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| Voll gefordert: Schiedsrichter Hellmut Krug.
Bild: dpa |
Autor:
Frank Hellmann
8. Okt. 2002 Das Gelächter hinter den verschlossenen Türen des
Tagungsraumes "Fulda" war noch auf den Gängen des Landessportbundes Hessen zu
hören. Mitunter fröhlich ging es in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt zu.
"Wir verstehen uns gut und harmonieren in der Gruppe", erklärt Schiedsrichter
Edgar Steinborn die gute Stimmung, die die Referees des Deutschen Fußball-Bundes
(DFB) regelmäßig bei ihren Zusammenkünften verbreiten.
Dabei hatten
Volker Roth, der Vorsitzende des DFB-Schiedsrichterausschuss, und Eugen Strigel,
der DFB-Lehrwart, ernsthafte Themen bei der turnusmäßigen Sitzung zu besprechen.
Denn mit der Harmonie zwischen Schiedsrichter und Assistent war es zuletzt nicht
immer zum Besten bestellt, was wiederum auf die allgemeine Stimmungslage beim
Fußball-Volk geschlagen war.
Rot für Kahn
Da beließ es Hellmut Krug beim gelben
Karton für den würgenden Münchner Nationaltorwart Oliver Kahn, obwohl eine Woche
später der Hannoveraner Nobody Diame Diouf für einen ähnlichen Griff an die
Kehle von Sebastian Kehl Rot sah. Und im selben Spiel war Schiedsrichter Hermann
Albrecht Zielscheibe von Zorn und Kritik, weil sein Assistent Guiseppe Palilla
ein angebliches Handspiel des später erzürnten Verteidigers Diouf anzeigte.
Beide Fälle gehörten zu 33
Präzendenzfällen, die am Dienstag per Video vor 66 Schiedsrichtern und
Assistenten aufgearbeitet und analysiert wurde. Roth und Strigel traten dabei
nicht als Oberlehrer auf, sondern suchten den Dialog mit den Beschuldigten.
Vorweg: In beiden Fällen zeigten sich die Unparteiischen geständig. Im Fall Kahn
hätte es die Rote Karte geben müssen, "zumindest aus dem Blickwinkel der Tribüne
und der Fernsehkameras", sagt Steinborn.
Rüffel von Roth
Der 45-Jährige, seit 27 Jahren an der
Pfeife, mit der Erfahrung aus 174 Bundesligaspielen, wirbt um Verständnis. "Wir
haben unten auf dem Rasen einen ganz anderen Blickwinkel. Oft versperren Spieler
die Sicht, oft wirkt die Szene ganz anders."
Solche mildernde Umstände gelten beim
Handspiel in Hannover nicht. "Das war ein Fehler und nicht in Ordnung. Der Ball
ging im Schulterbereich an die Brust und nicht an die Hand", monierte Strigel.
Belehrung vom Lehrwart: "Geht der Ball zur Hand, liegt keine Absicht vor."
Palilla rechtfertigte zwar seinen Patzer, einen Rüffel von Roth gab es trotzdem.
Albrecht sei durch den Assistenten zu einer Fehlentscheidung animiert worden.
Forsches von Krug
"So etwas darf sich nicht wiederholen",
forderte Roth. Seine Warnung an die Aushängeschilder von rund 80.000
Schiedsrichtern in Deutschland: "Wer dem Druck nicht Stand hält, passt da nicht
hin." Vor allem den Schiedsrichter-Assistenten galt diese Botschaft. Sie sollen
mehr laufen, sich besser stellen und mehr entscheiden. "Sie brauchen mehr Mut",
mahnt Roth. Was der Schiedsrichter-Chef jedoch in der bisherigen
Bundesliga-Saison nicht beobachtet: mehr Fehler als früher bei den
Schiedsrichtern.
Für Fifa-Mann Krug urteilen die Gespanne
in der Gesamtheit anständig. "Wir sind die selbstkritischsten Vertreter in der
gesamten Liga. Wenn die Spieler nur annähernd so wenige Fehler machen würden wie
wir, wäre das Niveau erheblich besser."
Forsche Töne des Pfeifenmannes, der keine
Fehlerhäufung sieht. "Leider werden unsere Fehler im Fernsehen mehr in den
Vordergrund gestellt, weil weniger der Sport und mehr die vermeintliche
Sensation am Rande interessiert."
Ein Spielball der Medien?
Ohnehin haben die DFB-Schiedsrichter ein
gespaltenes Verhältnis zum Fernsehen. "Wir sind ein Spielball der Medien",
moniert Steinborn. Was seiner Zunft deshalb in der Vorsaison missfiel: Dass ihr
Lehrwart Eugen Strigel im ZDF-Sportstudio beim "Pfiff des Tages" Kollegenschelte
vor einem Millionenpublikum betrieb.
Auf Willen der Pfeifenmänner gab Strigel
seinen Samstagabend-Job wieder auf - zum Unwillen der Fernsehmacher. Steinborn:
"Mit jedem Pfiff hast du 50 Prozent der Beteiligten gegen dich. Wir haben Druck
genug."
Laien urteilen
Erzeugt werde der nach Ansicht der
Unparteiischen vor allem durch das Fernsehen. Eine Parteinahme wie beim
Privatsender Sat.1 verärgert die Zunft. Falsche Einschätzungen würden da häufig
vermittelt, bemängelt Krug. "Manchmal urteilen im Fernsehen Laien, die noch nie
ins Regelheft geschaut haben", klagt Steinborn und schließt manchen Spieler und
Trainer in die Gruppe der Ahnungslosen ein.
Kann sich einer vorstellen, wie schnell
der Fußball der Moderne ohne Superzeitlupe in Wirklichkeit ist? "Das geht alles
rasend schnell, und wir sehen das nur einmal", sagt Steinborn. Er hat aus der
jüngsten Sitzung ein Motto mitgenommen: noch mehr konzentrieren, noch besser
positionieren.
Rückendeckung durch die Fifa
Sein Plädoyer: "Wir sind auch nur
Menschen und machen Fehler. Wir wollen aber aus unseren Fehlern lernen." Was sie
nicht wollen: Vom Fernsehen vorgeführt zu werden oder womöglich wie im Eishockey
erst anhand von Fernsehbildern zu entscheiden.
Bei der distanzierten Haltung in Sachen
TV ist die Rückendeckung durch den Weltverband Fifa den deutschen
Schiedsrichtern nur recht. Präsident Sepp Blatter lehnt den Fernsehbeweis strikt
ab. Diesen darf und wird es mit der Fifa nicht geben.
"Das finde ich richtig", sagt Roth. Die
fröhliche Videostunde mit seinen Schiedsrichtern ist deshalb ja nicht
verboten.
Text: @hel Bildmaterial: dpa
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