 |
Ein strahlender Mann:
Collina |
Pierluigi Collina ist der wohl
bekannteste Schiedsrichter der Welt. Luzia Braun traf ihn für aspekte und sprach
mit ihm über Fußball, Grimassen und sein neues Buch. Pierluigi Collina spricht über seine
Liebe zum Fußball und seine wohl glänzendste Stelle - über seinen Kopf.
aspekte: Herr Collina,
Schiedsrichter wird man nicht zufällig. Es ist immer eine Entscheidung, heißt es
gleich zu Beginn Ihres Buches. Gilt das auch für Sie ?Pierluigi Collina: Ich würde
sagen, weitermachen ist eine Entscheidung. Am Anfang spielt sicher der Zufall
eine gewisse Rolle. In meinem Fall wäre es vermessen von Entscheidung zu
sprechen, da ich schon mit 17 angefangen habe.aspekte: Sie haben einen
Kurs gemacht?Collina: Ja, um
Schiedsrichter zu werden, muss man einen Kurs machen. Ein Freund brachte mich
auf die Idee. Ohne ihn wäre ich nicht das, was ich heute bin.
 |
Schiedsrichter-Gespann des WM-Finales 2002,
Collina (2. von rechts) |
aspekte: Was ist die Aufgabe
eines Schiedsrichters? Können Sie mir das - als Fußball-Laie - mit wenigen
Worten erklären?
Collina: Nun, es gibt
verschiedene Ebenen des Fußballspiels und dementsprechend verschieden sind auch
die Aufgaben auf dem Feld: Beim Jugendfußball ist es die Rolle des
Schiedsrichters, zu helfen. In solch einem Mannschaftsspiel lernt man zum
Beispiel, Ergebnisse erzielen, nicht nur auf die eigenen Kräfte zu bauen, deine
Mitspieler kennen zu lernen, Teamgeist, und all diese Dinge. Man lernt viel für
die spätere Arbeit, auch da hängen die Ergebnisse nicht allein von dir, sondern
von deinen Mitarbeitern ab. Das heißt, im Jugendfußball hat der Schiedsrichter
fast so etwas wie eine soziale Rolle, er hilft den Jungs erwachsen zu
werden.
 |
Collina, wenn er wütend wird ... |
Auf professionellem Niveau hat der
Schiedsrichter natürlich eine ganz andere Rolle. Die Spieler sind Profis, es ist
ihre Arbeit zu spielen und der Schiedsrichter muss dafür sorgen, dass sie ihre
Arbeit so gut wie möglich ausführen können. Und das heißt: die Regeln befolgen,
denn wenn das der Fall ist, ist die Qualität des Spiels viel höher. Und es muss
einen geben, der dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten
werden.
aspekte: Der Titel Ihres
Buches heißt: Die Regeln meines Spiels. Wie sind denn die Regeln Ihres
Spiels?Collina: Dieser Titel ist
gewollt. Das bezieht sich mehr auf uns, auf die Schiedsrichter. Ich will in
diesem Buch erzählen, wer wir sind, wie wir sind und was wir tun. Die meisten
glauben, sie wissen, was ein Schiedsrichter ist, weil sie uns 90 Minuten
zusehen. Was aber nur wenige wissen, ist das, was vor und nach dem Spiel abgeht:
Die Vorbereitungen, die Stunden, die wir vor dem Fernseher verbringen, um
Fußballspiele der Mannschaften zu analysieren, die man pfeift, dann unser
tägliches Training, die Reisen, die psychische und physische Erschöpfung nach
einem Spiel.aspekte: Wenn der
Schiedsrichter, wie Sie sagen, so wichtig ist, warum ist dann sein Image so
schlecht?Collina: In der letzten Zeit
hat sich das verändert. Je mehr Leute wissen, was ein Schiedsrichter überhaupt
macht, desto mehr schätzen sie ihn. Früher achtete man nur auf eines: Wie viel
Fehler macht ein Schiedsrichter. Das ist aber nicht das Entscheidende. Fehler
machen wir alle. In jedem Zusammenhang mit menschlichen Dimensionen gehören
Fehler dazu. Egal, bei welcher Tätigkeit. Die positive Beurteilung muss sich aus
dem Rest seines Verhaltens ergeben. Das muss stimmen.
 |
 |
»... es muss einen geben, der dafür
sorgt, dass die Regeln eingehalten werden.« |
Pierluigi Collina |
aspekte: Was ist die
wichtigste Tugend für einen guten Schiedsrichter?
Collina: Kein
Zweifel: der Mut. Wir müssen Entscheidungen in Sekundenschnelle treffen, oft ist
es nicht mal eine Sekunde. Häufig sind es Entscheidungen, die schwerwiegende
Folgen haben können. Normalerweise denkt ein Mensch vor großen Entscheidungen
lange nach, wägt ab, reflektiert. All das geht bei uns nicht, diese Zeit haben
wir nicht, wir müssen innerhalb einer Sekunde entscheiden, und dazu braucht man
Mut, dieser Mut ist entscheidend für einen
Schiedsrichter.
aspekte: Worauf basieren Ihre
Entscheidungen?
Collina: Auf den Regeln und
meinen zwei Augen, also dem, was ich aus meinem Blickwinkel auf dem Feld sehen
kann.aspekte: Wie wichtig ist die
Intuition?Collina: Sehr wichtig. Man
hat Erfahrungen, kennt ähnliche Situationen aus anderen Spielen.aspekte: Wie steht es mit
der Psychologie, hilft die auch? Collina: Sicher, wir haben
es mit 22 Spielern und den Trainern am Spielfeldrand zu tun. Es ist sehr
wichtig, sie alle zu verstehen und auch zu wissen, mit wem man es zu tun hat.
Das beste Ergebnis, das ein Schiedsrichter erreichen kann, ist, wenn ein Spieler
weiß, dass du einen Fehler gemacht hast und dich trotzdem akzeptiert. Das heißt:
Du hast seine Hochschätzung und sein Vertrauen - auch wenn du mal Mist baust.
Das Vertrauen ist das Wichtigste zwischen den Spielern und eben auch zwischen
Spieler und Schiedsrichter.
aspekte: Wenn Sie internationale
Spiele pfeifen, wie kommunizieren Sie mit den Spielern?Collina: Kommunikation ist
sehr wichtig. Wie so oft entstehen Missverständnisse, weil man sich nicht
verstanden hat. Ein Schiedsrichter sollte mindestens die englische Sprache
beherrschen. Noch besser ist es, wenn man, wie ich, auch mit französisch und
spanisch ganz gut klar kommt. Nur deutsch kann ich leider nicht.
aspekte: Ich erinnere mich,
wie Sie Kahn nach dem verlorenen Finale in den Arm nahmen. Wie wichtig sind für
Sie solche Gesten?
 |
Kommunikation ist wichtig für Collina |
Collina: Für mich ist das
sehr wichtig. Der gegenseitige Respekt ist fundamental. Die Spieler sind nicht
meine Gegner und ich bin nicht der Gegner der Spieler. Ein gutes Verhältnis ist
wichtig, und das kann dann auch zu solchen Reaktionen führen wie bei Kahn. Ich
habe bei dem Spiel Manchester gegen Bayern die Bayern verlieren sehen - bei
einem Spiel, das sie praktisch gewonnen hatten. Und das zu sehen, wie dieser
Traum zwischen den Fingern zerrinnt, ist hart. Kahn ist für mich einer der
besten Fußballer der Welt. Und es war völlig normal, auf ihn zuzugehen. Außerdem
glaube ich, dass ein paar Worte in jenem Moment gar nichts nützen, da ist der
Pathos des Augenblicks viel zu stark.
aspekte: Sie haben eine sehr
expressive Mimik, die ist doch auch ein Kommunikationsmittel, oder? Ein Blick
von Ihnen sagt mehr als tausend Worte ...
Collina: Stimmt schon,
oft sagt ein Gesichtsausdruck mehr als Worte - und ist vor allem direkter. Diese
Reaktionen drücken Gefühle aus, sind spontaner, unkontrollierter, und vielleicht
bemerkst du sie selbst gar nicht so genau, weil du so konzentriert bist. Wenn
ich mich allerdings danach auf der Videokassette sehe, erschrecke ich ganz schön
und denke: "mamma mia, che faccia!", was für ein Gesicht machst du
da?aspekte: Schneiden Sie
manchmal vor dem Spiegel Grimassen? Üben Sie diesen magischen Blick und das
alles?Collina: Aufs Feld zu gehen
und zu wissen, du hast ein schwieriges Spiel vor dir, Millionen Zuschauer vor
den Fernsehern schauen dir zu, das ist eine ziemlich schwere Aufgabe. Da bleibt
auch wenig Zeit zum Üben oder irgendetwas vorzuspielen. Du rennst, schwitzt und
bist voll auf das Spiel konzentriert. Ein Schiedsrichter ist auf dem Platz genau
derselbe wie im Leben. Der ist kein Schauspieler, der eine einstudierte Rolle
zum Besten gibt, der steht auch auf keiner Theaterbühne und ist auch auf keinem
Filmset. Die Reaktionen auf dem Feld sind spontan. Ein Schiedsrichter spielt
nicht.
aspekte: Wie fühlen Sie
sich, wenn Sie auf den Platz gehen?
Collina: Es ist ein
emotionaler Moment. Das Gefühl ist dabei eine wichtige Komponente. Es bedeutet,
dass das, was du tust, dich packt. Ich habe zum Glück einen ziemlich kalten
Charakter, bin distanziert, kann auch am Vorabend eines Spiels wunderbar
schlafen, oder sogar am Nachmittag, wenn das Spiel abends beginnt. Das ist
wirklich ein Glück.
aspekte: Fühlen Sie sich manchmal einsam auf
dem Platz?
Collina: Ja, das ist schon
ein einsamer Job, ich habe zwei Assistenten, aber ja, ich bin schon ziemlich
allein.
aspekte: Es gibt ein Buch
des deutschen Schriftstellers Peter Handke, das heißt "Die Angst des Tormanns
beim Elfmeter." Was ist die Angst des Schiedsrichters?
Collina: Der Tormann hat
eine extrem schwierige Rolle, er kann verantwortlich sein, dass ein Tor fällt
und damit für die Niederlage. Auch die Rolle des Schiedsrichters ist schwierig,
weil auch er verantwortlich sein kann für den Ausgang eines
Spiels.
 |
»Ich habe zum Glück einen ziemlich
kalten Charakter, bin distanziert, kann auch am Vorabend eines Spiels wunderbar
schlafen.« |
|
Pierluigi Collina |
aspekte: Sie schreiben in
Ihrem Buch, dass das Fernsehen den Fußball total verändert hat.
Inwiefern?
Collina: Jeder, der auf die
vergangenen 20 Jahre zurückschaut, sieht den Unterschied. Die Anwesenheit von 16
Kameras, oft sogar 20, zeigt, dass ein Spiel heute ganz anders gesehen wird. Man
sieht Dinge, die man früher nicht sah, und die die Schiedsrichter, Trainer,
Spieler, ja sogar die Zuschauer nicht sehen. Deshalb sage ich, es gibt zwei
Arten von Fußball: Den auf dem Platz, den die Leute im Stadion sehen - und dann
gibt es den virtuellen Fußball im Fernsehen. Man sollte nicht sagen, der eine
ist wahrer als der andere, es sind halt zwei verschiedene Arten. Und wenn jeder
Art ihre Würde und Berechtigung gelassen wird, sind wir einen Schritt weiter.
aspekte: Fürchten Sie das
Fernsehen als Feind, der mehr sieht als Sie? Macht der Fernsehbeleg den
Schiedsrichter nicht sogar überflüssig?
 |
Ein lächelnder Collina |
Collina: Nein, überhaupt
nicht. Entscheidungen von Schiedsrichtern können nicht dementiert oder
korrigiert werden durch das Fernsehen. Das Fernsehen ist ein Kontrollorgan für
Episoden, die dem Schiedsrichter entgehen, vor allem gewalttätige Episoden. Wenn
ein Spieler sich nicht korrekt verhalten hat, ist es richtig, dass er dafür
bestraft wird. Und dafür ist der Fernsehbeleg gut. Aber der Schiedsrichter ist
und bleibt der einzige Richter des Spiels. Hinterher kann er dann, wenn es sein
muss, kritisiert werden. Aber nicht von einer Kamera.
aspekte: Sie haben mal
gesagt, Sie wären gerne eine Fliege. Warum?
Collina: Weil eine
Fliege den Focus ihrer Augen auf verschiedene Realitäten gleichzeitig richten
kann, während der Mensch nur eins nach dem andern wahrnimmt. Gerade in
komplizierten Situationen wäre es einfach toll alles sehen zu
können.
aspekte: Was bedeutet Fußball für Sie?

 |
|
»Ich kann mir nicht vorstellen,
dass ich, wenn ich nicht mehr pfeife, eines Tages aufwache und mit Fußball
nichts mehr zu tun haben werde.« |
|
Pierluigi Collina
|
Collina: Natürlich viel. Ich
habe mit sechs angefangen mit Sammelbildchen, dann habe ich in der
Jugendmannschaft gespielt, mit 17 wurde ich Schiedsrichter, jetzt bin ich 43.
Ergo: Der Fußball ist eine feste Komponente in meinem Leben. Und das wird auch
in Zukunft so sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich, wenn ich nicht mehr
pfeife, eines Tages aufwache und mit Fußball nichts mehr zu tun haben werde. Schiedsrichter zu sein ist für mich
immer sehr wichtig gewesen, es half mir, reifer zu werden, mich
weiterzuentwickeln, Erfahrungen zu sammeln, die man fürs tägliche Leben gut
brauchen kann. Da stehen ja auch dauernd Entscheidungen an, man muss Ruhe
bewahren, Stress aushalten - all das hab ich als Schiedsrichter
gelernt.
aspekte: Im Volksmund heißt es: Einer, der Schiedsrichter
wird, ist einer, der im wirklichen Leben nichts zu sagen hat.
Collina: Das ist so ein
typisch banales Vorurteil. Ich glaube, keiner, der frustriert ist, kann auf dem
Spielfeld die Rolle des Schiedsrichters einnehmen. Ein Schiedsrichter muss den
Charakter eines "leaders", also Anführers haben. Er muss eine große Sicherheit
ausstrahlen, muss sich durchsetzen können, glaubwürdig sein und Entscheidungen
treffen, das ist nichts für frustrierte Typen. Es gibt auch Leute, die sagen:
Der beste Schiedsrichter ist der, den man nicht sieht. Das ist absurd, weil er
die Figur auf dem Platz ist, die entscheidet, auch wenn es unangenehme Folgen
haben kann.
aspekte: Sie sind ja nicht
nur ein "leader", Sie sind eine Kultfigur, ein Popstar. Wie erklären Sie sich
den "Hype" um Sie?
Collina: Das müssen Sie
andere fragen. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass die
Wertschätzung, die mir entgegengebracht wird, mit der Seriosität zu tun hat, mit
der ich meine Arbeit mache. Außerdem gilt das ganz allgemein allen
Schiedsrichtern, die eine schwierige Aufgabe gut lösen.
aspekte: Hängt Ihre
Berühmtheit nicht auch mit Ihrem Charakterkopf zusammen?

 |
Der Mann mit der Glatze - ein Kult |
Collina: Doch klar, das
erleichtert die Erkennbarkeit. Aber ich bin immer davon überzeugt gewesen, dass
ein Produkt mit einer guten Verpackung, in der aber nichts drin ist, sich nicht
lange hält. Natürlich ist das Image heute sehr wichtig, aber noch wichtiger ist
die Qualität des Produktes.
aspekte: Sie haben einen Modetrend
ausgelöst, unglaublich viel junge Männer rasieren sich den Schädel blank. Aber
Ihr kahler Kopf hat alles andere als modische Gründe.
Collina: Ja, ich habe eine
Stoffwechselkrankheit, die zu Haarausfall führt. Aber die amerikanischen
Basketballspieler haben aus der Glatze einen Look gemacht. Ich war 24, als ich
alle Haare verlor, und im Jahr 1982 gab es noch sehr wenige
Kahlköpfe.
aspekte: Sie schreiben, dass
Sie damals einen guten Freund hatten, der auch die Haare verlor?
Collina: Ja, einer meiner
besten Freunde war damals an Krebs erkrankt, und die Chemotherapie führte dazu,
dass ihm alle Haare ausgingen. Wahrscheinlich hat er mir sehr geholfen mit
meiner Krankheit, die im Vergleich zu seiner viel weniger schlimm war. Leider
konnte ich ihm nicht helfen, seine Krankheit war stärker als er.
aspekte: Sie sind der erste
Schiedsrichter, der Werbeträger ist.
Collina: Ja, das ist positiv
und zeigt, dass das Bild des Schiedsrichters sich verändert hat, so sehr, dass
es beim Verkaufen eines Produkts helfen kann.
aspekte: Würden Sie
auch für eine politische Partei Werbung machen?
Collina: Ich glaube nicht,
dass dies zu meiner Rolle passt.
aspekte: Nach Untersuchungen
finden Sie viele Frauen sehr sexy.
Collina: Untersuchungen
behaupten vieles, oft werden sie nur deshalb gemacht, um irgendwas behaupten zu
können.
aspekte: Also Sie glauben
das nicht?
Collina: Es interessiert
mich nicht, es ist mir total egal.
aspekte: Sie leben mit drei
Frauen, Ihrer Frau und Ihren beiden Töchtern. Sind die Fans von
Ihnen?
Collina: Sie können mit
Fußball nicht allzu viel anfangen. Das ist für mich wiederum ganz gut, dann kann
ich nämlich zu Hause wirklich abschalten.
aspekte: Haben Sie nie Lust
selbst zu spielen?
Collina: Ich habe gerade ein
Kopfballtor geschossen - in einem Werbespot, ja manchmal spiele ich mit Kumpels,
aber nicht ernsthaft.
|