|
Das Publikum als Gegenspieler: "Aber der
Arm ging nicht hoch"
BERLIN. Ralf Brand hat über die psychische Belastung von Schiedsrichtern
im Sport geforscht und ist dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: Referees werden
von Zuschauerreaktionen nicht beeinflußt. Die Schmährufe, die Androhung
körperlicher Gewalt, die Pfiffe, der Lärm - all diese Phänomene finden nach
Ansicht des Stuttgarter Sportpsychologen "nur am Rande des Spiels statt" und
berühren die Arbeit eines Schiedsrichters kaum. Diese These sorgte bei den
übrigen Teilnehmern der Podiumsdiskussion zum Thema "Wie unparteiisch sind die
Unparteiischen?" für erstaunte Mienen. Brands Behauptung brachte Schwung in die
Debatte, so daß sich Andreas Höfer vom Deutschen Olympischen Institut (DOI) in
seiner Rolle als Moderator zurücknehmen konnte.
Die Diskutanten, die das
DOI eingeladen hatte, waren aktive oder ehemalige Spitzenschiedsrichter in
Ballsportarten. Die Debatte verengte sich schnell auf das Problem der gezielten
Beeinflussung von Unparteiischen. Siegfried Kirschen, der 16 Jahre für den
Internationalen Fußball-Verband (FIFA) gepfiffen hat, warnte davor, das
Publikumsverhalten in seiner Wirkung zu unterschätzen. Kirschen berichtete von
einem Kollegen, der während eines Fußballspiels massiv von Fans beschimpft
wurde. Als gegen Ende der Partie eine klare Abseitssituation vorlag, habe er
diese nicht angezeigt. Angesprochen auf die Fehlentscheidung, habe der Kollege
später gesagt: "Ich wußte, daß es Abseits war. Ich wollte auch die Fahne heben,
aber der Arm ging nicht hoch."
Kirschens Anekdote, die belegt, daß
äußere Einflüsse sogar das Unterbewußtsein prägen können, regte dazu an,
Abwehrstrategien zu erörtern. So schilderte Fußball-Schiedsrichter Lutz Michael
Fröhlich seine Vorbereitung auf Bundesligaspiele: "Ich versuche jeglichen Streß
zu vermeiden. Ich beschäftige mich auch nicht mit der Vorgeschichte eines
Spielers - ob er beispielsweise gern Elfmeter schindet. Mein Ziel ist es,
ausgeruht und völlig unvoreingenommen in die Partie zu gehen." Peter Schließer,
Basketball-Schiedsrichter und Vizepräsident des deutschen Meisters Alba Berlin,
hält eine "gesunde autoritäre Ausstrahlung" des Referees für eine
Berufsvoraussetzung. "Aus jeder Geste muß Entschlossenheit sprechen", sagte
Schließer. "Nur so kann man wirksam Distanz halten." Auch Fröhlich maß der
Körpersprache große Bedeutung bei: "Ein guter Schiedsrichter beherrscht das
Spiel der Kommunikation. Und das beginnt schon bei kleinen Fingerzeigen."
An kleinen Fingerzeigen und den Pfiffen mit der Trillerpfeife finden
allerdings nur wenige Schiedsrichter lange Freude. Die Frustration gerade im
Amateurbereich ist enorm. So leidet beispielsweise der Berliner Fußball-Verband
unter einer starken Fluktuation: 180 von 1500 Schiedsrichtern quittieren
jährlich ihren Job. Die Berliner haben Probleme, die rund 1700 Amateurspiele pro
Wochenende zu besetzen. Eine Attraktivierung des Schiedsrichteramtes täte also
not, doch diese ist kaum zu realisieren. Finanzielle Anreize können nämlich
aufgrund knapper Kassen im Breitensport nicht geboten werden, die Entlohnung für
ein stressiges Amt wird auch in Zukunft dürftig bleiben. Was jedoch die Verbände
nach Ansicht des Potsdamer Psychologieprofessors Jürgen Beckmann ihren
Schiedsrichtern bieten könnten, seien intensive mentale Schulungen. Mit
geistiger Stärke, so Beckmann, ließe sich auch der konfliktträchtige
Schiedsrichterjob besser bewältigen: "Jeder Referee sollte sich Gelassenheit
aneignen und die Spieler auf dem Platz tanzen lassen wie Affen im Mangobaum."
CHRISTIAN EWERS
|