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Quelle: Bonner General-Anzeiger
vom 18.11.2002 Schiedsrichter Aust für höhere
Geldstrafen und den vierten Mann Noch nie standen die Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga dermaßen im
Blickpunkt wie in den vergangenen Wochen. Die Spieler fühlen sich falsch,
nämlich überheblich behandelt. Die Trainer schimpfen über fehlendes
Fingerspitzengefühl, und die Unparteiischen beklagen andererseits das verstärkte
Lamentieren und Schauspielern auf und neben dem Feld. Mit dem Kölner
Schiedsrichter Jürgen Aust (42), der seit 1991 in der
Bundesliga pfeift, sprach Hartmut Eickenberg.
GA: Herr Aust, wie würden Sie das Verhältnis
zwischen Schiedsrichtern und Spielern derzeit bezeichnen: Kriselt es?
JÜRGEN AUST: Ich würde es nicht Krise nennen. Ich
glaube, das Verhalten auf dem Platz ist Ausdruck einer großen Verunsicherung. So
etwas kannte ich bisher eigentlich nur zum Ende einer Saison, wenn es um die
internationalen Plätze ging. Was jetzt abläuft, hängt eng mit der angespannten
wirtschaftlichen Situation der Vereine zusammen. Spieler und Trainer stehen
unter immensem Erfolgsdruck - das macht sie für uns derzeit nicht berechenbar.
GA: Welche Veränderungen stellen Sie fest?
AUST: Inzwischen wird doch praktisch über jeden
Pfiff gemeckert, uns sogar Absicht unterstellt. Wir machen Fehler, natürlich,
aber wir tun das genauso wenig bewusst wie ein Stürmer, der neben das Tor
schießt. Was die Sache zusätzlich erschwert: Im Fernsehen werden fast alle
Entscheidungen per Zeitlupe geprüft. In der Nachbetrachtung wiegt dann der eine
Fehler mehr als die große Zahl der richtigen Entscheidungen.
GA: Im Fall des Cottbusers Christian Beeck fällt das Verständnis schwer. Dass
ein Spieler nach übermäßigem Torjubel vom Platz gestellt wird und Giovane Elber
eine Woche zuvor für seinen bösen Tritt gegen Lehmann Gelb sieht, kann man nicht
nachvollziehen.
AUST: Ich habe mich vor einer solchen
Entscheidung, wie sie Kollege Meyer in Cottbus treffen musste, immer gefürchtet.
Natürlich stimmt die Verhältnismäßigkeit im Vergleich zum Foul Elbers nicht.
Aber er hatte keine andere Wahl, er ist verpflichtet, diese FIFA-Anweisung
umzusetzen. Da hat er keinen Ermessensspielraum. Gut ist, dass nun über diese
Regel, über die wir alle nicht glücklich sind, diskutiert wird.
GA: Gibt es einen Unterschied zwischen dem Verhalten der Spieler in der
Bundesliga und auf internationaler Bühne?
AUST: Natürlich. In der Champions League sind
Spieler und Trainer in der Regel lammfromm. Da präsentieren sie sich schließlich
live einem Millionenpublikum. Außerdem straft die UEFA rigoros ab. Ein Trainer,
der an der Außenlinie motzt, wird zur Kasse gebeten. Härtere Geldstrafen bei
aggressivem Verhalten, das wäre auch ein Lösungsansatz für die Bundesliga.
GA: Der vierte Mann soll kommen. Hilft er weiter?
AUST: Vor der Saison habe ich gesagt: Den brauchen
wir nicht. Jetzt glaube ich: Er kann uns helfen. Vor allem der
Schiedsrichter-Assistent auf der Trainerbankseite würde entlastet, weil er sich
inzwischen immer häufiger mit den Provokationen, die von der Bank kommen,
beschäftigen muss. Das Problem: Der vierte Mann muss eine Autorität sein. Da
kann ich keinen aus der Regionalliga nehmen. So einen würde ein Herr Sammer nie
für voll nehmen.
GA: Ein Runder Tisch mit allen Beteiligten wird vielstimmig gefordert - kann
das die Lösung sein?
AUST: Wir setzen uns doch vor jeder Saison mit den
Vereinsvertretern zusammen. Wenn wir auseinandergehen, sind wir stets die besten
Freunde. Also: Die Zeit kann man sich sparen.
GA: Selbst Franz Beckenbauer schlägt sich öffentlich auf die Seite der
Schiedsrichter. Überrascht Sie das?
AUST: Man weiß schon, wie man das einzuschätzen
hat. Ich möchte nicht wissen, was er von sich gegeben hätte, wenn seine Bayern
gegen Dortmund wegen einer umstrittenen Entscheidung verloren hätten.
GA: Wie reagiert die Schiedsrichter-Basis auf die Diskussion?
AUST: Da rumort es. Die sind sauer. Die klagen:
Ihr lasst Euch oben alles gefallen - und wir können es unten ausbaden. |