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Autor:
Klaus Preller
Fehlentscheidungen
auf dem Spielfeld sind so alt wie der Beruf des Schiedsrichters.
Damit müssen Basketballer leben. Oder gibt es dank technischer
Hilfsmittel bald den perfekten Schiedsrichter? Ohne
Technik geht heute gar nichts mehr im Sport. In einigen
Sportarten ist der Videobeweis, Fachbegriff „Instant
Replay", eingeführt. Nach gravierenden Fehlentscheidungen
in der Vergangenheit soll nun High-Tech den überforderten
Schiedsrichtern unter die Arme greifen. Im Basketball
wehrt sich die Klientel bisher erfolgreich gegen den
Technikwahn. Dort treffen die Schiedsrichter im Stil
eines Schnellrichters die Entscheidungen. Obwohl häufig
neue Ideen auftauchen, hat sich in den letzten Jahren
nicht viel Neues getan. Der Videobeweis harrt immer
noch seiner Einführung. Und auch ein echter „Oberschiedsrichter"
ist noch keinem Basketballfan leibhaftig erschienen.
Was tun, um die Zahl der strittigen Entscheidungen zu
vermindern? Für den internationalen Verband FIBA gibt
es eine ganz simple Lösung: Statt den beiden Schiedsrichtern
technische Unterstützung zur Hand zu geben, stellt man
ihnen einfach einen weiteren menschlichen Partner zur
Seite. Nach dem Motto: Sechs Augen sehen mehr als vier.
Bei diesem Projekt handelt es sich um eine Art Wunderwaffe,
die einen Rückgang der Regelverstöße bewirken soll.
„Die Spieler nehmen seltener Zuflucht zu versteckten
Fouls, weil sie von sechs Augen beobachtet werden",
so die Verfechter dieser Idee. Wir wollten es genauer
wissen. Deswegen haben wir uns auf die NBA gestürzt,
um in Erfahrung zu bringen, wie es dort um die Schiedsrichter
steht, und welche Erfahrungen man mit dem Drei-Mann-Team
gemacht hat. Überrascht waren wir, dass die Schiedsrichter
in der NBA zum Teil massiv in der Kritik stehen und
öffentlich angeprangert werden. Um auch einmal diesen
Teilaspekt der NBA bekannt zu machen, bringen wir aus
der amerikanischen Literatur in deutscher Übersetzung
nachfolgende Ausarbeitung zur Kenntnis: "Es
wird Zeit, dass Schiedsrichter damit aufhören, Roboter
zu sein" (aus dem Englischen übersetzt: Dr.
Norbert Esser, Mitglied der BBW-SRK)
Wir fragten einmal Richie Powers, den größten Schiedsrichter
in der Geschichte der NBA, was denn den Unterschied
zwischen seiner Generation von Kollegen - ein Zeitraum
von mehr als 30 Jahren von Sid Borga bis Earl Storm
- zu den heutigen Schiedsrichtern ausmache?
Seine Antwort lautete ohne Zögern: "Persönlichkeit!".
"Damals", fuhr Powers fort, "standen
wir mit unserer ganzen individuellen Person hinter der
Sache. Heutzutage sind es Leute, die genauso wenig persönliches
Profil haben wie die an einem Informationsschalter,
Leute, wie ein Ignorant wie Darell Garretson sie haben
will: Roboter" (Redaktionelle Anmerkung: Darell
Garretson war "Chief of Officiating Staff "
der NBA) Wie immer nimmt Powers kein Blatt
vor den Mund, und wir stimmen seiner Meinung bei der
Beschreibung seiner Nachfolger zu. Den Schiedsrichtern
von heute wurde ein wachsweiches und nicht greifbares
Verhalten beigebracht, ähnlich den Leuten in den Vorhallen
öffentlicher Gebäude, die aussehen, als ob sie niemals
jung gewesen seien und niemals altern. Sie haben weder
persönliche Ausstrahlung noch eine persönliche Note,
Leute, die es nicht nötig haben, jemandem zu gefallen,
immer auf der sicheren Seite. Sie leisten ihren Dienst
ab, ohne aus Überzeugung höflich zu sein, sie haben
zwar die erforderliche Information parat, ohne wirk-lich
daran interessiert zu sein. Sie zeigen, was aus Menschen
werden kann, wenn man seine Persönlichkeit für die reine
Existenz eintauscht und seine persönlichen Ansprüche
für pure Sicherheit preisgibt. Das soll nicht
heißen, daß es nicht einige Schiedsrichter in der NBA
gibt, die ihren Job außer-ordentlich gut machen, wie
z.B. Joey Crawford, Danny Crawford, Dick Bavetta und
Hugh Evans; auch Hue Hollins gehört nach unserer Meinung
zu dieser Gruppe. Wenn auch die meisten Coaches und
Spieler denken, dass letztgenannter seine ureigenen
Auffassungen hat, so hat er doch genug Rückgrat, ohne
Hemmungen einen schwierigen unpopulären Pfiff loszulassen,
ganz im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen.
Andere wie Bob Delaney, Bill Spooner und Steve
Javie liefern an jedem Spieltag eine solide, ehrliche
und von Autorität im Sinne von Ansehen geprägte Arbeit
ab, und einige der jüngeren wie Leon Wood und Greg Willard
pfeifen, ohne dass man sofort Bauchschmerzen bekommt.
Aber, unter den derzeit ca. 70 Schiedsrichterinnen
und Schiedsrichtern der NBA sind zu viele, die Coaches
und Spieler an den Rand des Wahnsinns treiben. Der Monat
März scheint wieder unter dem Motto "Drauf auf
den Schiedsrichter" zu stehen; Spieler und Coaches
bliesen unisono in das gleiche Horn, nämlich dass die
Schiedsrichter völlig unangemessen ihre Grenzen überschreiten
und das Spiel dominieren. Don Nelson, der Coach der
Dallas Mavericks, wandte sich letzte Woche über Radio
an die Öffentlichkeit und nannte Ronnie Garretson "den
schlimmsten der schlimmen". Und Grant Hill von
den Detroit Pistons war der erste Superstar ohne gefärbtes
Haar, der sich zu diesem Thema in der Öffentlichkeit
für grundsätzliche Änderungen ausspricht. "Ich
habe versucht, mit ihnen zu reden, ich habe sie sogar
angebrüllt", sagte Hill letzte Woche. "Ich
weiß wirklich nicht, was ich sonst noch tun soll? Wenn
man so oft und mit soviel Einsatz wie ich zum Korb zieht
- es ist grotesk. Vielleicht sollte ich noch mehr brüllen?
Oder sollte ich sie in den Medien auseinandernehmen
und die dann fällige Geldstrafe zahlen?"
Grant Hill steht damit nicht alleine. Es gibt keinen
Headcoach in der Liga, der nicht überzeugt wäre, dass
die Qualität der Schiedsrichterleistungen deutlich abgefallen
ist. Dafür gibt es gute Gründe: Klageerhebungen wegen
Steuerhinterziehung haben die Liga einige ihrer besseren
Schiedsrichter gekostet, ein weiterer hat neulich wegen
einer Operation seine Laufbahn beendet. Darüber hinaus
führen Coaches als Ursache die zusätzlichen Regeln an,
die den Schiedsrichtern zu viel Zusätzliches zum Nachdenken
draufpacken und damit Unentschlossenheit und Unbeständigkeit
ins Kraut schießen lassen. Und zuletzt, noch am wichtigsten,
sie sind davon überzeugt, dass der Schiedsrichter-Nachwuchs
nicht richtig ausgebildet wird. "Es hat
sich arg verschlechtert, es wird immer schlimmer",
meinte ein Headcoach. "Die besten werden älter,
und alle anderen sind mehr an Schiedsrichtertechnik
interessiert als an Entscheidungen, was auf den Einfluß
Darell Garretson's zurückzuführen ist. Dann wurden all
diese verdammten neuen Markierungslinien eingeführt,
für Illegal Defense, für No-Charge unter dem Korb...sie
müssen nun in der NBA an soviel mehr als im College-Basketball
denken, und um das Geschehen am Ball oder entfernt vom
Ball machen sie sich keine Gedanken mehr."
Ein anderer sagte, "Für mich geht es nicht
darum, ob sie in ihrer Schiedsrichterkleidung eine gute
Figur machen, ob sie während einer Auszeit stramm stehen
oder ob sie ihre Abrechnung rechtzeitig einreichen.
Es kommt nur darauf an, ob sie die richtigen Pfiffe
machen. Und mit der Einführung des dritten Schiedsrichters
ging es eher noch weiter abwärts. Selbst wenn der dritte
Schiedsrichter nur wenige Entscheidungen trifft - die
beiden anderen achten viel zu sehr darauf, ob sie relativ
zu ihm gerade die richtige Position einnehmen und liegen
dann dennoch mit ihren Entscheidungen häufiger daneben
als richtig." Ein Coach sah sich sogar
zur Äußerung veranlasst, dass politische Angepasstheit
-Political Correctness- der Qualität von Garretson's
Truppe Abbruch getan hat. "Sie sind nicht mehr
hinter den besten Kandidaten her", sagte er und
unterstellt damit, dass es bei der Auswahl für die NBA
wichtiger geworden ist, Minderheiten zu berücksichtigen
als die am besten qualifizierten Kandidaten zu finden.
Wir
sind nicht sicher, ob diese Meinung zutrifft - Unfähigkeit
macht vor Hautfarbe oder Geschlecht nicht Halt, und
um offen zu sprechen, die Schiedsrichterinnen Dee Kanter
und Violet Palmer machen auf uns den gleichen Eindruck
wie alle anderen Neulinge. Wir haben in der
Tat ein Problem mit den Leuten an der Spitze, welche
die zukunftsweisenden Entscheidungen zu treffen haben,
und wie jeder andere auch begrüßen wir Garretson's Rücktritt.
Es ist höchste Zeit, die Ära der Roboter-Schiedsrichter
zu beenden, und es ist die Pflicht der Liga, einen Nachfolger
zu finden, der den jungen Schiedsrichtern den richtigen
Takt vorgeben kann, Schiedsrichtern, die immer noch
keinen Leitfaden haben, wie man ein NBA-Spiel leitet,
und der ihnen vermittelt, wie sie ihre individuelle
Persönlichkeit zum Ausdruck bringen können.
Wir glauben, dass Bavetta als Nachfolger die einzig
richtige Wahl wäre. In Anbetracht weiterer anhängiger
Anklagen und einer Monat für Monat jünger werdenden
Schiedsrichtertruppe ist er der einzige aus seiner Generation,
der das Handwerk lehren kann und dabei zeigt, was er
immer vorgelebt hat, nämlich wie man aus einem mit immensem
Druck belasteten Beruf ein Vergnügen macht.
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