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Schiedsrichter | Kritik | Allgemein

 

 

 

 

 

Wenn der Schiedsrichter zum Freiwild wird

 

 

Schon Schriftsteller Maurice Donnay hat erkannt, daß eine Gesellschaft Heuchelei wie die Luft zum Atmen braucht. Ob er dabei an den Fußball mit all seiner Maßlosigkeit und seinen Emotionen gedacht hat, der mehr und mehr zum Spiegelbild unserer Gesellschaft wird? Fest steht jedenfalls, daß Donnay mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Ich dachte eigentlich immer, daß sich hinter den böswilligen Masken im Grunde genommen gutwillige Menschen verbergen, die, von Leidenschaft und innerer Überzeugung getrieben, fast zwangsläufig den Blick für die Realität verlieren. Dieses Spiel durchschauten auch die berühmten Brüder Goncourt: "Die Masken werden zu Gesichtern, und die Heuchelei verliert schließlich ihre Böswilligkeit."

Beim Ball der Heuchler tummeln sich eingefleischte Fans, Manipulatoren, Paranoide und Geschäftsleute nur zu gerne auf der Tanzfläche. Die Trainer, die immer noch den gepflegten Fußball predigen, und die Schiedsrichter geraten schnell aus dem Takt, denn das Orchester, das auch im Konzert der Medien den Ton angeben will, spielt nur den Siegeswalzer. Die Maxime "Nur der Sieg zählt" scheidet denn auch die Geister. Erfolgszwang hin oder her, effizienter Fußball ist bei den Ästheten nach wie vor verpönt.

Tatsache ist, daß Diplomatie und Heuchelei heute einhergehen: Während im Vordergrund noch die Verbrüderung gefeiert wird, werden im Hintergrund bereits wieder die Messer gewetzt. Bei den Häppchen zur Halbzeitpause steht die ehrenwerte Fußball-Gesellschaft den Politikern in nichts nach: Der Bessere - gemeint ist die eigene Mannschaft - möge gewinnen.

Und die Schiedsrichter - vor dem Anpfiff noch Hätschelkinder, nach Spielschluß meist nur noch Prügelknaben - sind sie Diplomaten, Heuchler oder gar beides?

Den Unparteiischen, die im Dienste der Spieler, des Spiels, des Spektakels und fremder Regeln stehen, wird im Labyrinth der Partikularinteressen und Fernsehbilder von zu vielen vermeintlichen Entscheidungsträgern und Zuschauern mehr und mehr das Recht auf Fehler abgesprochen. Wird den Spielern bei einem Fehler Pech bescheinigt, ist bei Schiedsrichtern gleich von Unfähigkeit und Schiebung die Rede.

Mit jedem Turnier, jeder Woche und jeder Zeitlupe werden die Schiedsrichter noch mehr zu Freiwild. Nicht zu vergessen die Hetzjagd der intellektuellen Wilderer: Ganz perfid üben sie vor Spielbeginn aus angeblich taktischen Gründen noch zusätzlich Druck aus. Dabei sollten sie den Spielleitern doch den Rücken stärken. Ich will nicht alle in einen Topf werfen, doch hinter den vermeintlich unbedachten Äußerungen in der Hitze des Gefechts, die als immer gleiche Leier daherkommen, steckt oft böswillige Absicht: "Schiedsrichterkritik liegt mir eigentlich fern, doch die heutige Leistung war einfach zuviel des Guten."

Auch im Fußball haben viele die Wahrheit für sich gepachtet, wie die Trainer mit ihren Adleraugen. Sie mögen noch so weit vom Spielgeschehen entfernt sein, die fehlenden Zentimeter beim Abseits oder beim Foul an der Strafraumgrenze entgehen ihnen nie. Außer sie wären die Leidtragenden: So wird auf der einen Trainerbank Zeter und Mordio geschrien und auf der anderen auf den Tatsachenentscheid des hervorragend postierten Unparteiischen verwiesen.

Als wären die irdischen Widrigkeiten nicht schon genug, muß der Schiedsrichter auch auf Fortuna hoffen. Je nach Spielausgang ist Fehler nämlich nicht gleich Fehler. Bei einem klaren Verdikt besitzen sogar die Verlierer ein gewisses Augenmaß und suchen die Schuld nicht einfach beim Spielleiter. Anders sieht es hingegen aus, wenn die Partie auf Messers Schneide steht: Bei einem spielentscheidenden Fehler in der Nachspielzeit ist die bis dahin überragende Leistung des Unparteiischen im Nu vergessen - selbst wenn der Irrtum erst nach mehreren Zeitlupeneinstellungen zu erkennen ist, womit wir bei der Gretchenfrage angelangt sind: Entweder beschränken wir uns auf die Perspektive des Schiedsrichters und akzeptieren seinen Tatsachenentscheid ohne Wenn und Aber, oder wir führen den Videobeweis ein.

Tragisch, aber wahr: Hätten die "unglücklichen" Entscheidungen einiger WM-Schiedsrichter den Ausgang der Spiele nicht direkt (oder indirekt) beeinflußt, wären sie außer in Fachkreisen nicht einmal eine Randnotiz wert gewesen. Als ob die Leistung eines Unparteiischen an einer Entscheidung oder am Spielergebnis festgemacht werden könnte! Von Objektivität also keine Spur.

So wird aus Glück beziehungsweise Pech, Heuchelei und Subjektivität nach Belieben der Schiedsrichter-Cocktail gemixt. Auch wenn er nicht immer hält, was er verspricht, darf man nicht vergessen, daß die Fehlerquote der Schiedsrichter im Gegensatz zu der der Spieler verschwindend klein ist.

Ich will nichts beschönigen, auch für Schiedsrichter gilt: Jeder kehre vor seiner eigenen Tür. Im Sinne der Sache und der Glaubwürdigkeit der Unparteiischen ist ehrliche Selbstkritik unabdingbar. Vielleicht ginge dann auch mein naiver Traum in Erfüllung. Das beispielhafte, spontane und leider ungewöhnliche Verhalten der beiden Mannschaften im "kleinen" Finale der "Weltmeisterschaft des Lächelns" hat mich zutiefst gerührt: Die Türken und Koreaner jubelten den Zuschauern im Stadion und vor den Bildschirmen Hand in Hand zu. Wäre es nicht großartig, wenn der Schiedsrichter in dieses Fair-play-Konzert hätte einstimmen können? Aber eben, der Fußball hat die Virtuosen, die er verdient, und das meine ich offen und ehrlich!

MICHEL VAUTROT

Der Franzose Michel Vautrot war bis 1990 als Schiedsrichter des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA) tätig. Der Artikel ist zuerst erschienen im "FIFA-Magazin".

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2002

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann