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Schiedsrichter | Kritik | Fußball

 

 

Die große Debatte im Herbst 2002 - Hintergrundbericht aus Rheinland-Pfalz

 

 

Steinborn: "Da gilt es, die Contenance zu bewahren"

Bild des Monats

Edgar Steinborn aus Sinzig: Ein Schiedsrichter mit kühlem Kopf und unbändiger Lust am Fußball. Foto: Niebergall

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Bundesliga- Referee aus Sinzig beklagt mangelnden Respekt bei den Profis, hat die Lust am Fußball aber nicht verloren

SINZIG. Man stelle sich vor: Bayern München ist deutscher Fußballmeister, und zum anschließenden Gruppenfoto wird der Schiedsrichter mit seinem Gespann hinzugerufen. Unmöglich in Deutschland, denn der Schiri sähe sich sofort Bestechlichkeitsvorwürfen ausgesetzt. Doch genau das passierte dem Westumer Edgar Steinborn jüngst in Korea, wo er zusammen mit seinem Kollegen Lutz- Michael Fröhlich auf Einladung des koreanischen Verbandes "die Endrunde der Meisterschaft reibungslos über die Bühne" brachte. Doch was in Fußball- Entwicklungsländern - trotz Profi- Ligen - als Verbundenheit aller Akteure auf dem Feld gilt, ist in Deutschland suspekt. Die Schiedsrichter stehen am Pranger. Steinborn, der seit 1976 - "weil ich Fußballer mit Leib und Seele bin" - Schiri ist und seit 1985 im Profifußball pfeift, meint: "Dabei genießen wir im internationalen Vergleich hohes Ansehen. Aber wie so oft: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land." Im Gespräch mit unserer Zeitung nahm der Referee, der jetzt nach Erreichen der Altersgrenze von 45 Jahren seine internationale Laufbahn beendet hat, der Bundesliga aber noch bis Ende der nächsten Spielzeit erhalten bleibt, Stellung zur Problematik im deutschen Schiedsrichterwesen.

Das, was sich auf Deutschlands Fußballfeldern abspielt, geht vielfach unter die Gürtellinie. Dabei wollen Sie, wie Sie sagen, das Gleiche wie die Sportler: Als Mensch geachtet werden. Ist das momentan überhaupt noch gegeben?

Das Miteinander in der Bundesliga stagniert fraglos. Aber durch unterschiedliche Spielerstrukturen in den Vereinen findet der Schiedsrichter ja heute teilweise auch kaum noch Spieler, mit denen er sich unterhalten kann, da sie unserer Sprache nicht mächtig sind. Früher, mit Spielern wie Pierre Littbarski zum Beispiel, konnte der Schiedsrichter kommunizieren, ohne drastisch werden zu müssen. Der Litti hat's auch so verstanden. Heute verläuft der Dialog umgekehrt, um den Schiri in die Defensive zu drängen. Ich will das Spiel in geordneten Bahnen lenken. Doch je größer das Fehlverhalten des Spielers, desto schärfer werden die verbalen Attacken. Da hilft nur eins: Contenance bewahren.

Sie drücken sich sehr höflich aus . . .

Klar, ich sprach von Contenance. Die Dialoge, die zwischen Spieler und Schiri oft abgehen, sind emotionsgeladen und nicht druckreif. Ich versuche da einfach, angemessen zu reagieren, denn wenn wir in der gleichen Weise zurückzahlen würden, gäb's Sportgerichtsprozesse ohne Ende. Diese gemäßigte Reaktion gehört zu unserer Aufgabe als Schiedsrichter.

Die Süddeutsche Zeitung titelte in einem Kommentar: "Die ärmste Sau". Ist der Schiedsrichter wirklich in dieser Rolle?

So sehe ich das nicht. Es ist einfach so, wie mein Beispiel vom Wochenende mit dem Dortmunder Lars Ricken zeigt. Der kassierte wegen Überreaktion gegenüber mir und seinem Gegenspieler die Gelbe Karte und trat dann in der Öffentlickeit nach, indem er behauptete, meine Assistenten und ich hätten lachend vermeintliche Fehlentscheidungen gefeiert. Das ist heute die Art, wie wir miteinander umgehen.

Was dann durch die Medien publiziert wird?

