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Der Bundesliga- Referee aus Sinzig beklagt
mangelnden Respekt bei den Profis, hat die Lust am Fußball aber nicht
verloren
SINZIG. Man stelle sich vor: Bayern München ist deutscher
Fußballmeister, und zum anschließenden Gruppenfoto wird der Schiedsrichter mit
seinem Gespann hinzugerufen. Unmöglich in Deutschland, denn der Schiri sähe sich
sofort Bestechlichkeitsvorwürfen ausgesetzt. Doch genau das passierte dem
Westumer Edgar Steinborn jüngst in Korea, wo er zusammen mit seinem Kollegen
Lutz- Michael Fröhlich auf Einladung des koreanischen
Verbandes "die Endrunde der Meisterschaft reibungslos über die Bühne" brachte.
Doch was in Fußball- Entwicklungsländern - trotz Profi-
Ligen - als Verbundenheit aller Akteure auf dem Feld gilt, ist in
Deutschland suspekt. Die Schiedsrichter stehen am Pranger. Steinborn, der seit
1976 - "weil ich Fußballer mit Leib und Seele bin" - Schiri ist und seit 1985 im
Profifußball pfeift, meint: "Dabei genießen wir im internationalen Vergleich
hohes Ansehen. Aber wie so oft: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land." Im
Gespräch mit unserer Zeitung nahm der Referee, der jetzt nach Erreichen der
Altersgrenze von 45 Jahren seine internationale Laufbahn beendet hat, der
Bundesliga aber noch bis Ende der nächsten Spielzeit erhalten bleibt, Stellung
zur Problematik im deutschen Schiedsrichterwesen.
Das, was sich auf Deutschlands Fußballfeldern abspielt, geht
vielfach unter die Gürtellinie. Dabei wollen Sie, wie Sie sagen, das Gleiche wie
die Sportler: Als Mensch geachtet werden. Ist das momentan überhaupt noch
gegeben?
Das Miteinander in der Bundesliga stagniert fraglos. Aber durch
unterschiedliche Spielerstrukturen in den Vereinen findet der Schiedsrichter ja
heute teilweise auch kaum noch Spieler, mit denen er sich unterhalten kann, da
sie unserer Sprache nicht mächtig sind. Früher, mit Spielern wie Pierre
Littbarski zum Beispiel, konnte der Schiedsrichter kommunizieren, ohne drastisch
werden zu müssen. Der Litti hat's auch so verstanden. Heute verläuft der Dialog
umgekehrt, um den Schiri in die Defensive zu drängen. Ich will das Spiel in
geordneten Bahnen lenken. Doch je größer das Fehlverhalten des Spielers, desto
schärfer werden die verbalen Attacken. Da hilft nur eins: Contenance
bewahren.
Sie drücken sich sehr höflich aus . . .
Klar, ich sprach von Contenance. Die Dialoge, die zwischen Spieler
und Schiri oft abgehen, sind emotionsgeladen und nicht druckreif. Ich versuche
da einfach, angemessen zu reagieren, denn wenn wir in der gleichen Weise
zurückzahlen würden, gäb's Sportgerichtsprozesse ohne Ende. Diese gemäßigte
Reaktion gehört zu unserer Aufgabe als Schiedsrichter.
Die Süddeutsche Zeitung titelte in einem Kommentar: "Die ärmste
Sau". Ist der Schiedsrichter wirklich in dieser Rolle?
So sehe ich das nicht. Es ist einfach so, wie mein Beispiel vom
Wochenende mit dem Dortmunder Lars Ricken zeigt. Der kassierte wegen
Überreaktion gegenüber mir und seinem Gegenspieler die Gelbe Karte und trat dann
in der Öffentlickeit nach, indem er behauptete, meine Assistenten und ich hätten
lachend vermeintliche Fehlentscheidungen gefeiert. Das ist heute die Art, wie
wir miteinander umgehen.
Was dann durch die Medien publiziert wird?
Das ist die andere Schiene. Sicherlich sehr interessant für den
Journalisten, dem die Vorgeschichte unbekannt ist und der einen Spieler dann
unfair, unwahr und gedankenlos ins Mikrofon lospoltern lässt. Die Spieler
sollten so verfahren wie wir. Nämlich sich erst dann unterhalten, wenn sie sich
geduscht und abgekühlt haben.
Bayern- Vize Karl- Heinz
Rummenigge bekam jetzt in Gelsenkirchen seinen "runden Tisch" mit Spielern,
Trainern und Schiedsrichtern. Was halten Sie davon?
Sicherlich kann man über die Problematik in einem solchen Kreis
reden. Aber da fehlen dann die Journalisten, die immer wieder versuchen werden,
die Emotionen nach Spielende zu vermarkten. Ich sehe jedoch in unserem
schnelllebigen Medienzeitalter keine Möglichkeiten, das Rad wieder
zurückzudrehen. Mit Verboten ist nichts zu erreichen. Das alles ist eine Frage
der Disziplin und Selbstdisziplin.
Die Vereine haben vor Saisonbeginn versprochen, die Spieler zu
disziplinieren. Ohne Erfolg. Wo sehen Sie die Gründe?
Einmal in dem Erfolgsdruck, unter dem die Spieler heute stehen. Und
damit verbunden in den Vereinen, denen - trotz anders lautender Aussagen - jedes
Mittel recht ist, Schwachstellen für sportlichen Misserfolg zu suchen und
entschuldigend aufzuführen. Und die erste Schwachstelle ist nun mal der
Schiedsrichter.
Der vierte Schiedsrichter wird nun als Allheilmittel propagiert.
Welche Rolle kann der überhaupt spielen?
Der vierte Mann wird auf dem Spielfeld überhaupt keine Probleme
lösen, und neu ist der auch nicht. Den gibt es auch heute schon im
internationalen Geschehen als Uefa- bzw Fifa- Beauftragten
in der Coaching- Zone. Er wird nur - jetzt auch auf
DFB-Ebene und mit größeren Befugnissen ausgestattet - am Spielfeldrand aktiv und
hält ein waches Auge auf Auswechselbank und Trainer. Damit unterstützt er
maßgeblich den ersten Schiedsrichterassistenten, der permanent in diesen
Problemzonen wirken muss.
Es kommt also kein Supervisor?
Ein ganz klares Nein. Den wird's nicht geben. Denn dann wären wir
von der Tatsachenentscheidung und damit im erweiterten Sinne auch vom Fußball
weg.
Und was könnte ein Profischiedsrichter verbessern oder mehr
bewirken?
Ich war ja jetzt in Korea eigentlich vier Wochen lang Profi. Selbst
da konnte ich nicht mehr tun, als mich intensiv auf die Spiele vorbereiten.
Trainieren, reisen und pfeifen muss der Profi wie der Amateur. Darüber hinaus
beinhaltet das Wort Schiedsrichter den Richter- Begriff.
Und der bedeutet eine Unabhängigkeit von der Materie, mit der er sich
beschäftigt. Ein Profi- Schiedsrichter ist vom Fußball
abhängig. Und das kann unterbewusst zu einem existenziellen Zwang, zum Beispiel
vor Vertragsverlängerungen, führen. Und besser machen kann der Profi auch
nichts, denn auch er hat bei seiner Spontan- Entscheidung
keine fünf Kameras zur Verfügung, die die Szene aus verschiedenen Sichten
durchleuchten. Dass das dann ausgeschlachtet wird, macht die ganze Sache
momentan unfair.
Wirkt sich diese Unfairness heute bereits auf den Schiri- Nachwuchs
aus?
Die negativen Umgangsformen werden von den Fernsehkameras bis auf
die unterste Ebene übertragen, und was da abläuft, besonders in städtischen
Bereichen, kann einem schon Angst machen. Und diese Angst führt vermehrt zu
Rücktritten. Oder sie wirkt sich abschreckend auf potenzielle Anwärter aus.
Haben Sie unter diesen Umständen überhaupt noch Spaß an ihrem
Auftrag?
Die Frage ist einfach zu beantworten: Ich habe Spaß, weil ich
fußballbegeistert bin. Wenn mir diese Lust einmal genommen wird, dann muss ich
sofort meine Pfeife an den Nagel hängen.
Die Fragen stellte Peter Armitter Mainzer Rhein-Zeitung vom 30.11.2002, Seite 26 |