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USA | Schiedsrichter

 

 

Quelle: Referee 04/2002 / Übersetzung: Axel Beckmann

 

 

5 Minuten mit Joe Crawford

Crawford 

 

 

 

 

 

 

Joe Crawford, Newton Square, Pennsylvania, wurde 1977 von der NBA im Alter von 25 Jahren als Schiedsrichter rekrutiert. Er hat 27 NBA-Endspiele und 3 All-Star-Games gepfiffen. In diesem Interview gibt er Einblicke in seine eigene Entwicklung. Interessanterweise erschien dieser Artikel genau zu einem Zeitpunkt, als er dem Deutschen Dirk Nowitzki im Spiel gegen die Washington Wizzards nach einer umstrittenen Ausballentscheidung ein Technisches Foul "verpaßte".

In der Halbzeitpause gab er dann offiziell zu, dass er in dieser Situation völlig überreagiert habe und er wohl das ein oder andere Wort falsch verstanden habe. Er hat sich öffentlich entschuldigt. Ein wohl nicht gerade alltägliches Ereignis!

Referee: Wie hast Du Dich im Laufe der Zeit verändert?

Crawford: Ich habe mich erheblich verändert. Als ich in die Liga gekommen bin, war ich ein 25-jähriges unsicheres Kind und wußte überhaupt nicht, was ich eigentlich tue. Ich war extrem aggressiv gegenüber Spielern und Trainern. Insbesondere meine ersten drei Jahre waren sehr schwierig, da niemand mich wirklich ernst nahm. Als ich von Philadelphia wegging, war ich ein sogenanntes Phänomen, jeder hatte Respekt vor mir. In der NBA musste ich plötzlich feststellen, dass das genaue Gegenteil der Fall war. Die Spieler und Trainer nahmen mich nicht ernst und ich verhängte Technische Fouls wie ein Verrückter, schickte einen nach dem anderen auf die Bank. Ich habe festgestellt, dass ich nach wie vor viele T's verteile, aber die Art und Weise hat sich geändert. Ich gestalte es nicht mehr als Vergeltungsmaßnahme. Ich gebe den Leuten ein T und entferne mich schnell. Früher habe ich Ihnen das T gepfiffen und mich vor ihnen aufgebaut, um direkt das zweite zu pfeifen. Dies überlasse ich heute meinen Kollegen. Das war ein Reifeprozess.
Dabei hat mir eine große Portion Videoarbeit und die Beobachtung meines Verhaltens geholfen. Ich habe Spieler und Trainer verrückt gemacht. Ich musste in den Spiegel schauen und sagen: "Hex Joe, Du bist selbst das Problem".

Referee: Welche Art von Körpersprache hast Du auf dem Video entdeckt?

Crawford: Auf den Videos habe ich einen kochenden Kopf, hochgezogene Schultern und herabhängende Hände gesehen, die den Eindruck vermittelten, als wollte ich sagen: "Weißt Du, mit wem Du Dich anlegst?" Es war immer, als ich ob ich zuhause in Philly einen Strassenkampf ausfechten wollte. Es war irritierend. Davon habe ich mich gelöst. Ich wendete kleine Tricks an, die ich von Joe Gushue erhalen hatte. Beispielsweise hob ich meine Hand, um zu demonstrieren, dass ich jetzt genug gehört habe. Das mache ich noch immer.

Referee: So wie ein Stopp-Signal der Polizei?

Crawford: Ja, genau. Geh weg und zeig überhaupt keinerlei verdächtge Körpersprache. Ich sende die gleichen nonverbalen Signale aus wie beim Sprungball, beim Schrittfehler, Drei-Sekunden-Regelübertretung und beim Foul. Ich versuche die gesamte 48 Minuten den gleichen, guten Eindruck zu machen, selbst wenn ich ein Technisches gepfiffen habe. Das ist das Geheimnis. Wie unser momentaner Boss, Ed T. Rush sagt, nach 25 Jahren ist da immer noch Entwicklungsspielraum (Crawford lacht). Für Leute wie mich, ist es ein Kampf; ein richtiger Kampf.

Referee: Wie häufig arbeitest Du regelmäßig an dieser Problematik?

Crawford: Bei jedem Spiel sage ich meinen Partnern: "Hört zu Leute, wenn Ihr seht, dass ich kurz vorm Ausrasten bin, lauft an mir vorbei und sagt 'Hey Joe, beruhig Dich!'" Das funktioniert!

Referee: Du fragst tatsächlich Deine Kollegen, Dir auf dem Feld zu helfen?

Crawford: Natürlich. Du musst Dir darüber im Klaren sein, was für Schwächen Du als Schiedsrichter hast. Dann musst Du kontinuierlich daran arbeiten. Es ist ein dauerhaftes Problem, insbesondere bei mir. Die größte Herausforderung für mich ist mein überschäumendes Temperament auf dem Feld.

Referee: Kommt das noch von der Zeit als Du angefangen hast und die Spieler und Trainer offenkundig den jungen Joe auf die Probe stellen wollten?

Crawford: Ich glaube eher, dass es von meinem privaten Hintergrund verursacht wird. Es kommt daher, wie ich aufgewachsen bin. Ich bin überzeugt, dass mein Vater, der ein Major League Baseball Schiedsrichter gewesen ist, sehr agressiv war. Ich habe ihn schon als kleines Kind immer bei seinen Spielen begleitet und er hatte eine agressive Natur. Wenn wir übers Schiedsrichtern gesprochen haben, hat er mir genau diese Philiosophie vermittelt. Wenn er genug hatte auf dem Spielfeld, dann schmiß er die Leute hinaus. Genauso war es bei mir, hatte ich genug, belegte ich jemanden mit einem technischen Foul. Das bin ich. Aber ich möchte nicht mehr das Problem sein. Das sage ich andauernd zu mir selber: "Joe, Du solltest nicht das Problem sein!" Lass den Coach oder die Spieler das Problem sein und dann nimmst Du Dich diesem Problem an. In meinen Anfangsjahren war ich leider das Problem!

Referee: Wurde diese aggressive Einstellung vor 20 oder 25 Jahren eher aktzeptiert als heute? Oder ist es genau das gleiche Problem geblieben?

Crawford: Ich denke, dass es auf den jeweiligen Schiedsrichter ankommt. Du solltest nicht von Deiner Persönlichkeit abweichen. Einige Schiedsrichter sind agressiv und andere wiederum nicht. Du kannst niemanden dazu zwingen, agressiv zu sein. Das ist unmöglich. Aber es gibt durchaus Wege - insbesondere in der NBA -, auf dem Spielfeld agressiv sein, ohne gleichzeitig Arroganz zu demonstrieren. Leite das Spiel in einer nichtarroganten Art und Weise.

Referee: Welchen Tipp gibst Du jüngeren Schiedsrichtern, die nach oben kommen und vielleicht genauso agressiv sind, wie Du es einmal warst?

Crawford: Ich sage ihnen, dass sie nicht auf dem Feld fluchen sollen. Das ist ein wichtiger Punkt. Zweitens: halte Deine Emotionen unter Kontrolle - unter totaler Kontrolle! Du kannst Technische Fouls verteilen und weggehen. Am nächsten Morgen nach dem Spiel müssen Deine Chefs [Anmerkung des Übersetzers: das bezieht sich auf die NBA, wo die Schiedsrichter Profis sind!] Deine Aktionen auf dem Spielfeld guten Gewissens verteidigen können. Das ist der Schlüssel. Wir verpassen Pfiffe in jedem Viertel. Spieler und Coaches scheißen Dich an [Anmerkung: das hat er tatsächlich gesagt. Original: "give you crap"]. Das ist in Ordnung. Du kannst das bis zu einem bestimmten Punkt hinnehmen. Boom. Jetzt musst Du aufpassen. Leite nur das Spiel. Aber Deine Aktionen müssen von Stu Jackson (Vice-President of Basketball Operations in der NBA) und Eddie Rush (Director of Officiating in der NBA) verteidigt werden können.

Referee: Ist es heutzutage schwieriger mit Spielern umzugehen?

Crawford: Nein.

Referee: Es scheint, als ob auf dem Feld ziemlich viel diskutiert wird.

Crawford: Absolut nicht. Ich denke, dass Spieler Spieler sind. Sie waren die gleichen vor 25 Jahren wie sie es jetzt sind. Sie sind ehrgeizig und wollen gewinnen. Und, wie ich es immer wieder auf allen Lehrgängen sage, sie werden Dir keinen Beifall klatschen. Also musst Du einen Weg finden, wie Du Dich am besten durch ein Spiel "handelst". Sie werden nicht sagen: "Hey Joe, was für ein toller Pfiff!" Sie sind Dir gegenüber immer agressiv. Also musst Du irgendwie lernen, damit umzugehen.

Referee: Was ist der beste Tipp, den Du jemals erhalten hast?

Crawford: Der kam von Joe Gushue. In jedem Spiele, das ich pfeife, sehe ich das Gesicht von Joe Gushue vor mir. In wirklich jedem Spiel.
Als ich in meinem dritten Jahr erneut Probleme hatte, rief ich ihn an. Ich schmiß die Leute raus, wie ein Verrückter. Ich rief ihn an und sagte: "Joe, ich habe wirklich ein Problem! Diese Leute..." Er unterbrach mich: "Was meinst Du mit 'diese Leute'?" Ich erwiderte: "Diese Leute diskutieren mit mir!" Er antwortete: "Joe, das bist Du. Schau in den Spiegel!" Das war der beste Tipp, den ich jemals bekommen habe.
Ich sage den jungen Leuten heute, dass Sie beim Anschauen der Videoaufzeichnungen und dem Suchen nach Entschuldigungen, erstmal in den Spiegel schauen sollen, denn sie waren es, die den Pfiff genommen haben. Es war nicht ihr Partner. Es war nicht der Coach. Es waren nicht die Spieler. Schau in den Spiegel. Das ist als Schiedsrichter schwer umzusetzen, da die meisten von uns sehr egoistisch sind. Wir glauben, dass wir immer Recht haben, aber Du musst akzeptieren, dass Du auch Sachen vermasselst. Du beurteilst Situationen falsch in jedem Viertel eines Spiels, egal in welcher Liga. Aber Du musst in der Lage sein, in den Spiegel zu schauen!

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
6. April 2003

 

© Axel Beckmann