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Schiedsrichter | Kritik | Basketball

 

 

Quelle: BASKETBALL vom 8. August 2000

 

 

Ein undankbarer Job

 

 

 

Autor: Stephan May

Ob ganz in schwarz, schwarz-weiß gestreiftem Hemd oder in blau-grauem Outfit: Schiedsrichter fallen auf, obwohl sie sich im Hintergrund halten sollten. Sie laufen und schwitzen wie die Sportler, aber ihr Auftrag ist ein anderer: sie haben eine Horde motivierter Athleten zu beaufsichtigen, damit diese die Spielregeln einhalten. Kein leichter Job, denn im Kampf um Ruhm und Ehre - im Erfolgsfall veredelt durch zig Millionen Dollar - ist den Klubverantwortlichen, Coaches und Spielern jedes Mittel recht, die Referees hinters Licht zu führen.

Unparteiischer zu sein, das ist ein undankbarer Job. Aber er ist nun mal wichtig. Denn: Ohne die Regelhüter gäbe es keinen Teamwettbewerb. Im Fußball beispielsweise kümmert sich nur ein Mann um 22 Akteure. Okay, die zwei Männer mit den Fahnen an der Seitenlinie haben die Aufgabe, ihn zu unterstützen. Aber reicht das? Vier Referees sind es im Football für die gleiche Anzahl von Spielern. Aber: Bei den Muskelprotzen gibt es wesentlich mehr und kompliziertere Wechselmöglichkeiten als im Fußball.

Wie beobachtet müssen sich da die Korbjäger in der NBA vorkommen. Gleich drei Grauhemden sind für nur zehn Akteure zuständig, und die agieren zudem noch auf engstem Raum. Dennoch: „Sie bekommen längst nicht alles mit", gesteht Greg Anthony, Playmaker der Portland TrailBlazers. „Sie sehen nicht einmal die Hälfte von dem, was auf dem Parkett tatsächlich passiert. Sie können es gar nicht."

Sämtliche Profiligen in Nordamerika leisten sich mittlerweile Profi-Schiedsrichter, um den Anforderungen gerecht zu werden. Die Schulung ist hart und die Kontrolle nicht nur durch die Medien unerbittlich. Vor allem in der NBA, die vor der Saison 1999/2000 neue Regeln zur Förderung des Offensiv-Basketballs installiert hat. Bei allen Begegnungen halten mindestens 18 Kameras drauf. Ihnen entgeht nichts. Die Bilder flimmern auch in die Kommandozentrale von Ed T. Rush, dem Boss der Regelhüter.

Mit wachem und kritischem Auge verfolgt er die Leistungen seiner "Angestellten". 60 Mann umfasst die Elitetruppe. Sie leiten mindestens 38 Partien im Jahr. Exhibition- und Play-off-Spiele nicht mit eingerechnet. In sechs bis neun Monaten Einsatzzeit fliegen sie umgerechnet einige Male um den Globus. Über Gehälter wird geschwiegen, aber sie bewegen sich zwischen 60.000 Dollar für Rookies und über 200.000 Dollar für Spitzenkräfte. Sie sind in einer eigenen Gewerkschaft organisiert, die ihre Interessen gegenüber der NBA vertritt.

Das Ausleseverfahren ähnelt dem der Spieler. Bei Highschool-, College- und CBA-Spielen werden sie gesichtet. Getestet werden sie dann in der Summer League. Werden sie dort für gut befunden, geht die Vorbereitung erst richtig los. Denn in der NBA wird nicht strikt „nach dem Regelbuch gepfiffen wie in der Highschool oder College", sagt Terry Lyons, zuständiger NBA-Vizepräsident für Public Relations. „Unsere Intention ist es, das Spiel so flüssig wie möglich zu halten und nicht durch Pfiffe dauernd zu unterbrechen." Soll heißen: Die Referees müssen lernen, in welcher Situation dasselbe Foul gepfiffen wird und wann nicht. Liegen sie daneben, droht sogar eine Geldstrafe.

Natürlich würden seine Mannen Fehler machen, gibt Rush zu. Aber nur deshalb, weil die Spieler uns immer einen Schritt voraus sind". Denn auch sie und ihre Coaches bereiten sich professionell vor. Sie kennen die Stärken und Schwächen der Unparteiischen. „Das gehört zu unserem Job", sagt Anthony.

Um den Vorteil der Akteure zu reduzieren, haben Rush und seine Kollegen ein umfangreiches Schulungs- und Vorbereitungsprogramm erarbeitet.

Jeder Schiedsrichter ist mit einem Laptop und Videorecorder ausgestattet. Vor jeder Partie muss er das für ihn produzierte Video studieren. Innerhalb von zwölf Stunden nach dem Schlusspfiff ist der Spielreport abzugeben. Darin enthalten sind unter anderem Einzelheiten über die Form einzelner Spieler oder welches Team aggressiver verteidigt hat.

Neben der physischen Vorbereitung werden durch das Studieren der Videos die Charakteristika einzelner Spieler ins Bewusstsein gehämmert. Der Ellbogen von Shaquille O'Neal zum Beispiel, den er nach beidhändigem Umgreifen des Balles ausfährt, um den Verteidiger zur Seite zu räumen. Oder die schauspielerischen Glanzleistungen von Reggie Miller - er streckt bei seinen Sprungwürfen immer ein Bein Richtung Gegenspieler, um ein Foul zu schinden. Oder John Stockton und Karl Malone, die sich A.C. Greens Trick angeeignet haben und sich beim Gegenspieler geschickt unter dem Arm einhaken und dann losreißen, als ob sie gehalten worden wären.

Ed T. RushNur selten gibt es in den Medien Statements von Schiedsrichtern. Erwähnung finden sie ohnehin nur, wenn sie mal wieder für einen Skandal gesorgt haben. In der NBA zum Beispiel herrscht striktes Verbot, mit der Presse zu reden. Nur in ganz wenigen Ausnahmen dürfen sie nach einer umstrittenen Entscheidung eine Erklärung abgeben. Allerdings nur einem auserwählten Journalisten gegenüber. Der hat dann die Aufgabe, seine Kollegen zu informieren. Eine Story über die NBA-Referees wie kürzlich im ESPN-Magazin hat deshalb Seltenheitswert. Eine Genehmigung dafür kommt von ganz oben. Schließlich unterstehen die Schiedsrichter dem NBA-Operating-Department, dem viele Jahre Rod Thorn vorstand. Nach dessen Wechsel zu den New Jersey Nets heißt ihr neuer Boss Stu Jackson, der ehemalige General-Manager der Vancouver Grizzlies.

„Ich glaube an die Verschwörungstheorie." Derek Fisher, Los Angeles Lakers

Hartnäckig halten sich die Gerüchte, die NBA, vor allem ihr Commissioner David Stern, beeinflusse über die Schiedsrichter das Spiel. Karl Malone und Reggie Miller haben schon mehrmals verlauten lassen, die Spiele der sogenannten „big markets" werden bei TV-Übertragungen gegenüber den „small-market"-Teams bevorzugt. „Ich glaube an die Verschwörungstheorie", sagt Derek Fisher von Los Angeles Lakers. Und sein Teamkollege John Salley interpretierte folgende Erklärung eines Unparteiischen auf seine Weise. „Wir machen nur das, was uns gesagt wird", soll ihm ein Referee nach einer umstrittenen Entscheidung gesagt haben. Bestimmte Schiedsrichter werden geschickt, wenn die Serie verlängert werden oder der Gast gewinnen soll.

„Als Schiedsrichter will man nie für den Ausgang eines Spiels verantwortlich sein." Jess Kersey, NBA-Referee

Die Liste der Verschwörungstheorien ist unendlich. Die Anschuldigungen seien „schmerzhaft und beschämend", nimmt Rush seine Garde in Schutz. Und der 46-jährige Joe Crawford, einer der Weltbesten seines Fachs, kann darüber nur den Kopfschütteln. „So gut sind wir auch wieder nicht." „Oder so intelligent", ergänzt sein Kollege Greg Willard. Jeder des Trios hat je nach Position spezielle Aufgaben zu bewältigen, und die wechseln von Angriff zu Angriff. Für ihn und seine Kollegen ist damit der Beweis erbracht, nicht in der Lage zu sein, eine Partie manipulieren zu können.

