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Autor:
Stephan May
Ob
ganz in schwarz, schwarz-weiß gestreiftem Hemd oder
in blau-grauem Outfit: Schiedsrichter fallen auf, obwohl
sie sich im Hintergrund halten sollten. Sie laufen und
schwitzen wie die Sportler, aber ihr Auftrag ist ein
anderer: sie haben eine Horde motivierter Athleten zu
beaufsichtigen, damit diese die Spielregeln einhalten.
Kein leichter Job, denn im Kampf um Ruhm und Ehre -
im Erfolgsfall veredelt durch zig Millionen Dollar -
ist den Klubverantwortlichen, Coaches und Spielern jedes
Mittel recht, die Referees hinters Licht zu führen.
Unparteiischer zu sein,
das ist ein undankbarer Job. Aber er ist nun mal wichtig.
Denn: Ohne die Regelhüter gäbe es keinen Teamwettbewerb.
Im Fußball beispielsweise kümmert sich nur ein Mann
um 22 Akteure. Okay, die zwei Männer mit den Fahnen
an der Seitenlinie haben die Aufgabe, ihn zu unterstützen.
Aber reicht das? Vier Referees sind es im Football für
die gleiche Anzahl von Spielern. Aber: Bei den Muskelprotzen
gibt es wesentlich mehr und kompliziertere Wechselmöglichkeiten
als im Fußball.
Wie beobachtet müssen
sich da die Korbjäger in der NBA vorkommen. Gleich drei
Grauhemden sind für nur zehn Akteure zuständig, und
die agieren zudem noch auf engstem Raum. Dennoch: „Sie
bekommen längst nicht alles mit", gesteht Greg
Anthony, Playmaker der Portland TrailBlazers. „Sie sehen
nicht einmal die Hälfte von dem, was auf dem Parkett
tatsächlich passiert. Sie können es gar nicht."
Sämtliche Profiligen
in Nordamerika leisten sich mittlerweile Profi-Schiedsrichter,
um den Anforderungen gerecht zu werden. Die Schulung
ist hart und die Kontrolle nicht nur durch die Medien
unerbittlich. Vor allem in der NBA, die vor der Saison
1999/2000 neue Regeln zur Förderung des Offensiv-Basketballs
installiert hat. Bei allen Begegnungen halten mindestens
18 Kameras drauf. Ihnen entgeht nichts. Die Bilder flimmern
auch in die Kommandozentrale von Ed T. Rush, dem Boss
der Regelhüter.
Mit wachem und kritischem
Auge verfolgt er die Leistungen seiner "Angestellten".
60 Mann umfasst die Elitetruppe. Sie leiten mindestens
38 Partien im Jahr. Exhibition- und Play-off-Spiele
nicht mit eingerechnet. In sechs bis neun Monaten Einsatzzeit
fliegen sie umgerechnet einige Male um den Globus. Über
Gehälter wird geschwiegen, aber sie bewegen sich zwischen
60.000 Dollar für Rookies und über 200.000 Dollar für
Spitzenkräfte. Sie sind in einer eigenen Gewerkschaft
organisiert, die ihre Interessen gegenüber der NBA vertritt.
Das Ausleseverfahren
ähnelt dem der Spieler. Bei Highschool-, College- und
CBA-Spielen werden sie gesichtet. Getestet werden sie
dann in der Summer League. Werden sie dort für gut befunden,
geht die Vorbereitung erst richtig los. Denn in der
NBA wird nicht strikt „nach dem Regelbuch gepfiffen
wie in der Highschool oder College", sagt Terry
Lyons, zuständiger NBA-Vizepräsident für Public Relations.
„Unsere Intention ist es, das Spiel so flüssig wie möglich
zu halten und nicht durch Pfiffe dauernd zu unterbrechen."
Soll heißen: Die Referees müssen lernen, in welcher
Situation dasselbe Foul gepfiffen wird und wann nicht.
Liegen sie daneben, droht sogar eine Geldstrafe.
Natürlich würden seine
Mannen Fehler machen, gibt Rush zu. Aber nur deshalb,
weil die Spieler uns immer einen Schritt voraus sind".
Denn auch sie und ihre Coaches bereiten sich professionell
vor. Sie kennen die Stärken und Schwächen der Unparteiischen.
„Das gehört zu unserem Job", sagt Anthony.
Um den Vorteil der
Akteure zu reduzieren, haben Rush und seine Kollegen
ein umfangreiches Schulungs- und Vorbereitungsprogramm
erarbeitet.
Jeder Schiedsrichter
ist mit einem Laptop und Videorecorder ausgestattet.
Vor jeder Partie muss er das für ihn produzierte Video
studieren. Innerhalb von zwölf Stunden nach dem Schlusspfiff
ist der Spielreport abzugeben. Darin enthalten sind
unter anderem Einzelheiten über die Form einzelner Spieler
oder welches Team aggressiver verteidigt hat.
Neben der physischen
Vorbereitung werden durch das Studieren der Videos die
Charakteristika einzelner Spieler ins Bewusstsein gehämmert.
Der Ellbogen von Shaquille O'Neal zum Beispiel, den
er nach beidhändigem Umgreifen des Balles ausfährt,
um den Verteidiger zur Seite zu räumen. Oder die schauspielerischen
Glanzleistungen von Reggie Miller - er streckt bei seinen
Sprungwürfen immer ein Bein Richtung Gegenspieler, um
ein Foul zu schinden. Oder John Stockton und Karl Malone,
die sich A.C. Greens Trick angeeignet haben und sich
beim Gegenspieler geschickt unter dem Arm einhaken und
dann losreißen, als ob sie gehalten worden wären.
Nur
selten gibt es in den Medien Statements von Schiedsrichtern.
Erwähnung finden sie ohnehin nur, wenn sie mal wieder
für einen Skandal gesorgt haben. In der NBA zum Beispiel
herrscht striktes Verbot, mit der Presse zu reden. Nur
in ganz wenigen Ausnahmen dürfen sie nach einer umstrittenen
Entscheidung eine Erklärung abgeben. Allerdings nur
einem auserwählten Journalisten gegenüber. Der hat dann
die Aufgabe, seine Kollegen zu informieren. Eine Story
über die NBA-Referees wie kürzlich im ESPN-Magazin hat
deshalb Seltenheitswert. Eine Genehmigung dafür kommt
von ganz oben. Schließlich unterstehen die Schiedsrichter
dem NBA-Operating-Department, dem viele Jahre Rod Thorn
vorstand. Nach dessen Wechsel zu den New Jersey Nets
heißt ihr neuer Boss Stu Jackson, der ehemalige General-Manager
der Vancouver Grizzlies.
„Ich glaube an
die Verschwörungstheorie."
Derek Fisher,
Los Angeles Lakers
Hartnäckig halten sich
die Gerüchte, die NBA, vor allem ihr Commissioner David
Stern, beeinflusse über die Schiedsrichter das Spiel.
Karl Malone und Reggie Miller haben schon mehrmals verlauten
lassen, die Spiele der sogenannten „big markets"
werden bei TV-Übertragungen gegenüber den „small-market"-Teams
bevorzugt. „Ich glaube an die Verschwörungstheorie",
sagt Derek Fisher von Los Angeles Lakers. Und sein Teamkollege
John Salley interpretierte folgende Erklärung eines
Unparteiischen auf seine Weise. „Wir machen nur das,
was uns gesagt wird", soll ihm ein Referee nach
einer umstrittenen Entscheidung gesagt haben. Bestimmte
Schiedsrichter werden geschickt, wenn die Serie verlängert
werden oder der Gast gewinnen soll.
„Als Schiedsrichter
will man nie für den Ausgang eines Spiels verantwortlich
sein."
Jess Kersey,
NBA-Referee
Die Liste der Verschwörungstheorien
ist unendlich. Die Anschuldigungen seien „schmerzhaft
und beschämend", nimmt Rush seine Garde in Schutz.
Und der 46-jährige Joe Crawford, einer der Weltbesten
seines Fachs, kann darüber nur den Kopfschütteln. „So
gut sind wir auch wieder nicht." „Oder so intelligent",
ergänzt sein Kollege Greg Willard. Jeder des Trios hat
je nach Position spezielle Aufgaben zu bewältigen, und
die wechseln von Angriff zu Angriff. Für ihn und seine
Kollegen ist damit der Beweis erbracht, nicht in der
Lage zu sein, eine Partie manipulieren zu können.
So ist es Zufall, dass
die Lakers Champion wurden. Sie hatten das Glück, dass
im siebten Spiel des Westem-Conference- Finales gegen
die Portland Trail Blazers ein klares Foul an Steve
Smith nicht gepfiffen wurde und dadurch ihre famose
Aufholjagd im vierten Abschnitt doch noch mit dem Sieg
belohnt wurde.
„Wenn man einen Fehler
macht, braucht man kein Videotape", sagt Jess Kersey,
der ein Jahr zuvor das Eastern-Conference-Finale zwischen
den New York Knicks und den Indiana Pacers durch eine
Fehlentscheidung zu Gunsten der Knicks entschieden hatte.
„Ich muss damit den Rest meines Lebens fertig werden.
Als Schiedsrichter will man nie für den Ausgang eines
Spiels verantwortlich sein."
Jahr eins nach den
Regeländerungen sorgte bei den Beteiligten für genügend
Zündstoff. Aber das Resultat kann sich sehen lassen.
Durch die konsequente Linie der Schiedsrichter gewann
das Spiel an Attraktivität und wird dadurch in Zukunft
wieder für ausverkaufte Hallen sorgen. Und die Regelhüter
haben bewiesen, alte Gewohnheiten schnell ablegen zu
können.
Auf das gleiche Ergebnis
hoffen die Verantwortlichen bei der FIBA. Der Weltverband
hat Regeländerungen beschlossen, die ab der kommenden
Saison wirksam werden. Auch im Weltbasketball ist seit
Jahren eine sinkende Korbausbeute zu beobachten. „Von
der Verteidigungsseite ist das Spiel immer besser geworden,
aber damit gleichzeitig für die Zuschauer immer unattraktiver",
begründet Albert Schenking vom FIBA-Competition-Department
die Initiative. „Wir wollen mit unseren Maßnahmen den
Angriff stimulieren, ohne die Verteidigung kaputt zu
machen." Vor allem die Regel, einen Angriff in
24 statt bisher 30 Sekunden abschließen zu müssen, wird
das Spiel erheblich und die Schiedsrichter fordern.
Im
Gegensatz zur NBA gibt es in der FIBA keine Profi-Referees.
Außerdem werden nur zwei pro Partie eingesetzt, und
der Verdienst ist spärlich. Nur ein FIBA-Schiedsrichter,
der in der Europaliga oft eingesetzt wird, kann von
einem Nebenverdienst sprechen. 1000 Mark plus Spesen
gibt es für ein Gruppenspiel, 1500 Mark plus Spesen
in den Play-offs. Für die Schulung und Bewertung sind
die nationalen Verbände und Vereine zuständig.
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| Auch das gehört
zum Job von NBA-Referee Dee Kantner dem Spieler, in
diesem Fall Dikembe Mutombo eine Entscheidung erläutern
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„Damals hieß
es, wir würden auf Anweisung des Verbandes pfeifen.
Aber das stimmt nicht."
Peter Klingbiel, ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter
und jetziger DBB-Generalsekretär
Der Unterschied zu
den fast paradiesischen Zuständen in der NBA scheint
eklatant. Nicht so für Peter Klingbiel: „Das Profi-Schiedsrichtertum
in Europa hätte wenig Sinn, denn es sind zu wenig Spiele",
sagt er. Den einzigen Vorteil, den er sehe, sei die
körperliche Fitness, auf die man sich als Vollprofi
besser konzentrieren könne. Der 47-jährige Generalsekretär
beim Deutschen Basketball Bund und der 49-jährige Schenking
sind erfahrene Unparteiische. Klingbiel pfiff 24, Schenking
16 Jahre auf höchster nationaler und internationaler
Ebene. Das Thema Verschwörungstheorie
ist deshalb für sie nicht unbekannt. „Das haben wir
jahrelang gehört von Teams als Köln, Leverkusen, Bayreuth
oder Berlin vorne waren. Damals hieß es, wir würden
auf Anweisung des Verbandes pfeifen", sagt Klingbiel.
„Aber das stimmt nicht. Man muss davon ausgehen, dass
die Teams in der Regel das bessere Spielermaterial hatten."
Solange Schiedsrichter
über Handlungen anderer zu urteilen haben, bleiben Anschuldigungen
und Verdächtigungen nicht aus. Aber das ist ein Teil
ihres undankbaren Jobs.
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