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Schiedsrichter | Porträts | Fussball

 

 

Quelle: www.zdf.de / 12. September 2003 / von Luzia Braun

 

 

"Ein Schiedsrichter spielt nicht"
Interview mit Pierluigi Collina

 

Ein strahlender Mann: Collina

Pierluigi Collina ist der wohl bekannteste Schiedsrichter der Welt. Luzia Braun traf ihn für aspekte und sprach mit ihm über Fußball, Grimassen und sein neues Buch. Pierluigi Collina spricht über seine Liebe zum Fußball und seine wohl glänzendste Stelle - über seinen Kopf.

aspekte: Herr Collina, Schiedsrichter wird man nicht zufällig. Es ist immer eine Entscheidung, heißt es gleich zu Beginn Ihres Buches. Gilt das auch für Sie ?

Pierluigi Collina: Ich würde sagen, weitermachen ist eine Entscheidung. Am Anfang spielt sicher der Zufall eine gewisse Rolle. In meinem Fall wäre es vermessen von Entscheidung zu sprechen, da ich schon mit 17 angefangen habe.

aspekte: Sie haben einen Kurs gemacht?

Collina: Ja, um Schiedsrichter zu werden, muss man einen Kurs machen. Ein Freund brachte mich auf die Idee. Ohne ihn wäre ich nicht das, was ich heute bin.

Schiedsrichter-Gespann des WM-Finales 2002, Collina (2. von rechts)
aspekte: Was ist die Aufgabe eines Schiedsrichters? Können Sie mir das - als Fußball-Laie - mit wenigen Worten erklären?

Collina: Nun, es gibt verschiedene Ebenen des Fußballspiels und dementsprechend verschieden sind auch die Aufgaben auf dem Feld: Beim Jugendfußball ist es die Rolle des Schiedsrichters, zu helfen. In solch einem Mannschaftsspiel lernt man zum Beispiel, Ergebnisse erzielen, nicht nur auf die eigenen Kräfte zu bauen, deine Mitspieler kennen zu lernen, Teamgeist, und all diese Dinge. Man lernt viel für die spätere Arbeit, auch da hängen die Ergebnisse nicht allein von dir, sondern von deinen Mitarbeitern ab. Das heißt, im Jugendfußball hat der Schiedsrichter fast so etwas wie eine soziale Rolle, er hilft den Jungs erwachsen zu werden.

Collina, wenn er wütend wird ...

Auf professionellem Niveau hat der Schiedsrichter natürlich eine ganz andere Rolle. Die Spieler sind Profis, es ist ihre Arbeit zu spielen und der Schiedsrichter muss dafür sorgen, dass sie ihre Arbeit so gut wie möglich ausführen können. Und das heißt: die Regeln befolgen, denn wenn das der Fall ist, ist die Qualität des Spiels viel höher. Und es muss einen geben, der dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden.

aspekte: Der Titel Ihres Buches heißt: Die Regeln meines Spiels. Wie sind denn die Regeln Ihres Spiels?

Collina: Dieser Titel ist gewollt. Das bezieht sich mehr auf uns, auf die Schiedsrichter. Ich will in diesem Buch erzählen, wer wir sind, wie wir sind und was wir tun. Die meisten glauben, sie wissen, was ein Schiedsrichter ist, weil sie uns 90 Minuten zusehen. Was aber nur wenige wissen, ist das, was vor und nach dem Spiel abgeht: Die Vorbereitungen, die Stunden, die wir vor dem Fernseher verbringen, um Fußballspiele der Mannschaften zu analysieren, die man pfeift, dann unser tägliches Training, die Reisen, die psychische und physische Erschöpfung nach einem Spiel.

aspekte: Wenn der Schiedsrichter, wie Sie sagen, so wichtig ist, warum ist dann sein Image so schlecht?

Collina: In der letzten Zeit hat sich das verändert. Je mehr Leute wissen, was ein Schiedsrichter überhaupt macht, desto mehr schätzen sie ihn. Früher achtete man nur auf eines: Wie viel Fehler macht ein Schiedsrichter. Das ist aber nicht das Entscheidende. Fehler machen wir alle. In jedem Zusammenhang mit menschlichen Dimensionen gehören Fehler dazu. Egal, bei welcher Tätigkeit. Die positive Beurteilung muss sich aus dem Rest seines Verhaltens ergeben. Das muss stimmen.

»... es muss einen geben, der dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden.«

Pierluigi Collina

aspekte: Was ist die wichtigste Tugend für einen guten Schiedsrichter?

Collina: Kein Zweifel: der Mut. Wir müssen Entscheidungen in Sekundenschnelle treffen, oft ist es nicht mal eine Sekunde. Häufig sind es Entscheidungen, die schwerwiegende Folgen haben können. Normalerweise denkt ein Mensch vor großen Entscheidungen lange nach, wägt ab, reflektiert. All das geht bei uns nicht, diese Zeit haben wir nicht, wir müssen innerhalb einer Sekunde entscheiden, und dazu braucht man Mut, dieser Mut ist entscheidend für einen Schiedsrichter.

aspekte: Worauf basieren Ihre Entscheidungen?

Collina: Auf den Regeln und meinen zwei Augen, also dem, was ich aus meinem Blickwinkel auf dem Feld sehen kann.

aspekte: Wie wichtig ist die Intuition?

Collina: Sehr wichtig. Man hat Erfahrungen, kennt ähnliche Situationen aus anderen Spielen.

aspekte: Wie steht es mit der Psychologie, hilft die auch?

Collina: Sicher, wir haben es mit 22 Spielern und den Trainern am Spielfeldrand zu tun. Es ist sehr wichtig, sie alle zu verstehen und auch zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Das beste Ergebnis, das ein Schiedsrichter erreichen kann, ist, wenn ein Spieler weiß, dass du einen Fehler gemacht hast und dich trotzdem akzeptiert. Das heißt: Du hast seine Hochschätzung und sein Vertrauen - auch wenn du mal Mist baust. Das Vertrauen ist das Wichtigste zwischen den Spielern und eben auch zwischen Spieler und Schiedsrichter.

aspekte: Wenn Sie internationale Spiele pfeifen, wie kommunizieren Sie mit den Spielern?

Collina: Kommunikation ist sehr wichtig. Wie so oft entstehen Missverständnisse, weil man sich nicht verstanden hat. Ein Schiedsrichter sollte mindestens die englische Sprache beherrschen. Noch besser ist es, wenn man, wie ich, auch mit französisch und spanisch ganz gut klar kommt. Nur deutsch kann ich leider nicht.

aspekte: Ich erinnere mich, wie Sie Kahn nach dem verlorenen Finale in den Arm nahmen. Wie wichtig sind für Sie solche Gesten?

Kommunikation ist wichtig für Collina
Collina: Für mich ist das sehr wichtig. Der gegenseitige Respekt ist fundamental. Die Spieler sind nicht meine Gegner und ich bin nicht der Gegner der Spieler. Ein gutes Verhältnis ist wichtig, und das kann dann auch zu solchen Reaktionen führen wie bei Kahn. Ich habe bei dem Spiel Manchester gegen Bayern die Bayern verlieren sehen - bei einem Spiel, das sie praktisch gewonnen hatten. Und das zu sehen, wie dieser Traum zwischen den Fingern zerrinnt, ist hart. Kahn ist für mich einer der besten Fußballer der Welt. Und es war völlig normal, auf ihn zuzugehen. Außerdem glaube ich, dass ein paar Worte in jenem Moment gar nichts nützen, da ist der Pathos des Augenblicks viel zu stark.

aspekte: Sie haben eine sehr expressive Mimik, die ist doch auch ein Kommunikationsmittel, oder? Ein Blick von Ihnen sagt mehr als tausend Worte ...

Collina: Stimmt schon, oft sagt ein Gesichtsausdruck mehr als Worte - und ist vor allem direkter. Diese Reaktionen drücken Gefühle aus, sind spontaner, unkontrollierter, und vielleicht bemerkst du sie selbst gar nicht so genau, weil du so konzentriert bist. Wenn ich mich allerdings danach auf der Videokassette sehe, erschrecke ich ganz schön und denke: "mamma mia, che faccia!", was für ein Gesicht machst du da?

aspekte: Schneiden Sie manchmal vor dem Spiegel Grimassen? Üben Sie diesen magischen Blick und das alles?

Collina: Aufs Feld zu gehen und zu wissen, du hast ein schwieriges Spiel vor dir, Millionen Zuschauer vor den Fernsehern schauen dir zu, das ist eine ziemlich schwere Aufgabe. Da bleibt auch wenig Zeit zum Üben oder irgendetwas vorzuspielen. Du rennst, schwitzt und bist voll auf das Spiel konzentriert. Ein Schiedsrichter ist auf dem Platz genau derselbe wie im Leben. Der ist kein Schauspieler, der eine einstudierte Rolle zum Besten gibt, der steht auch auf keiner Theaterbühne und ist auch auf keinem Filmset. Die Reaktionen auf dem Feld sind spontan. Ein Schiedsrichter spielt nicht.

aspekte: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie auf den Platz gehen?

Collina: Es ist ein emotionaler Moment. Das Gefühl ist dabei eine wichtige Komponente. Es bedeutet, dass das, was du tust, dich packt. Ich habe zum Glück einen ziemlich kalten Charakter, bin distanziert, kann auch am Vorabend eines Spiels wunderbar schlafen, oder sogar am Nachmittag, wenn das Spiel abends beginnt. Das ist wirklich ein Glück.

aspekte: Fühlen Sie sich manchmal einsam auf dem Platz?

Collina: Ja, das ist schon ein einsamer Job, ich habe zwei Assistenten, aber ja, ich bin schon ziemlich allein.

aspekte: Es gibt ein Buch des deutschen Schriftstellers Peter Handke, das heißt "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter." Was ist die Angst des Schiedsrichters?

Collina: Der Tormann hat eine extrem schwierige Rolle, er kann verantwortlich sein, dass ein Tor fällt und damit für die Niederlage. Auch die Rolle des Schiedsrichters ist schwierig, weil auch er verantwortlich sein kann für den Ausgang eines Spiels.

»Ich habe zum Glück einen ziemlich kalten Charakter, bin distanziert, kann auch am Vorabend eines Spiels wunderbar schlafen.«

Pierluigi Collina

aspekte: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das Fernsehen den Fußball total verändert hat. Inwiefern?

Collina: Jeder, der auf die vergangenen 20 Jahre zurückschaut, sieht den Unterschied. Die Anwesenheit von 16 Kameras, oft sogar 20, zeigt, dass ein Spiel heute ganz anders gesehen wird. Man sieht Dinge, die man früher nicht sah, und die die Schiedsrichter, Trainer, Spieler, ja sogar die Zuschauer nicht sehen. Deshalb sage ich, es gibt zwei Arten von Fußball: Den auf dem Platz, den die Leute im Stadion sehen - und dann gibt es den virtuellen Fußball im Fernsehen. Man sollte nicht sagen, der eine ist wahrer als der andere, es sind halt zwei verschiedene Arten. Und wenn jeder Art ihre Würde und Berechtigung gelassen wird, sind wir einen Schritt weiter.

aspekte: Fürchten Sie das Fernsehen als Feind, der mehr sieht als Sie? Macht der Fernsehbeleg den Schiedsrichter nicht sogar überflüssig?

Ein lächelnder Collina

Collina: Nein, überhaupt nicht. Entscheidungen von Schiedsrichtern können nicht dementiert oder korrigiert werden durch das Fernsehen. Das Fernsehen ist ein Kontrollorgan für Episoden, die dem Schiedsrichter entgehen, vor allem gewalttätige Episoden. Wenn ein Spieler sich nicht korrekt verhalten hat, ist es richtig, dass er dafür bestraft wird. Und dafür ist der Fernsehbeleg gut. Aber der Schiedsrichter ist und bleibt der einzige Richter des Spiels. Hinterher kann er dann, wenn es sein muss, kritisiert werden. Aber nicht von einer Kamera.

aspekte: Sie haben mal gesagt, Sie wären gerne eine Fliege. Warum?

Collina: Weil eine Fliege den Focus ihrer Augen auf verschiedene Realitäten gleichzeitig richten kann, während der Mensch nur eins nach dem andern wahrnimmt. Gerade in komplizierten Situationen wäre es einfach toll alles sehen zu können.

aspekte: Was bedeutet Fußball für Sie?

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich, wenn ich nicht mehr pfeife, eines Tages aufwache und mit Fußball nichts mehr zu tun haben werde.«

Pierluigi Collina

Collina: Natürlich viel. Ich habe mit sechs angefangen mit Sammelbildchen, dann habe ich in der Jugendmannschaft gespielt, mit 17 wurde ich Schiedsrichter, jetzt bin ich 43. Ergo: Der Fußball ist eine feste Komponente in meinem Leben. Und das wird auch in Zukunft so sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich, wenn ich nicht mehr pfeife, eines Tages aufwache und mit Fußball nichts mehr zu tun haben werde.
Schiedsrichter zu sein ist für mich immer sehr wichtig gewesen, es half mir, reifer zu werden, mich weiterzuentwickeln, Erfahrungen zu sammeln, die man fürs tägliche Leben gut brauchen kann. Da stehen ja auch dauernd Entscheidungen an, man muss Ruhe bewahren, Stress aushalten - all das hab ich als Schiedsrichter gelernt.

aspekte: Im Volksmund heißt es: Einer, der Schiedsrichter wird, ist einer, der im wirklichen Leben nichts zu sagen hat.

Collina: Das ist so ein typisch banales Vorurteil. Ich glaube, keiner, der frustriert ist, kann auf dem Spielfeld die Rolle des Schiedsrichters einnehmen. Ein Schiedsrichter muss den Charakter eines "leaders", also Anführers haben. Er muss eine große Sicherheit ausstrahlen, muss sich durchsetzen können, glaubwürdig sein und Entscheidungen treffen, das ist nichts für frustrierte Typen. Es gibt auch Leute, die sagen: Der beste Schiedsrichter ist der, den man nicht sieht. Das ist absurd, weil er die Figur auf dem Platz ist, die entscheidet, auch wenn es unangenehme Folgen haben kann.

aspekte: Sie sind ja nicht nur ein "leader", Sie sind eine Kultfigur, ein Popstar. Wie erklären Sie sich den "Hype" um Sie?

Collina: Das müssen Sie andere fragen. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass die Wertschätzung, die mir entgegengebracht wird, mit der Seriosität zu tun hat, mit der ich meine Arbeit mache. Außerdem gilt das ganz allgemein allen Schiedsrichtern, die eine schwierige Aufgabe gut lösen.

aspekte: Hängt Ihre Berühmtheit nicht auch mit Ihrem Charakterkopf zusammen?

Der Mann mit der Glatze - ein Kult

Collina: Doch klar, das erleichtert die Erkennbarkeit. Aber ich bin immer davon überzeugt gewesen, dass ein Produkt mit einer guten Verpackung, in der aber nichts drin ist, sich nicht lange hält. Natürlich ist das Image heute sehr wichtig, aber noch wichtiger ist die Qualität des Produktes.

aspekte: Sie haben einen Modetrend ausgelöst, unglaublich viel junge Männer rasieren sich den Schädel blank. Aber Ihr kahler Kopf hat alles andere als modische Gründe.

Collina: Ja, ich habe eine Stoffwechselkrankheit, die zu Haarausfall führt. Aber die amerikanischen Basketballspieler haben aus der Glatze einen Look gemacht. Ich war 24, als ich alle Haare verlor, und im Jahr 1982 gab es noch sehr wenige Kahlköpfe.

aspekte: Sie schreiben, dass Sie damals einen guten Freund hatten, der auch die Haare verlor?

Collina: Ja, einer meiner besten Freunde war damals an Krebs erkrankt, und die Chemotherapie führte dazu, dass ihm alle Haare ausgingen. Wahrscheinlich hat er mir sehr geholfen mit meiner Krankheit, die im Vergleich zu seiner viel weniger schlimm war. Leider konnte ich ihm nicht helfen, seine Krankheit war stärker als er.

aspekte: Sie sind der erste Schiedsrichter, der Werbeträger ist.

Collina: Ja, das ist positiv und zeigt, dass das Bild des Schiedsrichters sich verändert hat, so sehr, dass es beim Verkaufen eines Produkts helfen kann.

aspekte: Würden Sie auch für eine politische Partei Werbung machen?

Collina: Ich glaube nicht, dass dies zu meiner Rolle passt.

aspekte: Nach Untersuchungen finden Sie viele Frauen sehr sexy.

Collina: Untersuchungen behaupten vieles, oft werden sie nur deshalb gemacht, um irgendwas behaupten zu können.

aspekte: Also Sie glauben das nicht?

Collina: Es interessiert mich nicht, es ist mir total egal.

aspekte: Sie leben mit drei Frauen, Ihrer Frau und Ihren beiden Töchtern. Sind die Fans von Ihnen?

Collina: Sie können mit Fußball nicht allzu viel anfangen. Das ist für mich wiederum ganz gut, dann kann ich nämlich zu Hause wirklich abschalten.

aspekte: Haben Sie nie Lust selbst zu spielen?

Collina: Ich habe gerade ein Kopfballtor geschossen - in einem Werbespot, ja manchmal spiele ich mit Kumpels, aber nicht ernsthaft.

 

 

 

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Letzte Aktualisierung:
17. November 2003

 

© Axel Beckmann