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Schiedsrichter | Kritik | Fußball

 

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.03.2003, Nr. 64 / Seite 29

 

 

Polizistenanpfiff: Ein Mann zeigt Rot

 

 

 

 

 

 

 

 

Jens Lehmann

Michael Weiner (links) wieder in der Kritik
ROSTOCK. Um 20.10 Uhr kam endlich auch der Beteiligte aus der Kabine, der laut Thomas Schaaf die Partie entschieden hat. "Das Spiel lief so vor sich hin, nichts wäre passiert", schimpfte der Trainer von Werder Bremen, "wenn nicht ein Mann etwas dagegen gehabt hätte." Nicht Dietmar Hirsch, der Torschütze für Hansa Rostock war gemeint, sondern Michael Weiner. Fast drei Stunden hatten Journalisten geduldig auf den Schiedsrichter gewartet, doch der sagte nur en passant: "Wir haben eine Videoanalyse gemacht und festgestellt, daß es eine gute Leistung war." Manfred Amerell, Schiedsrichtersprecher und Spielbeobachter, sprach davon, Weiner habe "die Anforderungen voll erfüllt". Dennoch schien es, als habe da gerade ein junger Mann eine Strafarbeit über sich ergehen lassen müssen. Nachsitzen in den Katakomben, Amerell spulte gnadenlos vor und zurück. Als ob 90 Minuten live allein nicht schon Strafe genug nach einem Duell voller Fouls und laienhafter Schauspieleinlagen gewesen wären. Amerells Urteil: "Das war Kampf und Krampf, wenig Disziplin. Das sollten die Trainer mal aufarbeiten."

Geschickt spielte er den Ball zurück zu Schaaf. Der sonst so besonnene Trainer war außer sich wegen der Gelb-Roten Karte gegen Johan Micoud (67.) und der Roten Karte für Krisztian Lisztes (82). Spieler beider Teams empfanden die Entscheidungen als zu hart, aber andererseits hatte der Unparteiische die Provokateure oft ermahnt. Sieben Gelbe Karten zeigte Weiner zur Abschreckung, dann entschied der Polizist: Wer nicht hören will, muß fühlen! "Die Bremer hätten ihre Spielweise umstellen müssen", sagte Amerell mit dem Blick auf Lisztes, der ohne Aussicht auf den Ball Lantz in die Beine gesprungen war, ihn obendrein "einen guten Schauspieler" schimpfte und scheinheilig klagte: "Gibt es eine neue Regel, von der ich nichts weiß? Ich habe ihm nicht weh getan, ihn weder geschlagen noch getreten."

Die Spieler nutzten geschickt das Alibi, das ihr Trainer ihnen gab. Weiner sei "der Situation nicht gewachsen gewesen", sagte Schaaf. Er habe versäumt, Micoud auszuwechseln und "vor diesem Schiedsrichter zu schützen". Kaum zu glauben, über welch bissige Ironie dieser sonst so kühle Nordländer verfügt: "Ich sehe schon die Schlagzeilen: Überhartes Spiel, brutale Fouls, Wahnsinnsgrätschen. Das muß ja so gewesen sein bei so vielen Karten", zischte Schaaf. Am Tag der Unsachlichkeit forderte er Weiner noch auf, "gleich in unseren Bus zu steigen, da fällt er nicht auf - seine Leistung war indiskutabel wie die unserer Spieler".

Schaaf beließ es bei einem Hauch von Selbstkritik, obwohl Werder nicht eine einzige Torchance besaß. Auch das Tor für Hansa war ein Produkt aus dem Zufallsgenerator: Hirsch trat, aus spitzem Winkel und fast von der Außenlinie, einen Freistoß, der an vielen Beinen vorbei den kuriosen Weg ins Tor fand. "Ob das alles schön war oder nicht, ist mir egal", sagte der Torschütze, "Hauptsache gewonnen." Damit war er sich einig mit Veh: "Vergeßt das Spiel, wir können durchschnaufen."

Die Luft war dünn geworden an der Ostsee, weshalb der Fußball-Lehrer das Personal zwei Tage lang kaserniert hatte. Dort, sagte Thomas Meggle lächelnd, habe Hirsch genug Zeit gefunden, "um Freistöße im Hotelzimmer zu üben". Um darauf hinzuweisen, daß er noch keinen neuen Vertrag habe, sagte er auch:. "Ich habe Frau, Kinder und Hund zu Hause, es wäre schön, wenn ich bald wüßte, was los ist." Doch bis jetzt hat noch keiner mit ihm gesprochen. Der Abstiegskampf lähmt bisweilen jeden Fluß - auf und abseits des Spielfeldes.

MATTHIAS WOLF

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann