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Schiedsrichter | Kritik | Fußball

 

 

Quelle: Sonntags FAZ vom 18. August 2002

 

 

Anstoß: Eugen Strigel darf nicht mehr im Sportstudio kommentieren

 

 

 

Eugen Strigel: Der 52-Jährige pfiff von 1985 bis 1995 Spiele der Fußball-Bundesliga und ist derzeit Schiedsrichter-Lehrwart des DFB

Eugen Strigel: Der 52-Jährige pfiff von 1985 bis 1995 Spiele der Fußball-Bundesliga und ist derzeit Schiedsrichter-Lehrwart des DFB

Was hätte Eugen Strigel wohl im Aktuellen Sport-Studio zu seinem eigenen Platzverweis gesagt? "In diesem Falle hätte eine Gelbe Karte genügt"? Oder gar: "Eine Fehlentscheidung"? Der Schiedsrichter-Lehrwart des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), eine Bundesligasaison lang im ZDF Chefanalyst für strittige Szenen in Fernsehspielen, hat sich nach seinem Verzicht auf den öffentlichen Nebenjob noch zurückhaltender geäußert als er es zuvor Samstag abends zu tun pflegte: Er schweigt. Vor allem im Fernsehen, wo sich Strigel mit seinen gleichermaßen deutlichen wie dezent vorgetragenen Beurteilungen keine Freunde unter den Kollegen gemacht hatte. "Die vielfältige Kritik aus den Reihen der Schiedsrichter", hieß es in dieser Woche vom DFB, habe zu Strigels Rückzug beigetragen. Ehrlich währt nicht immer am längsten.

Dabei hatte sich der grauhaarige Tuttlinger durch seine Analysen um die Aufklärung der Fußballnation verdient gemacht; Millionen Fernsehzuschauer waren für seine fachlich fundierten und sachlich vorgetragenen Beurteilungen dankbar - doch die Schiedsrichter pfiffen drauf. Kritik, gerade jene aus den eigenen Reihen, gilt vielen als Nestbeschmutzung. Vor allem, weil die anhaltenden Diskussionen um ihre Leistung den Schiedsrichtern und ihren Assistenten zunehmend an den Nerven zehren. Keine Frage, die Unparteiischen haben es schwer: Nach den öffentlichen Auseindersetzungen um Abseits, Simulieren und Fersehurteilen, zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea, sind sie zunehmend dünnhäutiger geworden. Doch mußte es ihnen nach den vielen Vorurteilen und Urteilen, die mitunter weniger vom Kopf her als aus dem Bauch heraus gefällt wurden und, je nach Stammtisch, zu verschiedenen Ergebnissen führten, nicht um mehr Sachlichkeit in der Auseinandersetzung gelegen sein? Der soignierte Herr Strigel stand Woche für Woche für Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Fairneß.

Doch Aufklärer haben es schwer, das weiß man nicht erst, seit Oswalt Kolle seine sexualpädagogischen Werke unter das Volk brachte und bei einigen Interessensgruppen aneckte. Eine Rolle wie Kolle hätte Strigel ansatzweise einnehmen können im Fernsehfußball, der in den vergangenen Jahren mit sogenannten Experten geradezu überschwemmt wurde. Doch in der Konsensgesellschaft goutiert man mehr die erste Bürgerpflicht, die Ruhe heißt, als die Auseinandersetzung.

Strigel war sich bei seinen Fernsehaufritten der "Gratwanderung" durchaus bewußt. Lob und Tadel für seine Analysen, das kennt der DFB-Lehrwart längst. Obwohl Erklärung und Aufklärung bei ihm stets im Vordergrund standen - und niemals die Kritik um ihrer selbst willen. Seit Jahren beschreibt Strigel umstrittene Entscheidungen aus Fernseh-Fußballspielen in der Schiedsrichter-Zeitung, damit alle Beteiligte die offizielle Meinung des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses dazu erfahren. Auch dafür bekam Strigel Schelte, mitunter sogar anonyme, als ihm in einer Zuschrift einmal "Gesülze" vorgeworfen wurde. Damals antwortete der DFB-Lehrwart, er sei "für positive oder negative Kritik dankbar, nur dadurch können Verbesserungen erreicht werden". Das Ende seiner Tätigkeit, die von Fernsehzuschauern als Fortbildungsmaßnahme anerkannt war, würde wohl auch Strigel nicht als Verbesserung empfinden.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann