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So sehen Schiedsrichter aus dem Land den Verfall der Sitten im
Fußball - Profis und schlecht geschulte Berichterstatter machen vor, wie es
nicht geht
Eigentlich ist es ja gar keine Schiedsrichterdiskussion, die in den
vergangenen Wochen entbrannt ist. Vielmehr stehen Gesten und Gebärden, der immer
rauer werdende Ton im Umgang mit dem Unparteiischen auf dem gesellschaftlichen
Prüfstand. Und auf einmal scheinen sogar jene, denen bis dato keine Beschimpfung
in Richtung Referee wüst genug sein konnte, begriffen zu haben, dass es ohne
Schiedsrichter nicht geht. Die Lage ist ernst: Immer mehr junge Unparteiische
werfen die Pfeife verächtlich in die Ecke, weil ihnen schlicht und einfach kein
Respekt mehr entgegengebracht wird. Dieser Meinung sind zumindest
Zweitliga- Referee Mike Pickel (27) aus Ettringen, Miriam
Dräger (21) aus Kirn- Sulzbach, die in der Frauen- Bundesliga und bei den Männern bis hoch zur Oberliga Spiele
leitet, und Jörg Müller (29) aus dem Kreis Birkenfeld, ebenfalls Oberliga- Referee.
Die Auslöser für den Niedergang der Sitten bis hin in die Kreisligen
und die Jugendklassen sind für Pickel, Dräger und auch Müller im Profibereich
angesiedelt. Dort werde angesichts leerer Vereinskassen der kommerzielle Druck
immer größer. Druck, der auf die Spieler übertragen wird. Ja, und dann sind da
noch die Medien. Eine "undifferenzierte Berichterstattung in der
Boulevardpresse", so Dräger, heize die Diskussion nur unnötig an. Und Mike
Pickel beklagt nicht zuletzt die Art und Weise, wie im Fernsehen über das
Ereignis Fußball- Bundesliga "weniger informiert, sondern schlichtweg Meinung
gemacht wird." So meint der Ettringer: "Bei der ,ran'-
Sendung in Sat.1 habe ich oft den Eindruck, dass Berichte auf den
Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern aufgebaut werden, der sportliche Aspekt
dagegen in den Hintergrund rückt." Für Müller mangelt es den Berichterstattern
"insbesondere im Fernsehen oft an Sachverstand", so der Referee, der im
täglichen Alltag als Polizist für Ruhe und Ordnung sorgt.
Volkes Meinung bekommen die Schiedsrichter dann eben auch sonntags
bei den Partien im Amateurbereich um die Ohren gehauen. "Nach Spielen wie
zuletzt der Partie der Dortmunder in Bayern ist es besonders schlimm", weiß
Miriam Dräger von vielen ihrer Kollegen, die sich Verbalattacken "aus der
untersten Schublade" (O-Ton Dräger) anhören und so manche Prügelandrohung
gefallen lassen müssen. Aus eigener Erfahrung hat die 21-
Jährige noch keine Bekanntschaft mit der "immer größer werdenden
Gewaltbereitschaft" gemacht. "Ich spüre eigentlich nur wenig Veränderung im
Vergleich zu den Vorjahren. Was wohl damit zusammenhängt, dass Spieler wie
Zuschauer auf eine Frau anders reagieren. Da liegt die Hemmschwelle um einiges
höher."
Für Mike Pickel ist es an der Zeit, etwas fürs Selbstbewusstsein der
Schiedsrichter zu tun. "Wir sind doch oft nur das fünfte Rad am Wagen. Hier sind
auch die Vereine gefordert. Und wenn es nur Kleinigkeiten sind, wie etwa die
Tatsache, auch die Schiedsrichter zu den jeweiligen Weihnachtsfeiern einzuladen.
Das ist noch längst nicht überall der Fall." In die Kerbe schlägt auch Jörg
Müller. "Die Vereine brauchen mehr finanzielle Zuwendungen für das
Schiedsrichterwesen. Aufgabe der Vereine wiederum ist es, die Unparteiischen in
der Öffentlichkeit stark zu machen."
Übereinstimmend meinen alle drei, dass mehr Besonnenheit im
Profi- Bereich auch den unteren Klassen gut tun würde.
"Noch halten sich Beschimpfungen und Attacken auf den Schiedsrichter in Grenzen.
Aber die allgemeine Unzufriedenheit im Land schlägt sich eben auch auf dem
Fußballplatz nieder. So stehen wir vielleicht erst am Anfang einer
unerfreulichen Entwicklung. Da gilt es, dagegenzuhalten." Ansonsten schwant Mike
Pickel Böses: "Dann geht der Amateurfußball kaputt." Klaus Reimann Mainzer Rhein-Zeitung vom 30.11.2002, Seite 27. |