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Schiedsrichter | Porträts | Fussball

 

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2003, Nr. 233 / Seite 34

 

 

Auffallen in der dienenden Rolle: Collina arbeitet am eigenen Mythos
Mein Spiel, meine Welt: Der Alltag des FIFA-Schiedsrichters

 

 

 

 

 

 

Bild des Monats

"Man sprintet, steckt sich plötzlich dieses so wenig vertraute Ding in den Mund und muß dann auch noch hineinblasen. Und da kann es durchaus passieren, dass das, was dabei herauskommt, wenig mit einem Pfiff zu tun hat."
Pierluigi Collina über die Erfahrungen als Schiedsrichter-Debütant

Pierluigi Collina, wer sonst? Es war für die Fußballwelt keine Überraschung, daß der italienische Unparteiische bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr das Endspiel zwischen Deutschland und Brasilien leiten durfte. Seine Landsleute aus der "Squadra Azzurra" waren bereits im Achtelfinale an Mitgastgeber Südkorea gescheitert, so daß der Weg ins Finale endlich einmal frei war für Collina, der unter den derzeitigen Schiedsrichtern als großer Star gilt. Keine Überraschung für die Fußballwelt ist daher auch, daß der 1960 geborene Italiener ein Buch geschrieben hat, das auch jenseits des Apennins reges Interesse und Verlage findet. "Meine Regeln des Spiels" heißt das Werk in deutscher Übersetzung, und nach der Lektüre weiß man, was man durch das selbstbewußte Auftreten des Schiedsrichters auf den Fußballplätzen dieser Welt immer schon ahnte: Pierluigi Collina selbst hält sich, trotz mitunter demütiger Attitüde, für einen der Besten, wenn nicht den Besten seiner Zunft. Ein Star eben, der einen Platz unter seinesgleichen gefunden hat und nicht so leicht hergeben mag: "Es ist schon phantastisch, in der Welt der großen Fußballstars zu Hause zu sein, sie von nahem zu sehen, Spiele gemeinsam mit ihnen zu erleben."

Collinas Karriere erscheint in seiner Betrachtung als Erfolgsgeschichte eines souveränen, mutigen, konsequenten, aber auch mit den Fußballspielern fühlenden Unparteiischen. Mal tröstete er japanische Spieler nach dem WM-Aus 2002 gegen die Türkei, mal Samuel Kuffour, nachdem der FC Bayern München im Champions-League-Finale 1999 Manchester United unglücklich unterlegen war. Bei aller Sympathie für Collinas Sorge um die "Kultur des Sports", die er von Nachwuchskickern, deren Eltern und Lehrern sowie von den Fußballprofis einfordert und die er selbst vorlebt: So ganz ohne Fehl und Tadel, wie er sich darstellt, ist er wohl nicht. Bei den meisten kritischen Situationen, die er wiedergibt, mußten ihm die vermeintlich Benachteiligten im nachhinein recht geben; andere strittige Entscheidungen werden von ihm abgehakt unter der schlichten Erkenntnis: Irren ist menschlich. Selbstkritik klingt anders, und sie würde selbst den Star, der auf dem Platz am liebsten Schwarz trägt, etwas mehr Allzumenschliches verleihen.

Indem Collina mit Gemeinplätzen und Legenden aufräumt, die sich um die Unparteiischen im Fußball ranken, arbeitet er am eigenen Mythos: Warum darf er, der große Collina, der sich geistig rege und körperlich topfit fühlt, bei der WM 2006 in Deutschland nicht mehr pfeifen, weil er die vom Internationalen Fußball-Verband (FIFA) vorgegebene Altersgrenze von 45 um ein Jahr überschritten haben wird? "Denn mit meiner Erfahrung, mit meinem Instinkt, hätte ich wohl keine Schwierigkeiten, zur nächsten WM aufzubrechen", hadert Collina mit den Vorschriften. Zudem habe er sich schon immer gefragt, warum ein Schiedsrichter um so besser sein solle, je weniger er auffalle. "Ein Fußballspiel zu leiten bedeutet schließlich nicht ,Versteckenspielen'." Andererseits hält er es für unmöglich, daß ein Unparteiischer auf dem Feld schauspielerische Fähigkeiten zeigt. "Wie könnte ein Versager, ein Schwächling, das leisten, was von einem Schiedsrichter vor, während und nach dem Spiel verlangt wird?", fragt der Italiener.

Eine unauffällige Spielleitung gehört nicht zu den Kennzeichen dieses Schiedsrichters, der im zweiten Beruf selbständiger Finanzberater ist. Seit 1995 ragt Collina aus dem Heer der FIFA-Schiedsrichter heraus, leitet Fußballspiele mit schier unangreifbarer Autorität und charismatischer Ausstrahlung. Sein mitunter geradezu mephistophelischer Blick und seine dramatischen Gesten werden unterstützt durch seine äußere Erscheinung, durch Größe sowie den Glatzkopf als Markenzeichen, seit ihm als Vierundzwanzigjährigem die Haare ausfielen.

Pierluigi Collina behauptet, sich immer neue Ziele zu setzen und nicht allzusehr mit Vergangenem zu beschäftigen. Dies schlägt sich auch in seinen Erinnerungen nieder, muten doch manche Beschreibungen seiner Tätigkeit, gerade für deutsche Fußballfreunde, allzu distanziert an. Daß er auch anders kann, zeigt er an den stärksten Stellen seines Buches: in der Wiedergabe der letzten dramatischen Minuten im Spiel Bayern gegen Manchester, in dem auch er bis aufs äußerste angespannt war; oder seine Darstellung der kritischen Anfangsphase im WM-Finale 2002, als er dem Brasilianer Roque Junior sowie Miroslav Klose Gelb zeigen mußte, um das Spiel in die Hand zu bekommen. Der Rest handelt von seinem Training, das er genauso professionell angeht wie die Profikicker, von seinen wenig spektakulären Dienstreisen, bei denen er stets seine Frau und seine beiden Töchter vermißt, und seiner Vorliebe für italienisches Essen. Wirklich interessant erscheint der Alltag des Schiedsrichters nicht, packend beschrieben ist er auch nicht. Nicht vorwerfen kann man Collina einige Fehler des Lektorats.

Die Frage aber bleibt: Welche sind Collinas "Regeln des Spiels"? Eindeutig fällt seine Antwort nicht aus. Eine mutige, auffällige Leitung empfiehlt er den Kollegen, mahnt aber auch, sich nicht in den Vordergrund zu drängen, sondern eine "dienende" Rolle einzunehmen, um die Fertigkeiten der Spieler "als Spezialisten des Events Fußball optimal zur Geltung zu bringen". Der Diener als Star, das ist wohl nur einer: Pierluigi Collina, wer sonst?

THOMAS KLEMM

Besprochenes Buch: Pierluigi Collina: "Meine Regeln des Spiels. Was mich der Fußball über das Leben lehrte", aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Hoffmann und Campe, Hamburg 2003. 223 Seiten, 17,90 Euro.

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
9. Oktober 2003

 

© Axel Beckmann