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USA | Artikel | NCAA

 

 

Quelle: www.faz.net

 

 

Geldvermehrungsmaschine mit eisernen Regeln  

 

 

 

 

 

 

Die Macht und der Reichtum des amerikanischen College-Sportverbandes

INDIANAPOLIS. Etwas abseits der West Washington Street von Indianapolis steht ein dreistöckiges Haus, das nicht leicht zu finden ist. Der Taxifahrer, der behauptet, seit 21 Jahren durch die Stadt zu kurven, entdeckt jedenfalls keine Zufahrt. Also geht man ein paar Schritte, über eine Brücke, die einen schmalen Kanal überquert, und es würde nicht wundern, wenn es eine Zugbrücke wäre. Denn in dem Haus residiert die National Collegiate Athletic Association (NCAA) und hütet zwei der größten Schätze des Sports: das Amateurideal und ein paar Blatt Papier, die sechs Milliarden Dollar wert sind. Wenn in diesen Tagen die Saison im amerikanischen College-Basketball beginnt, tritt ein neuer, mit ebendieser Summe dotierter Fernsehvertrag in Kraft, den die NCAA mit dem Sender CBS für die nächsten elf Jahre abgeschlossen hat - nur für die Übertragungsrechte der Basketball-Finalrunde der Männer. Unter dem Dach der NCAA werden aber noch in 21 anderen Sportarten Meisterschaften ausgetragen, insgesamt 84 in drei verschiedenen Leistungsklassen. Die Rechte daran hat sich der Sportsender ESPN im Paket gesichert, ebenfalls bis zum Jahr 2014, aber nur für eine geschätzte Gesamtsumme von weniger als einer Milliarde Dollar. Rechnet man die Einnahmen hinzu aus Sponsoring, Merchandising und Ticketverkäufen bei nationalen Titelkämpfen, verfügt der Dachverband des amerikanischen Universitätssports künftig über ein durchschnittliches Jahresbudget von mehr als 600 Millionen Dollar. Von allen Sportorganisationen weltweit erwirtschaftet nur das Internationale Olympische Komitee (IOC) mehr.

Im Gegensatz zum IOC verteidigt die NCAA aber bis heute das Amateurideal, und zwar mit einer absurden Konsequenz. Von den Milliarden sehen die rund 350 000 organisierten College-Sportler keinen Cent; nur eine Minderheit erhält ein Stipendium (womit sie sich die obligatorischen Studiengebühren von bis zu 30 000 Dollar im Jahr spart) und die Aussicht, nach der akademischen Laufbahn eine professionelle im Sport einzuschlagen. Aber wehe, ein Athlet spricht auch nur während seiner Studentenzeit mit Managern oder Agenten - dann drohen Sperre, Ausschluß, Verbannung.

Verbote über Verbote

Alles, was im entferntesten im Ruch des Professionalismus oder des Kommerzes stehen könnte, ist den College-Sportlern verboten. Als der Internationale Basketball-Verband (Fiba) anläßlich der diesjährigen WM in Indianapolis bei der NCAA anfragte, ob er Spieler zu PR-Zwecken einsetzen dürfe, hieß es schlicht: No! Es gab einmal den Fall eines Athleten, der Journalismus studierte und nichts schreiben durfte, nicht einmal unentgeltlich. Er hätte sich durch seinen Bekanntheitsgrad ja schon während des Studiums einen Vorteil für das spätere Berufsleben sichern können.

Unter den vielen Kritikern dieses Systems gibt es einen gewissen Walter Byers, der hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Unsportliches Verhalten - Die Ausbeutung von College-Athleten", und das bemerkenswerteste daran ist, daß Byers es war, der die 1906 gegründete NCAA zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Von 1951 bis 1987 war er der mächtige Mann der Organisation, erst als Geschäftsführer und einziger Angestellter, zuletzt als Präsident und Chef über 250 hauptamtliche Mitarbeiter; heute beschäftigt der Verband rund 360. Byers' zentraler Vorwurf: "Während die NCAA ihre Politik im Namen des Amateurgedankens verteidigt, geht es in Wirklichkeit darum, das Geld anderweitig zu verteilen." Nämlich an die 1261 Einrichtungen, die der Geldvermehrungsmaschine angeschlossen sind und über ihre Mitgliedschaft in diversen Gremien deren Geschicke mitbestimmen. Fast 94 Prozent der Einnahmen fließen - gestaffelt nach sportlichen Erfolgen - an die Universitäten und Colleges und deren regionale Organisationen zurück.

"Wir wollen nur ein ebenes Spielfeld für alle", begründet Tom Jernstedt, einer der Vizepräsidenten der NCAA, das Festhalten am Amateurprinzip. "Wenn wir das abschaffen, würden einige Universitäten alles an sich reißen - die mit den größten Ressourcen, die talentierten Sportlern am meisten bieten können." Geld bringt Ruhm mit sich, aber zieht auch Gier hinter sich her, das wissen die NCAA-Leute. "Jeder gewinnt gern, und jeder versucht, sich einen Vorteil zu verschaffen", sagt Jernstedt, "und jedesmal, wenn das einer probiert, wird eine neue Regel eingeführt, um es zu verhindern." Dem Regelbuch der NCAA nach zu urteilen, wird eine ganze Menge geschummelt: Es ist so dick wie das Telefonbuch von Indianapolis. Spötter behaupten, es sei unmöglich, nicht gegen ein Gesetz der NCAA zu verstoßen, und als Beleg dafür erzählen sie gern das Schicksal von Dick Schultz, dem Nachfolger von Walter Byers als NCAA-Präsident. Schultz trat 1993 zurück, nachdem herauskam, daß in seiner Zeit als Sportdirektor in Virginia, zwischen 1981 und 1987, an der dortigen Uni NCAA-Regeln verletzt wurden. "Fast jede vorhersehbare Situation ist geregelt", klagt Gary Brown aus der PR-Abteilung der NCAA; es sei paranoid: "Für jede Beschwerde, daß das Handbuch zu dick und kompliziert ist, werden zwei neue Gesetze vorgeschlagen."

Geht's nicht einfacher?

Daran wird wohl auch Myles Brand nichts ändern, der im Januar dem amtsmüden Präsidenten Cedric Dempsey nachfolgt. Brand hat sich als "Mann der Veränderung" angekündigt, versprochen, die "Überkommerzialisierung" einzudämmen und den undurchsichtigen Regelwald zu lichten. Jernstedt kann darüber nur lächeln. Er arbeitet seit dreißig Jahren bei der NCAA und hat schon einen Versuch erlebt, alles zu vereinfachen, vor zehn Jahren. "Es ist eine traurige Geschichte", erzählt er. "Gute, vernünftige Leute" hätten sich an die Arbeit gemacht, "und als sie anderthalb Jahre später fertig waren, war das Regelbuch dicker als vorher".

JOACHIM MÖLTER
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2002, Nr. 264 / Seite 31

 

 

 

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 Letzte Aktualisierung:
6. April 2003

 

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