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Virtuos an Pfeife und Piano
Die Gegensätze könnten größer kaum sein: Während der 39-Jährige Woche für Woche als Schiedsrichter im Rampenlicht der
Fußball-Bundesliga steht, schreibt er in seinem Hauptberuf
die Muse groß - als Pianist und Leiter der Kreismusikschule Bitburg-Prüm. In Liga eins leitet der Kyllburger seit 1996 Spiele,
brachte es seitdem auf 123 Einsätze. Auf internationaler Bühne ist er seit rund
fünf Jahren vertreten. Auch beim olympischen Fußballturnier 2000 in Sydney
durfte Fandel ran. Darüber hinaus zählt er zu den Mitgliedern der "Top-Class" der Uefa, der europäischen Schiedsrichter-Elite. In der Saison 2000/01 erhielt der zweifache
Familienvater die Auszeichnung "Schiedsrichter des Jahres". (aa) Foto:
Imago |
Der Top-Schiedsrichter aus der Eifel im
Interview: Oft geht's nur noch um Effekthascherei - Ein Kandidat für die WM
2006?
KYLLBURG. Die "heiße Phase" in der Fußball-Bundesliga ist eingeläutet, gerade im Kampf um den
Klassenverbleib geht es noch für viele Klubs um alles oder nichts. Jene, deren
Pfiffe über Titel, Tränen und Triumphe mitentscheiden, stehen mehr denn je im
Rampenlicht: die Schiedsrichter.
Erfahrene Unparteiische wie Herbert Fandel sind da besonders
gefragt. Der 39- jährige Südeifeler zählt neben Markus Merk zu Deutschlands
Top-Leuten an der Pfeife. Im Interview zieht Fandel ein
vorläufiges Saison-Fazit aus seiner Sicht, sagt, was ihn
derzeit stört und äußert sich auch zur Möglichkeit, bei der WM 2006 im eigenen
Land dabei sein zu können. Das Gespräch im Wortlaut:
Die öffentliche Meinung weist Ihre Zunft oft als
alleinverantwortliche "Richter" über Auf- und Abstiege aus. Wie gehen Sie mit
diesem Druck um?
Daran habe ich mich vom Grundsatz her längst gewöhnt. Das gehört zu
meinem Amt dazu. Was einfach stört, ist aber der immer größer werdende Zirkus.
Die Nachbetrachtung und Beurteilung der Schiedsrichter-Auftritte mutiert immer mehr zum Lächerlichen. Es geht oft nur
noch um Effekthascherei.
Sie sprechen den immer rauer werdenden öffentlichen Umgangston an.
Wie kann man da als Schiedsrichter gegensteuern?
Mit einer konsequenten, sachlichen Linie. Auf dem Platz und
außerhalb. Als Unparteiischer hat man die Aufgabe, die Einhaltung der
Fußballregeln zu überwachen. Dabei unterlaufen uns sicher auch Fehler. Genauso
wie sie Spielern oder Trainern bei der Erfüllung ihrer Aufgaben passieren.
Manchmal scheint es so, als sei der Aufruhr gegen
Schiedsrichter-Urteile umso höher, je niedriger der
spielerische Level ist ...
Und genau aus diesem Grund macht es in bestimmter Hinsicht auch mehr
Spaß, internationale Partien auf Top-Niveau zu leiten. Im
Gegensatz zur Bundesliga gibt es da kaum Spieler, die den Ball beim Stoppen
weiter weg befördern als beim Passen.
Was die Konsequenz aus Fehlern angeht, ähneln sich die Verhältnisse
bei Spielern und Schiedsrichtern inzwischen. Beide werden ausgewechselt. So etwa
Ihr langjähriger Assistent Harry Ehing. Nachdem er sich beim Duell von Schalke
04 gegen Borussia Dortmund erneut einige Fehlentscheidungen geleistet hatte,
wurde er von Schiri- Obmann Volker Roth bis Saisonende von der Linie verbannt.
Halten Sie solche Repressalien für sinnvoll?
Seinen Fehlern kann man sich nicht entziehen. Ob eine solche
Konsequenz das Richtige ist, brauche ich nicht zu beurteilen. Tatsache ist, dass
Harry Ehing über viele Jahre hinweg ein ausgezeichneter Mann an der Seitenlinie
war.
Sowohl beim Ruhrpott-Derby wie auch beim Spiel
des FC Bayern gegen Leverkusen schnitten Sie in den vergangenen Wochen ziemlich
schlecht in der Öffentlichkeit ab, erhielten selbst in der Fachpresse die Note
"mangelhaft". Wie sehr belastet so etwas?
Früher habe ich solche Kritiken ernst genommen. Inzwischen lässt
mich das kalt. Bei den beiden genannten Spielen war es außerdem so, dass ich vom
DFB-Beobachter eine ausgezeichnete Beurteilung erhielt. Auch das macht deutlich,
wie sehr die landläufige Meinung oft fehlgeleitet wird.
Zur ablaufenden Saison: In der Winterpause wurde der "vierte Mann"
eingeführt, um die Gemüter an der Außenlinie zu beruhigen, die "Rudelbildung"
hat in vielen Fällen nachgelassen, umstrittene Situationen werden nicht mehr in
dem Umfang wie noch vorige Saison von Spielertrauben begleitet ...
Seitdem der vierte Mann draußen ist, musste meines Wissens kein
Trainer mehr auf die Tribüne. Das spricht doch eindeutig für diese Maßnahme.
Eigenartig fand ich, wie lange es gedauert hat, bis dieses Thema bei uns durch
war. In anderen europäischen Profiligen ist das gang und gäbe. In Sachen
Rudelbildung ist es wichtig, dass bei den Spielern Angst vor der Konsequenz
herrscht.
Mit Hellmuth Krug beendet einer Ihrer arrivierten Kollegen nach
Saisonende altersbedingt seine Schiedsrichter- Laufbahn im Profibereich. In den
kommenden Jahren werden weitere erfahrene Unparteiische folgen. Wie sehen Sie
die Qualität des Nachwuchses?
Es gibt etliche talentierte, junge Leute, die derzeit noch in der
Dritten oder der Zweiten Liga pfeifen und durchaus gute Perspektiven besitzen.
Vor der Zukunft ist mir deshalb nicht bange.
Die Altersgrenze für Bundesliga-Schiedsrichter
nach oben zu verschieben, halten Sie also angesichts der vorhandenen Talente für
weniger sinnvoll?
Richtig. Persönlich käme es wohl nicht für mich in Frage, länger zu
pfeifen.
Bereits in diesem Jahr leiteten Sie Top-Spiele
wie das des AS Rom gegen Ajax Amsterdam in der Champions League oder das
EM-Qualifikationsspiel Kroatien gegen Belgien. Als Mitglied der höchsten
Referee-Stufe Europas könnten Sie auch Endspiele pfeifen.
Wann rechnen Sie mit einem solchen Einsatz?
Da lässt sich nichts herbeireden. Dies ist zunächst von der eigenen
Leistung abhängig. Alles weitere kann ich nicht beeinflussen.
Als höchstrangiger deutscher Unparteiischer neben Markus Merk
sollten Teilnahmen an der EM 2004 oder der WM 2006 im eigenen Lande Fernziele
sein, oder?
So weit blicke ich gar nicht mehr nach vorne. Das habe ich mir im
Laufe der Jahre abgewöhnt. Eigentlich schaue ich nur von Spiel zu Spiel.
Die Fragen stellte Andreas Arens |