In seinem Buch ,Making
It As A Sports Official' untersucht M.C. O'Bryant den
Gebrauch des ,No-call' beim Schiedsrichtern. Von manchen
völlig abgelehnt, von anderen favorisiert, ruft
das Für und Wider zum Thema No-call bei den Schiedsrichtern
leidenschaftliche Reaktionen hervor. Ob Sie nun den
Thesen M.C. O'Bryant's zustimmen können oder nicht;
zumindest darin sollten Sie zustimmen können: solange
wir fortfahren, uns Gedanken zu machen, solange entwickeln
wir uns als Schiedsrichter weiter.
American
Football, Endrunde um die Staatsmeisterschaft für
Highschools: Die Heimmannschaft in Ballbesitz liegt
ein Touchdown zurück, die letzten Minuten laufen
ab. Letzter Versuch, die Markierung ist nur noch drei
Yards entfernt. Der Quarterback beginnt sein Ritual,
als Sie feststellen, daß der Schutzhelm des Halfbacks
nicht vollständig geschlossen ist. Nach dem Regelbuch
ist das eine Strafe: fünf Yards zurück. Ist
es nun richtig, dies abzupfeifen? Oder schauen Sie lieber
weg? "Niemals", sagt John Arbogast, ein
Baseball- und Softballschiedsrichter aus Bloomington,
Illinois. ,Um auf der exakten Linie zu bleiben, muß
man die Regel jederzeit ohne Mitleid oder Vorurteil
durchsetzen'. Arbogast's Meinung ist weder ungewöhnlich
noch ungeteilt. Viele Schiedsrichter vermeiden die Grauzone
und arbeiten im Spiel mit der geradlinigen Philosophie
des 'Ein Foul ist ein Foul'. Andere versuchen, regelwidrige
Aktionen zu identifizieren und erst dann zu entscheiden,
ob sie die Regelverletzung bestrafen sollen. Eine rationale
Diskussion hierüber erfordert zunächst und
vor allen Dingen, zu definieren, was ein No-call ist
und wofür er gut sein soll.
Ein
No-call ist eine bewußte Entscheidung des Schiedsrichters,
eine Regelverletzung zu ignorieren, die - falls abgepfiffen
- dem bereits benachteiligten ,Spieler oder seiner Mannschaft
einen noch wesentlich größeren Nachteil bringen
würde.
Dies kann
einem Schiedsrichter, der das Regelbuch vorwärts
und rückwärts auswendig weiß, Probleme
bringen. Es schafft ebenfalls Probleme für den
unerfahrenen Schiedsrichter, der die Kunst des No-calls
noch nicht beherrscht. Qualitativ gutes Schiedsrichtern
heißt nicht, jedesmal zu pfeifen, wenn eine zufällige
Regelverletzung hierzu Gelegenheit gibt. Es beinhaltet
ganz im Gegenteil die Fähigkeit eines Schiedsrichters,
die Regeln jederzeit mit der selben Klugheit und Gleichheit
anzuwenden und dabei sicherzustellen, daß keine
Mannschaft den Grenzbereich der Regel auslotet, um sich
einen unfairen Vorteil zu verschaffen. Diese Art
des Schiedsrichterns bringt ein Minimum an Spielunterbrechungen
mit sich. Ein Mangel an Verständnis für dieses
Konzept des No-calls führt zu einer Pfeiferei,
die den Wettkampf von den Athleten wegnimmt und daraus
ein Symposium für Regelfragen macht. Die Sonderrolle
des No-call liegt darin, daß er trotz seiner herausragenden
Bedeutung beim Schiedsrichtern in keinem offiziellen
Regelwerk vorkommt. Ein klares Konzept kann sich möglicherweise
erst nach jahrelangem Schiedsrichtern entwickelt haben,
und obwohl es scheinbar ein Widerspruch ist, sind No-calls
grundsätzlich das Kennzeichen einer Schiedsrichterleistung
von hochklassigem Niveau. Jay Shaheen, ein Volleyball-
und Softballschiedsrichter aus Williarnsburg, Connecticut
meint ebenfalls ' Nur erfahrenen Schiedsrichtern steht
es zu, No-calls zu machen. Sie wissen genau um die möglichen
Konsequenzen und sind in der Lage, über ihre No-calls
Rechenschaft abzulegen'. Obwohl sich in den meisten
Regelbüchern und Schiedsrichter-Handbüchern
kein Hinweis auf No-calls findet, ist die Erkenntnis
nicht neu, daß es einen Bedarf zur Anwendung dieses
Konzepts gibt. Einige Sportarten wenden diesem Thema
mehr Aufmerksamkeit zu. Fußball gehört zum
Beispiel zu den wenigen Sportarten, die den No-call
offiziell zur Kenntnis nehmen. Unter Regel V ist unter
Entscheidung 8 festgelegt, daß die Regeln dieser
Sportart darauf abzielen, so wenige Spielunterbrechungen
zu verursachen wie möglich. Fußballschiedsrichter
werden durch das Regelbuch der FIFA dazu angehalten,
'nur absichtlich begangene Regelverletzungen zu bestrafen'.
Der verstorbene Oswald Tower, der seit 1914 viele Jahre
lang als Herausgeber des Basketball-Handbuchs und der
Regelinterpretation tätig war, gehörte zu
den ersten, die für größeres Fingerspitzengefühl
der Schiedsrichter in der Anwendung der Regeln plädierten.
Das Wesentliche an Tower's Philosophie des Schiedsrichterns
war: ' Die Regeln sind dazu da, einen Spieler zu bestrafen,
der durch eine illegale Aktion einen Gegenspieler in
einen Nachteil versetzte'. Die Kernaussage ist natürlich
"...einen Gegenspieler in einen Nachteil versetzte".
Wenn der Gegenspieler keinerlei Nachteil hat, dann kann
man sich fragen, ob es vernünftig ist, das Spiel
allein mit der Rechtfertigung zu unterbrechen, eine
Regel wörtlich anzuwenden. In seinem Buch 'The
Art of Officiating Sports' betont John Bunn, ein früherer
Basketball-Trainer am Colorado State College Greeley
noch ausdrücklicher dieses Vorrecht der Schiedsrichter
bei der Anwendung der Regeln. Obwohl der Ausdruck No-call
zu der Zeit, als dieses Werk geschrieben wurde, noch
nicht gebräuchlich war, gebührt ihm das Verdienst
um dieses Konzept, auch wenn er nicht den Ausdruck selbst
geprägt hat. Die wesentliche Aussage in Bunn's
Philosophie lautet:
"Es
ist nicht Sinn der Regeln, dem Wortlaut nach interpretiert
zu werden. Sie sollten vielmehr im Verhältnis zu
den Auswirkungen angewendet werden, die eine Aktion
der Spieler auf ihre Gegenspieler haben. Falls diese
unfair beeinflußt werden als Ergebnis einer Regelverletzung,
dann sollte der Übeltäter bestraft werden.
Falls aber kein nennenswerter Einfluß auf den
Spielablauf entstand, dann sollte man das Spiel nicht
unterbrechen. Der Vorfall sollte unbeachtet bleiben.
Er ist zufällig und nicht wesentlich. Realistisch
und pragmatisch gesehen, hat sich keine Regelverletzung
ereignet."
Diese
Idee, die manchmal als das 'no harm, no foul'-Prinzip
bezeichnet wurde, hat den Test durch die Zeiten bestanden
und ist auch heute noch eine der am lebensfähigsten
funktionierenden Philosophien unter den Sportschiedsrichtern.
Eine Analyse des folgenden
hypothetischen Falls soll aufzeigen, wie das Konzept
des No-calls arbeitet:
In einem Baseballspiel
schlägt der Schlagmann einen harten, tiefen Ball
in Richtung Shortstop, der ihn fängt und einen
leicht zu handhabenden Wurf zu seinem ersten Baseman
macht, für ein routinemäßiges und, wie
es aussieht, unbestreitbares 'Aus' des Schlagmanns.
Während dieses Ablaufs sieht der Schiedsrichter
an der ersten Base, was keiner sonst gesehen hat: der
erste Basemann zog seinen Fuß Sekundenbruchteile
vorher vom Kissen, bevor der Ball seinen Fanghandschuh
erreichte. Man kann argumentieren, daß der erste
Baseman lediglich die Linie freimachte, um den heranstürmenden
Läufer nicht zu behindern, der um einen guten Schritt
zu spät kam und damit 'Aus' war. Die hier anzuwendende
Regel ist klar: Der erste Baseman muß den Ball
in seiner Kontrolle haben, bevor er den Fuß vom
Kissen nimmt. Jedoch, der Schlagmann hat offensichtlich
keinen gültigen Schlag erzielt, und der erste Baseman
nahm den Fuß lediglich vom Kissen, um einen möglichen
Zusammenprall mit dem Läufer zu verhindern. In
Anbetracht der Umstände würde in den meisten
Ligen eine solche rein technische Frage als No-call
angesehen und damit übersehen werden (vielleicht
mit einer unauffälligen Ermahnung des Schiedsrichters
an den ersten Basemann). Dem Läufer in einer solchen
Situation das gültige Erreichen der ersten Base
zu bescheinigen, wäre ein Beispiel für "Über-Schiedsrichtern".
Es sollte unmißverständlich gesagt sein,
daß es nicht die Absicht dieses Abschnitts war
zu erklären, was ein No-call ist. Sie ist vielmehr,
den Leser mit diesem wichtigen aber nicht dokumentierten
Aspekt des Schiedsrichterns vertraut zu machen. Ein
klares Konzept zum No-call kann sich möglicherweise
erst nach jahrelangem Schiedsrichtern entwickeln, und
seine Beherrschung ist das Gütesiegel hochkarätigen
Schiedsrichterns. Jeder, der sich ernsthaft um die
Feinheiten des Schiedsrichterns bemühen will, ist
gut beraten, mit dem Studium der Regelkommentare im
Regelbuch anzufangen. Der Abschnitt mit der Überschrift
,Grundsätzliche Prinzipien' ist eine Anleitung,
wie die Regeln beim Schiedsrichtern im Sport anzuwenden
sind. Aus diesem Abschnitt kann der Leser die Berechtigung
zum No-call herleiten. Da die meisten No-calls mit
Kontaktsituationen zu tun haben, muß man sich
sorgfältig klarmachen, wie das Regelbuch dieses
Thema abhandelt. Unter dem Thema der zufälligen
Kontakte im Basketball legt zum Beispiel das Regelbuch
drei fundamentale Prinzipien fest, die zur Grundlage
für die meisten No-calls wurden.
- Der schlichte
Umstand, daß sich ein Kontakt ereignet hat,
begründet noch keine Regelverletzung.
- Ein völlig
zufälliger Kontakt, auch wenn er sehr hart
sein sollte, beim Versuch, einen freien Ball zu
erreichen und bei dem beide Spieler in gleichwertiger
aussichtsreicher Position sind und normale Angreifer-
oder Verteidigerbewegungen durchführen, sollte
nicht als illegal angesehen werden.
- Ein Kontakt, der
den Gegenspieler nicht an normaler Angreiferbewegung
oder Verteidigungsarbeit hindert, sollte als zufällig
angesehen werden.
Die folgende Liste
zählt Situationen auf, in denen das Ignorieren
von Regelverletzungen und eine Fortsetzung des Spiels
zum Geist des Wettbewerbs beiträgt, indem unnötige
Spielunterbrechungen verhindert werden. Dies ist der
Fall, wenn
- die Regelverletzung
ohne Beanstandung ignoriert werden kann, und ohne
einer Mannschaft einen Nachteil zu bringen,
- ein Pfiff diejenige
Mannschaft bestrafen würde, zu deren Ungunsten
die zufällige Regelverletzung begangen wurde,
- ein Pfiff keinen
anderen Sinn hatte, als festzustellen, daß
sich eine Regelverletzung ereignet hat,
- ein Pfiff gegen
das traditionelle Verständnis von Spielern,
Trainern und anderen verstoßen würde,
wie Basketball zu spielen ist,
- sich ein nicht
korrigierbarer Fehler ereignet hat,
- sich ein korrigierbarer
Fehler ereignet hat, aber das Spiel bereits so weit
fortgeschritten ist, daß eine legale Korrektur
nicht mehr möglich ist,
- ein Pfiff zu einer
Situation, aus der keine Mannschaft einen Vorteil
hatte, zu spät käme und sich bereits eine
neue Spielsituation entwickelt hat,
- zufällige
Regelverstöße fast gleichzeitig begangen
werden und keine Mannschaft hieraus einen Vorteil
erlangt hat,
- sich ein offenkundiger
Regelverstoß ereignet hat, der Schiedsrichter
aber nicht weiß, welche Strafe zu verhängen
ist.
Viel mehr als in einem
heißen Spiel einen Pfiff zu verpassen, verlangt
ein effektiver Gebrauch des No-calls vom Schiedsrichter,
das große Ganze im Auge zu haben: den Spielfluß
aufrecht zu halten ohne Vorteil oder Nachteil fur eine
der beiden Mannschaften.
(Nachdruck aus "Making
It As A Sports Official", [1991] von M.C. Bryant
mit Erlaubnis der National Association for Sports and
Physical Education, 1900 Association Drive, Reston,
VA 20191-1599)
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