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Quelle: Neue
Rhein-Zeitung vom 18. November 2002
Der ehemalige Unparteiische aus Oberhausen fordert: Schiedsrichter-Ausschuss
muss vom hohen Sockel runter!
OBERHAUSEN. Noch nie war das Verhältnis zwischen
DFB-Schiedsrichtern und den Profis derart vergiftet wie zurzeit. Einer, der in
seinen 106 Bundesliga-Spielen zwischen 1975 und 1989 eine beispiellos
unverkrampfte Beziehung zu den Spielern pflegte, war der Oberhausener
Wolf-Dieter Ahlenfelder. Im NRZ-Interview fordert der
heute 58-Jährige: "Der DFB-Schiedsrichter-Ausschuss muss vom hohen Sockel
runter."
NRZ: Herr Ahlenfelder, wie erklären Sie
sich die noch nie dagewesene Eskalation zwischen Spielern und
Schiedsrichtern?
Ahlenfelder: Wenn nicht schnell
etwas passiert, wird es eher noch schlimmer werden. Die Gilde unserer
Profi-Schiedsrichter ist geprägt von großer Hochnäsigkeit. Das rührt nicht
daher, dass die Unparteiischen an sich überheblich sind. Viele unsinnige
Richtlinien und Vorgaben des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses machen sie dazu.
Unsere Schiedsrichter werden mit einem Kokolores an Richtlinien derart
angespitzt und in die Enge getrieben, dass Sie den Platz nur noch mit der Geste
der Hochnäsigkeit betreten können. Wir haben Super-Schiris, aber die werden
schwer zurecht gestutzt.
NRZ: Ein scharfer Vorwurf gegen Volker Roth, den
Vorsitzenden des Ausschusses.
Ahlenfelder: Der Herr Roth soll
mir doch mal auseinandersetzen, warum bei uns in der Bundesliga das Regelwerk
anders interpretiert und umgelegt wird als in allen anderen Ländern. Das ist
doch ein unzumutbarer Richtlinienbürokratismus geworden.
NRZ: Ein Beispiel?
Ahlenfelder: Da übersehen Schieds-
und Linienrichter fünf Mal im Spiel eine Abseitsstellung. Aber im Spielbericht
führen sie aus, dass der Trainer auf die Tribüne geschickt wurde, weil er zehn
Zentimeter außerhalb der Coaching-Zone stand. Für diesen Unsinn bekommt das
Gespann aber noch den DFB-Verdienstorden, das wird allen Ernstes belobigt. Dass
die das Spiel kaputt gepfiffen haben, davon wollen die Funktionäre nichts
wissen. Die freuen sich dann lieber, dass der Schiedsrichter-Beobachter
zusätzlich noch protokolliert hat: Der Schiedsrichter ist zu wenig diagonal
gelaufen. Und am besten noch: Die Socken des Unparteiischen saßen nicht korrekt
und das Leibchen hat gespannt. Sie glauben nicht, dass das Realität ist? Aber
sicher. Und das alles kommt bei den Oberen der Gilde noch super an. Da fehlen
mir doch 99 Pfennig an der Mark.
NRZ: Inzwischen werden die Spieler in Euro
bezahlt. Macht sie ihr hohes Einkommen aggressiver?
Ahlenfelder: Ich halte diese These
für Quatsch. Ein Frank Mill oder ein Wolfgang Overath oder Georg Schwarzenbeck
wollten früher auch um jeden Preis gewinnen. Die sind auch richtig rangegangen.
Nein, ursächlich sind die Schiedsrichter Schuld. Wie sie in den Wald
reinpfeifen, so hallt es zurück. Sie machen die Spieler wild.
NRZ: Oder fassunslos. Wie den Cottbuser Christian
Beeck, der wegen Torjubelns am Zaun des Feldes verwiesen wurde.
Ahlenfelder: Ich schwöre: Ich
hätte da drüber weggesehen. Den hätte ich ausjubeln lassen, um ihm dann
zuzuflüstern: Lieber Christian, nach den Regeln darfst du das nicht. Lass es
nächstes Mal sein.
NRZ: Sie haben viel mit den Spielern
gesprochen?
Ahlenfelder: Selbstverständlich.
Wenn ein nicht leicht zu leitendes Revierderby war, habe ich vorher allen
gesagt: "So Jungs, wir haben jetzt 90 Minuten, da will ich nichts hören. Lasst
den Ball laufen, spielt euer Spiel. Da war Ruhe."
NRZ: Nicht immer. Paul Breitner hat Ihnen mal
zugerufen: Du pfeifst fürn A.....
Ahlenfelder: Da habe ich ihm nur
geantwortet: Und du spielst fürn A..., Paul. Da war der ruhig. Heute würde ihn
für solch eine Aussage jeder sofort rauswerfen. Oder Wolfgang Overath. Der wurde
mal furchtbar giftig zu mir. Da habe ich ihm nur gesagt, er hätte doch solch ein
Auftreten bei seiner Qualität nicht nötig. "Da stehst du doch drüber, Wolfi",
habe ich gesagt. Und schon hat er nur noch Fußball gespielt.
NRZ: Trügt der Eindruck, dass die Schiedsrichter
heute viel verbissener als Sie aus der Kabine kommen?
Ahlenfelder: Was mich so stolz
macht ist, dass immer wieder Leute zu mir kommen und sagen: Ahli, wo ist nur das
fröhliche Gesicht der Schiedsrichterei geblieben. Viele Spieler loben mich für
mein Lächeln bis heute. Sie sagen: Wenn wir dein nettes Gesicht gesehen haben,
konnten wir dir und unserem Gegner gar nicht mehr weh tun. Natürlich hatte auch
ich meinen Spielauftrag. Aber ich hatte, verdammt noch mal, auch meine eigenen
Richtlinien. Ich bin im Spiel immer der Mensch geblieben, der ich wirklich
bin.
NRZ: Verstellen sich Ihre Nachfolger derart?
Ahlenfelder: Ihnen bleibt doch bei
den Vorgaben vom Schiri-Ausschuss gar nichts anderes übrig. Was meinen Sie, was
heute in den Schiedsrichter-Kabinen los ist? Die sitzen da in der Halbzeit mit
dem Regelbuch und schauen nach, ob sie den Ball nachwiegen müssen. Die
Ober-Schiedsrichter würden denen doch am liebsten noch vorschreiben, dass sie ne
Obstwaage zum Kontrollwiegen mitbringen müssen. Dafür dürfen sie dann das
Handspiel vom Bierofka übersehen. Da werde ich verrückt. Da hat der
Linienrichter wohl gerade einer LTU-Maschine beim Landeanflug in Düsseldorf
zugeguckt. HEINZ-WILHELM BERTRAM |