So ist es Zufall, dass die Lakers Champion wurden. Sie hatten das Glück, dass im siebten Spiel des Westem-Conference- Finales gegen die Portland Trail Blazers ein klares Foul an Steve Smith nicht gepfiffen wurde und dadurch ihre famose Aufholjagd im vierten Abschnitt doch noch mit dem Sieg belohnt wurde.

„Wenn man einen Fehler macht, braucht man kein Videotape", sagt Jess Kersey, der ein Jahr zuvor das Eastern-Conference-Finale zwischen den New York Knicks und den Indiana Pacers durch eine Fehlentscheidung zu Gunsten der Knicks entschieden hatte. „Ich muss damit den Rest meines Lebens fertig werden. Als Schiedsrichter will man nie für den Ausgang eines Spiels verantwortlich sein."

Jahr eins nach den Regeländerungen sorgte bei den Beteiligten für genügend Zündstoff. Aber das Resultat kann sich sehen lassen. Durch die konsequente Linie der Schiedsrichter gewann das Spiel an Attraktivität und wird dadurch in Zukunft wieder für ausverkaufte Hallen sorgen. Und die Regelhüter haben bewiesen, alte Gewohnheiten schnell ablegen zu können.

Auf das gleiche Ergebnis hoffen die Verantwortlichen bei der FIBA. Der Weltverband hat Regeländerungen beschlossen, die ab der kommenden Saison wirksam werden. Auch im Weltbasketball ist seit Jahren eine sinkende Korbausbeute zu beobachten. „Von der Verteidigungsseite ist das Spiel immer besser geworden, aber damit gleichzeitig für die Zuschauer immer unattraktiver", begründet Albert Schenking vom   FIBA-Competition-Department die Initiative. „Wir wollen mit unseren Maßnahmen den Angriff stimulieren, ohne die Verteidigung kaputt zu machen." Vor allem die Regel, einen Angriff in 24 statt bisher 30 Sekunden abschließen zu müssen, wird das Spiel erheblich und die Schiedsrichter fordern.

Im Gegensatz zur NBA gibt es in der FIBA keine Profi-Referees. Außerdem werden nur zwei pro Partie eingesetzt, und der Verdienst ist spärlich. Nur ein FIBA-Schiedsrichter, der in der Europaliga oft eingesetzt wird, kann von einem Nebenverdienst sprechen. 1000 Mark plus Spesen gibt es für ein Gruppenspiel, 1500 Mark plus Spesen in den Play-offs. Für die Schulung und Bewertung sind die nationalen Verbände und Vereine zuständig.

 

Auch das gehört zum Job von NBA-Referee Dee Kantner dem Spieler, in diesem Fall Dikembe Mutombo eine Entscheidung erläutern

„Damals hieß es, wir würden auf Anweisung des Verbandes pfeifen. Aber das stimmt nicht." Peter Klingbiel, ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter und jetziger DBB-Generalsekretär

Der Unterschied zu den fast paradiesischen Zuständen in der NBA scheint eklatant. Nicht so für Peter Klingbiel: „Das Profi-Schiedsrichtertum in Europa hätte wenig Sinn, denn es sind zu wenig Spiele", sagt er. Den einzigen Vorteil, den er sehe, sei die körperliche Fitness, auf die man sich als Vollprofi besser konzentrieren könne. Der 47-jährige Generalsekretär beim Deutschen Basketball Bund und der 49-jährige Schenking sind erfahrene Unparteiische. Klingbiel pfiff 24, Schenking 16 Jahre auf höchster nationaler und internationaler Ebene.   Das   Thema   Verschwörungstheorie ist deshalb für sie nicht unbekannt. „Das haben wir jahrelang gehört von Teams als Köln, Leverkusen, Bayreuth oder Berlin vorne waren. Damals hieß es, wir würden auf Anweisung des Verbandes pfeifen", sagt Klingbiel. „Aber das stimmt nicht. Man muss davon ausgehen, dass die Teams in der Regel das bessere Spielermaterial hatten."

Solange Schiedsrichter über Handlungen anderer zu urteilen haben, bleiben Anschuldigungen und Verdächtigungen nicht aus. Aber das ist ein Teil ihres undankbaren Jobs.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann