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Schiedsrichter | Kritik | Fußball

 

 

Die große Debatte im Herbst 2002 - Hintergrundbericht aus Rheinland-Pfalz

 

 

"Der Pfiff muss wieder heilig sein"

Wort-Spiel

"Vom Job des Schiedsrichters haben viele Ahnung - das heißt, sie ahnen etwas. Wirkliche Kenntnisse haben nur die wenigsten."

Viele Kritiker, behauptet Gerz, sind gar nicht firm im Regelwerk.

 

 

 

 

 

Bild des Monats

Nationaltorwart Jens Lehmann, selbst meist ohne Fehler, diskutiert mit dem "blindesten Schiri, den ich je hatte". Die Folge: Platzverweis und 6000 Euro Geldstrafe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wort-Spiel

"Alle, die meinen, sie könnten es besser als die amtierenden Schiedsrichter, sollen sich melden. Sie werden alle dringend gebraucht."

Wie viele Kritiker wohl dem Aufruf von Winfried Gerz folgen?

 

 

 

 

 

 

Bild des Monats

Fußball- Schiedsrichter mit Leib und Seele: Winfried Gerz. Foto: Wolfgang Heil

 

Schiedsrichter beklagen raue Sitten auf den Fußballplätzen - Immer weniger Unparteiische - Kritik am "Bloßstell- Fernsehen"

Die Sitten verrohen im Umgang mit unseren Schiedsrichtern. Auf zahlreichen Fußballplätzen von der Bundesliga bis zur Kreisklasse wird der 23. Mann zum Freiwild für Fanatiker. Alarmierende Folge: Dem deutschen Fußball gehen die Unparteiischen aus.

Am vorletzten Wochenende platzte Winfried Gerz der Kragen. So sehr hatte sich der Schiri- Veteran aus dem Westerwald geärgert, dass er einen dreiseitigen Brief an Rudolph Brückner verfasste, den Moderator der "Doppelpass"- Talkrunde im Deutschen Sportfernsehen (DSF). Die launigen, aber wenig sachlichen Äußerungen Brückners und seiner Mitdiskutanten zu den umstrittensten Schiedrichter- Entscheidungen des Spieltages provozierten Gerz' Protest: "Wenn Leute, die selbst noch nie ein Spiel geleitet haben, über die Tätigkeiten von Schiris diskutieren, dann kommt mir das so vor, als ob Atheisten als Fachleute für Gottesfragen heranzogen werden."

Gleichzeitig lud Gerz den DSF-Moderator ein, in seinem Fußballkreis Westerwald/Wied an einem beliebigen Wochenende drei Spiele zu leiten - freitags bei der A-Jugend, samstags bei den Alten Herren und sonntags ein Aktiven- Spiel der Kreisliga. Dieses Angebot meint Gerz durchaus ernst, "damit Sie in Zukunft korrekt und objektiv über die Schiedsrichter- Problematik mitreden können."

Die Sorge des leidenschaftlichen Schiedsrichters, der in 35 Jahren mehr als 3000 Spiele geleitet hat, gilt indes nicht in erster Linie den Kollegen im Profigeschäft, die sich in der Regel selbst ganz gut verteidigen können. Die Zustände in der "schmutzigen Bundesliga", wo jeder Spieler, Trainer oder Manager glaubt, noch lange nach dem Schlusspfiff gegen den Unparteiischen verbal nachtreten zu dürfen, wirken sich jedoch bis in die untersten Klassen aus. "Der Respekt vor den Schiris geht immer mehr verloren", beklagt Gerz. "Wer sich Woche für Woche von Männer mit roten Gesichtern und Bierflasche in der Hand auf das Übelste beschimpfen lassen muss, der verliert bald die Lust an diesem Job."

Besonders alarmierend: Gerade der Nachwuchs geht verloren. Immer jünger sind die Kandidaten, die die Vereine zur Schiri- Prüfung anmelden. Von 106 Unparteiischen zwischen zehn und 25 Jahren, die im Lauf des Jahres 2000 ihre Prüfung beim Fußballverband Rheinland ablegten, haben bis zum 30. Juni 2002 nicht weniger als 59 schon wieder aufgegeben. "Da bekomme ich einen Anruf von der Mutter, die ihren Sohn abmeldet, und im Hintergrund höre ich den Jungen heulen", schildert Gerz, was längst kein Einzelfall mehr ist. Im Schiri- Jahrgang 2001 haben von 66 Schiris dieser Altersgruppe immerhin 19 bis zur Jahresmitte 2002 die Pfeife wieder abgegeben.

Wie kommt es, dass brave Bürger (und durchaus auch Bürgerinnen!) immer wieder auf dem Spielfeld und drum herum ihre Kinderstube vergessen und wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Fehlpfiffe regelrecht Amok laufen - mit Worten, manchmal sogar handgreiflich?

Fehlerfrei waren Schiedsrichter noch nie, das liegt in der Natur der Sache und wird von den Vertretern der schwarzen Zunft auch zugegeben. Schon immer haben sich Spieler, Funktionäre und Fans empört, wenn sie sich benachteiligt fühlten. Was es nach Gerz' Beobachtungen früher aber nicht gegeben hat, ist das "miese Nachkarten": "Früher war nach dem Spiel alles vergessen."

Schuld an dieser Entwicklung, da ist Gerz ganz sicher, sind die Praktiken des "Bloßstell- Fernsehens", das jede Abseits- oder Elfmeterentscheidung aus verschiedenen Kameraeinstellungen überprüft und so die Schiris "zu Deppen der Nation abstempelt". Der Berufsstand gerät insgesamt ins Zwielicht ("Viele müssen sich sogar am Arbeitsplatz oder in der Schule als Blinde titulieren lassen"), und die Unparteiischen in den unteren Klassen dürfen nicht einmal hoffen, dass die TV- Kameras ihren umstrittenen Pfiff hinterher als korrekt entlarven.

Was muss geschehen? Winfried Gerz schlägt vor: "Wer wegen Meckerns vom Platz fliegt, müsste eine vierwöchige Sperre bekommen - aber auf Bewährung. In der Bewährungszeit hat er die Möglichkeit, die Strafe zu umgehen, wenn er vier AH-Spiele pfeift. Ich garantiere Ihnen: Nach dem ersten Spiel würden die meisten lieber ihre Sperre absitzen."

Die Vereine müssen Spieler und Zuschauer zu Respekt vor dem 23. Mann anhalten und erziehen. Der Vereinsvorsitzende, der selbst vom Spielfeldrand den Schiri anpöbelt, kann nicht hoffen, dass er begeisterte Freiwillige aus den eigenen Reihen für den ungeliebten Job rekrutieren kann: "So sägen sich die Vereine den Ast ab, auf dem sie sitzen."

Bei allen Emotionen, die das Lieblingsspiel der Deutschen auslöst, trotz des enormen Drucks, der auf den Darstellern des Millionenspiels Profifußball lastet, kann Winfried Gerz nicht einsehen, warum das Fair Play gegenüber den Referees bei uns nicht so ausgeprägt ist wie in England: "Der Pfiff des Schiedsrichters muss wieder heilig sein!" Nur ein frommer Wunsch?

P.S.: DSF-Moderator Brückner hat auf das Angebot von Winfried Gerz noch nicht reagiert. Sollte der Fernsehmann tatsächlich als Schiedsricher im Westerwald auftreten, werden wir Sie rechtzeitig informieren - wenn Sie versprechen, die "Tatsachenentscheidungen" des Seiteneinsteigers zu respektieren. Stefan Kieffer

Mainzer Rhein-Zeitung vom 30.11.2002, Seite 27.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann