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Schiedsrichter | Porträts | Basketball

 

 

Quelle: www.referee.com / Autor: Monty McCutchen / Februar 2004 / Übersetzung: Axel Beckmann

 

 

Der fünffache Sprungball

 

Der Ball flog gerade nach oben und flatterte einen Moment am höchsten Punkt. Es war eine schöne Sache. Zumindest in meiner Erinnerung. Die Spieler, die an diesem Sprungball teilnahmen, waren auf der anderen Siete eher ein Wirrwarr aus Armen, Beinen und Körpern, die eher daran interessiert waren, sich gegenseitig vom Ball fern zu halten, als diesen (wie er da in seiner ganzen Bracht in der Luft flatterte) zu erreichen.

Es war am Ende des letzten Viertels in einem Vorbereitungsspiel 1992. Das Spiel war längst entschieden. Aber das zählte nicht für mich. Ich befand mich auf einem NBA Spielfeld und hatte die  Gelegenheit, meine Pfeiferei in eine berufliche Karriere zu verwandeln. Ich wollte, dass meine Leistung perfekt war. Auch wenn ich diese Möglichkeit schon im ersten Viertel vergeben hatte, so wollte ich doch wenigstens diesen Sprungball perfekt ausführen. Wären da nicht diese beiden Schurken gewesen. Nicht mal eine Rasierklinge hätte unter ihre Schuhe gepasst während des Sprungballs. Innerhalb der Zehntelsekunde, bevor der Ball ohne menschliche Berührung wieder auf dem Boden landete, wusste ich, dass der Pfiff laut und klar kommen würde. Er kam.

Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Der erste Sprungball klopfte trotzdem an die Tür der Unsterblichkeit - seine Schönheit war unbeschreiblich. Es sollte kein Problem sein, diesen zu wiederholen. Nur, als ich den Kreis für den zweiten Versuch betrat, schrie ein Fan, dass man vielleicht jemanden aufs Feld holen sollte, der wusste wie man einen Sprungball auführt. Er scherzte wohl. Hatte dieser Fan nicht begriffen, dass er Zeuge einer Aktion war, die so nahe an der Perfektion wie eine Geburt war (zumindest in meiner Erinnerung)? Der Hauch eines Zweifels wehte in den Mittelkreis. War es tatsächlich möglich, dass ich der Grund für die Wiederholung des Sprungballs war? Nein! Er war zu schön! Zumindest in meiner Erinnerung.

Aber die Pflicht rief und der zweite Sprungball begann, wenn auch mit etwas mehr Anspannung. Ich betrat den Kreis und warf den Ball so schlecht, dass zwei 10-Jährige den Ball mit den Ellbogen erreicht hätten. Glücklicherweise setzten meine beiden Kontrahenten ihren Kampf fort und produzierten eine Szene, die meine mißlungene Aktion unwesentlich erschienen ließ. Ich wollte sie beide küssen. Der zweite Pfiff kam somit noch schneller als der erste.

Wir befanden uns nun exakt im Zwielicht des Sprungballs. Ein Raunen war im Publikum zu hören. Ich ging in den Kreis mit nur einem Ziel - nicht zu niedrige werfen. Mission ausgeführt. Zu sagen, dass kein NBA Spieler diesen Ball mit einer Stufenleiter erreicht hätte, ist vielleicht eine leichte Übertreibung, aber andererseits auch wieder nicht. Der dritte Pfiff kam bevor der Ball den Boden wieder erreicht hatte. Diesmal hatte ich kein Glück und konnte der Blamage nicht entrinnen. Die beiden Springer standen wie angewurzelt als diese Eruption eines Sprungballes in die Luft zu steigen begann. Die Beiden starrten auf mich als ob ich zwei Köpfe hätte.

Diesmal kam es lauter: "Hey! Wie wäre es mit einem Schiedsrichter, der wenigsten schon mal einen Sprungball gesehen hat!. In diesem Moment war ich mir sicher, dass meine Karriere vorbei war und ich gezwungen wäre in Estland zu arbeiten, wo ich Sprungbälle bis in alle Ewigkeit werfen könnte. Ich betrat den Kreis für Sprungball Nummer Vier mit dem Selbstvertrauen einer Maus, die sich den Käse holen will. Gottseidank erreichte dieser Sprungball nicht die Decke, aber die zwei Spieler sprangen derart ineinander, dass man sie danach kaum noch auseinander halten konnte. Da waren wir ja schon einmal. Der vierte Pfiff klang astrein.

Beim fünften Versuch ging ich in den Kreis mit einer Ruhe, die Hannibal Lexter neidisch gemacht hätte und warf den Ball gerade und sauber nach oben, beobachtete wie er für einen kurzen Moment in der Luft stehen blieb, mit den Gesetzen der Natur flirtend, mit der Perfektion an sich flirtend - als ob wir alle von Zeit zu Zeit einen flüchtigen Blick auf die Tür zur Perfektion werfen könnten. Die Spieler sprangen sauber, mühelos und höher als sie es jemals taten oder tun werden und berührten diesen reinen und geraden Sprungball in einer Kombination aus athletischer Leistung, wie sie noch nie zuvor gesehen wurde. Das Publikum jubelte lauter als zu jedem anderen Zeitpunkt des Spiels und alles war wieder in Ordnung auf der Welt. Zumindest in meiner Erinnerung.

Monty McCutschen ist seit 1992 NBA Schiedsrichter. Er lebt in Pipe Creek, Texas.

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
8. Februar 2004

 

© Axel Beckmann