FAZ.net / Von Frank Hellmann, Gelsenkirchen 18. November 2002 Die beiden Bosse
hatten es sich am Montag im Kaminzimmer des Mercure Hotel Goldschmieding in
Castrop-Rauxel bequem gemacht. Das Gespräch unter Männern war längst überfällig:
Gerhard Mayer-Vorfelder und Volker Roth hatten Dringendes zu besprechen.
Der Präsident
des Deutschen Fußball-Bundes und der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses
haben sich bereits darauf verständigt, was nach einer ausgesuchten Herrenrunde
am Mittwoch endgültig beschlossen und verkündigt werden soll.
Handlungsbedarf nach Herrenrunde
In Gelsenkirchen sollen vor dem
Länderspiel gegen die Niederlande neben Roth und Mayer-Vorfelder auch Lehrwart
Eugen Strigel, die Fifa-Referees Markus Merk und Hellmut Krug als auch
renommierte Manager wie Rudi Assauer und Reiner Calmund an einem „runden Tisch“
zusammenkommen, um künftig das Lamentieren und Protestieren auf der
Bundesliga-Bühne wieder auf ein Normalmaß zu reduzieren.
„Handlungsbedarf ist dringend
erforderlich“, meint Mayer-Vorfelder, „so kann es nicht weitergehen.“ Die
Zusammenkunft fast aller Beteiligten - nur die Profis fehlen - soll nicht nur
dem Meinungs- und Erfahrungsaustausch. Entgegen sonstigen Gepflogenheit soll am
Mittwoch bereits ein konkretes Ergebnis verkündet werden. Welches offensichtlich
bereits feststeht: Der vierte Schiedsrichter muss her.
Schlimme Auswüchse in Italien
„Es ist mir unerklärlich, dass es den
nicht bereits gibt“, sagt Rudi Völler. Der DFB-Teamchef mit Italien-Erfahrung
hält das für sehr hilfreich, warnt aber vor übertriebenen Erwartungen:
„Fehlentscheidungen wird es trotzdem geben“. Dennoch geht Roth mit Völler
konform. „Diese Maßnahme hat sich in Italien, Frankreich oder England bewährt.“
Der vierte Unparteiische, auch im
internationalen Wettbewerben längst Usus, wird dann über vernünftiges Benehmen
auf den Trainerbänken wachen, Gemüter beruhigen und Assistenten schützen. Die
Mehrkosten dieses Mannes, darüber besteht offensichtlich Einigkeit, müssen die
Clubs tragen. Rund 1,4 Millionen Euro würde die Zusatzmaßnahme kosten.
Kampf der Hetzjagd
„Die Hetzjagden müssen aufhören“, fordert
Mayer-Vorfelder, der empfiehlt, dass „sich alle Parteien wieder mehr des
Respekts befleißigen". Doch derlei Appelle hatten in der Vorwoche verschiedene
Würdenträger und allen voran bereits Franz Beckenbauer gehalten - genützt hat es
nichts.
Allein an diesem Wochenende wurden sechs
Sünder vom Platz gestellt. Wegen Tretens und Schubsens, wegen Stoßens und einmal
gar wegen Kletterns auf den Zaun. Dafür werden die Referees beschimpft und
bepöbelt, was selbst Jungprofi Arne Friedrich ungerecht findet. „Das sind auch
nur Menschen und da pfeift bestimmt keiner absichtlich falsch.“
Das englische Vorbild
Also gilt es das Fehlverhalten der
Akteure anzuprangern. Das Motzen und Meckern mittels eiliger Maßnahmen
einzuschränken. Denn der „nicht erträgliche Zustand“ (Mayer-Vorfelder) wird -
medial aufbereitet - zum aktuellsten Problem des deutschen Fußballs erklärt. Für
Fernando Meiras (VfB Stuttgart) Rote Karte hat selbst der Teamchef kein
Verständnis, „aber glauben sie mir“, erklärt Rudi Völler, „die
Fehlentscheidungen sind in Italien noch drei Mal schlimmer.“ In der Serie A
hallen nicht nur falsche Pfiffe über den Platz sondern geistern stets
Bestechungsvorwürfe mit jeder Fehlentscheidung durch die Stadien. Völler: „Das
ist dort viel extremer.“
Was Oliver Bierhoff bestätigen kann:
„Wenn Alessandro del Piero fällt, gibt es dort schon mal eher Elfmeter.“ Und
wenn die großen Vereine zu verlieren drohen auch. Folge: Präsidenten drohen mit
Rücktritten, Zeitungen enthüllen Verschwörungen. „Unsere Schiedsrichter sind
gut“, sagt Völler deshalb und appelliert ans englische Fairplay. „Wenn einer in
England eine Rote Karte kriegt, dann nickt er, gibt dem Schiedsrichter die Hand
und geht in die Kabine.“
Wie der vierte Mann an der Außenlinie den
Spielern auf dem Platz Fairplay vermitteln soll, bleibt allerdings fraglich. Da
erscheint die von Beckenbauer geforderte Härte gegen die Profis eher als das
geeignete Mittel, um den nötigen Respekt vor den Referees zu wahren.
Bruchhagen skeptisch
Auch Heribert Bruchhagen, Geschäftsführer
der Deutschen Fußball-Liga, äußerte Zweifel. „Ich bin der Meinung, dass der
vierte Mann nichts bringt. Dann brauchen wir auch noch einen Fünften, um den
Schiedsrichter in der Halbzeit von den Medien abzuschirmen und den Sechsten für
den Nachhauseweg.“
Text: @hel Bildmaterial:
dpa
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