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Schiedsrichter | Kritik | Basketball

 

 

Quelle: Aus "basketball" 1999

 

 

Schiedsrichter - Was ist das?

 

 

 

Autor: Klaus Preller

Fehlentscheidungen auf dem Spielfeld sind so alt wie der Beruf des Schiedsrichters. Damit müssen Basketballer leben. Oder gibt es dank technischer Hilfsmittel bald den perfekten Schiedsrichter? Ohne Technik geht heute gar nichts mehr im Sport. In einigen Sportarten ist der Videobeweis, Fachbegriff „Instant Replay", eingeführt. Nach gravierenden Fehlentscheidungen in der Vergangenheit soll nun High-Tech den überforderten Schiedsrichtern unter die Arme greifen. Im Basketball wehrt sich die Klientel bisher erfolgreich gegen den Technikwahn. Dort treffen die Schiedsrichter im Stil eines Schnellrichters die Entscheidungen. Obwohl häufig neue Ideen auftauchen, hat sich in den letzten Jahren nicht viel Neues getan. Der Videobeweis harrt immer noch
seiner Einführung. Und auch ein echter „Oberschiedsrichter" ist noch keinem Basketballfan leibhaftig erschienen.
Was tun, um die Zahl der strittigen Entscheidungen zu vermindern? Für den internationalen Verband FIBA gibt es eine ganz simple Lösung: Statt den beiden Schiedsrichtern technische Unterstützung zur Hand zu geben, stellt man ihnen einfach einen weiteren menschlichen Partner zur Seite. Nach dem Motto: Sechs Augen sehen mehr als vier. Bei diesem Projekt handelt es sich um eine Art Wunderwaffe, die einen Rückgang der Regelverstöße bewirken soll. „Die Spieler nehmen seltener Zuflucht zu versteckten Fouls, weil sie von sechs Augen beobachtet werden", so die Verfechter dieser Idee.
Wir wollten es genauer wissen. Deswegen haben wir uns auf die NBA gestürzt, um in Erfahrung zu bringen, wie es dort um die Schiedsrichter steht, und welche Erfahrungen man mit dem Drei-Mann-Team gemacht hat. Überrascht waren wir, dass die Schiedsrichter in der NBA zum Teil massiv in der Kritik stehen und öffentlich angeprangert werden.
Um auch einmal diesen Teilaspekt der NBA bekannt zu machen, bringen wir aus der amerikanischen Literatur in deutscher Übersetzung nachfolgende Ausarbeitung zur Kenntnis:

"Es wird Zeit, dass Schiedsrichter damit aufhören, Roboter zu sein"
(aus dem Englischen übersetzt: Dr. Norbert Esser, Mitglied der BBW-SRK)


Wir fragten einmal Richie Powers, den größten Schiedsrichter in der Geschichte der NBA, was denn den Unterschied zwischen seiner Generation von Kollegen - ein Zeitraum von mehr als 30 Jahren von Sid Borga bis Earl Storm - zu den heutigen Schiedsrichtern ausmache?

Seine Antwort lautete ohne Zögern: "Persönlichkeit!". "Damals", fuhr Powers fort, "standen wir mit unserer ganzen individuellen Person hinter der Sache. Heutzutage sind es Leute, die genauso wenig persönliches Profil haben wie die an einem Informationsschalter, Leute, wie ein Ignorant wie Darell Garretson sie haben will: Roboter" (Redaktionelle Anmerkung: Darell Garretson war "Chief of Officiating Staff " der NBA)

Wie immer nimmt Powers kein Blatt vor den Mund, und wir stimmen seiner Meinung bei der Beschreibung seiner Nachfolger zu. Den Schiedsrichtern von heute wurde ein wachsweiches und nicht greifbares Verhalten beigebracht, ähnlich den Leuten in den Vorhallen öffentlicher Gebäude, die aussehen, als ob sie niemals jung gewesen seien und niemals altern. Sie haben weder persönliche Ausstrahlung noch eine persönliche Note, Leute, die es nicht nötig haben, jemandem zu gefallen, immer auf der sicheren Seite. Sie leisten ihren Dienst ab, ohne aus Überzeugung höflich zu sein, sie haben zwar die erforderliche Information parat, ohne wirk-lich daran interessiert zu sein. Sie zeigen, was aus Menschen werden kann, wenn man seine Persönlichkeit für die reine Existenz eintauscht und seine persönlichen Ansprüche für pure Sicherheit preisgibt.

Das soll nicht heißen, daß es nicht einige Schiedsrichter in der NBA gibt, die ihren Job außer-ordentlich gut machen, wie z.B. Joey Crawford, Danny Crawford, Dick Bavetta und Hugh Evans; auch Hue Hollins gehört nach unserer Meinung zu dieser Gruppe. Wenn auch die meisten Coaches und Spieler denken, dass letztgenannter seine ureigenen Auffassungen hat, so hat er doch genug Rückgrat, ohne Hemmungen einen schwierigen unpopulären Pfiff loszulassen, ganz im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen.

Andere wie Bob Delaney, Bill Spooner und Steve Javie liefern an jedem Spieltag eine solide, ehrliche und von Autorität im Sinne von Ansehen geprägte Arbeit ab, und einige der jüngeren wie Leon Wood und Greg Willard pfeifen, ohne dass man sofort Bauchschmerzen bekommt.

Aber, unter den derzeit ca. 70 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern der NBA sind zu viele, die Coaches und Spieler an den Rand des Wahnsinns treiben. Der Monat März scheint wieder unter dem Motto "Drauf auf den Schiedsrichter" zu stehen; Spieler und Coaches bliesen unisono in das gleiche Horn, nämlich dass die Schiedsrichter völlig unangemessen ihre Grenzen überschreiten und das Spiel dominieren. Don Nelson, der Coach der Dallas Mavericks, wandte sich letzte Woche über Radio an die Öffentlichkeit und nannte Ronnie Garretson "den schlimmsten der schlimmen". Und Grant Hill von den Detroit Pistons war der erste Superstar ohne gefärbtes Haar, der sich zu diesem Thema in der Öffentlichkeit für grundsätzliche Änderungen ausspricht.

"Ich habe versucht, mit ihnen zu reden, ich habe sie sogar angebrüllt", sagte Hill letzte Woche. "Ich weiß wirklich nicht, was ich sonst noch tun soll? Wenn man so oft und mit soviel Einsatz wie ich zum Korb zieht - es ist grotesk. Vielleicht sollte ich noch mehr brüllen? Oder sollte ich sie in den Medien auseinandernehmen und die dann fällige Geldstrafe zahlen?"

Grant Hill steht damit nicht alleine. Es gibt keinen Headcoach in der Liga, der nicht überzeugt wäre, dass die Qualität der Schiedsrichterleistungen deutlich abgefallen ist. Dafür gibt es gute Gründe: Klageerhebungen wegen Steuerhinterziehung haben die Liga einige ihrer besseren Schiedsrichter gekostet, ein weiterer hat neulich wegen einer Operation seine Laufbahn beendet. Darüber hinaus führen Coaches als Ursache die zusätzlichen Regeln an, die den Schiedsrichtern zu viel Zusätzliches zum Nachdenken draufpacken und damit Unentschlossenheit und Unbeständigkeit ins Kraut schießen lassen. Und zuletzt, noch am wichtigsten, sie sind davon überzeugt, dass der Schiedsrichter-Nachwuchs nicht richtig ausgebildet wird.

"Es hat sich arg verschlechtert, es wird immer schlimmer", meinte ein Headcoach. "Die besten werden älter, und alle anderen sind mehr an Schiedsrichtertechnik interessiert als an Entscheidungen, was auf den Einfluß Darell Garretson's zurückzuführen ist. Dann wurden all diese verdammten neuen Markierungslinien eingeführt, für Illegal Defense, für No-Charge unter dem Korb...sie müssen nun in der NBA an soviel mehr als im College-Basketball denken, und um das Geschehen am Ball oder entfernt vom Ball machen sie sich keine Gedanken mehr."

Ein anderer sagte, "Für mich geht es nicht darum, ob sie in ihrer Schiedsrichterkleidung eine gute Figur machen, ob sie während einer Auszeit stramm stehen oder ob sie ihre Abrechnung rechtzeitig einreichen. Es kommt nur darauf an, ob sie die richtigen Pfiffe machen. Und mit der Einführung des dritten Schiedsrichters ging es eher noch weiter abwärts. Selbst wenn der dritte Schiedsrichter nur wenige Entscheidungen trifft - die beiden anderen achten viel zu sehr darauf, ob sie relativ zu ihm gerade die richtige Position einnehmen und liegen dann dennoch mit ihren Entscheidungen häufiger daneben als richtig."

Ein Coach sah sich sogar zur Äußerung veranlasst, dass politische Angepasstheit -Political Correctness- der Qualität von Garretson's Truppe Abbruch getan hat. "Sie sind nicht mehr hinter den besten Kandidaten her", sagte er und unterstellt damit, dass es bei der Auswahl für die NBA wichtiger geworden ist, Minderheiten zu berücksichtigen als die am besten qualifizierten Kandidaten zu finden.

Wir sind nicht sicher, ob diese Meinung zutrifft - Unfähigkeit macht vor Hautfarbe oder Geschlecht nicht Halt, und um offen zu sprechen, die Schiedsrichterinnen Dee Kanter und Violet Palmer machen auf uns den gleichen Eindruck wie alle anderen Neulinge.

Wir haben in der Tat ein Problem mit den Leuten an der Spitze, welche die zukunftsweisenden Entscheidungen zu treffen haben, und wie jeder andere auch begrüßen wir Garretson's Rücktritt. Es ist höchste Zeit, die Ära der Roboter-Schiedsrichter zu beenden, und es ist die Pflicht der Liga, einen Nachfolger zu finden, der den jungen Schiedsrichtern den richtigen Takt vorgeben kann, Schiedsrichtern, die immer noch keinen Leitfaden haben, wie man ein NBA-Spiel leitet, und der ihnen vermittelt, wie sie ihre individuelle Persönlichkeit zum Ausdruck bringen können.

Wir glauben, dass Bavetta als Nachfolger die einzig richtige Wahl wäre. In Anbetracht weiterer anhängiger Anklagen und einer Monat für Monat jünger werdenden Schiedsrichtertruppe ist er der einzige aus seiner Generation, der das Handwerk lehren kann und dabei zeigt, was er immer vorgelebt hat, nämlich wie man aus einem mit immensem Druck belasteten Beruf ein Vergnügen macht.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann