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Schiedsrichter | Kritik | Fußball

 

 

Die große Debatte im Herbst 2002 - Teil IV

 

 

Der alltägliche Terror

 

 

 

Getäuscht, angepöbelt, angegriffen: Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga haben es immer schwerer. Nun suchen sie psychologischen Beistand - zum Beispiel bei der Polizei.

Frankfurt. Hilft jetzt nur noch die Polizei? So sieht's aus. Die große Not macht jedenfalls erfinderisch. Entsetzt über die vielen Eskapaden in der Bundesliga beschreiten die besten deutschen Fußball-schiedsrichter einen ungewöhnlichen Weg. In der Winterpause sollen 44 Unparteiische von Spezialisten der rheinland-pfälzischen Polizei für den Ernstfall auf dem Platz vorbereitet werden. Um Konfliktbewältigung in brenzligen Situationen geht es bei dem Wochenendseminar im Januar, um psychologischen Beistand, der sonst Streifenbeamten auch im Umgang mit Gewalttätern zugute kommt. "Wir werden das mal versuchen", sagt Volker Roth, der Vorsitzende der Schiedsrichterkommission beim Deutschen Fußball-Bund (DFB).

Der Sittenverfall alarmiert inzwischen die ganze Liga, vorläufiger Höhepunkt der unrühmlichen Serie von Ausrastern war der des Dortmunder Nationaltorhüters Jens Lehmann im Bayern-Spiel, als er nach seinem Platzverweis noch gegen den Unparteiischen Michael Weiner verbal ausschlug ("der blindeste Schiedsrichter, den ich je hatte"). Auf dem Feld wird getreten und geschlagen, getäuscht und gepöbelt. "Auf die Fresse" gehöre dem Schiedsrichter, schwadronierte zuletzt das Pfälzer Großmaul Mario Basler vor einem Millionenpublikum im Fernsehen. Torwart-Idol Oliver Kahn ging seinem Opponenten gleich an die Gurgel. Das ist schlimm genug, aber was bei den Schiedsrichtern des DFB noch viel mehr Sorge auslöst, ist die mangelnde Vorbildfunktion der durchgeknallten Stars. Ihre Brutalo-Auftritte im Rampenlicht der großen Bühne finden an der Basis so einige Nachahmer. "Gleich nach dem Bayern-Spiel gegen Dortmund hatten wir in den unteren Klassen in und um München mindestens zehn Spielabbrüche", sagt Roth. Immer öfter wollen sich Schiedsrichter dem Terror auf den Plätzen nicht mehr aussetzen und ziehen sich von ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Amateurfußball zurück. Die Zahlen sprechen für sich: 9800 Schiedsrichter sind über das vergangene Jahr unter dem Dach des DFB ausgebildet worden, doch fast 12000 von den insgesamt 75000 quittierten im gleichen Zeitraum den Dienst an der Pfeife.

Viel wurde bisher schon über den besorgniserregenden Trend geredet, aber wenig dagegen gemacht. Die Verantwortlichen fühlen sich nun in der Pflicht, schnell etwas zu unternehmen, bevor die aufgeladene Stimmung außer Kontrolle gerät. An diesem Montag trifft sich Roth mit DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, zur gleichen Zeit werden auch die Bundesliga-Manager auf ihrer Tagung über das unliebsame Thema diskutieren. Meinungsführer wie Reiner Calmund von Bayer Leverkusen oder der Münchner Karl-Heinz Rummenigge fordern längst einen "Runden Tisch" mit allen Beteiligten. Gefragt sind vor allem Trainer und Manager der Vereine, die auf das rüpelhafte Verhalten ihrer jungen Fußballrowdies erzieherisch einwirken sollen. Doch schon zweifelt Deutschlands "Kaiser" am Sinn dieser Maßnahme: "Wie sollen Verantwortliche auf Spieler Einfluß nehmen, wenn sie sich selber nicht benehmen können", gibt Franz Beckenbauer zu bedenken. Im Vergleich mit anderen Ländern wie England, Italien oder Spanien befürchtet der bajuwarische Multifunktionär vor dem Großereignis WM 2006 einen erheblichen Ansehensverlust für den deutschen Fußball -, wenn es so weitergeht.

Ein Mann, der seit 1993 in der Bundesliga als Schiedsrichter-Assistent an der Linie steht, hat die langsame Verrohung als Zeuge hautnah miterlebt. Im Rücken die nörgelnden Trainer und Betreuer, vor ihm ausgerastete Spieler, der 38 Jahre Carsten Kardach sagt aus Erfahrung: "In den letzten Jahren ist die Hemmschwelle, anderen Menschen etwas anzutun, klar gesunken." Und weiter: "Nur der persönliche Erfolg und das Ergebnis werden in das Zentrum des Verhaltens gestellt. In diesem Klima macht es keinen Spaß mehr zu arbeiten."

Doch der Ärger im Fußball ist wohl auch ein Abbild der Gesellschaft. In vielen Lebensbereichen nehmen Aggression und Brutalität zu, beim Blick über die Grenzen mag das vielleicht noch etwas anders aussehen. Als "Erholung" vom rauhen Alltag Bundesliga sieht Kardach, der Unparteiische aus Suderburg in der Lüneburger Heide, den Einsatz auf ausländischen Plätzen im Europapokal. "Dort hat man wesentlich mehr Respekt voreinander. Hier bei uns wirst du doch schon bei jeder Einwurfentscheidung angemacht", sagt er. Am Donnerstag leitete er in der Türkei an der Seite von Michael Weiner die UEFA-Cup-Partie zwischen Denizlisport und Sparta Prag - ohne besondere Vorkommnisse.

Hierzulande hagelt es unterdessen von seiten der Vereine unverdrossen harsche Kritik gegen die Schiedsrichter. Am Freitag beschwerten sich die Bielefelder über eine Serie von Fehlentscheidungen und unterstellen sogar Parteinahme. "Wenn wir gegen die Großen der Liga spielen, pfeifen die Unparteiischen im Zweifelsfall eher gegen die Mannschaft, von der sie den geringsten Widerstand erwarten", behauptet Arminia-Manager Thomas von Heesen. Die Schiedsrichter ihrerseits fordern härteres Durchgreifen und drastische Strafen von Seiten der oft allzu nachlässigen DFB-Gerichtsbarkeit und vor allem auch mehr Initiative von der verantwortlichen Deutschen Fußball Liga. Als einzige der großen europäischen Ligen gibt es in der deutschen noch keinen vierten Unparteiischen am Rande des Spielfeldes, der präventiv auf unruhige Betreuer und Ersatzspieler Einfluß nehmen könnte. Dennoch stellt auch Oberschiedsrichter Roth Forderungen an seine Leute; nämlich "mehr Konzentration" bei der Arbeit.

Doch eines scheint sicher: Noch so viele Modifikationen des Regelwerks werden das Benehmen der Herren Profis auch nicht verbessern können. Der Sportpsychologe Werner Mickler bringt die verzwickte Lage auf den Punkt: "Bevor dem anderen keine Fehler zugestanden werden, ändert sich überhaupt nichts."

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.11.2002

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann