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Schiedsrichter | Kritik | Fußball

 

 

Die große Debatte im Herbst 2002 - Teil XI

 

 

Der vierte Mann soll helfen

Eugen Strigel: Der 52-Jährige pfiff von 1985 bis 1995 Spiele der Fußball-Bundesliga und ist derzeit Schiedsrichter-Lehrwart des DFB

Mayer-Vorfelder fordert mehr Respekt: Ein vierter Schiedsrichter soll helfen

 

 

FAZ.net / Von Frank Hellmann, Gelsenkirchen
 
18. November 2002 Die beiden Bosse hatten es sich am Montag im Kaminzimmer des Mercure Hotel Goldschmieding in Castrop-Rauxel bequem gemacht. Das Gespräch unter Männern war längst überfällig: Gerhard Mayer-Vorfelder und Volker Roth hatten Dringendes zu besprechen.

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes und der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses haben sich bereits darauf verständigt, was nach einer ausgesuchten Herrenrunde am Mittwoch endgültig beschlossen und verkündigt werden soll.

Handlungsbedarf nach Herrenrunde

In Gelsenkirchen sollen vor dem Länderspiel gegen die Niederlande neben Roth und Mayer-Vorfelder auch Lehrwart Eugen Strigel, die Fifa-Referees Markus Merk und Hellmut Krug als auch renommierte Manager wie Rudi Assauer und Reiner Calmund an einem „runden Tisch“ zusammenkommen, um künftig das Lamentieren und Protestieren auf der Bundesliga-Bühne wieder auf ein Normalmaß zu reduzieren.

„Handlungsbedarf ist dringend erforderlich“, meint Mayer-Vorfelder, „so kann es nicht weitergehen.“ Die Zusammenkunft fast aller Beteiligten - nur die Profis fehlen - soll nicht nur dem Meinungs- und Erfahrungsaustausch. Entgegen sonstigen Gepflogenheit soll am Mittwoch bereits ein konkretes Ergebnis verkündet werden. Welches offensichtlich bereits feststeht: Der vierte Schiedsrichter muss her.

Schlimme Auswüchse in Italien

„Es ist mir unerklärlich, dass es den nicht bereits gibt“, sagt Rudi Völler. Der DFB-Teamchef mit Italien-Erfahrung hält das für sehr hilfreich, warnt aber vor übertriebenen Erwartungen: „Fehlentscheidungen wird es trotzdem geben“. Dennoch geht Roth mit Völler konform. „Diese Maßnahme hat sich in Italien, Frankreich oder England bewährt.“

Der vierte Unparteiische, auch im internationalen Wettbewerben längst Usus, wird dann über vernünftiges Benehmen auf den Trainerbänken wachen, Gemüter beruhigen und Assistenten schützen. Die Mehrkosten dieses Mannes, darüber besteht offensichtlich Einigkeit, müssen die Clubs tragen. Rund 1,4 Millionen Euro würde die Zusatzmaßnahme kosten.

Kampf der Hetzjagd

„Die Hetzjagden müssen aufhören“, fordert Mayer-Vorfelder, der empfiehlt, dass „sich alle Parteien wieder mehr des Respekts befleißigen". Doch derlei Appelle hatten in der Vorwoche verschiedene Würdenträger und allen voran bereits Franz Beckenbauer gehalten - genützt hat es nichts.

Allein an diesem Wochenende wurden sechs Sünder vom Platz gestellt. Wegen Tretens und Schubsens, wegen Stoßens und einmal gar wegen Kletterns auf den Zaun. Dafür werden die Referees beschimpft und bepöbelt, was selbst Jungprofi Arne Friedrich ungerecht findet. „Das sind auch nur Menschen und da pfeift bestimmt keiner absichtlich falsch.“

Das englische Vorbild

Also gilt es das Fehlverhalten der Akteure anzuprangern. Das Motzen und Meckern mittels eiliger Maßnahmen einzuschränken. Denn der „nicht erträgliche Zustand“ (Mayer-Vorfelder) wird - medial aufbereitet - zum aktuellsten Problem des deutschen Fußballs erklärt. Für Fernando Meiras (VfB Stuttgart) Rote Karte hat selbst der Teamchef kein Verständnis, „aber glauben sie mir“, erklärt Rudi Völler, „die Fehlentscheidungen sind in Italien noch drei Mal schlimmer.“ In der Serie A hallen nicht nur falsche Pfiffe über den Platz sondern geistern stets Bestechungsvorwürfe mit jeder Fehlentscheidung durch die Stadien. Völler: „Das ist dort viel extremer.“

Was Oliver Bierhoff bestätigen kann: „Wenn Alessandro del Piero fällt, gibt es dort schon mal eher Elfmeter.“ Und wenn die großen Vereine zu verlieren drohen auch. Folge: Präsidenten drohen mit Rücktritten, Zeitungen enthüllen Verschwörungen. „Unsere Schiedsrichter sind gut“, sagt Völler deshalb und appelliert ans englische Fairplay. „Wenn einer in England eine Rote Karte kriegt, dann nickt er, gibt dem Schiedsrichter die Hand und geht in die Kabine.“

Wie der vierte Mann an der Außenlinie den Spielern auf dem Platz Fairplay vermitteln soll, bleibt allerdings fraglich. Da erscheint die von Beckenbauer geforderte Härte gegen die Profis eher als das geeignete Mittel, um den nötigen Respekt vor den Referees zu wahren.

Bruchhagen skeptisch

Auch Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, äußerte Zweifel. „Ich bin der Meinung, dass der vierte Mann nichts bringt. Dann brauchen wir auch noch einen Fünften, um den Schiedsrichter in der Halbzeit von den Medien abzuschirmen und den Sechsten für den Nachhauseweg.“

Text: @hel
Bildmaterial: dpa

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann