Fernsehen übertragen wurde;
ein Spiel, in dem die gesamte College Football
Sportgemeinde auf die Big Ten [Anm. des Übersetzers:
die "Big Ten" ist der Name einer speziellen
Division. Für weitere Infos zum College-System hier
klicken] Schiedsrichter achtete.
Und
wenn die Liga-Bosse nicht über das öffentliche Image
dieser Schiedsrichter besorgt wäre, hätte vermutlich
kein Reporter neben David Parry, dem Big Ten Supervisor
of Officials, stehen dürfen, als sich dieser letzten
Samstag das Ende des Spiels Ohio State gegen Illinois
anschaute.
Wieder
gab es Anlass zu einer neuen Runde an jener Kritik,
der die Liga durch die Erlaubnis für den Zeitungsreporter
von "The Star", dem Penn State - Indiana Schiedsrichter-Gespann
letzte Woche einmal hinter die Kulissen zu folgen, entgegnen
wollte.
Nach
einigen verpassten Pfiffen in kritischen Situationen
dieser Saison und der darauf folgenden öffentlichen
Kritik durch die Trainer, insbesondere von Penn State's
Joe Paterno, hatte die Liga die Hingabe der Schiedsrichter
und deren gute Überwachung durch die Liga demonstrieren
wollen.
"In
meinem Job sehe ich Köpfe, die in Autounfällen zerquetscht
werden. Das macht mir nichts mehr aus. Aber es beschäftigt
mich eine lange Zeit, wenn ich als Schiedsrichter eine
Fehlentscheidung treffe. Mein größte Angst im Leben
ist es, einen Fehler auf dem Feld zu begehen",
sagt der Schiedsrichter dieser Begegnung, Steve Pamon,
51 Jahre alt, ein Polizei Commander in Cook County.
Als
Parry sich in einem Videoraum der Indiana Universität
das Spiel zwischen Ohio State und Illinois anschaute,
geschah die kritische Situation in einem Third-Down-Play
von dem in der Verlängerung zurückliegenden Team
aus Illinois. [Anmerkung: Im folgenden sind einige
Football-Fachbegriffe nicht übersetzt, da ich kein Experte
dieser Sportart bin].
Illinois
warf einen Pass auf die linke Seite der Endzone. Der
Receiver war im Feld, aber auf den ersten Blick war
es schwer zu sagen, ob er bereits Ballbesitz hatte bevor
er ins Aus fiel. Zu einem früheren Zeitpunkt in dieser
Saison hatte der gleiche Schiedsrichter, Terry Anderson,
eine Entscheidung getroffen, die sich im Nachhinein
beim Spiel Penn State gegen Michigan als falsch erwiesen
hatte. In diesem Fall signalisierte Anderson, dass
der Pass nicht korrekt gefangen wurde und zeigte mit
beiden Armen in Richtung Seitenlinie. Incomplete. Wiederholungen
belegten diese Entscheidung und auch der TV-Kommentator
bestätigte sie.
Für
Parry war es ein schwieriger aber richtiger Pfiff, der
gut verkauft wurde. Will meinen, dass der Schiedsrichter
in guter Position, seine Körpersprache bestimmt war
und er erst den Fangfehler anzeigte um dann auf "Incomplete
Pass" zu entscheiden. "Wenn dieser Pfiff falsch
gewesen wäre, hätten wir uns auf ESPNews eine Woche
lang bewundern dürfen", kommentierte Parry noch,
bevor er in einen anderen Raum ging, um mit dem Schiedsrichter-Gespann
des IU - Penn State-Spieles eine Video-Analyse zu betreiben.
In diesem Moment kam mir eine andere Bemerkung von Pamon
in den Sinn. "Ich vergleiche das Pfeifen mit
meiner Polizei-Arbeit. Niemand ruft die 110 an, um zu
sagen 'Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.'"
Unabhängige
Auftragnehmer
Es
gibt 56 Big Ten Football Schiedsrichter, von denen 10
schwarz sind. Jeder dieser Schiedsrichter kommt aus
einem Bundesstaat, indem auch eine Mannschaft ansässig
ist, davon fünf aus Indiana. Parry wohnt in Michigan
City, Indiana. Er war 15 Jahre Schiedsrichter in der
Profiliga NFL und trägt einen Ehrenring, weil er 1983
den Super Bowl gepfiffen hat. Sein Sohn, der aus Zionsville
kommt, ist aktueller NFL Schiedsrichter. Alle Big
Ten Officials [anderer amerikanischer Begriff für
Schiedsrichter, den ich im folgenden synonym verwenden
werde] haben selbst Football gespielt, einige sogar
in der NFL. Die meisten gehen einen normalen Beruf nach.
Drei sind Richter, einer ist Arzt. Sie erhalten 725$
pro Spiel, der "Crew Chief" [also der 1.
Schiedsrichter, wenn man so will] sogar 775$. Zusätzlich
erhalten sie 320$ für Auslagen und ein Flugticket oder
eine Kilometerpauschale. Zu ihren Aufgaben gehört
es neben dem Pfeifen, sich vor dem Spiel am Freitag
abend und nach dem Spiel samstags Videoszenen anzuschauen,
eine Maßnahme die noch nicht einmal in der NFL durchgeführt
wird.
Einmal
im Monat veranstaltet Parry ein freiwilliges Mittwochs-Meeting
bei sich zuhause. Letzte Woche waren 44 Schiedsrichter
dabei. Dafür gab es keinerlei Entschädigung, nicht einmal
die Fahrtkosten wurden erstattet. Nur ein paar kostenlose
Sandwiches von Parry's Ehefrau. "Das verstehen
die wenigsten Leute", sagt Parry. "Es ist
eine Passion, Schiedsrichter zu sein. Es geht nicht
ums Geld." Für die Fans sind die Schiedsrichter
namenlos. Im Unterschied zur NFL haben sie keine Nummern
auf ihren Trikots, lediglich einen großen Buchstaben,
der ihre Position beschreibt. [Im Football gibt es
verschiedene Aufgabenbereiche für jeden der Schiedsrichter
Crew - vergleichbar mit dem Fussball] Vor dem Samstagsspiel
von IU riefen einige Zuschauer dem Head Linesman Jack
Teitz "H!H!H!H!" zu als er das Spielfeld betrat.
Teitz zeigte ihnen mit dem Daumen das Okay-Zeichen.
Seitdem
Parry die Liga betreut, also seit 12 Jahren, hat die
NFL 15 Officials aus der Big Ten angeheuert. 15 der
aktuellen Schiedsrichter haben sich für die NFL beworben.
Das Durchschnittsalter der Big Ten Schiedsrichter liegt
bei 50 Jahren [!!!!]. Sie werden meistens aus
Conferences wie der Mid-American rekrutiert. Eine mögliche
Verbesserung im System wurde zuletzt von Commissioner
Jim Delaney vorgeschlagen, der eine schnellere Aufstiegschance
für talentierte junge Schiedsrichter schaffen möchte,
die noch nicht viele Jahre Erfahrung in unteren Ligen
gesammelt haben. Aber Delany ist unerschütterlich
in seiner Unterstützung für Schiedsrichter-Chef Parry.
"Ich habe genauso viel Vertrauen in Dave's Programm
wie vor 12 Jahren. Wir sagen nicht, dass es keine Fehler
gibt. Wir kontrollieren aber, dass es menschliche Fehler
bleiben und dass Dave und seine Kollegen uns in die
bestmögliche Position bringen, die Fehlerquote minimal
zu halten."
Paterno,
der in dieser Liga anerkannteste Coach, ist gleichzeitig
derjenige, der sich am häufigsten zu den Schiedsrichtern
äußert. Letzte Woche sorgte er für Schlagzeilen, als
er eine Schiedsrichterpuppe an einem Strick in seinem
Türrahmen aufhängte. [Ein vermeintlicher Gag, der
in den USA für helle Aufregung und Empörung sorgte]
"Alles, was wir von der Liga verlangen, ist, dass
sie genau beobachtet, was geschieht", äußerte der
Coach letzte Woche. Vor dem Samstags-Spiel haben
sich Parry und Paterno getroffen. "Wir haben uns
die Hände geschüttelt und umarmt", erzählte Parry
der IU-Penn State Schiedsrichter Crew während deren
Nachbesprechung. "Er sagte, 'reden wir weiterhin
miteinander?' Er benahm sich ordentlich, so wie immer."
Parry berichtete, dass es aktuell viel weniger Fehler
als in der Saison zuvor gegeben hätte, aber dass sie
dafür immer in sehr kritischen Momenten geschahen. Es
werde immer schwieriger, die Moral hoch zu halten. Schiedsrichter
könnten akzeptieren, dass man ihnen Fehler aufzeigt,
aber Kommentare über ihren Charakter sind unangebracht.
"Sie fühlen sich angegriffen, wenn ihre Integrität
in Frage gestellt wird, wenn ihre Entscheidungen mit
ihrer Herkunft in Bezug gebracht werden" stellt
Parry klar. "Wir können das nicht fassen. Ich könnte
vor Gott, dem Allmächtigen, stehen und würde die Integrität
und Professionalität dieser Männer verteidigen."
Möglichkeit
zum Lernen
Am
Freitag sahen sich die Schiedsrichter in einem Filmraum
der Illinois University 75 Spielszenen der vergangenen
Wochen an. Jede Crew der Big Ten sah sich zusammen mit
einem Technical Supervisor, zumeist ein ehemaliger Schiedsrichter,
den gleichen Film an. Einen Mix aus guten und schlechten
Szenen, die von Parry zusammengestellt wurden, der Anweisungen
notiert hat, auf was zu achten ist.
"So
läuft das bei jeder Clinic", erzählt Schiedsrichter
Pamon. "Beobachten, was die Spieler machen
und dann das Signal geben. So wie es im Lehrbuch steht."
Überall, wo Pamon hingeht, hat er einen kleinen Stapel
Karteikarten dabei, auf denen er sich kleine Erinnerungen
notiert, was einen guten Schiedsrichter auszeichnet.
Er zieht sie in geeigneten Momenten heraus. "Schau
den Coaches in die Augen" steht beispielsweise
darauf. Eine andere, die er seiner Crew während des
Meetings zeigt, sagt: "N.M.S.S." - No more
stupid stuff, eine generelle Erinnerung daran, dass
Fehler vermieden werden sollen.
Am
Samstag morgen trafen sich die Schiedsrichter erneut
für eine Stunde, wobei es da mehr um die Vorbereitung
auf das Spiel am Abend ging. Das beinhaltete sowohl
den Zustand des Spielfeldes als auch die speziellen
Fähigkeiten der Quarterbacks.
Parry
betonte die Bedeutung der korrekten Aufzeichnung der
Trikotnummer des Spielers, gegen den eine Strafe verhängt
wurde. Obwohl die Nummer nicht durch die Schiedsrichter
per Mikrofon bekannt gegeben wird - wie in der NFL üblich
- wird die Nummer notiert und in den Bericht für die
Trainer eingetragen. Feldrichter Denny Freund, ein pensionierter
High School Englisch Lehrer aus Inverness, Illinois,
erzählte eine Geschichte von einem seiner Spiele, in
denen der frühere Illinois Coach Mike White mitwirkte. Ärgerlich
fragte White nach der Nummer des Spielers, der wegen
Haltens bestraft worden war. "Das war 77 wegen
Haltens", antwortete ihm der Official. In diesem
Moment rastete White aus. "Das ist die unter dem
Stadiondach hängende Nummer von Red Grange, der hier
seit 60 Jahren nicht mehr gespielt hat!"
Verantwortlichkeit
Bevor
sie ins Stadion gehen, versammeln sich die Schiedsrichter
im kleinen Umkleideraum und fassen sich an den Händen.
"One play at a time, ok? Bring it home!",
rief Pamon.
Das
Spiel brachte einen triumphalen Sieg für Penn State.
Nach dem Spiel saßen die Schiedsrichter in Anzug und
Krawatte vor dem Fernseher und aßen Sandwiches und Chips
aus Plastiktellern. Sie berieten über jeden Pfiff, auch
die No-Calls, die Parry als zweifelhaft ansah. Häufig
wurden die Szenen mehrfach wiederholt, wobei mit einem
Laser-Stift auf den Schiedsrichter gezeigt wurde, der
die Entscheidung getroffen hatte. Parry kritisierte
einige Entscheidungen, die allerdings so unbedeutend
waren, dass kein Coach in deswegen anrufen würde. An
einem Punkt sagte er: "Bis jetzt ist nichts hochgesprungen
und hat uns gebissen." Parry und der Technische
Beobachter - in diesem Fall Jim Keogh - notieren für
jeden Schiedsrichter eine eigene Note. Die Trainer machen
dies ebenfalls.
Am
Ende der Saison erhalten die Schiedsrichter einen Brief
mit ihren Noten, die sie von den Coaches, den Technischen
Beobachtern und Parry bekommen haben. Ihnen wird mitgeteilt,
ob sie im oberen, mittleren oder unteren Drittel gelandet
sind. Die besten Schiedsrichter erhalten Nominierungen
für die Endrunden. Wer längere Zeit hintereinander schlecht
benotet wird, erhält eine Verwarnung. Ein oder zwei
Schiedsrichter müssen pro Saison absteigen.
Es
gibt eine Menge Gelegenheiten, Fehler zu machen. Big
Ten Schiedsrichter pfeifen 84 Spiele und beobachten
um die 14.000 Situationen pro Saison.
Andere
Schiedsrichter gehen von selbst. Für Freund war das
IU-Penn State-Spiel das vorletzte seiner Karriere.
In seiner 20. Saison hört er nach dem Samstags-Spiel
Ohio State gegen Michigan auf. Pamon drückte ihn nach
dem Samstagmorgen-Meeting fest an sich. Der Schiedsrichter-Betreuer
von Illinois, selbst ein ehemaliger Football Official,
gratulierte ihm. "Überleben", antwortete Freund,
"darum geht es!"
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