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Schiedsrichter | Kritik | Fußball

 

 

Die große Debatte im Herbst 2002 - Hintergrundbericht aus Rheinland-Pfalz Teil III

 

 

"Selbstbewusstsein der Unparteiischen muss gestärkt werden"

Bild des Monats

Mike Pickel ärgert es, dass einige Medien den Fußball dazu benutzen, um Meinung zu machen. Foto: Vohl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Steht als Frau ihren Mann auf dem Platz: Schiedsrichterin Miriam Dräger. Foto: Hähn

 

So sehen Schiedsrichter aus dem Land den Verfall der Sitten im Fußball - Profis und schlecht geschulte Berichterstatter machen vor, wie es nicht geht

Eigentlich ist es ja gar keine Schiedsrichterdiskussion, die in den vergangenen Wochen entbrannt ist. Vielmehr stehen Gesten und Gebärden, der immer rauer werdende Ton im Umgang mit dem Unparteiischen auf dem gesellschaftlichen Prüfstand. Und auf einmal scheinen sogar jene, denen bis dato keine Beschimpfung in Richtung Referee wüst genug sein konnte, begriffen zu haben, dass es ohne Schiedsrichter nicht geht. Die Lage ist ernst: Immer mehr junge Unparteiische werfen die Pfeife verächtlich in die Ecke, weil ihnen schlicht und einfach kein Respekt mehr entgegengebracht wird. Dieser Meinung sind zumindest Zweitliga- Referee Mike Pickel (27) aus Ettringen, Miriam Dräger (21) aus Kirn- Sulzbach, die in der Frauen- Bundesliga und bei den Männern bis hoch zur Oberliga Spiele leitet, und Jörg Müller (29) aus dem Kreis Birkenfeld, ebenfalls Oberliga- Referee.

Die Auslöser für den Niedergang der Sitten bis hin in die Kreisligen und die Jugendklassen sind für Pickel, Dräger und auch Müller im Profibereich angesiedelt. Dort werde angesichts leerer Vereinskassen der kommerzielle Druck immer größer. Druck, der auf die Spieler übertragen wird. Ja, und dann sind da noch die Medien. Eine "undifferenzierte Berichterstattung in der Boulevardpresse", so Dräger, heize die Diskussion nur unnötig an. Und Mike Pickel beklagt nicht zuletzt die Art und Weise, wie im Fernsehen über das Ereignis Fußball- Bundesliga "weniger informiert, sondern schlichtweg Meinung gemacht wird." So meint der Ettringer: "Bei der ,ran'- Sendung in Sat.1 habe ich oft den Eindruck, dass Berichte auf den Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern aufgebaut werden, der sportliche Aspekt dagegen in den Hintergrund rückt." Für Müller mangelt es den Berichterstattern "insbesondere im Fernsehen oft an Sachverstand", so der Referee, der im täglichen Alltag als Polizist für Ruhe und Ordnung sorgt.

Volkes Meinung bekommen die Schiedsrichter dann eben auch sonntags bei den Partien im Amateurbereich um die Ohren gehauen. "Nach Spielen wie zuletzt der Partie der Dortmunder in Bayern ist es besonders schlimm", weiß Miriam Dräger von vielen ihrer Kollegen, die sich Verbalattacken "aus der untersten Schublade" (O-Ton Dräger) anhören und so manche Prügelandrohung gefallen lassen müssen. Aus eigener Erfahrung hat die 21- Jährige noch keine Bekanntschaft mit der "immer größer werdenden Gewaltbereitschaft" gemacht. "Ich spüre eigentlich nur wenig Veränderung im Vergleich zu den Vorjahren. Was wohl damit zusammenhängt, dass Spieler wie Zuschauer auf eine Frau anders reagieren. Da liegt die Hemmschwelle um einiges höher."

Für Mike Pickel ist es an der Zeit, etwas fürs Selbstbewusstsein der Schiedsrichter zu tun. "Wir sind doch oft nur das fünfte Rad am Wagen. Hier sind auch die Vereine gefordert. Und wenn es nur Kleinigkeiten sind, wie etwa die Tatsache, auch die Schiedsrichter zu den jeweiligen Weihnachtsfeiern einzuladen. Das ist noch längst nicht überall der Fall." In die Kerbe schlägt auch Jörg Müller. "Die Vereine brauchen mehr finanzielle Zuwendungen für das Schiedsrichterwesen. Aufgabe der Vereine wiederum ist es, die Unparteiischen in der Öffentlichkeit stark zu machen."

Übereinstimmend meinen alle drei, dass mehr Besonnenheit im Profi- Bereich auch den unteren Klassen gut tun würde. "Noch halten sich Beschimpfungen und Attacken auf den Schiedsrichter in Grenzen. Aber die allgemeine Unzufriedenheit im Land schlägt sich eben auch auf dem Fußballplatz nieder. So stehen wir vielleicht erst am Anfang einer unerfreulichen Entwicklung. Da gilt es, dagegenzuhalten." Ansonsten schwant Mike Pickel Böses: "Dann geht der Amateurfußball kaputt." Klaus Reimann

Mainzer Rhein-Zeitung vom 30.11.2002, Seite 27.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann