Frankfurt. Hilft jetzt nur noch die Polizei? So sieht's
aus. Die große Not macht jedenfalls erfinderisch. Entsetzt über die vielen
Eskapaden in der Bundesliga beschreiten die besten deutschen
Fußball-schiedsrichter einen ungewöhnlichen Weg. In der Winterpause sollen 44
Unparteiische von Spezialisten der rheinland-pfälzischen Polizei für den
Ernstfall auf dem Platz vorbereitet werden. Um Konfliktbewältigung in brenzligen
Situationen geht es bei dem Wochenendseminar im Januar, um psychologischen
Beistand, der sonst Streifenbeamten auch im Umgang mit Gewalttätern zugute
kommt. "Wir werden das mal versuchen", sagt Volker Roth, der Vorsitzende der
Schiedsrichterkommission beim Deutschen Fußball-Bund (DFB).
Der Sittenverfall alarmiert inzwischen die ganze Liga, vorläufiger Höhepunkt
der unrühmlichen Serie von Ausrastern war der des Dortmunder Nationaltorhüters
Jens Lehmann im Bayern-Spiel, als er nach seinem Platzverweis noch gegen den
Unparteiischen Michael Weiner verbal ausschlug ("der blindeste Schiedsrichter,
den ich je hatte"). Auf dem Feld wird getreten und geschlagen, getäuscht und
gepöbelt. "Auf die Fresse" gehöre dem Schiedsrichter, schwadronierte zuletzt das
Pfälzer Großmaul Mario Basler vor einem Millionenpublikum im Fernsehen.
Torwart-Idol Oliver Kahn ging seinem Opponenten gleich an die Gurgel. Das ist
schlimm genug, aber was bei den Schiedsrichtern des DFB noch viel mehr Sorge
auslöst, ist die mangelnde Vorbildfunktion der durchgeknallten Stars. Ihre
Brutalo-Auftritte im Rampenlicht der großen Bühne finden an der Basis so einige
Nachahmer. "Gleich nach dem Bayern-Spiel gegen Dortmund hatten wir in den
unteren Klassen in und um München mindestens zehn Spielabbrüche", sagt Roth.
Immer öfter wollen sich Schiedsrichter dem Terror auf den Plätzen nicht mehr
aussetzen und ziehen sich von ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Amateurfußball
zurück. Die Zahlen sprechen für sich: 9800 Schiedsrichter sind über das
vergangene Jahr unter dem Dach des DFB ausgebildet worden, doch fast 12000 von
den insgesamt 75000 quittierten im gleichen Zeitraum den Dienst an der Pfeife.
Viel wurde bisher schon über den besorgniserregenden Trend geredet, aber
wenig dagegen gemacht. Die Verantwortlichen fühlen sich nun in der Pflicht,
schnell etwas zu unternehmen, bevor die aufgeladene Stimmung außer Kontrolle
gerät. An diesem Montag trifft sich Roth mit DFB-Präsident Gerhard
Mayer-Vorfelder, zur gleichen Zeit werden auch die Bundesliga-Manager auf ihrer
Tagung über das unliebsame Thema diskutieren. Meinungsführer wie Reiner Calmund
von Bayer Leverkusen oder der Münchner Karl-Heinz Rummenigge fordern längst
einen "Runden Tisch" mit allen Beteiligten. Gefragt sind vor allem Trainer und
Manager der Vereine, die auf das rüpelhafte Verhalten ihrer jungen
Fußballrowdies erzieherisch einwirken sollen. Doch schon zweifelt Deutschlands
"Kaiser" am Sinn dieser Maßnahme: "Wie sollen Verantwortliche auf Spieler
Einfluß nehmen, wenn sie sich selber nicht benehmen können", gibt Franz
Beckenbauer zu bedenken. Im Vergleich mit anderen Ländern wie England, Italien
oder Spanien befürchtet der bajuwarische Multifunktionär vor dem Großereignis WM
2006 einen erheblichen Ansehensverlust für den deutschen Fußball -, wenn es so
weitergeht.
Ein Mann, der seit 1993 in der Bundesliga als Schiedsrichter-Assistent an der
Linie steht, hat die langsame Verrohung als Zeuge hautnah miterlebt. Im Rücken
die nörgelnden Trainer und Betreuer, vor ihm ausgerastete Spieler, der 38 Jahre
Carsten Kardach sagt aus Erfahrung: "In den letzten Jahren ist die Hemmschwelle,
anderen Menschen etwas anzutun, klar gesunken." Und weiter: "Nur der persönliche
Erfolg und das Ergebnis werden in das Zentrum des Verhaltens gestellt. In diesem
Klima macht es keinen Spaß mehr zu arbeiten."
Doch der Ärger im Fußball ist wohl auch ein Abbild der Gesellschaft. In
vielen Lebensbereichen nehmen Aggression und Brutalität zu, beim Blick über die
Grenzen mag das vielleicht noch etwas anders aussehen. Als "Erholung" vom rauhen
Alltag Bundesliga sieht Kardach, der Unparteiische aus Suderburg in der
Lüneburger Heide, den Einsatz auf ausländischen Plätzen im Europapokal. "Dort
hat man wesentlich mehr Respekt voreinander. Hier bei uns wirst du doch schon
bei jeder Einwurfentscheidung angemacht", sagt er. Am Donnerstag leitete er in
der Türkei an der Seite von Michael Weiner die UEFA-Cup-Partie zwischen
Denizlisport und Sparta Prag - ohne besondere Vorkommnisse.
Hierzulande hagelt es unterdessen von seiten der Vereine unverdrossen harsche
Kritik gegen die Schiedsrichter. Am Freitag beschwerten sich die Bielefelder
über eine Serie von Fehlentscheidungen und unterstellen sogar Parteinahme. "Wenn
wir gegen die Großen der Liga spielen, pfeifen die Unparteiischen im
Zweifelsfall eher gegen die Mannschaft, von der sie den geringsten Widerstand
erwarten", behauptet Arminia-Manager Thomas von Heesen. Die Schiedsrichter
ihrerseits fordern härteres Durchgreifen und drastische Strafen von Seiten der
oft allzu nachlässigen DFB-Gerichtsbarkeit und vor allem auch mehr Initiative
von der verantwortlichen Deutschen Fußball Liga. Als einzige der großen
europäischen Ligen gibt es in der deutschen noch keinen vierten Unparteiischen
am Rande des Spielfeldes, der präventiv auf unruhige Betreuer und Ersatzspieler
Einfluß nehmen könnte. Dennoch stellt auch Oberschiedsrichter Roth Forderungen
an seine Leute; nämlich "mehr Konzentration" bei der Arbeit.
Doch eines scheint sicher: Noch so viele Modifikationen des Regelwerks werden
das Benehmen der Herren Profis auch nicht verbessern können. Der Sportpsychologe
Werner Mickler bringt die verzwickte Lage auf den Punkt: "Bevor dem anderen
keine Fehler zugestanden werden, ändert sich überhaupt nichts."