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Joe
Crawford, Newton Square, Pennsylvania, wurde 1977 von
der NBA im Alter von 25 Jahren als Schiedsrichter rekrutiert.
Er hat 27 NBA-Endspiele und 3 All-Star-Games gepfiffen.
In diesem Interview gibt er Einblicke in seine eigene
Entwicklung. Interessanterweise erschien dieser Artikel
genau zu einem Zeitpunkt, als er dem Deutschen Dirk
Nowitzki im Spiel gegen die Washington Wizzards nach
einer umstrittenen Ausballentscheidung ein Technisches
Foul "verpaßte".
In
der Halbzeitpause gab er dann offiziell zu, dass er
in dieser Situation völlig überreagiert habe und er
wohl das ein oder andere Wort falsch verstanden habe.
Er hat sich öffentlich entschuldigt. Ein wohl nicht
gerade alltägliches Ereignis!
Referee:
Wie hast Du Dich im Laufe der Zeit verändert?
Crawford:
Ich habe mich erheblich verändert. Als ich in die Liga
gekommen bin, war ich ein 25-jähriges unsicheres Kind
und wußte überhaupt nicht, was ich eigentlich tue. Ich
war extrem aggressiv gegenüber Spielern und Trainern.
Insbesondere meine ersten drei Jahre waren sehr schwierig,
da niemand mich wirklich ernst nahm. Als ich von Philadelphia
wegging, war ich ein sogenanntes Phänomen, jeder hatte
Respekt vor mir. In der NBA musste ich plötzlich feststellen,
dass das genaue Gegenteil der Fall war. Die Spieler
und Trainer nahmen mich nicht ernst und ich verhängte
Technische Fouls wie ein Verrückter, schickte einen
nach dem anderen auf die Bank. Ich habe festgestellt,
dass ich nach wie vor viele T's verteile, aber die Art
und Weise hat sich geändert. Ich gestalte es nicht
mehr als Vergeltungsmaßnahme. Ich gebe den Leuten ein
T und entferne mich schnell. Früher habe ich Ihnen das
T gepfiffen und mich vor ihnen aufgebaut, um direkt
das zweite zu pfeifen. Dies überlasse ich heute meinen
Kollegen. Das war ein Reifeprozess. Dabei hat mir
eine große Portion Videoarbeit und die Beobachtung meines
Verhaltens geholfen. Ich habe Spieler und Trainer verrückt
gemacht. Ich musste in den Spiegel schauen und sagen:
"Hex Joe, Du bist selbst das Problem".
Referee:
Welche Art von Körpersprache hast Du auf dem Video entdeckt?
Crawford:
Auf den Videos habe ich einen kochenden Kopf, hochgezogene
Schultern und herabhängende Hände gesehen, die den Eindruck
vermittelten, als wollte ich sagen: "Weißt Du,
mit wem Du Dich anlegst?" Es war immer, als ich
ob ich zuhause in Philly einen Strassenkampf ausfechten
wollte. Es war irritierend. Davon habe ich mich gelöst.
Ich wendete kleine Tricks an, die ich von Joe Gushue
erhalen hatte. Beispielsweise hob ich meine Hand, um
zu demonstrieren, dass ich jetzt genug gehört habe.
Das mache ich noch immer.
Referee:
So wie ein Stopp-Signal der Polizei?
Crawford:
Ja, genau. Geh weg und zeig überhaupt keinerlei verdächtge
Körpersprache. Ich sende die gleichen nonverbalen Signale
aus wie beim Sprungball, beim Schrittfehler, Drei-Sekunden-Regelübertretung
und beim Foul. Ich versuche die gesamte 48 Minuten den
gleichen, guten Eindruck zu machen, selbst wenn ich
ein Technisches gepfiffen habe. Das ist das Geheimnis.
Wie unser momentaner Boss, Ed T. Rush sagt, nach 25
Jahren ist da immer noch Entwicklungsspielraum (Crawford
lacht). Für Leute wie mich, ist es ein Kampf; ein richtiger
Kampf.
Referee:
Wie häufig arbeitest Du regelmäßig an dieser Problematik?
Crawford:
Bei jedem Spiel sage ich meinen Partnern: "Hört
zu Leute, wenn Ihr seht, dass ich kurz vorm Ausrasten
bin, lauft an mir vorbei und sagt 'Hey Joe, beruhig
Dich!'" Das funktioniert!
Referee:
Du fragst tatsächlich Deine Kollegen, Dir auf dem Feld
zu helfen?
Crawford:
Natürlich. Du musst Dir darüber im Klaren sein, was
für Schwächen Du als Schiedsrichter hast. Dann musst
Du kontinuierlich daran arbeiten. Es ist ein dauerhaftes
Problem, insbesondere bei mir. Die größte Herausforderung
für mich ist mein überschäumendes Temperament auf dem
Feld.
Referee:
Kommt das noch von der Zeit als Du angefangen hast und
die Spieler und Trainer offenkundig den jungen Joe auf
die Probe stellen wollten?
Crawford:
Ich glaube eher, dass es von meinem privaten Hintergrund
verursacht wird. Es kommt daher, wie ich aufgewachsen
bin. Ich bin überzeugt, dass mein Vater, der ein Major
League Baseball Schiedsrichter gewesen ist, sehr agressiv
war. Ich habe ihn schon als kleines Kind immer bei seinen
Spielen begleitet und er hatte eine agressive Natur.
Wenn wir übers Schiedsrichtern gesprochen haben, hat
er mir genau diese Philiosophie vermittelt. Wenn er
genug hatte auf dem Spielfeld, dann schmiß er die Leute
hinaus. Genauso war es bei mir, hatte ich genug, belegte
ich jemanden mit einem technischen Foul. Das bin ich.
Aber ich möchte nicht mehr das Problem sein. Das sage
ich andauernd zu mir selber: "Joe, Du solltest
nicht das Problem sein!" Lass den Coach oder die
Spieler das Problem sein und dann nimmst Du Dich diesem
Problem an. In meinen Anfangsjahren war ich leider das
Problem!
Referee:
Wurde diese aggressive Einstellung vor 20 oder 25 Jahren
eher aktzeptiert als heute? Oder ist es genau das gleiche
Problem geblieben?
Crawford:
Ich denke, dass es auf den jeweiligen Schiedsrichter
ankommt. Du solltest nicht von Deiner Persönlichkeit
abweichen. Einige Schiedsrichter sind agressiv und andere
wiederum nicht. Du kannst niemanden dazu zwingen, agressiv
zu sein. Das ist unmöglich. Aber es gibt durchaus Wege
- insbesondere in der NBA -, auf dem Spielfeld agressiv
sein, ohne gleichzeitig Arroganz zu demonstrieren. Leite
das Spiel in einer nichtarroganten Art und Weise.
Referee:
Welchen Tipp gibst Du jüngeren Schiedsrichtern, die
nach oben kommen und vielleicht genauso agressiv sind,
wie Du es einmal warst?
Crawford:
Ich sage ihnen, dass sie nicht auf dem Feld fluchen
sollen. Das ist ein wichtiger Punkt. Zweitens: halte
Deine Emotionen unter Kontrolle - unter totaler Kontrolle!
Du kannst Technische Fouls verteilen und weggehen. Am
nächsten Morgen nach dem Spiel müssen Deine Chefs [Anmerkung
des Übersetzers: das bezieht sich auf die NBA, wo die
Schiedsrichter Profis sind!] Deine Aktionen auf dem
Spielfeld guten Gewissens verteidigen können. Das ist
der Schlüssel. Wir verpassen Pfiffe in jedem Viertel.
Spieler und Coaches scheißen Dich an [Anmerkung: das
hat er tatsächlich gesagt. Original: "give you
crap"]. Das ist in Ordnung. Du kannst das bis zu
einem bestimmten Punkt hinnehmen. Boom. Jetzt musst
Du aufpassen. Leite nur das Spiel. Aber Deine Aktionen
müssen von Stu Jackson (Vice-President of Basketball
Operations in der NBA) und Eddie Rush (Director of Officiating
in der NBA) verteidigt werden können.
Referee:
Ist es heutzutage schwieriger mit Spielern umzugehen?
Crawford:
Nein.
Referee:
Es scheint, als ob auf dem Feld ziemlich viel diskutiert
wird.
Crawford:
Absolut nicht. Ich denke, dass Spieler Spieler sind.
Sie waren die gleichen vor 25 Jahren wie sie es jetzt
sind. Sie sind ehrgeizig und wollen gewinnen. Und, wie
ich es immer wieder auf allen Lehrgängen sage, sie werden
Dir keinen Beifall klatschen. Also musst Du einen Weg
finden, wie Du Dich am besten durch ein Spiel "handelst".
Sie werden nicht sagen: "Hey Joe, was für ein toller
Pfiff!" Sie sind Dir gegenüber immer agressiv.
Also musst Du irgendwie lernen, damit umzugehen.
Referee:
Was ist der beste Tipp, den Du jemals erhalten hast?
Crawford:
Der kam von Joe Gushue. In jedem Spiele, das ich pfeife,
sehe ich das Gesicht von Joe Gushue vor mir. In wirklich
jedem Spiel. Als ich in meinem dritten Jahr erneut
Probleme hatte, rief ich ihn an. Ich schmiß die Leute
raus, wie ein Verrückter. Ich rief ihn an und sagte:
"Joe, ich habe wirklich ein Problem! Diese Leute..."
Er unterbrach mich: "Was meinst Du mit 'diese Leute'?"
Ich erwiderte: "Diese Leute diskutieren mit mir!"
Er antwortete: "Joe, das bist Du. Schau in den
Spiegel!" Das war der beste Tipp, den ich jemals
bekommen habe. Ich sage den jungen Leuten heute,
dass Sie beim Anschauen der Videoaufzeichnungen und
dem Suchen nach Entschuldigungen, erstmal in den Spiegel
schauen sollen, denn sie waren es, die den Pfiff genommen
haben. Es war nicht ihr Partner. Es war nicht der Coach.
Es waren nicht die Spieler. Schau in den Spiegel. Das
ist als Schiedsrichter schwer umzusetzen, da die meisten
von uns sehr egoistisch sind. Wir glauben, dass wir
immer Recht haben, aber Du musst akzeptieren, dass Du
auch Sachen vermasselst. Du beurteilst Situationen falsch
in jedem Viertel eines Spiels, egal in welcher Liga.
Aber Du musst in der Lage sein, in den Spiegel zu schauen!
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