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Schiedsrichter | Kritik | Allgemein

 

 

Quelle: Der Tagesspiegel vom 23. Mai 2002

 

 

Affen im Mangobaum

 

 

 

Esther Kogelboom über Kondition und Korruptionsresistenz der Schiedsrichter

Gerechtigkeit ist ein alter Brocken Brot. Man muss ganz schön lange daran kauen, und sie ist manchmal ziemlich schwer verdaulich. Manche beißen sich auch die Zähne dran aus – im Sport heißen diejenigen Schiedsrichter, und weil die meistens so lange kauen und kauen, sind sie hauptberuflich oftmals Zahnarzt. Wie Markus Merk, Deutschlands berühmteste Pfeife.

Man muss sich das mal vorstellen, was die Herren und Damen mit der Trillerpfeife um den Hals zu leisten haben. Ausgerüstet mit nur zwei Augen, zwei Beinen und zwei Assistenten müssen sie, etwa beim Fußball, 105 mal 70 Meter Rasenfläche mit Keilereien überblicken, immer dort sein, wo es gerade brennt – und sich hinterher im Fernsehen die Zeitlupeneinstellungen angucken, in denen der Ball hinter eine Linie springt und nochmal und nochmal, begleitet von den aufgebrachten Kommentaren eines aufgeregten Kommentators. Eine Riesenportion Selbstbewusstsein brauchen Schiedsrichter, gepaart mit Kondition, Konsequenz und Korruptionsresistenz.

„Wie unparteiisch sind die Unparteiischen?“ war das Thema einer Podiumsdiskussion im Deutschen Olympischen Institut, welches, malerisch gelegen am Kleinen Wannsee, die angereisten Unparteiischen den stressigen Alltag an der Pfeife für zwei Stunden und eine Bockwurst-Kartoffelsalat-Gürkchen-Verlängerung vergessen ließ. Um die „Persönlichkeitsstrukturanalyse“ ging es, der sich der moderne Schiedsrichter unterziehen muss, um das Machtmotiv als solches und um „psychoregulative Verfahren aus dem Fernen Osten“, die der Potsdamer Sportpsychologe Jürgen Beckmann zur Regulierung der aufgewühlten Schiedsrichter-Seele empfahl. Wie die „Affen im Mangobaum“ müsse man sie tanzen lassen, die anderen – Hauptsache, das Vertrauen in die eigenen Trillerfähigkeiten ist da.

Affen? Mangobaum? Hmm. Macht eine Aufwandsentschädigung von 3068 Euro pro Bundesliga-Spiel nicht automatisch entspannt und selbstbewusst? Möglich. Es sei denn, man gehört zum exotischen Stamm der Frauen. Dann bekommt man knapp 150 Euro Aufwandsentschädigung für ein Bundesliga-Spiel. „Das reicht schon mal für ein neues Paar Turnschuhe oder einen Pullover extra“, sagt Inka Müller, die seit ein paar Jahren in der Frauen-Bundesliga pfeift. Wie unparteiisch die Unparteiischen sind, so das Resumee der ambitionierten Talkshow am See, darauf kann es keine Antwort geben. Und noch etwas: Schiedsrichter sind auch nur Menschen - wer hätte das gedacht. Und altes Brot ist gar nicht so hart. Kein Brot, das ist hart.

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
31. Dezember 2002

 

© Axel Beckmann