Dabei hatte sich der grauhaarige Tuttlinger durch seine Analysen um die
Aufklärung der Fußballnation verdient gemacht; Millionen Fernsehzuschauer waren
für seine fachlich fundierten und sachlich vorgetragenen Beurteilungen dankbar -
doch die Schiedsrichter pfiffen drauf. Kritik, gerade jene aus den eigenen
Reihen, gilt vielen als Nestbeschmutzung. Vor allem, weil die anhaltenden
Diskussionen um ihre Leistung den Schiedsrichtern und ihren Assistenten
zunehmend an den Nerven zehren. Keine Frage, die Unparteiischen haben es schwer:
Nach den öffentlichen Auseindersetzungen um Abseits, Simulieren und
Fersehurteilen, zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea, sind
sie zunehmend dünnhäutiger geworden. Doch mußte es ihnen nach den vielen
Vorurteilen und Urteilen, die mitunter weniger vom Kopf her als aus dem Bauch
heraus gefällt wurden und, je nach Stammtisch, zu verschiedenen Ergebnissen
führten, nicht um mehr Sachlichkeit in der Auseinandersetzung gelegen sein? Der
soignierte Herr Strigel stand Woche für Woche für Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit
und Fairneß.
Doch Aufklärer haben es schwer, das weiß man nicht erst, seit Oswalt Kolle
seine sexualpädagogischen Werke unter das Volk brachte und bei einigen
Interessensgruppen aneckte. Eine Rolle wie Kolle hätte Strigel ansatzweise
einnehmen können im Fernsehfußball, der in den vergangenen Jahren mit
sogenannten Experten geradezu überschwemmt wurde. Doch in der
Konsensgesellschaft goutiert man mehr die erste Bürgerpflicht, die Ruhe heißt,
als die Auseinandersetzung.
Strigel war sich bei seinen Fernsehaufritten der "Gratwanderung" durchaus
bewußt. Lob und Tadel für seine Analysen, das kennt der DFB-Lehrwart längst.
Obwohl Erklärung und Aufklärung bei ihm stets im Vordergrund standen - und
niemals die Kritik um ihrer selbst willen. Seit Jahren beschreibt Strigel
umstrittene Entscheidungen aus Fernseh-Fußballspielen in der
Schiedsrichter-Zeitung, damit alle Beteiligte die offizielle Meinung des
DFB-Schiedsrichter-Ausschusses dazu erfahren. Auch dafür bekam Strigel Schelte,
mitunter sogar anonyme, als ihm in einer Zuschrift einmal "Gesülze" vorgeworfen
wurde. Damals antwortete der DFB-Lehrwart, er sei "für positive oder negative
Kritik dankbar, nur dadurch können Verbesserungen erreicht werden". Das Ende
seiner Tätigkeit, die von Fernsehzuschauern als Fortbildungsmaßnahme anerkannt
war, würde wohl auch Strigel nicht als Verbesserung empfinden.