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"Man sprintet, steckt sich plötzlich dieses so
wenig vertraute Ding in den Mund und muß dann auch noch hineinblasen. Und da
kann es durchaus passieren, dass das, was dabei herauskommt, wenig mit einem
Pfiff zu tun hat." Pierluigi Collina über die Erfahrungen als
Schiedsrichter-Debütant |
Pierluigi Collina, wer
sonst? Es war für die Fußballwelt keine Überraschung, daß der italienische
Unparteiische bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr das Endspiel
zwischen Deutschland und Brasilien leiten durfte. Seine Landsleute aus der
"Squadra Azzurra" waren bereits im Achtelfinale an Mitgastgeber Südkorea
gescheitert, so daß der Weg ins Finale endlich einmal frei war für Collina, der
unter den derzeitigen Schiedsrichtern als großer Star gilt. Keine Überraschung
für die Fußballwelt ist daher auch, daß der 1960 geborene Italiener ein Buch
geschrieben hat, das auch jenseits des Apennins reges Interesse und Verlage
findet. "Meine Regeln des Spiels" heißt das Werk in deutscher Übersetzung, und
nach der Lektüre weiß man, was man durch das selbstbewußte Auftreten des
Schiedsrichters auf den Fußballplätzen dieser Welt immer schon ahnte: Pierluigi
Collina selbst hält sich, trotz mitunter demütiger Attitüde, für einen der
Besten, wenn nicht den Besten seiner Zunft. Ein Star eben, der einen Platz unter
seinesgleichen gefunden hat und nicht so leicht hergeben mag: "Es ist schon
phantastisch, in der Welt der großen Fußballstars zu Hause zu sein, sie von
nahem zu sehen, Spiele gemeinsam mit ihnen zu erleben."
Collinas Karriere
erscheint in seiner Betrachtung als Erfolgsgeschichte eines souveränen, mutigen,
konsequenten, aber auch mit den Fußballspielern fühlenden Unparteiischen. Mal
tröstete er japanische Spieler nach dem WM-Aus 2002 gegen die Türkei, mal Samuel
Kuffour, nachdem der FC Bayern München im Champions-League-Finale 1999
Manchester United unglücklich unterlegen war. Bei aller Sympathie für Collinas
Sorge um die "Kultur des Sports", die er von Nachwuchskickern, deren Eltern und
Lehrern sowie von den Fußballprofis einfordert und die er selbst vorlebt: So
ganz ohne Fehl und Tadel, wie er sich darstellt, ist er wohl nicht. Bei den
meisten kritischen Situationen, die er wiedergibt, mußten ihm die vermeintlich
Benachteiligten im nachhinein recht geben; andere strittige Entscheidungen
werden von ihm abgehakt unter der schlichten Erkenntnis: Irren ist menschlich.
Selbstkritik klingt anders, und sie würde selbst den Star, der auf dem Platz am
liebsten Schwarz trägt, etwas mehr Allzumenschliches verleihen.
Indem
Collina mit Gemeinplätzen und Legenden aufräumt, die sich um die Unparteiischen
im Fußball ranken, arbeitet er am eigenen Mythos: Warum darf er, der große
Collina, der sich geistig rege und körperlich topfit fühlt, bei der WM 2006 in
Deutschland nicht mehr pfeifen, weil er die vom Internationalen Fußball-Verband
(FIFA) vorgegebene Altersgrenze von 45 um ein Jahr überschritten haben wird?
"Denn mit meiner Erfahrung, mit meinem Instinkt, hätte ich wohl keine
Schwierigkeiten, zur nächsten WM aufzubrechen", hadert Collina mit den
Vorschriften. Zudem habe er sich schon immer gefragt, warum ein Schiedsrichter
um so besser sein solle, je weniger er auffalle. "Ein Fußballspiel zu leiten
bedeutet schließlich nicht ,Versteckenspielen'." Andererseits hält er es für
unmöglich, daß ein Unparteiischer auf dem Feld schauspielerische Fähigkeiten
zeigt. "Wie könnte ein Versager, ein Schwächling, das leisten, was von einem
Schiedsrichter vor, während und nach dem Spiel verlangt wird?", fragt der
Italiener.
Eine unauffällige Spielleitung gehört nicht zu den Kennzeichen
dieses Schiedsrichters, der im zweiten Beruf selbständiger Finanzberater ist.
Seit 1995 ragt Collina aus dem Heer der FIFA-Schiedsrichter heraus, leitet
Fußballspiele mit schier unangreifbarer Autorität und charismatischer
Ausstrahlung. Sein mitunter geradezu mephistophelischer Blick und seine
dramatischen Gesten werden unterstützt durch seine äußere Erscheinung, durch
Größe sowie den Glatzkopf als Markenzeichen, seit ihm als Vierundzwanzigjährigem
die Haare ausfielen.
Pierluigi Collina behauptet, sich immer neue Ziele
zu setzen und nicht allzusehr mit Vergangenem zu beschäftigen. Dies schlägt sich
auch in seinen Erinnerungen nieder, muten doch manche Beschreibungen seiner
Tätigkeit, gerade für deutsche Fußballfreunde, allzu distanziert an. Daß er auch
anders kann, zeigt er an den stärksten Stellen seines Buches: in der Wiedergabe
der letzten dramatischen Minuten im Spiel Bayern gegen Manchester, in dem auch
er bis aufs äußerste angespannt war; oder seine Darstellung der kritischen
Anfangsphase im WM-Finale 2002, als er dem Brasilianer Roque Junior sowie
Miroslav Klose Gelb zeigen mußte, um das Spiel in die Hand zu bekommen. Der Rest
handelt von seinem Training, das er genauso professionell angeht wie die
Profikicker, von seinen wenig spektakulären Dienstreisen, bei denen er stets
seine Frau und seine beiden Töchter vermißt, und seiner Vorliebe für
italienisches Essen. Wirklich interessant erscheint der Alltag des
Schiedsrichters nicht, packend beschrieben ist er auch nicht. Nicht vorwerfen
kann man Collina einige Fehler des Lektorats.
Die Frage aber bleibt:
Welche sind Collinas "Regeln des Spiels"? Eindeutig fällt seine Antwort nicht
aus. Eine mutige, auffällige Leitung empfiehlt er den Kollegen, mahnt aber auch,
sich nicht in den Vordergrund zu drängen, sondern eine "dienende" Rolle
einzunehmen, um die Fertigkeiten der Spieler "als Spezialisten des Events
Fußball optimal zur Geltung zu bringen". Der Diener als Star, das ist wohl nur
einer: Pierluigi Collina, wer sonst?
THOMAS KLEMM
Besprochenes
Buch: Pierluigi Collina: "Meine Regeln des Spiels. Was mich der Fußball über das
Leben lehrte", aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Hoffmann und Campe,
Hamburg 2003. 223 Seiten, 17,90 Euro.
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