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Schiedsrichter beklagen raue Sitten auf den Fußballplätzen - Immer
weniger Unparteiische - Kritik am "Bloßstell-
Fernsehen"
Die Sitten verrohen im Umgang mit unseren Schiedsrichtern. Auf
zahlreichen Fußballplätzen von der Bundesliga bis zur Kreisklasse wird der 23.
Mann zum Freiwild für Fanatiker. Alarmierende Folge: Dem deutschen Fußball gehen
die Unparteiischen aus.
Am vorletzten Wochenende platzte Winfried Gerz der Kragen. So sehr
hatte sich der Schiri- Veteran aus dem Westerwald
geärgert, dass er einen dreiseitigen Brief an Rudolph Brückner verfasste, den
Moderator der "Doppelpass"- Talkrunde im Deutschen Sportfernsehen (DSF). Die
launigen, aber wenig sachlichen Äußerungen Brückners und seiner Mitdiskutanten
zu den umstrittensten Schiedrichter- Entscheidungen des Spieltages provozierten
Gerz' Protest: "Wenn Leute, die selbst noch nie ein Spiel geleitet haben, über
die Tätigkeiten von Schiris diskutieren, dann kommt mir das so vor, als ob
Atheisten als Fachleute für Gottesfragen heranzogen werden."
Gleichzeitig lud Gerz den DSF-Moderator ein, in seinem Fußballkreis
Westerwald/Wied an einem beliebigen Wochenende drei Spiele zu leiten - freitags
bei der A-Jugend, samstags bei den Alten Herren und sonntags ein Aktiven- Spiel
der Kreisliga. Dieses Angebot meint Gerz durchaus ernst, "damit Sie in Zukunft
korrekt und objektiv über die Schiedsrichter- Problematik
mitreden können."
Die Sorge des leidenschaftlichen Schiedsrichters, der in 35 Jahren
mehr als 3000 Spiele geleitet hat, gilt indes nicht in erster Linie den Kollegen
im Profigeschäft, die sich in der Regel selbst ganz gut verteidigen können. Die
Zustände in der "schmutzigen Bundesliga", wo jeder Spieler, Trainer oder Manager
glaubt, noch lange nach dem Schlusspfiff gegen den Unparteiischen verbal
nachtreten zu dürfen, wirken sich jedoch bis in die untersten Klassen aus. "Der
Respekt vor den Schiris geht immer mehr verloren", beklagt Gerz. "Wer sich Woche
für Woche von Männer mit roten Gesichtern und Bierflasche in der Hand auf das
Übelste beschimpfen lassen muss, der verliert bald die Lust an diesem Job."
Besonders alarmierend: Gerade der Nachwuchs geht verloren. Immer
jünger sind die Kandidaten, die die Vereine zur Schiri-
Prüfung anmelden. Von 106 Unparteiischen zwischen zehn und 25 Jahren, die
im Lauf des Jahres 2000 ihre Prüfung beim Fußballverband Rheinland ablegten,
haben bis zum 30. Juni 2002 nicht weniger als 59 schon wieder aufgegeben. "Da
bekomme ich einen Anruf von der Mutter, die ihren Sohn abmeldet, und im
Hintergrund höre ich den Jungen heulen", schildert Gerz, was längst kein
Einzelfall mehr ist. Im Schiri- Jahrgang 2001 haben von 66
Schiris dieser Altersgruppe immerhin 19 bis zur Jahresmitte 2002 die Pfeife
wieder abgegeben.
Wie kommt es, dass brave Bürger (und durchaus auch Bürgerinnen!)
immer wieder auf dem Spielfeld und drum herum ihre Kinderstube vergessen und
wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Fehlpfiffe regelrecht Amok laufen - mit
Worten, manchmal sogar handgreiflich?
Fehlerfrei waren Schiedsrichter noch nie, das liegt in der Natur der
Sache und wird von den Vertretern der schwarzen Zunft auch zugegeben. Schon
immer haben sich Spieler, Funktionäre und Fans empört, wenn sie sich
benachteiligt fühlten. Was es nach Gerz' Beobachtungen früher aber nicht gegeben
hat, ist das "miese Nachkarten": "Früher war nach dem Spiel alles
vergessen."
Schuld an dieser Entwicklung, da ist Gerz ganz sicher, sind die
Praktiken des "Bloßstell- Fernsehens", das jede Abseits-
oder Elfmeterentscheidung aus verschiedenen Kameraeinstellungen überprüft und so
die Schiris "zu Deppen der Nation abstempelt". Der Berufsstand gerät insgesamt
ins Zwielicht ("Viele müssen sich sogar am Arbeitsplatz oder in der Schule als
Blinde titulieren lassen"), und die Unparteiischen in den unteren Klassen dürfen
nicht einmal hoffen, dass die TV- Kameras ihren umstrittenen Pfiff hinterher als
korrekt entlarven.
Was muss geschehen? Winfried Gerz schlägt vor: "Wer wegen Meckerns
vom Platz fliegt, müsste eine vierwöchige Sperre bekommen - aber auf Bewährung.
In der Bewährungszeit hat er die Möglichkeit, die Strafe zu umgehen, wenn er
vier AH-Spiele pfeift. Ich garantiere Ihnen: Nach dem ersten Spiel würden die
meisten lieber ihre Sperre absitzen."
Die Vereine müssen Spieler und Zuschauer zu Respekt vor dem 23. Mann
anhalten und erziehen. Der Vereinsvorsitzende, der selbst vom Spielfeldrand den
Schiri anpöbelt, kann nicht hoffen, dass er begeisterte Freiwillige aus den
eigenen Reihen für den ungeliebten Job rekrutieren kann: "So sägen sich die
Vereine den Ast ab, auf dem sie sitzen."
Bei allen Emotionen, die das Lieblingsspiel der Deutschen auslöst,
trotz des enormen Drucks, der auf den Darstellern des Millionenspiels
Profifußball lastet, kann Winfried Gerz nicht einsehen, warum das Fair Play
gegenüber den Referees bei uns nicht so ausgeprägt ist wie in England: "Der
Pfiff des Schiedsrichters muss wieder heilig sein!" Nur ein frommer Wunsch?
P.S.: DSF-Moderator Brückner hat auf das Angebot von Winfried Gerz
noch nicht reagiert. Sollte der Fernsehmann tatsächlich als Schiedsricher im
Westerwald auftreten, werden wir Sie rechtzeitig informieren - wenn Sie
versprechen, die "Tatsachenentscheidungen" des Seiteneinsteigers zu
respektieren. Stefan Kieffer Mainzer Rhein-Zeitung vom 30.11.2002, Seite 27. |