Das ist die andere Schiene. Sicherlich sehr interessant für den Journalisten, dem die Vorgeschichte unbekannt ist und der einen Spieler dann unfair, unwahr und gedankenlos ins Mikrofon lospoltern lässt. Die Spieler sollten so verfahren wie wir. Nämlich sich erst dann unterhalten, wenn sie sich geduscht und abgekühlt haben.

Bayern- Vize Karl- Heinz Rummenigge bekam jetzt in Gelsenkirchen seinen "runden Tisch" mit Spielern, Trainern und Schiedsrichtern. Was halten Sie davon?

Sicherlich kann man über die Problematik in einem solchen Kreis reden. Aber da fehlen dann die Journalisten, die immer wieder versuchen werden, die Emotionen nach Spielende zu vermarkten. Ich sehe jedoch in unserem schnelllebigen Medienzeitalter keine Möglichkeiten, das Rad wieder zurückzudrehen. Mit Verboten ist nichts zu erreichen. Das alles ist eine Frage der Disziplin und Selbstdisziplin.

Die Vereine haben vor Saisonbeginn versprochen, die Spieler zu disziplinieren. Ohne Erfolg. Wo sehen Sie die Gründe?

Einmal in dem Erfolgsdruck, unter dem die Spieler heute stehen. Und damit verbunden in den Vereinen, denen - trotz anders lautender Aussagen - jedes Mittel recht ist, Schwachstellen für sportlichen Misserfolg zu suchen und entschuldigend aufzuführen. Und die erste Schwachstelle ist nun mal der Schiedsrichter.

Der vierte Schiedsrichter wird nun als Allheilmittel propagiert. Welche Rolle kann der überhaupt spielen?

Der vierte Mann wird auf dem Spielfeld überhaupt keine Probleme lösen, und neu ist der auch nicht. Den gibt es auch heute schon im internationalen Geschehen als Uefa- bzw Fifa- Beauftragten in der Coaching- Zone. Er wird nur - jetzt auch auf DFB-Ebene und mit größeren Befugnissen ausgestattet - am Spielfeldrand aktiv und hält ein waches Auge auf Auswechselbank und Trainer. Damit unterstützt er maßgeblich den ersten Schiedsrichterassistenten, der permanent in diesen Problemzonen wirken muss.

Es kommt also kein Supervisor?

Ein ganz klares Nein. Den wird's nicht geben. Denn dann wären wir von der Tatsachenentscheidung und damit im erweiterten Sinne auch vom Fußball weg.

Und was könnte ein Profischiedsrichter verbessern oder mehr bewirken?

Ich war ja jetzt in Korea eigentlich vier Wochen lang Profi. Selbst da konnte ich nicht mehr tun, als mich intensiv auf die Spiele vorbereiten. Trainieren, reisen und pfeifen muss der Profi wie der Amateur. Darüber hinaus beinhaltet das Wort Schiedsrichter den Richter- Begriff. Und der bedeutet eine Unabhängigkeit von der Materie, mit der er sich beschäftigt. Ein Profi- Schiedsrichter ist vom Fußball abhängig. Und das kann unterbewusst zu einem existenziellen Zwang, zum Beispiel vor Vertragsverlängerungen, führen. Und besser machen kann der Profi auch nichts, denn auch er hat bei seiner Spontan- Entscheidung keine fünf Kameras zur Verfügung, die die Szene aus verschiedenen Sichten durchleuchten. Dass das dann ausgeschlachtet wird, macht die ganze Sache momentan unfair.

Wirkt sich diese Unfairness heute bereits auf den Schiri- Nachwuchs aus?

Die negativen Umgangsformen werden von den Fernsehkameras bis auf die unterste Ebene übertragen, und was da abläuft, besonders in städtischen Bereichen, kann einem schon Angst machen. Und diese Angst führt vermehrt zu Rücktritten. Oder sie wirkt sich abschreckend auf potenzielle Anwärter aus.

Haben Sie unter diesen Umständen überhaupt noch Spaß an ihrem Auftrag?

Die Frage ist einfach zu beantworten: Ich habe Spaß, weil ich fußballbegeistert bin. Wenn mir diese Lust einmal genommen wird, dann muss ich sofort meine Pfeife an den Nagel hängen.

Die Fragen stellte Peter Armitter

Mainzer Rhein-Zeitung vom 30.11.2002, Seite 26

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann